Die lange Nacht. Ernst Israel Bornstein

Die lange Nacht - Ernst Israel Bornstein


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Es waren einige versprengte polnische Soldaten, die entschlossen waren, unter allen Umständen Widerstand zu leisten. Sie hatten sich auf dem Kirchturm verschanzt und von dort aus auf die deutschen Soldaten geschossen.

      Noch einmal war uns die Rückkehr ins großelterliche Haus vergönnt. Wie glücklich leuchteten die Augen unserer Mutter, als wir zurückkamen. Im Überschwang der Freude waren wir geneigt, gleich alles zum Guten auszulegen, und meinten, dass die Deutschen wohl nichts Böses im Schilde führten und mit ihren Maßnahmen nur die Schuldigen zu treffen suchten; benähme sich nur jeder vorschriftsmäßig, so würde ihm kein Unrecht geschehen. Von anderen Ortschaften jedoch drangen bedrohliche Nachrichten zu uns. Man erzählte, dass man Männer zu Hunderten erschossen habe und dass im Chaos der Besetzung ganze Ortschaften ausgesiedelt worden seien. Andere Gerüchte dagegen besagten, dass in manchen Städten vollkommene Ruhe und Ordnung herrsche. Die deutsche Besatzung habe dort befohlen, die Geschäfte wieder zu öffnen, die Betriebe wie bisher weiterzuführen; mit einem Wort, sie sorge für eine schnelle Normalisierung des Lebens, ohne aber bei der Behandlung der Bevölkerung einen Unterschied zwischen Juden und Nichtjuden zu machen.

      Auch hier in dem kleinen Städtchen Pilica legte sich die anfängliche Aufregung wieder. Wir konnten sehen, wie die Soldaten sich friedlich mit der Bevölkerung unterhielten. Man tat niemandem etwas zuleide, und so wich die Angst langsam von uns. Gerüchten von Geiselerschießungen und Gräueltaten, die sich in anderen Ortschaften ereignet haben sollten, wollten wir einfach kein Gehör mehr schenken. Zu tief war in der jüdischen Bevölkerung der Glaube eingewurzelt, dass die Deutschen ein Volk von hoher Kultur seien, bekannt als Träger humanitärer und freiheitlicher Ideen, das Volk der Dichter und Denker. Die ältere jüdische Generation wusste noch von Begegnungen mit dem Deutschland vor 1918 zu berichten, zudem sie Vertrauen hatten und dem sie Respekt entgegenbrachten. So neigten auch jetzt die meisten Juden dazu, die verschiedenen Gräueltaten, von denen sie hörten, nur als unvermeidbare Ausschreitungen einzelner Frontsoldaten auszulegen, und hofften im Übrigen, der humanitären Gesinnung des deutschen Volkes vertrauen zu können, die sich zeigen musste, sobald die Frontsoldaten abgezogen waren.

      Nach einem Aufenthalt von zwei Wochen beschloss auch meine Familie, wieder in die Heimatstadt zurückzukehren. Auf dem Rückweg begegneten uns unaufhörlich Einheiten aller Waffengattungen der deutschen Wehrmacht, die nach Osten marschierten. Doch man hinderte und belästigte uns nicht auf dem Heimweg. Als wir schließlich wieder zu Hause eintrafen, verkündeten uns große Plakate, dass alle Juden männlichen Geschlechts ab dem 14. Lebensjahr sich in der großen Textilfabrik einzufinden hätten. Da dieser Befehl jedoch schon eine Woche alt war, befolgten wir ihn nicht. Die Juden, die bereits in den großen Fabrikhallen interniert waren, wurden noch weitere zehn Tage festgehalten und schließlich wieder entlassen.

      Der Feldzug gegen Polen ging schnell zu Ende. Die Besatzungsmacht bemühte sich zunächst, das tägliche Leben wieder in Gang zu bringen. Doch einige Einschränkungen für Juden waren in Kraft, so das Verbot, die Wohnungen nachts zu verlassen, Gottesdienst oder Versammlungen anderer Art abzuhalten. Die Synagoge wurde gesperrt und die jüdischen Schüler von den Schulen, in denen wieder normaler Unterrichtsbetrieb herrschte, ausgeschlossen. Immer häufiger und rücksichtsloser wurden wir bei Arbeiten aller Art eingesetzt. So zwang man die Männer besonders am Schabbat und an den jüdischen Feiertagen zur Arbeit. Mit vielen anderen holte man eines Tages auch mich an unserem größten Feiertag, dem Versöhnungstag, damit ich beim Abladen von Kohlen am Bahnhof mithelfe. An diesem Tag, der für uns ein strenger Fasttag ist, trieb man uns in die Waggons, die von je zwei jungen Wehrmachtsangehörigen bewacht waren. Der Kohlenstaub brannte uns in den Augen und trocknete uns den Mund aus, aber man erlaubte uns nicht, die Waggons zu verlassen, um etwas zu trinken. Einer der jungen Soldaten war gutmütig und erlaubte uns, Ruhepausen einzulegen, da uns die Hände, die an die schwere Arbeit nicht gewöhnt waren, vom Schaufeln brannten. Erschien aber sein strenger Begleiter, so passte er sein Verhalten dem seines Vorgesetzten an. Solche Schikanen zeigten uns deutlich unsere Situation. Aber noch wollten wir versuchen auszuwandern. Wir nahmen Verbindungen mit verschiedenen Konsulaten auf und nährten eine Zeitlang Hoffnungen, die dann wieder kläglich dahinschwanden. Allgemein gab man sich dem trügerischen Glauben hin, der Krieg könne nur wenige Monate dauern. Sei er aber einmal zu Ende, so gäbe es bestimmt eine Möglichkeit zum Auswandern. Deshalb nahm man auch beherrscht Schikanen und Entrechtung hin und wollte in ihnen nur kriegsbedingte Maßnahmen sehen. Wir glaubten allen Ernstes, der Zwang, für die Besatzungsmacht Arbeit zu leisten, sei das Schlimmste, was uns geschehen könnte, und das sei, wenn nötig, mit Geduld zu ertragen.

      Einige Monate nach Beendigung des Polen-Feldzuges hatte man unser Gebiet, Polnisch-Oberschlesien, dem Deutschen Reich eingegliedert. Unsere Stadt mit dem polnischen Namen Zawiercie wurde in »Warthenau« umbenannt. Durch Schikanen wollte man die nichtjüdische polnische Bevölkerung nötigen, sich als Volksdeutsche zu melden. Man spiegelte ihr vor, sie stiege damit zum »Herrenvolk« auf. Aber weite Kreise wehrten sich dagegen, allen voran die Mitglieder der sozialistischen Partei PPS, von denen viele verhaftet wurden, um den Widerstand der Polen zu brechen. Die ersten »Volksdeutschen« waren vor allem polnische Geschäftsleute, die Hitlerbilder und Hakenkreuzfahnen in ihre Auslagen stellten. Gleichzeitig wurden die Juden unter Androhung schwerer Strafen gezwungen, weiße Armbinden mit einem gelben Stern zu tragen, in den das Wort »Jude« eingedruckt war. So wurden wir Gezeichnete, Menschen zweiter Klasse.

      Auf Befehl der Gestapo bildete sich ein »Judenrat«, dem aufgetragen wurde, Kontributionsgelder einzutreiben und den deutschen Behörden täglich einige hundert Männer für verschiedene Arbeiten zur Verfügung stellen. So musste auch ich mich zunächst jeden zweiten Tag zum Arbeitseinsatz melden. Wir wurden damit beschäftigt, die Straßen zu reinigen, die Polizeireviere sauber zu machen, Pferdeställe in Ordnung zu halten und verschiedene Transportarbeiten auszuführen. Oft genügte die Zahl der Arbeiter nicht, die dem Judenrat zur Verfügung stand, dann holte die deutsche Polizei gewaltsam jüdische Männer aus ihren Wohnungen.

      Anfang 1940 hatte man die Juden aus dem deutschen Grenzgebiet um Teschen und Kattowitz ausgesiedelt und in unseren Kreis eingewiesen. Auch in unsere Stadt kamen einige hundert Familien. Die Vertriebenen hatten aus ihren Wohnungen nur einen Koffer Wäsche mitnehmen dürfen und waren völlig mittellos, da man ihnen alles Bargeld abgenommen hatte. Das heillose Elend der Vertreibung stand uns nun erstmals vor Augen. Auch in unserem Haus musste man für einige vertriebene Familien Platz machen, sie mit dem notwendigsten Hausrat versorgen und ihnen mit Geld aushelfen, damit sie die ohnehin kärglichen Lebensmittelrationen auf Karten kaufen konnten. Alle Bedürftigen wurden schließlich von der jüdischen Wohlfahrt betreut. Sie richtete Wohlfahrtsküchen ein, in denen die Mittellosen umsonst essen konnten, und gab kostenlos Lebensmittel aus. Unter den Familien, die in unser Haus aufgenommen wurden, war auch eine Familie mit vielen Kindern aus der deutsch-polnischen Grenzstadt Tarnowitz. Der Vater der Familie, Herr Hadda, war ein stolzer deutscher Nationalist, im Ersten Weltkrieg war er Offizier gewesen, hatte dann die oberschlesischen Kämpfe mitgemacht. Für seine Heldentaten im Kampf um Annaberg hatte er eine hohe Auszeichnung erhalten, und stolz erzählte er, dass auch auf seine Initiative hin das oberschlesische Gebiet Annaberg verteidigt und für das Deutsche Reich erhalten wurde. Täglich predigte er uns, dass es sicher ein Irrtum sei, dass gegenwärtig die deutschen Juden in alle Schikanen und Verfolgungen einbezogen wurden. »Es sind nur die Ostjuden gemeint«, sagte er. Und oft gebrauchte er sogar den Ausdruck »der Führer«, ein Wort, das er mit Stolz und Respekt aussprach. Er meinte, es wären nur kriegsbedingte Vorsichtsmaßnahmen, dass man die deutschen Juden verfolge. Sobald der Krieg vorbei sei, würde man ihnen ihre Rechte wiedergeben. Doch auch ihm, dem begeisterten Patrioten, sollten seine Kriegsauszeichnungen, die er für seinen tapferen Kampf ums deutsche Vaterland erhalten hatte, wenig nützen. 1943 wurde er zusammen mit seiner Familie nach Auschwitz gebracht und mit anderen jüdischen Einwohnern von Zawiercie vergast und verbrannt.

      Der Frühling 1940 zeigte seine ersten blutigen Spuren. In einer Nacht verhaftete man zwölf Personen, meistens junge Menschen, die sofort verschwanden, ohne dass man je wieder von ihnen hörte. Es hieß, dass die deutschen Behörden aus Sicherheitsgründen alte Kommunisten in ihrem Gewahrsam haben wollten. Unter den Verhafteten waren aber nur wenige Kommunisten. Auch unser Nachbar Yehuda Grünkraut wurde in dieser Nacht von der Gestapo geweckt. Er musste sich eilig anziehen und mitkommen. Grünkraut war ein aktives Mitglied der zionistischen Bewegung


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