Die lange Nacht. Ernst Israel Bornstein
was das zu bedeuten hatte: Statt unserem Kameraden Hilfe zu bringen, hatte er ihn verbluten lassen.
Als der Arbeitstag zu Ende war und unsere Kolonne sich zum Rückmarsch ins Lager versammelte, betrat der Wachtposten mit zwei kräftigen jungen Männern die Bude, in der Dunkelblum lag. Bald darauf kamen sie mit einem langen Brett heraus, auf dem der starre Körper ausgestreckt lag, eingehüllt in mehrere Zementsäcke. Dunkelblum gab kein Lebenszeichen mehr von sich. Mit geballten Fäusten trugen wir unseren ersten Toten ins Lager zurück. Wir alle litten um den Toten, aber es war mehr als Mitleid und Trauer, was wir in diesen Augenblicken fühlten. Zugleich bedrückte uns das dumpfe Wissen, dass wir mit dem Körper unseres Kameraden auch unsere letzten Illusionen zu Grabe tragen mussten. Bisher hatten wir geglaubt, in einem Arbeitslager zu leben, hatten gehofft, schließlich wie normale Arbeiter behandelt zu werden. Dunkelblums Tod hatte uns klar gezeigt, dass wir nur billige Sklavenarbeiter waren, ohne Recht und Anspruch auf Hilfe.
Abends meldete der Wachtposten beim Appell: »So und so viele Juden von der Arbeit zurück, einer durch Arbeitsunfall getötet. Wegtreten, marsch, marsch!«
Auch als Gefangene hinter Stacheldraht erlebten wir den Sommer. Auch für uns, die wir hilflos der Willkür unserer Peiniger preisgegeben waren, entfalteten Bäume und Sträucher ihre Blätter. Wir spürten die warmen Strahlen der Sonne und atmeten hungrig den Duft des Sommers ein. Ringsum breiteten sich wogende Getreidefelder aus, durch deren Halme der Wind strich, und ein wolkenloser blauer Himmel spannte sich über der warmen Sommererde. Unser äußeres Leben hatte sich zwar erschreckend verändert, und wir fühlten wohl, wie auch unser inneres Leben an diesem Verwandlungsprozess teilnahm und sich veränderte. Aber die Natur war die Gleiche geblieben, sie erinnerte uns an die Heimat, deren Bild täglich mehr verblasste, so dass wir sie manchmal nur im Traum wirklich sahen. In der duftenden Erde, im wachsenden Korn jedoch begegnete sie uns wieder.
Wie eh und je schien die Sonne auf uns herab, als unterschieden wir uns in nichts von jenen freien, glücklichen Menschen der vergangenen Jahre, als sei das Heute nicht vom Gestern zu trennen. Und doch hielt ihre Wärme einen Funken Hoffnung in uns wach, an dem sich der Glaube an ein Leben in Freiheit immer neu entzündete.
Bald begann man, auf den Feldern das Getreide zu schneiden. Beim Anblick der abgeernteten Felder, deren Stoppeln uns an die kahlgeschorenen Schädel der Häftlinge erinnerten, kehrten wieder Trauer und Melancholie in unsere Herzen ein. Sooft wir an einem Stoppelfeld vorbeimarschierten, war uns, als zöge eine unübersehbare Menge von Kahlgeschorenen an uns vorbei, als spiegle die Natur farcenhaft das Bild unserer Erniedrigung. Mit dem Einzug des Herbstes näherten sich die großen jüdischen Feiertage. Am Morgen des Neujahrsfestes3 marschierten wir wie gewöhnlich zur Autobahn hinaus. Einige wollten versuchen, in einer Erholungspause heimlich die vorgeschriebenen Gebete zu verrichten. Andere bewegten die Lippen schon unterwegs im Gebet. Ich selbst ging stumm in der Reihe, denn in mir lehnte sich alles gegen eine Lehre auf, die uns vorschrieb, unser Schicksal geduldig und ohne Murren zu ertragen. Immer wieder stellte ich mir die Frage: »Sind wir wirklich ein auserwähltes Volk, und wenn auserwählt, wozu? Auserwählt nur zum Leiden?« Fragmente aus der jüdischen Geschichte fielen mir ein, Berichte über die spanische Inquisition und über Pogrome, die von gottesfürchtigen Christen verübt worden waren, wenn sie nach der heiligen Messe aus den Kirchen strömten. »Und jetzt«, dachte ich, »schreiben wir, die wir hier marschieren, ein weiteres Kapitel zur Geschichte dieses auserwählten Volkes, ein weiteres Kapitel über Leiden, Erniedrigung und Vernichtung.« Alle meine Gefühle und Gedanken rebellierten dagegen, dass unser Volk mit diesem Leidensweg eine bestimmte Mission erfüllen müsse – eine Mission, deren Sinn ich nicht erkennen konnte. Ich wehrte mich gegen einen Glauben, der von mir verlangte, all die Leiden, Schikanen und Qualen auf mich zu nehmen und als Geschenk Gottes zu betrachten. Ich konnte und wollte nicht mehr beten.
Die Tage nach Neujahr waren angefüllt mit Arbeit und dem täglichen Einerlei des Lagerlebens. Bald stand der Versöhnungstag4 vor der Tür, der acht Tage auf das Neujahr folgt. Als wir am Abend dieses Tages nach der Arbeit in die Baracken kamen, stellten sich viele in die Nischen zwischen den Doppelbetten und beteten. Einige andere, darunter auch ich, saßen stumm auf den Betten und schauten ins Leere; die Zukunft tat sich vor uns auf wie ein Abgrund, der uns zu verschlingen drohte. Ich fühlte, wie mein Herz langsam versteinerte. Ein Gedanke nur kehrte unablässig wieder: »Wie kann man in einer solchen Lage noch beten? Zu wem beten und wofür danken?« In diese Atmosphäre hinein drangen plötzlich drei langgezogene Pfiffe. Das bedeutete für uns: Sofort hinaus zum Appell. Gleich darauf hörten wir auch die Schreie der Blockältesten, die uns zum Antreten riefen. Schnell versammelten wir uns auf dem Appellplatz, der dunkel dalag. Dann wurden wir von den Wachleuten abgezählt, und der Judenälteste meldete dem Wachführer: »Alle zum Appell angetreten.« Anton, der Wachhabende, ein Oberschlesier aus Kattowitz, stellte sich breitbeinig und in Hitlerpositur vor uns auf, um uns eine Rede zu halten. In Haarschnitt und Redeweise versuchte er, sein Vorbild zu kopieren. »Hört zu, ihr verdammten Juden«, sagte er, »es hat sich nicht nur aufgehört mit euch als Handelsvolk und mit eurer ganzen Lebensweise, auch mit euren Bräuchen, eurem Dienst an Jehova ist es aus. Wenn ich einen erwischen sollte, der sein Brot nicht gegessen hat, bekommt er 50 auf den nackten Arsch. Ich pfeife auf euren Jehova. Jehova ist ein Tschull5 mit acht Nullen.«
Wie versteinert standen wir da. Die Dunkelheit und die Stille, die das Lager einhüllten, gaben Anton die Gestalt eines Dämons, der gemeine und teuflische Worte ausspuckte. Stumm mussten wir seine blasphemischen Worte über uns ergehen lassen. Warum stürzte sich niemand auf den Gotteslästerer, warum öffnete sich der Himmel nicht, um ein sichtbares Zeichen der Hilfe zu senden? Aber kein Mensch, kein Gott stand uns bei. Das Schweigen ringsum hüllte uns wie eine feindselige Mauer ein.
Bald erfuhren wir die Ursache dieses nächtlichen Appells. Es war der Lagerführung zu Ohren gekommen, dass viele von uns nichts gegessen hatten, um das Ritual des Versöhnungstages einzuhalten. Die Haltung der Kameraden, die fasteten, war um so bewundernswerter, als sie sich trotz ihres schlechten Allgemeinzustandes zum Hungern entschlossen hatten. Man wollte also den wenigen noch Mutigen, die zu ihrem Glauben standen, den inneren Halt rauben.
Anton war ein Gelegenheitsarbeiter aus Kattowitz. Seine Eltern waren Hausmeister in einem jüdischen Haus. So hatte er Gelegenheit gehabt, bereits als Kind mit jüdischen Menschen in Berührung zu kommen und in ihrer unmittelbaren Umgebung aufzuwachsen. Zwangsläufig lernte er so auch ihre Sitten und Gebräuche kennen. Er kannte die jüdischen Feiertage sehr wohl und wusste, dass der Versöhnungstag der heiligste Tag für die Juden war. Dieser Feiertag wurde aus Gründen der Pietät und Tradition selbst von jüdischen Freidenkern und Assimilierten eingehalten, so wie in ihrer christlichen Umgebung auch die Atheisten Weihnachten feierten. Anton, der ein primitiver Antisemit war, wollte unseren jüdischen Glauben verletzen und suchte sich dazu den uns heiligsten Abend aus. »Licht aus! Lagerruhe!«, kam der Befehl der Blockältesten. In der Stille der Nacht flossen noch viele Tränen, und wir schworen uns, für diese Gotteslästerung Rache zu nehmen.
Die Pakete und Päckchen, die wir bis jetzt von zu Hause erhalten hatten, blieben nun aus, da die Leitung der Polizeidienststelle von Oberschlesien, der wir unterstanden, weitere Paketsendungen ins Lager untersagt hatte. Zudem erfuhren wir von Kameraden, die noch dann und wann illegal Post von zu Hause erhielten, dass sich die Situation unserer Angehörigen erheblich verschlechtert hatte. Die Verfolgungsmaßnahmen verschärften sich ständig, die Gettogrenzen wurden immer enger gezogen, und der Hunger im Getto erreichte schließlich die Grenze des Erträglichen, da ja mit der Absperrung des Gettos auch die Beschaffung von Lebensmitteln immer schwieriger wurde. Die Lebensmittelrationen, die den Juden damals über den Judenrat zugeteilt wurden, reichten bei Weitem nicht aus, um satt zu werden. Solange das Getto noch nicht scharf bewacht war, hatten seine Insassen zwar immer noch Mittel und Wege gefunden, um bei dem christlichen Bevölkerungsteil zusätzliche Lebensmittel einzutauschen; durch die Absperrung des Gettos waren solche Tauschaktionen aber nahezu unmöglich geworden. Hunger und Krankheiten breiteten sich immer mehr aus in den überfüllten Wohnungen, in denen nicht nur die örtliche jüdische Bevölkerung zusammengepfercht war, sondern noch zusätzlich Umsiedler untergebracht waren. Da die Zahl der Verwahrlosten, die keine Möglichkeit hatten, für körperliche Reinlichkeit und saubere Wäsche zu sorgen, ständig anstieg, brachen Infektionskrankheiten aus, denen die