Die lange Nacht. Ernst Israel Bornstein

Die lange Nacht - Ernst Israel Bornstein


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der Autobahn wieder freigelassen würden. Es war nicht festzustellen, woher diese schönen Fantasien kamen. Doch willig gaben wir uns der Hoffnung hin, dass die Zwangsarbeit nur eine vorübergehende Maßnahme des nationalsozialistischen Regimes darstelle. Wir waren uns keiner Schuld bewusst und konnten uns darum nicht vorstellen, dass man uns längere Zeit im Zwangsarbeitslager zurückbehalten könne.

      Den 22. Juni 1941 erlebten wir auf besondere Weise – nicht nur als den Tag, an dem die deutsche Wehrmacht Russland überfiel und damit den großen Ostfeldzug begann, sondern auch als Beginn strengerer und neuartiger Maßnahmen. Die Wachen wurden verstärkt. Die Wachleute begannen, ihr Gewehr auf dem Appellplatz vor unseren Augen scharf zu laden, um uns abzuschrecken und Angst einzujagen. Dazu kam noch die Verordnung, den gelben Stern, den wir bis jetzt nur auf der Brust getragen hatten, auch auf Schulter und Hosen aufzunähen, damit wir im Falle einer Flucht größere Schwierigkeiten hätten. Als wir an einem Sommertag von der Arbeit zurückkehrten und uns wie üblich auf dem Appellplatz zum Abzählen versammelten, merkten wir, dass die Gesichter des Lagerpersonals und der Judenältesten verstört und betroffen waren. Beim Abzählen fiel uns zudem auf, dass die Kranken nicht zum Appell erschienen waren und nicht mitgezählt wurden. Der Sanitäter, der sonst laut meldete, wie viele Kranke bettlägerig und arbeitsunfähig waren, schwieg heute. Wir wussten nicht, was diese seltsamen Veränderungen und den Stimmungsumschwung bewirkt hatte. Erst als wir den Appellplatz verlassen hatten und uns zum Suppenholen anstellten, sprach sich herum, dass heute »hoher Besuch« im Lager war, der Chef der SS und Polizei von Oberschlesien, Major Lindner. Er inspizierte die Stuben des Lagers und zählte die Kranken ab. Dann ließ er sie antreten und in einem bereitgestellten Wagen abtransportieren. Es erhob sich ein großes Rätselraten, wohin die Kranken verschickt worden waren. Vom Lagerpersonal ließ einer durchblicken, dass Lindner keine unnützen Esser wollte. Wahrscheinlich hätte er die Kranken ins Lager Auschwitz zur Vernichtung geschickt.

      Der Name Auschwitz war uns bis dahin fremd. Wir hörten ihn zum ersten Mal. Auch der Begriff »Vernichtung« war uns zunächst unvorstellbar, da man bisher die Arbeitsuntauglichen nach Sosnowitz ins Durchgangslager zurückgeschickt hatte. Der Judenälteste gab eine offizielle Erklärung ab, wonach man die Kranken in ein Erholungslager verschickt habe. Er handelte dabei wahrscheinlich auf höhere Anweisung. Wir neigten dazu, seinen Worten Glauben zu schenken. Andere wussten es noch besser. Nach ihrer Meinung wurden die Berichte von Vernichtungslagern absichtlich verbreitet, um die Arbeitswilligkeit der Häftlinge zu steigern und sie davon abzuhalten, unnötigen Gebrauch von den Krankenbaracken zu machen.

      Nach dem Besuch von Obersturmbannführer Lindner wurden die Krankentransporte, die nach Hause gingen, eingestellt. Vorbei der Traum, vielleicht noch als Kranker das Lager zu verlassen. Viel Zeit, diesem Plan nachzutrauern, hatte ich ohnehin nicht, denn neue Begrenzungen gestalteten das tägliche Leben immer schwieriger.

      Bisher war bei uns alles nach einem bestimmten Arbeitsrhythmus gegangen. Jeder hatte seinen festen Arbeitsplatz in einer bestimmten Arbeitskolonne. Aus diesem Alltag wurden wir durch einen tragischen Unfall aufgestört. Im Sandschacht, in dem sich ein großer Bagger mit seinen stählernen Zähnen einen Weg durch Lehm und Schlick bahnte, arbeiteten einige junge Männer, die die Maschine bedienen mussten. Man hatte hierzu die Kräftigsten und Tüchtigsten genommen. Eines Tages jedoch brachte der Sandzug zusammen mit seiner gewohnten Last auch einen blutigen Körper vom Schacht herauf. Man suchte fieberhaft nach dem Sanitäter, der sich des Verunglückten annehmen sollte. All den vielen Arbeitskolonnen stand jedoch nur ein einziger Sanitäter zur Verfügung. Als auch der Wachtposten von dem Unfall erfahren hatte, gab er Befehl, dass zwei unserer jungen Leute den Verletzten in die Zementhütte bringen sollten. Ich, als Wagenschmierer, hatte ebenfalls Zutritt zu diesem Raum und erkannte in dem Verunglückten Salomon Dunkelblum. Dunkelblum war ein großer, schlanker, kräftiger Mann, der immer ein Lächeln für seine Kameraden hatte. Er war sehr beliebt bei uns allen, und da er außerdem ein tüchtiger Arbeiter war, genoss er auch bei den Schachtmeistern eine gewisse Achtung. Jetzt bot er einen jammervollen Anblick. Er lag blutüberströmt da und stöhnte leise vor sich hin. Das Blut floss aus einer großen Wunde am Hinterkopf, so dass sich um seinen Hals bereits ein Kragen geronnenen Blutes gebildet hatte, das sich langsam auf seiner Arbeitskleidung ausbreitete. Der Sanitäter versuchte zwar, die Blutung zu stillen und die Wunde zu verbinden, aber der Blutstrom durchtränkte alle Verbände und weichte sie auf. Da der Sanitäter seine Machtlosigkeit einsah, wandte er sich an den Wachtposten und bat diesen, den Verletzten sofort zu einem Arzt oder in ein Krankenhaus zu bringen, damit der gefährlichen Blutung Einhalt geboten werde. Als Antwort auf diese Bitte beorderte der Posten alle zur Arbeit zurück und schickte auch den Sanitäter weg. Unruhe und Verbitterung breiteten sich unter uns aus, und wie ein Messer schnitt uns das Stöhnen des verblutenden Kameraden ins Herz. Kurze Zeit später suchte ich nach einer Gelegenheit, an die Zementbude heranzukommen.


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