Die lange Nacht. Ernst Israel Bornstein
Lore hochhob, und manchmal konnte ich sie kaum vor dem Umkippen bewahren. Greguletz beobachtete mich. Gelegentlich nahm er sogar selbst einen Spaten in die Hand und half mir, da er sah, dass ich die Lore beim besten Willen nicht ganz füllen konnte.
Das Schmieren der Loren besorgte ein alter Wagenschmierer, ein gewisser Heiduck, auch ein Schlesier, der sich uns gegenüber sehr anständig benahm. Oft brachte er uns belegte Brote und sprach uns Mut zu. Das Nazispiel, meinte er, müsse bald ein Ende haben und die Juden könnten dann wieder den alten Platz in ihrer Heimat einnehmen. Eines Morgens kam Heiduck nicht zur Arbeit. Die Loren begannen zu quietschen, und manche Lager liefen sich heiß. Plötzlich rief mich Greguletz: »Du, kleiner Pinscher, komm her! Ich werde dir zeigen, wie man die Wagen schmiert. Wenn du deine Sache gut machst, bleibst du unser Wagenschmierer, wenn nicht, wirst du zu den Loren zurückgeschickt und bekommst obendrein den Stock zu spüren!« Ich freute mich über diese neue Arbeitseinteilung. Meine wunden Hände konnten nun endlich heilen.
Ich tat meine Arbeit so gründlich wie möglich. Nach einiger Zeit kam Heiduck wieder, aber ich blieb als Hilfsschmierer weiter bei ihm. Der alte Heiduck hustete und rauchte fast ununterbrochen, während ich seine Arbeit übernahm. Dafür gab er mir mittags sein ganzes Essen und steckte mir auch manches für die anderen zu. Trotz der Rationierung gab es damals ja noch genügend markenfreie Lebensmittel im schlesischen Gebiet. Greguletz hat keinem von uns jemals ein Stück Brot gegeben. Was von seinen Schnitten übrigblieb, warf er den vorbeikommenden Kühen zu, und viele hungrige Augen folgten seinen Händen, wenn er die Brote den Tieren zum Fressen hinhielt.
Ich konnte jetzt also ohne Bewachung auf der Baustelle herumgehen und mich mit den freien Arbeitern unterhalten. Auch besorgten mir einige von ihnen gewisse Artikel, die man damals am Bahnhof Kaltwasser in der Kantine noch kaufen konnte, z. B. Taschenspiegel, Kämme und andere Dinge, die sich als Tauschobjekte verwenden ließen. Auch konnte ich meiner Mutter öfter einen Brief schicken. Eigentlich durften wir nur alle vierzehn Tage schreiben, und auch dann nur eine Karte, die zensiert wurde. Nun verfassten mein Vater und ich ausführliche Berichte, die der gute Heiduck auf dem Postamt in Kaltwasser aufgab. Vor allem, um meine Mutter zu beruhigen, schrieben wir ihr, dass es uns gut ginge und sie sich unsertwegen keine Sorgen zu machen brauche. Die Tatsachen aber sahen anders aus. Meinem Vater ging es gar nicht gut. Er versuchte zwar, seinen schlechten Gesundheitszustand vor mir zu verbergen, doch durch einen Zufall entdeckte ich, dass er mehrere Geschwüre am Körper hatte. Auch bemerkte ich, dass er sich beim Marsch zur Arbeit nur mit Mühe in der Kolonne halten konnte. Beschwichtigend versuchte er, seinen Zustand zu bagatellisieren. Ich hatte aber keine Ruhe mehr, und voll ängstlicher Sorge beobachtete ich ihn bei der Arbeit.
Wie schon erwähnt, bestimmte Greguletz das Arbeitstempo nach dem flinksten, stärksten Mann. An der ersten Lore stand der große Mydlarz. Er war von Beruf Arbeiter, und da er Greguletz gefallen wollte, füllte er seine Sandlore so rasch wie möglich. Da den meisten anderen das Heben der vollen Schaufel schwerfiel, flüsterten wir dem starken Mydlarz oft zu, er möge langsamer arbeiten, weil die anderen seinem Tempo nicht nachkommen könnten. Als Antwort auf unsere Bitten grinste er nur dumm und stolz. Er hielt dies Arbeitstempo ein knappes Jahr durch und starb dann an Entkräftung. Damit teilte er das Schicksal vieler Starken.
Als ich sah, wie sich mein Vater damit abquälte, die Sandloren randvoll zu füllen, und hinter den anderen zurückblieb, fürchtete ich, dass Greguletz bald mit seinem Stock bei ihm erscheinen würde. So ging ich zu seiner Lore und begann sie rasch vollzuschaufeln. Auf einmal spürte ich einen harten Schlag auf dem Rücken. Als ich mich umdrehte, stand der Schachtmeister vor mir. Sein aufgeblähtes Rattengesicht war wutverzerrt, und außer sich schrie er mich an: »Du verdammtes Aas! Was machst du hier? Schau, dass du an deine Arbeit kommst!« Ich versuchte ihm zu erklären, dass ich einige Minuten frei hätte. Auch der Kolonnenälteste kam hinzu, um den Meister zu beschwichtigen. Aber Greguletz jagte mich fort, und schweren Herzens musste ich meinen Vater allein bei seiner Arbeit zurücklassen. Wie konnte ich ihm nur helfen? Nach dem Abendappell im Lager ging ich zu dem Sanitäter Kristall, der aus unserer Nachbarstadt stammte. Ich bat ihn eindringlich, meinen Vater krankzuschreiben. Erst wollte er mich gar nicht anhören. Er gab zwar zu, dass er meinen Vater kannte und dass dieser in der letzten Zeit oft zu ihm gekommen sei, um sich verbinden zu lassen. Seine Krankheit sei jedoch nicht von der Art, dass ihm seine Vorschriften erlaubten, ihn von der täglichen Arbeit zurückzustellen. Nebenbei hatte ich aber erwähnt, dass ich auf der Baustelle gute Verbindungen habe und manche brauchbaren Dinge, u. a. auch Medikamente besorgen könne. Auf einmal sagte er, er müsse einen Brief wegschicken, ob ich den sicher weiterleiten könne? Als Sanitäter hatte er zwar die Möglichkeit, über den Judenältesten die Post häufig unzensiert zu erhalten, aber selbst Briefe wegschicken konnte er nicht, da er das Lager nur selten verlassen und keine Beziehungen zu Leuten außerhalb des Lagers aufnehmen konnte. Von meinem Freund Kanatzky, mit dem ich im Lager alles teilte, bekam ich hier und da Bonbons, da seine Eltern zu Hause Süßwaren herstellten und er von ihnen gelegentlich Pakete erhielt. Ich schenkte dem Sanitäter eine Tüte Bonbons, um ihn günstig zu stimmen. Alle paar Wochen kam ein SS-Arzt ins Lager und kontrollierte die Krankenberichte. Er bestimmte auch, ob die Kranken, die nicht mehr arbeitsfähig waren, dabehalten oder nach Hause geschickt werden sollten. Bei der nächsten Visite
des Arztes wollte der Sanitäter sich nun dafür einsetzen, dass mein Vater als untauglich abgestellt wurde. Er sagte mir aber, dass bei jedem Besuch des SS-Arztes auch der Judenälteste anwesend sei und dass auch dieser seine Zustimmung geben müsse.
Unser Judenältester Sorski aus Kattowitz war nicht gerade bösartig, aber er bildete sich wirklich ein, die SS habe ihn deshalb als Judenältesten eingesetzt, weil er über die anderen erhaben sei. In unerschütterlichem Glauben an seine »Berufung« regierte er auch. Dadurch, dass ich gelegentlich heimlich Post wegschicken konnte, kam ich auch mit ihm in Verbindung, und auch er schickte durch mich einige Briefe weg. Er prüfte mich genau, und als er meine Zuverlässigkeit erkannte, fasste er allmählich Zutrauen zu mir. Als ich am Sonntag bemerkte, dass er guter Laune war, ging ich zu ihm in sein Zimmer und trug ihm meine Bitte vor. Ich bat ihn um Verständnis für den Zustand meines Vaters, der vor Schmerzen kaum mehr arbeiten konnte. Eindringlich stellte ich ihm vor Augen, dass ich als Sohn dabei nicht tatenlos zusehen könne. Sorski, immer noch in Gönnerlaune, antwortete mir: »Wenn er krank ist, habe ich nichts dagegen, vorausgesetzt, dass der Sanitäter ihn auf die Krankenliste setzt.« Ich bedankte mich und verließ überglücklich das Zimmer. Nun musste ich auch noch den Sanitäter günstig stimmen. Wusste ich doch nur zu gut, dass viele ähnliche Wünsche vorbringen wollten. Es gab noch Leute im Lager, die Brillanten und Schmuck versteckt hielten und sich damit freikaufen wollten, um wenigstens wieder ins Getto zurückkehren zu können.
Beim nächsten Gespräch erkundigte sich der Sanitäter nach meinen wirtschaftlichen Verhältnissen zu Hause. Ich sagte ihm wahrheitsgemäß, dass wir zwar kein Geld mitnehmen konnten, da wir überstürzt weggeschleppt worden seien, versicherte ihm jedoch, dass meine Mutter noch über einige Mittel verfüge. Darauf schlug er mir vor, meine Mutter brieflich um die Überweisung einiger hundert Mark an seinen Vater zu bitten. Dieser würde ihm dann in einem verschlüsselten Brief davon Mitteilung machen. Sollte dies Unternehmen gelingen, so wolle er versuchen, meinen Vater auf die Krankenliste zu setzen. Weiter versprach er mir, dem SS-Arzt, von dessen Entscheidung alles abhing, klar zu machen, dass mein Vater arbeitsuntauglich sei und er seine Entlassung befürworte. Fieberhaft überlegte ich, was ich noch tun könnte, und schickte meiner Mutter immer neue Anweisungen. Sie musste die entsprechenden Schritte unternehmen, damit bei der Rückkehr meines Vaters keine weiteren Schwierigkeiten auftraten. Man schickte die Kranken nämlich nicht unmittelbar in die Heimatstadt zurück, sondern brachte sie zuerst in ein Durchgangslager in Sosnowitz, Dulag genannt, das der Zentrale der Judenleitung für Ost-Oberschlesien unterstand. In diesem Dulag sammelte man sowohl diejenigen, die man in Arbeitslager weiterverschickte, als auch die Kranken, die aus den verschiedenen Arbeitslagern zurückkehrten. Wie überall in Lagern, war auch hier die Korruption groß. Die Gestapo und die SS, die dort die Regie führten, bekamen durch die Vermittlung jüdischer Hilfspolizisten Brillantringe, Goldzähne und auch große Geldsummen. Die Lagerleitung kaufte damit ihre Günstlinge los und schickte dafür andere an ihre Stelle. So war es durchaus nicht sicher, dass die Kranken, wenn sie im Dulag anlangten, auch tatsächlich nach Hause geschickt wurden. Ohne Geld und ohne Beziehungen war man völlig der Willkür