Die lange Nacht. Ernst Israel Bornstein
ließ uns erschreckt hochfahren.
Sogenannte Kolonnenälteste wiesen uns an, wie wir uns aufzustellen hatten, während sich uns gegenüber eine Gruppe von über 100 Jugendlichen wie von selbst in Reih und Glied ordnete. Sie zählten militärisch ab und marschierten dann zum Lager hinaus, flankiert von SA-Leuten mit aufgepflanztem Gewehr. Nun kam eine Anzahl jüdischer Ordnungsmänner auf uns zu und erklärte uns das Antreten, Abzählen und Abmarschieren. Es waren Häftlinge, die schon einige Monate vor uns in das Lager eingewiesen worden waren, das Lager teilweise aufgebaut und auch die Verwaltungsposten übernommen hatten. An der Spitze der Lagerverwaltung stand ein von der SA bestimmter Judenältester, der sich seine Block- und Kolonnenältesten selbst gewählt hatte. Diesen Ältesten waren die Lagerinsassen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Je nach Sympathie oder Antipathie wurden die einzelnen Häftlinge zu leichteren oder schwereren, angenehmen oder schmutzigen Arbeiten eingeteilt. Diese Funktionäre führten die Neuankömmlinge (unsere Gruppe bestand aus mehreren hundert Leuten) nun in die Disziplin des Zwangsarbeitslagers Grünheide ein.
Nachdem wir belehrt worden waren, wie wir zu marschieren, uns aufzustellen und abzuzählen hatten, wurden wir auf die Baracken und Stuben verteilt. Plötzlich kam ein Häftling aus meiner Heimatstadt auf mich zu und sagte: »Dein Vater steht da hinten.« Schnell versuchte ich, in der Kolonne einige Reihen weiter nach hinten zu gelangen, um meinem Vater näherzukommen. Schließlich stand ich vor ihm. Mein Vater erzählte mir, dass nach unserem Abtransport die zurückgebliebenen Männer, die unter Aufsicht der SS von einem jüdischen Arzt als arbeitsfähig befunden worden waren, auf Lastautos geladen und in der Nacht nach hier gebracht worden waren. So waren auf einmal Freiwillige und Unfreiwillige im gemeinsamen Arbeitslager versammelt.
Dann gab man uns Schaufeln, Spaten und Kreuzhacken in die Hand und teilte uns in Gruppen ein, die im Umkreis des Lagers zur Arbeit eingesetzt wurden. Andere wieder mussten beim Ausbau der Baracken helfen, in denen wir nachher hausen sollten. Um diese Jahreszeit – es war Ende März – war es noch bitter kalt. Für die Arbeiten nicht ausgerüstet – wir trugen dieselbe Kleidung, in der man uns überraschend aus unseren Wohnungen geholt hatte – hoben wir in der Morgendämmerung einen Graben um das Lager herum aus. Manche konnten ihre Ungeschicklichkeit nur schlecht verbergen. In dunklen Anzügen, ungelenk den Spaten in der Hand haltend, mit hochgekrempelten Hosenbeinen und hochgezogenen Socken, gaben sie wider Willen ein groteskes Bild ab. Die wachhabenden SA-Männer sparten denn auch nicht mit ihrem Spott und beschimpften uns als Faulenzer. Ein SA-Mann schrie uns an: »Ihr Faulenzer! Ihr Judenschweine! Nicht einmal einen Spaten könnt ihr in der Hand halten!« Die meisten von uns hatten nie in ihrem Leben solche Arbeit gemacht, da sie zumeist geistige Berufe ausgeübt hatten. Es war nur allzu leicht, uns jetzt zu Karikaturen herabzuwürdigen, zu minderwertigen Menschen zu stempeln, die zu nichts taugten.
Der Tag zog sich endlos hin, bis wir am Abend in die Baracken zurückkehren durften und uns von dieser ungewohnten Arbeit im Freien ausruhen konnten. Nun bekam jeder einen Löffel, mit dem er an der Küche vorbeigehen und sein Mittagessen holen musste, um es dann im sogenannten Speiseraum zu verzehren.
Viele Männer stellten ihren Teller wieder hin und gingen in ihre Baracken zurück, wo sie in kleinen Gruppen zusammenstanden und über ihre zurückgebliebenen Familien und die düstere Zukunft sprachen. Ich war am Abend sehr hungrig und aß mein Essen auf. Neben mir stand mein Vater, der sein Essen kaum berührte und mir seinen Teller zuschob. Ich weigerte mich zuerst, seinen Teil anzunehmen, doch er drängte mich zum Essen und munterte mich mit seinem gütigen, väterlichen Blick auf, mich nicht unterkriegen zu lassen, denn, so sagte er, das erste Ziel der Nazis sei es, uns seelisch zu schlagen. Er zog mich an sich und mahnte mich mit eindringlichen Worten, um mein Leben zu kämpfen, denn die Zukunft würde noch andere Ausblicke zeigen, als das graue, scheinbar aussichtslose Dasein der Gegenwart vermuten lasse. »Du hast ein ganzes Leben vor dir«, sagte er. »Jeden Morgen kann deine Zukunft neugestaltet werden.« Er sprach ruhig, und ich fühlte, dass er mich, den unerfahrenen Schüler, der immer behütet worden war, auf diese Situation gefasst machen wollte. Nie hatte mein Vater mit mir so eindringlich gesprochen, aber die Worte, die er mir jetzt sagte, wogen schwer und prägten sich mir für immer ein.
Als wir später zum Schlafengehen aufgefordert wurden, konnte ich mich schwer von meinem Vater trennen. Wir sprachen über unsere Mutter zu Hause und fragten uns, was wohl jetzt die einsamen drei Geschwister ohne Vater machten.
Beim Morgenappell wurden wir verschiedenen Arbeitskommandos zugeteilt. Dann wurden wir unter die alten Häftlinge gemischt und bildeten mit ihnen zusammen neue Arbeitskolonnen. Unter Bewachung der SA marschierten wir zur Autobahn hinaus, wo man uns dann den Baufirmen übergab, die die Autobahn anlegten. Ich wurde der Firma »Kaltwasser Hoch-Tiefbau« zugeteilt und musste, in eine geschlossene Kolonne eingereiht, Lehm in Loren laden. Das wechselhafte Frühjahrswetter machte ein ständiges Arbeiten im Freien noch unmöglich. Der März brachte viel Schnee, und über Nacht war der Lehmboden oft hart gefroren. Pünktlich marschierten wir frühmorgens hinaus, oft war es aber unmöglich, mit der Arbeit zu beginnen. Schließlich teilte man uns zu verschiedenen Transportarbeiten ein oder ließ uns von Brettern und Verschalungen den Zementmörtel abklopfen. Da wir weder Handschuhe noch Winterkleidung trugen, wurden die Arbeiten zu einer Qual. Viele hatten Erfrierungen an den Händen, andere wieder hielten in der Arbeit nicht inne, um die Kälte durch ständige Bewegung zu vertreiben. Manchmal schickte man uns von der Baustelle wieder ins Lager zurück, da bei dem ständigen Schneematsch oder Regen die Meister und zivilen Angestellten die Arbeit weder leiten noch ausführen wollten. Also musste man uns frei geben und ins Lager zurückschicken. Doch Anton, der Wachhabende, vergönnte uns die Ruhepause nicht. Er jagte uns stundenlang auf dem Appellplatz herum, indem er uns unsinnige Beschäftigungen auftrug. Trotzdem konnten wir auch einige Stunden in unseren Stuben verbringen. Wir kochten und brieten dann Kartoffeln und trockneten unsere Kleidung. Fast alle von uns trugen Straßenanzüge, die beim Lehmschaufeln schnell mit Lehm verklebt und feucht wurden.
Der April brachte Sonne und Regen und immer noch wechselhafte Arbeitsbedingungen. Bei Regen kam der Befehl, die Arbeit einzustellen; das geschah jedoch erst, wenn wir ganz durchnässt waren. Die deutschen Meister und Vorarbeiter und die SA-Posten trugen Regenmäntel mit Kapuzen, wir aber wurden nass bis auf die Haut.
Der April brachte auch einen unserer großen Feiertage, den Pessach, der zeitlich etwa mit Ostern zusammenfällt. An diesem Tage erinnert man sich der großen Ereignisse, die unserem Volk im Altertum den Frühling der Freiheit brachten. So wird auch die Befreiung der Juden aus der Knechtschaft in Ägypten in symbolischen Riten gefeiert. An den beiden Feiertagsabenden werden große Familienfeiern veranstaltet, zu denen auch Gäste geladen sind. Diese patriarchalische Feier wird mit der Erzählung des Familienältesten über die Knechtschaft und die Befreiung der Juden aus der ägyptischen Gefangenschaft eingeleitet und mit einem Freudenmahl beschlossen. Die Kinder erwarteten dieses Fest immer mit großer Ungeduld. Diesen Pessach erlebten wir jetzt nur noch in der Erinnerung. Tiefer noch als bisher empfanden wir die Trennung von unseren Familien. Das Heimweh bedrängte unsere Herzen schwer und ließ brennende Fragen nach der Zukunft auftauchen. War es wohl unsere letzte Bitternis, aus den Familien gerissen zu bleiben und als Verschleppte unser Leben hinter Stacheldraht zu beenden? Würden wir der Gefangenschaft je wieder entrinnen? Niemand wusste eine Antwort. Einige Gläubige beschlossen, auch unter den gegebenen Verhältnissen das Ritual einzuhalten und kein Gesäuertes zu essen. Auch mein Vater schloss sich ihrer Gruppe an. Es gelang, heimlich Mehl zu besorgen und die Matzen, die nur aus Mehl und Wasser bestehen, nachts auf dem Ofen zu backen. Am Abend, als der Feiertag anbrach, setzten sich die Gläubigen in einer Stube zusammen, verrichteten die Gebete, aßen die Matzen und erzählten aus den heiligen Büchern den Auszug aus Ägypten.
Als ich einige Wochen auf der Kippe gearbeitet hatte (die Kippe baute den Aufschütt zu einer Brücke), waren meine Hände von der schweren Arbeit mit der Schaufel so übel zugerichtet, dass ich den Spaten nur noch mit Mühe heben konnte. Mit Neid sah ich daher den wenigen zu, die schon von früher her an harte Arbeit gewöhnt waren und sich in der gegenwärtigen Situation einigermaßen zurechtfanden.
Schachtmeister Greguletz, ein Schlesier, trieb die Kräftigen unter uns dazu an, die Loren im Eiltempo zu füllen; wer nicht mithalten konnte, wurde von ihm sadistisch geschlagen und mit dem Spatenstiel gestoßen. Ich setzte all meine Kräfte ein, um meine Lore