Gleichheit oder Freiheit?. Von Kuehnelt-Leddihn Erik

Gleichheit oder Freiheit? - Von Kuehnelt-Leddihn Erik


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gibt eben einen »Weg zur Knechtschaft« nach deutsch-russisch-italienischem oder einen anderen nach westeuropäisch-amerikanischem Muster, wobei die Wanderer auf letzterem die Opfer des ersteren etwas hochmütig bemitleiden. De Tocqueville aber dachte prophetisch an den Westen, als er schrieb:

      »L’égalité a préparé les hommes à toutes ces choses: elle les a disposés à les souffrir et souvent même à les regarder comme un bienfait.«103

      Er fügt dem unerfreulichen Bilde noch eine Reihe weiterer Einzelheiten hinzu, die uns bald an die demokratischen, bald an die totalitären Regierungen unserer Tage erinnern. Unser Autor weiß, daß die neue Tyrannis nicht nur liberale Schlagwörter gebrauchen würde, sondern sogar im »Schatten der Volkssouveränität« errichtet werden könnte. Hin- und hergerissen zwischen dem teilweise noch überlebenden menschlichen Drang nach Freiheit und dem Wunsch, geführt zu werden, wählen die Massen gerne ein Kompromiß in Form eines Herrn, der ihnen die Illusion gibt, daß sie sich immer noch »selbst« regieren104. Am Ende dieses Kapitels beurteilt Tocqueville den Charakter einer Regierungsform, deren Haupt erwählt ist, während ein unbeugsamer Absolutismus die hervorstechende Eigenschaft ihrer Gesetzgebung und der Exekutive ist:

      »Une constitution qui serait républicaine par la tête et ultramonarchique dans toutes les autres parties, m’a toujours semblé un monstre éphémère. Les vices des gouvernants et l’imbécillité des gouvernés ne tarderaient pas à en amener la ruine; et le peuple, fatigué de ses représentants et de lui-même, créerait des institutions plus libres, ou retournerait bientôt s’étendre aux pieds d’un seul maître.«105

      Diese Betrachtung wird im nächsten (VIII.) Kapitel fortgesetzt, in dem der Autor von neuem darauf besteht, daß die Gefahr der neuen Tyrannis vor der Türe ist:

      »Le despotisme me paraît donc particulièrement à redouter dans les âges démocratiques.

      J’aurais, je pense, aimé la liberté dans tous les temps; mais je me sens enclin à l’adorer dans les temps où nous sommes.«106

      Diesen Pessimismus erreichte Tocqueville allerdings erst im zweiten Band seines Werkes. Er gestand auch ein, daß sein Hauptinteresse in dieser kritischen Studie nicht den Vereinigten Staaten, sondern der Demokratie als solcher galt107. Fand er ja in Europa genau dieselben Erscheinungen und Entwicklungen wie in der Neuen Welt, und gerade diese Erfahrung brachte ihn nach einigen Jahren wieder zu seinem Thema zurück, zwang ihn aber, sich mehr mit den kulturellen und politischen und weniger mit den legalen Aspekten der wachsenden demokratischen Bewegung zu beschäftigen. Die Vereinigten Staaten lieferten ihm eine ideale »Krankengeschichte«, nicht nur weil Amerika ein miroir grossissant de l’Europe108 ist, sondern einfach weil eine neuere Entwicklung in Amerika notgedrungen deutlicher erkennbar und leichter »isolierbar« ist als in der Alten Welt. Europa mit seinen vielen »durchsichtigen« historischen Schichtungen beeinträchtigt die visuelle Klarheit politischer Erscheinungen – ist es doch leichter, Worte zu lesen, die auf einer neuen Seite geschrieben wurden, als solche auf einem über und über beschriebenen Papier.

      Es kann aber nicht oft genug betont werden, daß die Ausblicke Tocquevilles evolutionär und nicht revolutionär sind. Dennoch sah er sehr deutlich, daß in der Demokratie ein autokratisches Element steckte, eine Anschauung, die auch von modernen Denkern geteilt wird. Zweifelhaft ist es aber, ob er mit Polybius übereingestimmt haben würde; dieser behauptete, daß die Demokratie in Bestialität und allgemeiner Verwilderung enden müsse109; immerhin könnte man Tocquevilles Bemerkung, daß das Volk sich vielleicht »freieren Einrichtungen zuwende«, als einen Hinweis auf ein Wiederaufleben anarchischer Tendenzen werten, eine Reaktion, die leider viel weniger wahrscheinlich ist als das Bestreben de s’étendre aux pieds d’un seul maître. Ganz davon abgesehen, gibt es auch einen sehr doktrinären Liberalismus, dessen Intoleranz auch Metternich aufgefallen war, wie man aus dessen Ausspruch ersehen kann:

      »Die schiefen Ansichten der liberalen Partei werden vom Radicalismus zur tyrannischen Bevormundung der freien Bewegung der Staatsbürger benützt. Die Allmacht des Staates, dieses idealen Körpers, erwächst aus den Lehren des modernen Constitutionalismus wie die Folge aus einer Ursache, und die Folge ist die größtmöglichste Beschränkung der individuellen Freiheit unter dem Begriff der Machtvollkommenheit einer verkörperten Idee.«110

      De Tocquevilles pessimistische Ansichten über die Demokratie entstammen, abweichend von Plato und Aristoteles, seiner Skepsis einer Synthese von Freiheit und Gleichheit gegenüber; den beiden Philosophen hatte er die Erfahrung der modernen, technisch bedingten Zivilisation voraus; seine Anschauungen fanden einen direkten und indirekten Niederschlag in den kritischen Werken vieler unserer Zeitgenossen111.

      Auch Herman Melville, der große amerikanische Seher, wußte nur zu gut, daß das Verschwinden der alten, traditionellen Werte in der Neuen und in der Alten Welt uns nur die leere, ungute Hülle einer nackten Demokratie lassen könnte, die den. Drohungen der Zukunft blind gegenüberstehen würde:

      »…Ay Democracy

      Lops, lops; but where’s her planted bed?

      The future, what is that to her

      Who vaunts she’s no inheritor?

      ’Tis in her mouth, not in her heart.

      The Past she spurns, though ’tis the Past

      From which she gets her saving part –

      That Good which lets her Evil last.«112

      Dostojewskij hingegen sah noch schärfer das schicksalsschwere Keimen des Samens der zerstörenden Ideen voraus; dabei unterschied er deutlich zwischen den Gedankengängen der altmodischen Liberalen, der Vertreter der späteren russischen Aufklärung, und der nachfolgenden, nihilistisch veranlagten Generation. Wie deutlich der große russische Schriftsteller die letzten, revolutionären Folgerungen in den Grundsätzen eines wohlwollenden, aber doch schon gottlosen Liberalismus erkannte, ist aus den Worten des Altliberalen Stjepan Trofimowitsch ersichtlich, der mit Schrecken ein neuerschienenes radikales Buch durchlas:

      »Ich gebe zu, daß die Grundidee des Verfassers auf Wahrheit beruht«, sagte er fieberhaft, »aber das macht sie nur um so entsetzlicher. Es ist genau unsere Idee – genau die unsere! Wir säten den Samen, pflegten ihn, bereiteten den Weg, – was konnten sie eigentlich noch Neues nach uns sagen? Aber, Himmel, wie ist das alles hier ausgedrückt, verzerrt, verstümmelt!« rief er aus, mit dem Finger auf das Buch trommelnd. »Sind das die Schlußfolgerungen, die wir anstrebten? Wer kann noch in diesem Zeug die ursprüngliche Idee erkennen?«113

      Der Liberale jedoch, der auch weiterhin an einer geoffenbarten Religion festhielt und somit eine unveränderliche Grundlage für seine Glaubensphilosophie hatte, nahm natürlich eine ganz andere Stellung ein. Und dennoch verwarf Graf Montalembert, ein überzeugter Katholik und Liberaler, die Demokratie eher aus politischen und praktischen als aus religiösen Gründen. Als er zum Mitglied der Académie Française gewählt wurde, um den Fauteuil des M. Droz einzunehmen, äußerte er sich in seiner Antrittsrede folgendermaßen über die Französische Revolution:

      »N’ayant pas su lire dans l’histoire du monde, qui démontre que partout la démocratie a dégénéré en despotisme, elle entreprit de fonder en France la démocratie… elle osa se condamner à combattre sous toutes les formes les deux bases de toute société, l’autorité et l’inégalité: je dis l’inégalité, qui est la condition évidente de l’activité et de la fécondité dans la vie sociale; qui est à la fois la mère et la fille de la liberté, tandis que l’égalité ne peut se concevoir qu’avec le despotisme. Non pas, certes, cette égalité chrétienne dont le vrai nom est l’équité; mais cette égalité démocratique et sociale, qui n’est que la consécration de l’envie, la chimère de l’incapacité jalouse; qui n’a jamais éte qu’un masque, et qui ne pourrait devenir une réalité que par la destruction de toute mérite, de toute vertue.

      …Non, la propriété, dernière religion de sociétés abâtardies, ne résistera pas seule au bélier des niveleurs. N’a-tons pas


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