Die lange Nacht. Ernst Israel Bornstein

Die lange Nacht - Ernst Israel Bornstein


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Geschwister und Verwandten in den Gaskammern und Krematorien von Auschwitz getötet. Und mit ihnen waren die letzten Juden aus der Stadt verschleppt worden. Die nun folgende Aufstellung (s. S. 270/271) meiner Familienangehörigen väterlicher- und mütter-licherseits zeigt das Bild einer Familie, der das Schicksal unter den gegebenen Verhältnissen noch gnädig war, da sich wenigstens zwei junge Menschen aus der Massenvernichtung retten konnten. Von vielen Familien überlebte niemand, deren Spuren wurden verwischt und zerstreut wie die Asche aus den Krematorien von Auschwitz, Strutthof und Treblinka.

      Ernst Bornstein, München, 1967

      Das Leben im Getto

      Am 1. September 1939 wurden wir frühmorgens durch laute Donnerschläge geweckt. Wir konnten nicht unterscheiden, ob es sich um Bombenabwürfe handelte oder ob das Gedonner von Flakgeschützen herrührte. Zugleich forderte der Rundfunk unablässig zur Landesverteidigung auf: zum Luftschutz, zum Dienst beim Roten Kreuz, zum Grabenausheben. Der Krieg des nationalsozialistischen Deutschland gegen Polen hatte unwiderruflich begonnen. Ununterbrochen brausten Flugzeuge über uns hinweg, wir konnten jedoch nicht unterscheiden, ob es sich um eigene oder feindliche handelte. Gegen Mittag verbreitete sich die Nachricht, dass die deutsche Wehrmacht die Grenze überschritten habe und schon etwa 30 km tief in polnisches Gebiet einmarschiert sei. Diese Nachricht löste in mir seltsamerweise kein Angstgefühl aus. Ich dachte zunächst auch nicht daran, einen der Luftschutzräume aufzusuchen. Voller Spannung, aber nicht unruhig beobachtete ich das Manövrieren der Flugzeuge und fühlte, dass nun ein neuer Abschnitt der Geschichte begonnen hatte.

      Die ausweglose Situation der jüdischen Jugend unter dem ultranationalistischen polnischen Regime des Obersten Beck hatte bewirkt, dass auch ich eine Veränderung der bestehenden Gesetzlichkeit unseres Lebens herbeisehnte. Wie freilich diese Veränderung aussehen sollte, davon hatte ich nur vage Vorstellungen, es waren mehr Wünsche und Ahnungen. Als ich mittags zufällig bei einem Fliegerangriff in einem Hausflur mit dem Polizeipräsidenten unserer Stadt beisammen war, merkte ich, wie dem gefürchteten Mann beim Einschlagen der Bomben die Hände zitterten und gleich so, dass er die Zigarette nicht zum Munde führen konnte. Er, vor dem sonst die ganze Stadt in Ehrfurcht erstarrte, stand versteckt, geduckt und zitternd unter der steinernen Stiege. Das Bild erschütterte mich und ließ mich plötzlich ahnen, dass die Situation um vieles ernster sein musste, als ich im Augenblick wahrhaben wollte.

      Dies war auch der erste Freitagabend, an dem das Schabbatfest nicht geheiligt wurde. Dass die Familienfeier so schweigend übergangen wurde, stimmte mich traurig. In unserer Wohnung waren viele Nachbarn versammelt, und wir hörten zusammen die großsprecherischen Reden der polnischen Militärführung an, die versprach, man werde die deutschen Eindringlinge bald schlagen und verjagen.

      Die Neuigkeiten überschlugen sich. Versprengte polnische Soldaten erzählten von aufgeriebenen Kompanien, von der motorisierten deutschen Wehrmacht, die auf uns zurollte. Eine drückende Stimmung legte sich auf uns – verschwunden war meine Gier, Interessantes zu erleben. Langsam wurde mir klar, dass die Flugzeuge alle deutscher Herkunft waren und das polnische Militär dem deutschen Einbruch keinen wirksamen Widerstand entgegenzusetzen vermochte. Samstag früh sahen wir, wie sämtliche Regierungsgebäude evakuiert wurden. Das gesamte öffentliche Leben und der Verkehr waren bereits lahmgelegt. Gerüchte gingen um, dass Panzerspitzen der deutschen Wehrmacht schon vor unserer Stadt stünden und dass besonders die Männer von der deutschen Wehrmacht Gewalttaten befürchten müssten.

      Mit ein wenig Handgepäck machten mein Vater, einige Nachbarn und ich uns auf den Weg, der uns zur nächsten östlich gelegenen Ortschaft führen sollte. Meine übrigen Angehörigen waren schon am Tag zuvor geflüchtet. Die Straßen waren mit Flüchtlingen verstopft, viele zogen Ochsen, Kühe oder Ziegen hinter sich her. Andere schoben kleine Handwagen, auf denen sich ihre ganze Habe befand. Obenauf saßen weinende Kinder. Umherirrende Kinder schrien nach ihren Eltern, die sie in dem Gewimmel verloren hatten. Der ganze Zug wirkte chaotisch und gespenstisch. Artilleriegeschosse pfiffen über unsere Köpfe hinweg und erfüllten uns mit Angst und Schrecken. Wir kamen nur langsam vorwärts, denn das Militär sperrte zeitweise die Straßen ab. Ich sah überall in erschrockene Gesichter, alles schien in Auflösung begriffen. Gerüchte wollten wissen, dass sich Hunderte von Spionen, als polnische Soldaten und Offiziere verkleidet, unter der flüchtenden Menge befanden und den deutschen Flugzeugen Zeichen gaben. Uns zur Seite ritt ein polnischer Offizier, und neben ihm, an ein Pferd gebunden, lief ein Soldat, angeblich ein deutscher Spion. Die aufgebrachte Menge stieß und schlug auf ihn ein.

      Am Sonntag kamen wir im Morgengrauen bei unserer Großmutter in Pilica an, wo uns unsere Mutter mit den Geschwistern erwartete. Nachmittags berieten die Familien, ob man weiterflüchten oder bleiben sollte. Der Vormarsch der deutschen Truppen setzte jedoch den Beratungen ein Ende. Vorhuten der Deutschen waren schon in die Ortschaft eingedrungen. Als wir am nächsten Morgen erwachten, wimmelten die Straßen von deutschen Panzerwagen und Soldaten. Nachbarn kamen und sagten, es sei alles gar nicht so schlimm, wie man sich immer erzählte. Die Soldaten seien friedlich, sie unterhielten sich mit den Männern, teilten Schokolade an die Kinder aus und täten niemandem etwas zuleide. Unsere jüngste Tante ging auf die Straße hinaus, um sich von der Wahrheit dieser Worte zu überzeugen. Als sie nach einiger Zeit zurückkam, bestätigte sie die allgemeinen Aussagen. So gingen einige Stunden ohne weitere Behelligung vorbei. Plötzlich war eine wilde Schießerei zu hören. Wir spähten durch das Fenster auf die Straße und sahen gerade noch, wie sich deutsche Soldaten auf den Boden warfen und ihre Gewehre in Anschlag brachten. Eine Nachbarin kam mit der Nachricht, dass im Nebenhaus deutsche Soldaten bereits die Männer aus der Wohnung holten. Wir liefen in den Keller hinunter und versteckten uns. Gleich darauf erschienen auch bei uns Soldaten in der Wohnung und befahlen: »Alle Männer raus!« Über unseren Köpfen dröhnten die schweren Tritte der Stiefel und wildes Geschrei: »Verfluchtes Pack! Wo sind die Männer?« Einen Augenblick lang hielten wir den Atem an, dann aber leuchteten uns Taschenlampen ins Gesicht, und unsere Häscher trieben uns mit Gewehrkolben und Fußtritten auf die Straße, wo schon mehrere Männer versammelt waren. Als wir zu einer größeren Gruppe angewachsen waren, führten uns einige Soldaten auf den Marktplatz. Hunderte von Männern standen hier zusammengedrängt, umgeben von Soldaten mit schussbereitem Gewehr.

      Einige schossen in die Luft, um die allgemeine Verwirrung zu steigern. Dann ertönten die Kommandorufe: »Reihenweise zu fünft aufstellen! Auf geht’s! Marsch! Marsch! Schnell anschließen!« So marschierten wir mit ungewissem Ziel aus der Ortschaft hinaus, bis wir vor einer großen Fabrikhalle haltmachten, in die wir mit Geschrei und Schlägen hineingepfercht wurden. Sofort traten die älteren Männer zusammen, um eine Delegation zu wählen, die sich erkundigen sollte, warum man uns hier gefangen hielt. Nach ihrer Rückkehr erzählten die Männer, man habe von einem Versteck aus auf deutsche Soldaten geschossen und jeder zehnte Mann von uns würde erschossen werden, falls wir die Schuldigen nicht preisgäben. Unsere Delegierten forderten uns auf deutsch, polnisch und jiddisch auf: Wer ein Gewehr besitzt, soll sich melden! Aber niemand meldete sich. Schließlich beschworen sie uns eindringlich, diejenigen, die Waffen besäßen, sollten vortreten. Um den Rabbiner versammelten sich nun die Gemeindeältesten und berieten, wie ein großes Blutvergießen zu vermeiden sei.

      Schließlich traten einige alte Männer auf die Gruppe der Beratenden zu und teilten ihnen ihren Entschluss mit, ihr Leben freiwillig für das der übrigen Gemeindemitglieder zu opfern. Ich drückte mich indessen fester an meinen Vater, der traurig, aber gefasst abseits stand. Er war voll düsterer Vorahnungen. »Wir sind zu spät davongelaufen«, sagte er zu mir. »Schon vor einem Jahr hätten wir Europa verlassen sollen, das wäre richtig gewesen.« Unter schwerer Bewachung wurden wir schließlich von den Soldaten von der Fabrikhalle hinaus ins freie Feld geführt und erhielten den Befehl, uns hinzulegen. Jeder zitterte vor Angst, da er glaubte, er könne jener Zehnte sein, der das Leben lassen sollte. In diesem Augenblick hielten vor uns einige Militärautos. Ein hoher Offizier stieg aus und versammelte die übrigen Offiziere um sich. Nach einigen Minuten Beratung erhielten wir den Befehl: »Aufstehen! Ihr könnt wieder nach Hause gehen! Ihr seid frei!«

      Nachträglich erfuhren wir, dass man tatsächlich auf deutsche Soldaten geschossen hatte, worauf der Kommandeur den Befehl


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