Die lange Nacht. Ernst Israel Bornstein

Die lange Nacht - Ernst Israel Bornstein


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Die Zuträger waren meist Polen, die sich nun als Volksdeutsche bei der Gestapo meldeten und sich als emsige Helfer verdingten. Um der Gestapo ihren Eifer zu beweisen, stellten sie willkürlich Namenslisten zusammen. Auf Grund dieser Listen wurden oft Menschen verhaftet, an denen die Gestapo gar nicht interessiert war. Nach einigen Wochen erhielten die Eltern Grünkrauts ein Kleiderpaket und die Nachricht, dass ihr Sohn an Herzschwäche verstorben sei. In dieser Zeit wurde ich einmal das Opfer einer Namensverwechslung. Wie schon erwähnt, musste die jüdische Gemeinde oder, wie sie sich jetzt nannte, der »Judenrat«, eine ziemlich hohe Kontributionssumme an die deutsche Verwaltung abliefern. Da die Summe nicht rechtzeitig beschafft werden konnte, verhaftete die Gestapo dreißig Juden, die man vornehmlich aus den Reihen der wohlhabenden älteren Bürger unserer Stadt wählte. Auch der Name Bornstein stand auf ihrer Liste. So geschah es, dass eines Tages zwei Gestapobeamte bei uns erschienen und mich mitnahmen, da ich zufällig allein zu Hause war. Zusammen mit einigen anderen Leidensgefährten wurde ich auf einem Lastwagen nach Sosnowitz gebracht, wo die SS ein Ausbildungslager hatte. Jungen SS-Leuten wurde dort der »richtige« Umgang mit Untergebenen und Gefangenen beigebracht. Zum ersten Mal in meinem Leben verbrachte ich Tag und Nacht in der Nähe der SS. Wie sich herausstellte, sollten wir als Versuchstrupp für die SS dienen. Die Nächte verbrachten wir in einem zugigen Schuppen, in voller Bekleidung auf harten Holzpritschen ausgestreckt. Frühmorgens weckte uns ein durchdringendes Pfeifsignal. Wir bekamen eine Tasse schwarzen Kaffee und ein Stück Brot, dann wurden wir auf den Exerzierplatz getrieben. Nun begannen stundenlange strapazierende Übungen, denen viele von uns nicht gewachsen waren. Den Erschöpften wurde mit Schlägen wieder auf die Beine geholfen.

      So vergingen einige Tage in ständiger Hetze. Später schickte man uns ohne weitere Erklärung wieder nach Hause. In unserer Heimatstadt fanden wir schlimme Veränderungen vor. Wir stießen unvermittelt auf so ungewohnte Beschränkungen und Einengungen, dass die eben erduldeten Demütigungen daneben geringfügig erschienen. Hatte man schon bisher jüdische Familien, die in der Nähe von öffentlichen Ämtern und Behörden lebten, zur Umsiedlung in andere Straßen und Stadtteile gezwungen, so waren diese vereinzelten Maßnahmen nun zu einer Großaktion ausgeweitet worden, deren Ziel auch dem Wohlmeinendsten nicht verborgen bleiben konnte: Man baute planmäßig ein Getto auf, in dem wir bald wie in einem Käfig lebten. Da der Zustrom der jüdischen Bevölkerung von den umliegenden Stadtteilen anhielt, nahm die Wohnraumnot ständig zu – nicht zu sprechen von der finanziellen und wirtschaftlichen Notlage, da ja besonders die geistig Schaffenden durch die behördlichen Zwangsmaßnahmen aus ihren Stellungen verdrängt worden waren und keine Möglichkeit hatten, eine neue Existenz aufzubauen.

      Wir erhofften uns nichts Gutes von den kommenden Tagen und versuchten, wenigstens einige Vorsichtsmaßnahmen zu treffen. So besorgten wir uns bereits im Sommer schwere Winterschuhe und Winterkleidung, da sich hartnäckig das Gerücht hielt, dass für die Juden Arbeitslager errichtet würden und unser aller Weg dorthin führen musste. Aber noch fanden einige Polen Mittel und Wege, in unser Getto zu kommen und uns zusätzlich mit verschiedenen Lebensmitteln und anderen Dingen zu versorgen, die es bei uns schon nicht mehr gab. Besonders Textilien standen hoch im Kurs. Langsam schwand unser Hab und Gut bei diesen Tauschaktionen dahin.

      Die Mühen und Gefahren, die wir auf uns nehmen mussten, um das tägliche Leben zu fristen, lenkten uns zunächst von allen Zukunftsplänen ab. Der Spuk musste ja einmal ein Ende nehmen. Im Übrigen hatten wir längst keine Möglichkeit mehr, aktiv über unser Schicksal zu bestimmen. Jeder wusste, dass eine Flucht aus dieser Gefangenschaft von vorneherein zum Scheitern verurteilt war.

      Bald darauf wurden die Schikanen weiter verschärft. Eine neue Verordnung zwang alle Juden, ihre Geschäfte Treuhändern zu übergeben. In unserem Gebiet wurden einige hundert Ruthenen- Deutsche angesiedelt, denen die jüdischen Geschäfte übereignet wurden. Auch mussten einige hundert jüdische Familien ihre Wohnungen räumen, um für die Volksdeutschen Platz zu schaffen, so dass das Getto immer kleiner und der verbliebene Raum immer überfüllter wurde, denn die Obdachlosen mussten wiederum bei anderen jüdischen Familien Unterschlupf suchen. Im Spätsommer 1940 erhielt der Judenrat den Befehl, einige hundert Männer zum Arbeitseinsatz zur Verfügung zu stellen. Sie sollten beim Bau der Autobahn eingesetzt werden. Als ich erfuhr, dass auch mein Name auf der Verschickungsliste stand, flüchtete ich und versteckte mich zwei Wochen lang in der benachbarten Stadt. Erst als der Transport für dieses Zwangsarbeitslager abgegangen war, kehrte ich zurück. Inzwischen waren einige meiner Kameraden verschleppt worden. Der Kummer ihrer Angehörigen war so groß, dass ich es verständlicherweise nicht wagen konnte, ihnen gegenüberzutreten, da ich dem Schicksal der Verschleppten noch einmal entgangen war.

      Kaum erholte man sich von einem Schlag, folgte der nächste. Vermögensenteignung und Sklavenarbeit waren an der Tagesordnung. Wir waren Freiwild für die deutsche Polizei und die Besatzungsbehörden, da jeder von ihnen die Möglichkeit hatte, jüdisches Eigentum zu konfiszieren und jüdische Menschen abzuführen und zu verschleppen. Wir waren umgeben von strengen deutschen Bewachern, und zu ihnen gesellten sich jene feindselig gesinnten Polen, die sich jetzt als Volksdeutsche fühlten und die Unterdrücker eifrig unterstützten. Es gab aber auch Polen, die zu uns Juden gute Beziehungen unterhielten. Meist waren es einfache Arbeiter oder kleine Bauern, fromme und aufrichtige Katholiken, die jede noch verbliebene Möglichkeit ausnützten, uns zu helfen. Freilich waren ihre Bemühungen nicht ungefährlich, denn die Hilfsbereiten mussten die Macht jener einflussreichen Polen fürchten, die judenfeindlich gesinnt waren. So konnten wir keine entscheidende Hilfe erwarten. Der Fluchtweg war von einer unbezwingbaren Mauer verstellt. Nicht nur die Besatzungsmacht riegelte uns von der Außenwelt ab, auch die breite Schicht der polnischen Bevölkerung bildete eine Art Sperrmauer. Die systematisch durchgeführte Judenhetze in Bild und Schrift hatte in vielen Köpfen so viele Vorurteile erzeugt, dass man nie wusste, wie der betreffende Pole eingestellt war, an den man gerade geriet – judenfreundlich oder judenfeindlich. Mochte die Flucht infolge einer Verkettung von Glücksfällen gelegentlich Einzelnen gelingen, ganze Familien konnten nicht fliehen. Und welcher verantwortungsbewusste Familienvater oder Sohn hätte sich in solchen Notzeiten von den Seinen getrennt? So blieb kein anderer Ausweg als das standhafte Ausharren angesichts einer Gefahr, die täglich drohender auf uns zukam.

      Grünheide

      Seit Anfang 1941 sprach man davon, dass die jüdische Jugend der benachbarten Städte zum dauernden Arbeitseinsatz ausgehoben worden sei. Da sich nicht genügend junge Leute zum freiwilligen Einsatz meldeten, führten die Gestapo und die unter ihrem Kommando stehende jüdische Polizei Überfälle auf die jüdischen Einwohner durch, holten sie nachts aus den Betten und verschickten sie zwangsweise in Arbeitslager. In nächster Zeit würden sich auch bei uns solche Überfälle ereignen, davon waren wir überzeugt.

      An einem Freitag dieser schreckerfüllten Tage fanden wir uns zum letzten Male zur Heiligung des Schabbats ein. Die Zeremonie wurde in großer Hast durchgeführt. Bei zwei kleinen Kerzen, die unruhig flackerten und unser Zimmer spärlich beleuchteten, heiligte mein Vater mit dem stillen Schabbatgebet diesen sonst so fröhlichen, jetzt aber von Angst erfüllten Schabbatabend. Zitternd und mit ängstlichen Gesichtern saßen wir vier Kinder beim Gebet. Unablässig bohrte in mir der Gedanke: »Wer weiß, ob das nicht der letzte Schabbat ist, bei dem ich dem Gebet am Tische meines Vaters lausche.«

      Nach dieser kurzen Andacht gab mir meine Mutter schnell das Päckchen mit dem Abendessen und geleitete mich mit tränenfeuchtem Gesicht aus dem Haus, denn ich musste nun schnell in mein Versteck verschwinden, um nicht nachts von der Gestapo geholt zu werden.

      Einige Nächte hindurch versteckte ich mich bei christlichen Freunden, die außerhalb der Stadt wohnten. Dann aber blieb ich wieder im Elternhaus. Am Abend des 25. März – es war ein Dienstag – erzählte jemand, dass der Überfall für die kommende Nacht geplant sei. Bei dem letzten Überfall auf die benachbarte Stadt sei man vor Schießereien und Mord nicht zurückgeschreckt. Diese Berichte in ihren verschiedenen Versionen versetzten die jüdischen Einwohner in schreckliche Unruhe. War es wahr, dass man Leute, die man in ihrem Versteck aufgestöbert hatte, an Ort und Stelle erschossen hatte? Dass man ganze Familien als Geiseln verschleppt hatte, wenn irgendein gesuchtes Familienmitglied unauffindbar war? Solche Nachrichten ließen uns das Blut in den Adern gefrieren, und wir waren überzeugt, dass auch wir bald


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