Die lange Nacht. Ernst Israel Bornstein
der Autobahn wieder freigelassen würden. Es war nicht festzustellen, woher diese schönen Fantasien kamen. Doch willig gaben wir uns der Hoffnung hin, dass die Zwangsarbeit nur eine vorübergehende Maßnahme des nationalsozialistischen Regimes darstelle. Wir waren uns keiner Schuld bewusst und konnten uns darum nicht vorstellen, dass man uns längere Zeit im Zwangsarbeitslager zurückbehalten könne.
Als Wagenschmierer hatte ich weitgehende Bewegungsfreiheit, da ich nicht in der Kolonne arbeitete, die vom Vorarbeiter, dem Schachtmeister und einem Wachtmeister bewacht wurde, sondern am Bahngleise entlang gehen konnte, wo die Loren vom Schacht zur Kippe rollten. Auf diesen Strecken war ich ohne Bewachung und ganz mir selber überlassen. Außerdem musste ich täglich zum Maschinenlager gehen, das im Dorf Kaltwasser lag, und Schmieröl holen. Gleichzeitig erledigte ich Besorgungen für die Schachtmeister und holte Kleinigkeiten aus der Schmiede und dem Maschinenlager. Oft benutzte ich auch einen Feldweg, an dem ich immer wieder ein Mädchen auf einem großen Stein sitzen sah, das eifrig in einem Buch las. Sie musste die Kühe hüten, die auf der Wiese daneben grasten. Auch das Mädchen hatte mich bemerkt und schaute mir freundlich entgegen, aber ich wagte nicht, sie anzusprechen, denn es war uns bei strenger Strafe verboten, mit Zivilisten zu sprechen. Eines Tages jedoch sprang sie auf, verstellte mir mit dem Stecken in der Hand den Weg und sprach mich an. Ich blieb stehen, schaute erst rechts, dann links – niemand war zu sehen. Mit einem Gefühl der Verlegenheit stand ich ihr zunächst unschlüssig gegenüber. Als ich aufschaute, erblickte ich blaue Augen, ein hübsches Gesicht, das mich aufmunternd anlächelte. Dann fragte sie: »Was bist du denn für ein Arbeiter?« »Ich arbeite auf der Autobahn«, sagte ich. »Dort«, und sie zeigte dabei auf unseren Arbeitsplatz, »dort arbeiten doch nur Juden.« »Ich bin ja auch Jude«, antwortete ich und zeigte auf den gelben Stern auf meiner Brust, der mit Öl und Ruß verschmiert war. »Du siehst aber nicht wie ein Jude aus«, sagte sie. »Die Leute, die dort arbeiten, sind doch wahrscheinlich Verbrecher; sie sind auch nie ohne Bewachung.« In kurzen Worten erklärte ich ihr nun, dass diese Menschen wohl alle Juden, aber keine Verbrecher seien, dass man uns nachts aus unseren Wohnungen verschleppt und hierher zur Zwangsarbeit gebracht hatte. Das Lächeln wich aus ihrem Gesicht, und mit hängendem Kopf ging sie zur Weide hinüber, um die Kühe zusammenzutreiben. Am nächsten Tag wartete ich schon ungeduldig, bis ich zum Ölholen gehen konnte, in der Hoffnung, das Mädchen wiederzusehen. Ich war mir nicht sicher, ob sie mir nochmals ein freundliches Gesicht zeigen oder ob sie mich jetzt, nachdem sie wusste, dass ich Jude war, verachten würde. Aber sie winkte mir schon von Weitem zu und bedeutete mir, ich solle zu ihr hinüberkommen. Wiederum vergewisserte ich mich, dass niemand in der Nähe war, und bog in den Feldweg ein. Sie reichte mir ein Päckchen mit Brotschnitten und sagte, ich solle sie mir gut schmecken lassen. Von Anfang an habe sie mich nicht für einen Autobahnarbeiter gehalten, sie selber sei auch keine Hüterin. Sie diene nur ihr Pflichtjahr ab. Schließlich tröstete sie mich noch und sagte, dass die Zeit rasch verginge und wir bestimmt wieder zu unseren Familien zurückkehren dürften. Ich war tief gerührt über ihre bescheidene Gabe, das freundliche Gesicht, die gütigen Augen und den Trost, den sie mir zusprach. Ich bedankte mich und setzte meinen Weg von sanften Träumen eingesponnen fort. Diese Begegnung gab mir neue Kraft. Mein Leben war also noch nicht ganz verloren. Vielleicht gelang es mir noch, in jenes jüdische autonome Gebiet2 zu kommen, das die Nazis angeblich errichten wollten. Schon bevor ich ins Lager kam, hatte ich von diesem Plan gehört, nach dem alle Juden aus den Gettos in ein Reservat in der Gegend von Lublin gebracht werden sollten, um dort unter jüdischer Autonomie Arbeitsbataillone zu bilden. Ich konnte nur hoffen, dass dann meine im Arbeitslager gesammelten Erfahrungen nicht umsonst waren, sondern mir und meiner Familie nützen würden – falls dieser Plan Wirklichkeit würde. Dass man unsere völlige Ausrottung plante, auf diesen Gedanken kamen wir gar nicht. War es denn nicht genug, dass man uns unserer Bürgerrechte beraubte, uns als Sklavenarbeiter einsetzte – ohne Bezahlung, ohne ärztliche Hilfe, ohne hygienische Bedingungen?
Den 22. Juni 1941 erlebten wir auf besondere Weise – nicht nur als den Tag, an dem die deutsche Wehrmacht Russland überfiel und damit den großen Ostfeldzug begann, sondern auch als Beginn strengerer und neuartiger Maßnahmen. Die Wachen wurden verstärkt. Die Wachleute begannen, ihr Gewehr auf dem Appellplatz vor unseren Augen scharf zu laden, um uns abzuschrecken und Angst einzujagen. Dazu kam noch die Verordnung, den gelben Stern, den wir bis jetzt nur auf der Brust getragen hatten, auch auf Schulter und Hosen aufzunähen, damit wir im Falle einer Flucht größere Schwierigkeiten hätten. Als wir an einem Sommertag von der Arbeit zurückkehrten und uns wie üblich auf dem Appellplatz zum Abzählen versammelten, merkten wir, dass die Gesichter des Lagerpersonals und der Judenältesten verstört und betroffen waren. Beim Abzählen fiel uns zudem auf, dass die Kranken nicht zum Appell erschienen waren und nicht mitgezählt wurden. Der Sanitäter, der sonst laut meldete, wie viele Kranke bettlägerig und arbeitsunfähig waren, schwieg heute. Wir wussten nicht, was diese seltsamen Veränderungen und den Stimmungsumschwung bewirkt hatte. Erst als wir den Appellplatz verlassen hatten und uns zum Suppenholen anstellten, sprach sich herum, dass heute »hoher Besuch« im Lager war, der Chef der SS und Polizei von Oberschlesien, Major Lindner. Er inspizierte die Stuben des Lagers und zählte die Kranken ab. Dann ließ er sie antreten und in einem bereitgestellten Wagen abtransportieren. Es erhob sich ein großes Rätselraten, wohin die Kranken verschickt worden waren. Vom Lagerpersonal ließ einer durchblicken, dass Lindner keine unnützen Esser wollte. Wahrscheinlich hätte er die Kranken ins Lager Auschwitz zur Vernichtung geschickt.
Der Name Auschwitz war uns bis dahin fremd. Wir hörten ihn zum ersten Mal. Auch der Begriff »Vernichtung« war uns zunächst unvorstellbar, da man bisher die Arbeitsuntauglichen nach Sosnowitz ins Durchgangslager zurückgeschickt hatte. Der Judenälteste gab eine offizielle Erklärung ab, wonach man die Kranken in ein Erholungslager verschickt habe. Er handelte dabei wahrscheinlich auf höhere Anweisung. Wir neigten dazu, seinen Worten Glauben zu schenken. Andere wussten es noch besser. Nach ihrer Meinung wurden die Berichte von Vernichtungslagern absichtlich verbreitet, um die Arbeitswilligkeit der Häftlinge zu steigern und sie davon abzuhalten, unnötigen Gebrauch von den Krankenbaracken zu machen.
Nach dem Besuch von Obersturmbannführer Lindner wurden die Krankentransporte, die nach Hause gingen, eingestellt. Vorbei der Traum, vielleicht noch als Kranker das Lager zu verlassen. Viel Zeit, diesem Plan nachzutrauern, hatte ich ohnehin nicht, denn neue Begrenzungen gestalteten das tägliche Leben immer schwieriger.
Bisher war bei uns alles nach einem bestimmten Arbeitsrhythmus gegangen. Jeder hatte seinen festen Arbeitsplatz in einer bestimmten Arbeitskolonne. Aus diesem Alltag wurden wir durch einen tragischen Unfall aufgestört. Im Sandschacht, in dem sich ein großer Bagger mit seinen stählernen Zähnen einen Weg durch Lehm und Schlick bahnte, arbeiteten einige junge Männer, die die Maschine bedienen mussten. Man hatte hierzu die Kräftigsten und Tüchtigsten genommen. Eines Tages jedoch brachte der Sandzug zusammen mit seiner gewohnten Last auch einen blutigen Körper vom Schacht herauf. Man suchte fieberhaft nach dem Sanitäter, der sich des Verunglückten annehmen sollte. All den vielen Arbeitskolonnen stand jedoch nur ein einziger Sanitäter zur Verfügung. Als auch der Wachtposten von dem Unfall erfahren hatte, gab er Befehl, dass zwei unserer jungen Leute den Verletzten in die Zementhütte bringen sollten. Ich, als Wagenschmierer, hatte ebenfalls Zutritt zu diesem Raum und erkannte in dem Verunglückten Salomon Dunkelblum. Dunkelblum war ein großer, schlanker, kräftiger Mann, der immer ein Lächeln für seine Kameraden hatte. Er war sehr beliebt bei uns allen, und da er außerdem ein tüchtiger Arbeiter war, genoss er auch bei den Schachtmeistern eine gewisse Achtung. Jetzt bot er einen jammervollen Anblick. Er lag blutüberströmt da und stöhnte leise vor sich hin. Das Blut floss aus einer großen Wunde am Hinterkopf, so dass sich um seinen Hals bereits ein Kragen geronnenen Blutes gebildet hatte, das sich langsam auf seiner Arbeitskleidung ausbreitete. Der Sanitäter versuchte zwar, die Blutung zu stillen und die Wunde zu verbinden, aber der Blutstrom durchtränkte alle Verbände und weichte sie auf. Da der Sanitäter seine Machtlosigkeit einsah, wandte er sich an den Wachtposten und bat diesen, den Verletzten sofort zu einem Arzt oder in ein Krankenhaus zu bringen, damit der gefährlichen Blutung Einhalt geboten werde. Als Antwort auf diese Bitte beorderte der Posten alle zur Arbeit zurück und schickte auch den Sanitäter weg. Unruhe und Verbitterung breiteten sich unter uns aus, und wie ein Messer schnitt uns das Stöhnen des verblutenden Kameraden ins Herz. Kurze Zeit später suchte ich nach einer Gelegenheit, an die Zementbude heranzukommen.