Gleichheit oder Freiheit?. Von Kuehnelt-Leddihn Erik
amerikansiche Staatsmann Fisher Ames (1758–1808), der die Demokratie in noch dunkleren Farben malte und zudem erwartete, daß die Demokratien in Militärdiktaturen ausarten würden, hatte schon zu einem früheren Zeitpunkt erklärt:
»It has never happened in the world, and it never will, that a democracy has been kept out of the control of the fiercest and most turbulent spirits in the society; they will breathe into it all their own fury, and make it subservient to the worst designs of the worst men.«157
Und an einer anderen Stelle heißt es in seinem Buch:
»However discordant all the parts of a democracy may be, they all seek a centre, and that centre is the single arbitrary power of a chief.«158
Walter Bagehot, dieser geniale Kenner des Bonapartismus, ließ Cäsar folgende Worte an die »zahlenmäßige Mehrheit der Bürger Roms« richten:
»›I am your advocate and your leader: make me supreme, and I will govern for your good and in your name.‹
This is exactly the principle of the French Empire. No one will ever make an approach to understanding it who does not separate it altogether and on principle from the despotism of feudal origin and legitimate pretensions. The old monarchies claim the obedience of the people upon grounds of duty; they say they have consecrated claims to the loyalty of mankind; they appeal to conscience, even to religion: but Louis Napoleon is a Benthamite despot; he is for the ›greatest happiness of the greatest number‹; he says, ›I am where I am because I know better than any one else what is good for the French people, and they know that I know better.‹ He is not the Lord’s anointed, but he is the people’s agent.
…A democratic despotism is like a theocracy: it assumes its own correctness. It says: ›I am the representative of the people; I am here because I know what they wish, because I know what they should hate.‹ As Cavaignac once said, ›A government which permits its principles to be questioned is a lost government.‹ All popular discussion whatever which aspires to teach the government is radically at issue with the hypothesis of the Empire; it says that the Caesar, the omniscient representative, is a mistaken representative, that he is not fit to be Caesar.«159
Die demokratische Essenz der modernen Diktaturen ist auch von zahlreichen anderen Autoren hervorgehoben worden160. Sowohl Hitler als auch Mussolini betonten den demokratischen Charakter ihrer Systeme mit bewundernswerter Beharrlichkeit161. Auch Proudhon gab sich über den tyrannischen Kern der Demokratie keinen Täuschungen hin; dieser Frühsozialist, dem die schrankenlose Begeisterung der heutigen Linken für den Common Man weitgehend fehlte, schrieb:
»Mais, en raison de son ignorance de la primitivité des ses instincts, de la violence de ses besoins, de l’impatience de ses désires, le peuple incline aux formes sommaires de l’autorité. Ce qu’il cherche, ce ne sont point des garanties légales, dont il n’a aucune idée et ne conçoit pas la puissance; ce n’est point une combinaison de rouages, une pondération de forces, dont pour lui-même il n’a que faire; c’est un chef à la parole, duquel il se fie, dont les intentions lui soient connues et qui se dévoue à ses intérêts. A ce chef, il donne une autorité sans limites, un pouvoir irrésistible. Le peuple, regardant comme juste tout ce qu’il juge lui être utile, attendu qu’il est le peuple, se moque des formalités, ne fait aucun cas des conditions imposées aux dépositaires du pouvoir. Prompt au soupçon et à la calomnie, mais incapable d’une discussion méthodique, il ne croit en définitive qu’à la volonté humaine, il n’éspère qu’en l’homme, il n’a confiance qu’en ses créatures, in principibus, in filiis hominum; il n’attend rien des principes, qui seuls peuvent le sauver; il n’a pas la religion des idées.«162
Sodann beschrieb er die in den demokratischen Kräften ruhenden Grundlagen der kaiserlichen Autokratie und erinnerte den Leser, daß
»ce qu’il y a curieux, c’est que cette démocratie était sincèrement convaincu de son libéralisme, et qu’elle se flattait de représenter l’égalité et le progrès.«163
Wie tief aber diese Sehnsucht nach einer persönlichen Führung nicht nur in der Demokratie, sondern auch im Sozialismus verwurzelt ist, wird uns klar, wenn wir H. van Kols (»Rienzi«) Aufschrei in »Socialisme en Vrijheit« lesen:
»A ceux qui sont appelés à nous conduire, nous promettons fidélité et soumission et nous leurs disons: ›Hommes ennoblis par la choix du peuple, montrez-nous le chemin, nous vous suivons.‹«164
Unter den modernen Autoren hat Max Weber das Thema des »charismatischen Führers« zum Unterschied von den streng nichtdemokratischen »Herrschern« hervorragend behandelt165. Jedoch war er bei weitem nicht der einzige, der sich mit dieser Materie auseinandersetzte166. Es haben auch andere diese volksverbundenen Diktatoren erfolgreich unter die Lupe genommen; man erinnere sich nur an Burckhardts terribles simplificateurs, an seinen »schönen, großen Mann mit den Talenten eines Unteroffiziers«167. Auch Alexandre Vinet fürchtete »cette odieuse combinaison de la souveraineté populaire et du pouvoir paternel, cette absorption de toutes les libertés et de la civilisation elle-même dans une seule liberté, celle d’une faction ou d’un système…«168.
Diese alpdruckhaften Erwartungen des neunzehnten und des frühen zwanzigsten Jahrhunderts waren nicht aus der Luft gegriffen. Schon Aristoteles wußte nur zu genau, daß Tyrannen als wackere Verteidiger der unteren Klassen gegen die wohlhabenden und unvolkstümlichen Minderheiten (Adel, Plutokratie etc.) auftreten können169. Diese Tyrannen müssen, um einen amerikanischen Ausdruck zu benützen, regular fellows (Göring: Rechte Kerle!) sein, und wie wir des öfteren wiederholt haben, müssen sie die Gabe zu führen, nicht zu herrschen haben. In dieser wie auch in manch anderer Beziehung passen sie restlos in das demokratische Schema hinein, ein Umstand, den selbst der frühere Rektor der Harvard-Universität, Charles Eliot, nicht hätte ableugnen können170. Präsident Wilsons Begriffsbestimmung eines demokratischen Führers war, in der Tat, wesensmäßig dieselbe wie die eines totalitären Diktators171. Wilsons Auffassung deutet auf eine vollkommene Verbundenheit des Führers mit dem Volke sowohl als auch mit dem Zeitgeist hin; sie bedingt eine gewisse, wenn auch unbewußte Schlauheit und Geriebenheit, jedoch auch einen Mangel an Originalität. Je enger aber die Zusammenarbeit zwischen Führer, Volk und Zeitgeist, desto geringer ist auch das Ausmaß an persönlicher Freiheit, die ohne Spannungen und Gegensätze kaum denkbar ist. Zum Schluß steht dann das Bild des erfolgreichen Parteiführers, wie es uns Lord Brougham, der selbst ein Mann der »Linken« war, gezeichnet hat:
»It is, if possible, worse in the case of there being no division of parties, and all, or nearly all, the people inclining one way. The popular chief in such a case is armed with the power of a tyrant, without feeling any of the tyrant’s dread either of the public indignation expressed by way of censure, or of the same indignation breaking out in acts of violence.«
Und dann setzt er über den »popular chief« noch hinzu:
»While his power continues, however, his tyranny is less tolerable than that of any despot; it leaves no escape to its victim, and no redress or consolation under oppression.«172
Dennoch hat Max Weber recht mit seiner Behauptung, daß diesen unoriginellen und doch »charismatischen« Führern etwas Magisches zu eigen ist. Nicht nur Hitler, sondern vielleicht auch Antonio Conselheiro, der halbverrückte »Ratgeber« der ekstatischen, hinterwäldlerischen Revolutionäre Brasiliens173, waren mehr als einfache Verkörperungen der Massen und daher »geborene Führer«. Durch sie wird man unwillkürlich an Goethes Beschreibung des dämonischen Menschen erinnert:
»Am furchtbarsten erscheint aber dieses Dämonische, wenn es in irgendeinem Menschen überwiegend hervortritt. Während meines Lebens habe ich mehrere teils in der Nähe, teils in der Ferne beobachten können. Es sind nicht immer die vorzüglichsten Menschen, weder an Geist noch an Talenten, selten durch Herzensgüte sich empfehlend; aber eine ungeheure Kraft geht von ihnen aus, und sie üben eine unglaubliche Gewalt über alle Geschöpfe, ja sogar über die Elemente, und wer kann sagen,