Der Erste Weltkrieg. Dr. Karl Theodor Helfferich
nur noch von zähem Kampf und entschlossenem Durchhalten erwartet werden. Vielen wurde es jetzt erst bewusst, vor welche Schicksalsprobe unser Volk gestellt war.
Der Krieg und die deutschen Finanzen
Während das Heer unsere Grenzen schützte und den Krieg in Feindesland trug, spannte auch die Heimat alle Kräfte an, um den Erfordernissen des Krieges gerecht zu werden. Mehr denn jemals zuvor war dieser Krieg von seinem Anbeginn an nicht nur ein Krieg der Waffen, sondern auch ein Krieg der Finanzen und der Wirtschaft aller beteiligten Völker.
Meine Stellung in der Direktion des größten deutschen Finanzinstituts gab mir Gelegenheit, auf diesem Felde mitzuarbeiten.
Schon in den Jahren vor dem Kriege hatte ich die Bestrebungen des Reichsbankpräsidenten Havenstein, das deutsche Geld- und Kreditwesen auf eine möglichst solide, auch gegenüber schweren Erschütterungen wirtschaftlicher und politischer Art widerstandsfähige Grundlage zu stellen, in meinem Wirkungskreis nach Kräften unterstützt. Meine Kollegen in der Direktion der Deutschen Bank setzten in guter alter Tradition ihren Stolz nicht nur in die Ausdehnung der Geschäfte der Bank, sondern mehr noch in die Aufrechterhaltung und Verbesserung der Liquidität ihres Standes; hier wurde die Berechtigung der Havensteinschen Bestrebungen nicht nur theoretisch anerkannt, sondern auch praktisch betätigt. Die seit dem Jahre 1905 sich überstürzenden politischen Krisen zeigten, wie notwendig es war, das gesamte deutsche Kreditwesen, das durch die ungestüme wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands auf das Stärkste angespannt war, krisenfest zu machen. In dieser Richtung lag die Verstärkung des Goldbestandes der Reichsbank als unserer nationalen Goldreserve, die Verbesserung der Zahlungssitten durch die Ausdehnung des Scheck- und Giroverkehrs, die Einschränkung der Festlegung der Bankdepositen in langfristigen und immobilen Krediten, die Beseitigung der Abhängigkeit des deutschen Geldmarktes von kurzfristigen Auslandskrediten, die innere Konsolidierung der großen Unternehmungen durch eine vorsichtige Dividenden- und Reservenpolitik.
Schon die Marokkokrisis von 1911 hatte gezeigt, dass diese Bemühungen nicht vergeblich gewesen waren. Das deutsche Geld- und Kreditwesen zeigte damals schon, im Vergleich mit Frankreich und selbst England, eine erfreuliche Widerstandsfähigkeit. Die namentlich im Ausland, aber auch in Deutschland selbst verbreitete Auffassung, das deutsche Wirtschaftsgebäude sei ein Koloss auf tönernen Füßen, das deutsche Kreditsystem sei ein Kartenhaus, das beim ersten scharfen Windstoß zusammenbrechen müsse, hatte sich damals schon als überholt erwiesen. Freilich, unsere Gegner, namentlich die Franzosen, haben das nicht wahrhaben wollen. Obwohl die Börse und der Geldmarkt in Paris und sogar in London, wie sich an den Kursen der Wertpapiere und den Geldsätzen ohne weiteres ablesen ließ, durch die Erschütterung der Marokkokrisis stärker in Mitleidenschaft gezogen wurden als bei uns, blieb nicht nur die öffentliche Meinung, sondern — von wenigen Ausnahmen abgesehen — auch der engere Kreis der Fachleute in Frankreich bei der vorgefassten Meinung von unserer unbedingten finanziellen Unterlegenheit; ja es bildete sich die Legende, die Gefahr des finanziellen Zusammenbruchs habe es für Deutschland unmöglich gemacht, es auf einen Krieg ankommen zu lassen. Ich habe diesen Glauben an unsere finanzielle Unzulänglichkeit, der mir in ausländischen Kreisen immer wieder entgegentrat, stets als eine Verstärkung der dem Weltfrieden ohnehin schon drohenden Gefahren angesehen; denn dieser Glaube konnte in kritischen Situationen leicht dazu führen, unsere Gegner zu einer Überspannung ihrer Ansprüche und Zumutungen zu verleiten. Ich habe mich deshalb für verpflichtet gehalten, diesen irrigen Vorstellungen entgegenzutreten, insbesondere dann, wenn sie, was vorkam, von Deutschland aus Nahrung erhielten. Noch kurz vor Ausbruch des Weltkrieges, im Juni 1914, habe ich im Vorwort zur vierten Auflage meines Büchleins über "Deutschlands Volkswohlstand" ausgeführt:
"Es ist geradezu ein Weltinteresse, dass die Illusion verschwindet, durch Mittel der finanziellen Politik könne erreicht werden, was bisher weder durch militärische Macht noch durch Allianzen und Ententen zu erreichen war: die Niederkämpfung Deutschlands."
Nun brach der Sturm des Krieges über die Welt herein und erschütterte den wirtschaftlichen Aufbau aller beteiligten Völker in seinen Grundfesten.
Schon seit dem Attentat von Sarajewo lag ein dumpfes Unbehagen über den finanziellen Märkten der Welt. Das österreichisch-ungarische Ultimatum an Serbien und die ungenügende Antwort der serbischen Regierung, dazu die Stellungnahme Russlands, das erklärte, "nicht indifferent bleiben zu können", brachten das Ungewitter zum Ausbruch. Alles, was bisher an Werten als fest und sicher galt, geriet ins Schwanken. Bares Geld, womöglich blankes Gold, erschien als der einzige feste Pol in der Erscheinungen Flucht. Die Börsen wurden von allen Seiten mit Verkaufsaufträgen überschüttet; die Geldinstitute wurden mit Kreditanträgen und Wechseleinreichungen bestürmt; Kredite wurden gekündigt; bei den Banken und Sparkassen drängte sich die Kundschaft, um Guthaben und Einlagen zurückzuziehen.
Es galt, alle Kraft einzusetzen, um die Sturmflut der Panik einzudämmen und der Besonnenheit wieder zu ihrem Recht zu verhelfen. Jetzt hatte sich zu bewähren, was Deutschland in den letzten Jahrzehnten an echter finanzieller Kraft gewonnen und an wirksamer finanzieller Organisation aufgebaut hatte. Die großen Berliner Banken und Bankiers, die sich seit Jahren in der sogenannten "Stempelvereinigung" zusammengeschlossen und dort an ein einheitliches Handeln in allen Fragen von allgemeinem Interesse ihres Berufes gewöhnt hatten, vereinigten sich alsbald zu einem gemeinschaftlichen Vorgehen, um in engster Fühlung mit der Reichsbank und der Seehandlung durch eine Intervention auf den Effektenmärkten, durch Aufrechterhaltung der Kredite und Schaffung erweiterter Kreditmöglichkeiten für Beruhigung zu sorgen und die Weiterführung einer geordneten wirtschaftlichen Tätigkeit zu ermöglichen. Jeden Vormittag versammelten sich in jener kritischen Zeit die Vertreter der an die "Stempelvereinigung" angeschlossenen Finanzinstitute im Sitzungssaal der Deutschen Bank, um über die Lage und die gemeinschaftlich zu ergreifenden Maßnahmen zu beraten. Wir alle waren durchdrungen von der Überzeugung, dass in jener schweren Lage jede Ängstlichkeit und Engherzigkeit der in der deutschen Finanzwirtschaft führenden Stellen verhängnisvoll wirken müsse; dass nur ein großzügiges und weitherziges Verhalten gegenüber den Erfordernissen der Stunde die Lage retten könne; dass schließlich den deutschen Banken ihr in langer Arbeit und in ernster Selbstbeschränkung gefestigter Stand es gestatte, jetzt in den Zeiten der Not vor den Riss zu treten und im Interesse des Ganzen große Risiken zu übernehmen. Die strengen Normen in ruhigen Zeiten haben ihren Zweck in der Sicherung der Bereitschaft für den kritischen Augenblick. Wenn das Pferd über den Graben soll, heißt es die Zügel lockerlassen.
Der Erfolg der zweckmäßigen Organisation und des planmäßigen Eingreifens blieb nicht aus. Die finanziellen Grundmauern der deutschen Wirtschaft zeigten sich dem Sturm der Kriegspanik gewachsen; unsere finanzielle Widerstandskraft hielt jeden Vergleich aus mit derjenigen unserer Feinde, die sich auf einen viel älteren Reichtum stützen konnten und sich uns gegenüber bisher als die unbestritten Überlegenen gefühlt hatten.
Unsere Effektenmärkte zeigten in dem Kurssturz, der über alle Plätze bis hinüber nach Amerika mit elementarer Wucht hereinbrach, immerhin eine bessere Haltung als diejenigen Frankreichs und Englands. In der Zeit vom 17. bis 28. Juli 1914 — in den folgenden Tagen kamen an den meisten Plätzen keine ordnungsmäßigen Notierungen mehr zustande — stellte sich die Kursbewegung der maßgebenden Staatsanleihen Deutschlands, Frankreichs und Englands wie folgt:
Kurs vom also 17. Juli 28. Juli Rückgang
3%ige deutsche Reichsanleihe 76,50 73,75 2,75
3%ige französische Rente 82,62 77,25 5,37
2 ½ %ige englische Konsols 75,81 71,75 4,06
Der Kursrückgang in jenen kritischen Tagen war also bei den deutschen Staatspapieren erheblich geringer als bei den englischen und namentlich den französischen Anleihen. Dabei gaben die amtlichen Pariser Kurse das wahre Bild nicht annähernd richtig wieder. Der "Temps" berichtete über den Verlauf der Pariser Börse vom 25. Juli, dass die Kammer der Kursmakler sich angesichts des starken Angebots von 3%iger Rente genötigt gesehen habe, die Notierung eines niedrigeren Kurses als 78 zu verbieten, obwohl Angebote zu 74 vorlagen.
Was hier in den kritischen