Die lange Nacht. Ernst Israel Bornstein
durchbohrte wieder eine Kugel den Kopf eines Zurückbleibenden, ein kleiner Blutstrahl lief die Schläfen hinab. Und all das geschah inmitten von bebauten Feldern und liebreich gepflegten Blumengärten! Leben wir noch in dieser Welt oder war das alles ein nie enden wollender böser Spuk? Wie war es möglich, dass Menschen fünfzig Meter weit von uns entfernt ruhig ihrer Arbeit nachgingen, während in ihrer unmittelbaren Nähe entkräftete, wehrlose Menschen erschossen wurden?
Eigentlich wollte ich den Plan, diese Erinnerungen zu schreiben, wieder aufgeben, denn nachdem ich damit begonnen hatte, war ich von Angstträumen gepeinigt worden, in denen ich die Erlebnisse der Lagerzeit immer von neuem durchleiden musste. Eines Tages jedoch kam eine junge Patientin zu mir. Sie fragte mich unter anderem, ob ich Jude sei und ob es wahr sei, dass es KZ-Lager gegeben habe, in denen man die Juden vergaste? Ob man tatsächlich auch Frauen und Kinder umbrachte? Ich erzählte ihr vom Schicksal meiner Eltern und Großeltern. Tief bewegt sagte sie darauf, dass Sie mir glaube. Bis dahin war sie der Meinung gewesen, Berichte dieser Art wären pure Propaganda und von der Besatzungsmacht ausgestreut, um das Ansehen der Deutschen herabzusetzen.
Das also ist die Meinung der demokratisch erzogenen Nachkriegsjugend, dachte ich. Wenn diese Jugend glaubt, dass die blutige Ära des Nationalsozialismus nur eine Erfindung der Propaganda ist, so will ich meinen Teil dazu beitragen, diese Meinung zu erschüttern. Ich bin meinen Eltern, die man in Auschwitz vergaste, die Wahrheit schuldig, bin sie meinem kleinen, lustigen, impulsiven Bruder und meiner zarten kleinen Schwester schuldig, die man in Auschwitz in der Gaskammer ermordete.
Heute, über 20 Jahre später, stellen junge Menschen häufig die Frage, wie es denn überhaupt möglich war, dass große Volksmassen, deren Zahl in die Millionen ging, der Vernichtung zugeführt werden konnten und dass diese Massen sich kampflos ihrem Schicksal ergaben. Und wirklich ist, von heute ausgesehen, dass damals Geschehene kaum verständlich; ich hoffe aber, mit dem vorliegenden Bericht diese Frage wenigstens zum Teil beantworten zu können. Nicht eine Sammlung der schlimmsten Erlebnisse der Juden, sondern eine Darstellung des jüdischen Alltags in den Jahren von 1939 bis 1945 soll es dem Leser ermöglichen, sich in die damalige Situation der Juden einzufühlen und ihr Verhalten zu begreifen. In keinem der Lager, durch die ich ging, gab es Gaskammern, in denen Frauen und Kinder vergast wurden. Doch selbst in unserem Lager, dass keine 100 km von dem Vernichtungslager Auschwitz entfernt war, wurde alles so verschleiert, dass wir länger als ein Jahr brauchten, ehe wir begriffen, dass nicht weit von uns täglich massenweise Männer und Frauen, Kinder und Alte vergast und verbrannt wurden. Die Verheimlichung des Vernichtungssystems war ein Teil der teuflischen Methode, durch die man nach und nach den Menschen zum Sklaven machte, und damit jede Möglichkeit eines allgemeinen Wiederstandes der Juden ausschaltete. Trotzdem leisteten in Hunderten von Fällen Einzelne und Gruppen mit dem Gewehr in der Hand oder mit bloßen Fäusten erbitterten Widerstand, der aber von vornherein aussichtslos war und zum Tode führte. Ich zeichne eine Chronik von Erlebnissen auf, die in einem Jahrhundert geschahen, da man zum Tierschutz aufrief und entsetzt protestierte, als Kaninchen zur Vivesektion benutzt wurden. Im gleichen Jahrhundert in der gleichen Gesellschaft wurde eine Mordmaschinerie betrieben, deren Räder anscheinend so lautlos mahlten, dass Sie selbst empfindliche Ohren nicht störte.
Meine Geschichte verfolgt noch ein anderes Ziel. Sie soll eine Hilfe, ein Leitfaden sein für jene Wissenschaftler, die sich mit den Überlebenden dieser Katastrophe befassen, mit Menschen also, die eine eigenartige, beispiellose psychologische und soziologische Gruppe innerhalb der menschlichen Gesellschaft darstellen. Denn diese Überlebenden sind zumeist in ihrer Psyche gebrochen durch ein Trauma, dass nicht zum Restitutio ad Intergrum führen kann. Obwohl viele ehemalige KZ-Häftlinge wieder ganz im Leben zu stehen scheinen und Erfolge erlangen, sind sie psychisch kranke Menschen geblieben. Ihr gegenwärtiges Leben ist durch die Vergangenheit belastet, und kein Erfolg ist imstande, die erlebten Schrecken auszulöschen. Nicht selten hört man in intellektuellen Kreisen ehemaliger KZ-Häftlinge die fatalen Worte: »Eigentlich sind wir schon gestorben in den Jahren zwischen 1940 und 1945. Unser äußeres Leben haben wir zwar gewonnen, doch unser inneres ist tot.« Diesen Ausspruch hörte ich oft als ich die Lebensgeschichte junger KZ-ler für das Institut in New York aufnahm. Von der Last, die man als zur Vernichtung Verurteilter, als entmenschte Kreatur Jahre lang getragen hat, kann man sich nicht mehr befreien. Die Jahre der Angst und Unterdrückung hinterließen in der Psyche Schäden, die irreparabel sind wie Schäden in der grauen Substanz der Nervenzentren. Der ehemalige KZ-Häftling kann wohl mit den anderen lachen und fröhlich sein, aber sein Inneres schmerzt und blutet, da sich die alten Wunden nicht schließen wollen. Er hat zwar das räumlich begrenzte Konzentrationslager verlassen, aber die furchtbare Atmosphäre des Lagers umschließt ihn noch, es ist, als ob das KZ noch in ihm wäre. Das müssen besonders diejenigen in Betracht ziehen, die sich mit der Psyche der KZ-Häftlinge beschäftigen, diejenigen, die helfen und heilen und – urteilen sollen. Wie oft höre ich selbst, besonders an Abenden, wenn ich allein bin, meine Eltern und meine Schwester sprechen. Ich sehe ihre Gesichter, die oft ruhig und zufrieden erscheinen. Wenn aber mein kleiner Bruder kommt, entsteht ein gespenstischer Wirbel in meinem Gehirn. Ich sehe mich dann wieder, wie man mich mit Gewalt aus unserer Wohnung zerrt, ich höre das Schreien meiner Angehörigen – und ich glaube, so haben sie auch in den Gaskammern geschrien. Nur meinen Vater sehe ich als stillen, schweigenden Mann mit ernstem Blick, wie er zu der Mutter und den Kindern sagt: »Mit Ruhe soll man den Mördern begegnen, mit Stolz soll man aus dieser Welt gehen. Die Mörder werden schon ihre Strafe bekommen.« Das waren die Worte meines Vaters als sie in Auschwitz ankamen, so erzählte mir meine überlebende Schwester.
Ich werde weiterschreiben, denn in meinen Ohren klingt die Stimme meines kleinen Bruders. Schon dir zuliebe, weil man dich erstickt hat, dich mit deinem fröhlichen Herzen, mit deinen ernsten Kinderaugen, mit denen du mir beim Lesen über die Schulter sahst, dir zuliebe Bruder, mit deinen unschuldigen Augen, die man in Auschwitz barbarisch auslöschte. Du siehst mich in der Finsternis der Nacht, wenn ich schlaflos liege, und deine Augen mahnen mich: »Vergiss es nicht!« Für dich will ich schlaflose Nächte haben, mein kleiner Bruder, für dich will ich die Geschichte der langen blutigen Nacht erzählen.
Ehe sie begann, die Nacht, die fünf Jahre und acht Monate dauerte, waren wir eine glückliche Familie. Wir vier Kinder (ich war der Älteste von zwei Buben und zwei Mädchen) wurden umsorgt von guten Eltern und einem großen Verwandtenkreis. Mein Vater, der ein geachteter und verehrter Mittelpunkt der Familie war, wusste Rat in schwierigen Fragen und hatte das letzte Wort bei schwierigen Entschlüssen, wohl auch, weil er der Älteste von sieben Geschwistern war. Seine Haltung, die geistigen Interessen über die materiellen zu stellen, trugen ihm die Sympathie und Achtung unserer Mitbürger ein. Jahrelang bemühte er sich um die Erziehung der jüdischen Jugend und war ehrenamtlicher Vorstand des Elternrates der Jüdischen Schule in unserer Stadt. Seine Tätigkeit in der zionistischen Bewegung nahm einen Großteil seiner freien Zeit in Anspruch; ich erinnere mich gut, dass seine Abende mit Sitzungen und Vorträgen für diese Bewegung ausgefüllt waren. Er sah seine Lebensaufgabe darin, tatkräftig für sie zu wirken. In der Verwirklichung eines jüdischen Staates auf dem Gebiet des damaligen Palästina lag für ihn die Zukunft des Judentums begründet. Unsere Erziehung war stark von seinen Idealen getragen. Ich darf wohl sagen, dass sich unsere Eltern in ihren Bemühungen ergänzten, uns geistig auf die Zukunft vorzubereiten. Ihr harmonisches Familienleben war nur der äußere Rahmen zu diesem unablässigen Bestreben. Doch mit einem Schlag wurden wir aus der normalen Bahn eines bürgerlich dahin fließenden Lebens geworfen.
Im Herbst 1939 zeigten sich die ersten Auswirkungen der schon seit Jahrzehnten andauernden dunklen Hetze gegen die Juden. Verordnungen und Begrenzungen jagten einander. Noch konnten wir die ersten Maßnahmen, wie z. B. das Tragen einer weißen Armbinde mit gelbem Judenstern oder das Verbot, bestimmte Straßen und Plätze zu besuchen, nicht fassen, erfolgte bereits das Verbot, die Eisenbahn zu benutzen, die Ausweisung aus den Schulen, die Anordnung, nachts bei Strafe die Wohnung nicht zu verlassen. Aber das Leben ging weiter, auch wenn Wohnungen und Geschäfte enteignet wurden, auch wenn riesige Summen an Kontributionsgeldern aufgebracht und Gold, Schmuck, Pelze und Radioapparate abgeliefert werden mussten und die Juden allmählich in ein zunächst großes Ghetto eingeschlossen wurden. Es ging weiter, trotz des Zwanges, täglich bei Polizei und Wehrmacht schmutzige Arbeiten zu verrichten, von denen man oft zerschlagen und blutend nach Hause kam. Es ging weiter, bis schließlich die Verschleppung