Der Erste Weltkrieg. Dr. Karl Theodor Helfferich
und gebeten, ihm zu helfen, das Unheil des Krieges von der Welt abzuwenden, er habe seinerseits bis zur Grenze des Möglichen auf den Kaiser Franz Joseph gedrückt, so schwer es ihm geworden sei, dem Verbündeten beim Durchfechten seiner gerechten Sache in den Weg zu treten ; aber er habe vom König Georg und dem Zaren nur kaltes Achselzucken und leere Ausflüchte zur Antwort bekommen. Er habe den Zaren noch in der letzten Stunde geradezu angefleht, die Mobilmachung zu unterlassen, die uns in unserer geographischen und politischen Lage zum sofortigen Losschlagen zwingen müsse. Er habe nach der russischen Mobilmachung gegen alle Beschwörungen seiner eignen Militärs noch einmal den Russen eine Frist gegeben. Alles sei umsonst gewesen. Dreimal habe er die Feder wieder aus der Hand gelegt, ehe er die Mobilmachungsorder unterschrieben habe. Die Verantwortung für das eigene Volk habe ihm schließlich keine andere Wahl gelassen. Jetzt stehe unser Schicksal in Gottes Hand.
In derselben Unterhaltung sprach sich der Kaiser darüber aus, wie er sich die künftige Gestaltung der Dinge denke, wenn uns der Sieg beschieden sei. Das Wichtigste sei für ihn, dass aus dem Krieg der durch die gesunde Vernunft und die Natur der Dinge gebotene friedliche Zusammenschluss der Völker des europäischen Kontinents hervorgehe. Das sei bisher infolge des deutsch-französischen Gegensatzes nicht möglich gewesen. Der Friede müsse so geschlossen werden, dass dieses Ziel erreichbar werde. Die Franzosen seien stets eine ritterliche Nation mit einem hohen Ehrbegriff gewesen, vor der er stets Achtung gehabt und deren Versöhnung mit Deutschland er stets gewünscht habe. Er verstehe, dass es dieser Nation schwer geworden sei, sich der Entscheidung von 1870 ohne den Versuch eines neuen Appells an das Glück der Waffen zu fügen. Er hoffe, dass nach diesem Krieg auch der Franzose das Gefühl haben werde, dass der Ehre Genüge geschehen sei und dass sich beim Friedensschluss die Grundlagen für ein freies und ehrliches Zusammenwirken der beiden großen europäischen Kulturvölker in Politik und Wirtschaft werden schaffen lassen.
Das ist der Mann, den heute unsre Feinde und — was schlimmer ist — Leute unseres eigenen Blutes zum Urheber des Krieges, zu einem blutdürstigen Eroberer und Unterdrücker stempeln möchten. Ich bin im Innersten überzeugt — und das Bekenntnis glaube ich dem Kaiser zu schulden — dass Wilhelm II. kein höheres Ziel gekannt hat, als dem deutschen Volk und der Welt den Frieden zu erhalten, dass er seinen Ruhm nur darin gesucht hat, Deutschland in den Werken friedlicher Arbeit fortschreiten zu sehen. Niemand, der ihn näher kannte, wird sich durch seine im Hohenzollernblut steckende Freude an soldatischem Wesen oder durch den Überschwang des ihm leicht zur Verfügung stehenden Wortes über den Kern seines Wesens täuschen lassen. Ebenso wenig, wie Kenner des deutschen Volkscharakters sich durch Unebenheiten und Schroffheiten, die schließlich ihre Begründung in unsrer vielhundertjährigen Leidensgeschichte haben, dazu verleiten lassen, das deutsche Volk für kriegslustig, gewalttätig und eroberungssüchtig zu halten.
Der deutsche Kaiser und das deutsche Volk wollten den Frieden und sahen in der friedlichen Arbeit ihre Zukunft. Wo die Kräfte, die den größten Krieg der Weltgeschichte heraufbeschworen haben, ihren Sitz hatten, glaube ich in den vorstehenden Blättern gezeigt zu haben.
Großbritannien hat wieder einmal sein Ziel erreicht. Die stärkste Kontinentalmacht, sein stärkster Wettbewerber auf den Märkten der Welt liegt am Boden, wie vordem Spanien, die Niederlande und Frankreich. Unsere Kraft ist gebrochen in einem Krieg, den England so wenig unmittelbar entzündet hat wie etwa den Spanischen Erbfolgekrieg, den Siebenjährigen Krieg und die Napoleonischen Kriege; den es aber, genau wie jene großen Koalitionskriege, mit unübertrefflicher diplomatischer Kunst aus dritter Ursache duldend und fördernd hat entstehen lassen, um dann einzugreifen und seinen stärksten Rivalen zur Mehrung seiner eigenen Macht und Herrlichkeit niederzuwerfen.
So werden die unbestechlichen und unbeirrbaren Augen der Geschichte die Entstehung des Krieges sehen.
Band II - Vom Kriegsausbruch bis zum uneingeschränkten U-Bootkrieg
Vorwort
Das ungeheure Geschehen des Weltkrieges gliedert sich dem rückwärtsschauenden Blick deutlich in zwei große Abschnitte.
Der erste fand seinen Abschluss mit dem Verbluten der fast fünfmonatigen Offensive unserer Feinde auf den Schlachtfeldern der Somme, mit der Niederwerfung Rumäniens und mit dem Scheitern des Friedensvorschlages der Mittelmächte vom 12. Dezember 1916 wie des Friedensschrittes des Präsidenten Wilson vom 21. desselben Monats.
Die im Januar 1917 beschlossene Eröffnung des uneingeschränkten U-Bootkrieges leitete hinüber zu dem zweiten Hauptabschnitt, der durch den Eintritt der Vereinigten Staaten in die Reihe der Kriegführenden sein Gepräge erhielt.
Der Darstellung des ersten dieser beiden großen Abschnitte des Krieges gilt der vorliegende Band (Band II des Gesamtwerkes).
Der letzte Band, enthaltend die Darstellung des Krieges bis zum Ausbruch der Revolution und zum Abschluss des Waffenstillstandes befindet sich bereits im Druck und wird in Bälde ausgegeben werden.
Berlin, im Juni 1919
Karl Helfferich
I.. Umfang und Art des Krieges
Ein ungeheures Schicksal war über das deutsche Volk hereingebrochen. Allein mit unseren österreichisch-ungarischen Verbündeten fanden wir uns gegenüber der russisch-französisch-englischen Koalition, die von vornherein durch Belgien, Serbien und Montenegro verstärkt war und der sich noch im Laufe des Augusts auch Japan zugesellen sollte. Unser italienischer Dreibundgenosse dagegen lehnte es ab, den Bündnisfall als gegeben anzusehen, und erließ eine Neutralitätserklärung, die den französischen Ministerpräsidenten zu Worten hoher Freude und die französische Kammer zu einer stürmischen Ovation für die "lateinische Schwester" veranlasste. Auch Rumänien, das seit vielen Jahren durch eine geheime Militärkonvention mit uns verbunden war, hielt sich abseits; König Carol war nicht stark genug, gegen seine widerstrebenden Minister und die ententefreundliche öffentliche Meinung die Erfüllung der von ihm übernommenen Verpflichtungen durchzusetzen.
Die Übermacht der Feinde war erdrückend. Allein Russland und Frankreich vermochten eine Truppenmacht ins Feld zu stellen, die der vereinigten deutschen und österreichisch-ungarischen erheblich überlegen war. Allein die britische Flotte war eine gewaltige Übermacht gegenüber den vereinigten Flotten Deutschlands und seines Bundesgenossen. Nicht minder war finanziell und wirtschaftlich das ungeheure Übergewicht auf der anderen Seite, und schon die ersten Tage des Krieges zeigten, dass unsere Feinde, namentlich England, entschlossen waren, dieses Übergewicht bis zum äußersten auszunutzen.
Auch das stärkste Herz musste sich von der Sorge bedrückt fühlen, wie das deutsche Volk sich der furchtbaren Übermacht sollte erwehren können. Es brauchte der ganzen Kraft, die nur das Bewusstsein der guten Sache verleiht, um die bangen Zweifel zu verscheuchen und die mutige Zuversicht zu schaffen, mit der das deutsche Volk in den Kampf um sein Dasein und seine Zukunft ging.
Die Straßen hallten wider von dem festen Tritt der Jungmannschaften und der Landwehrmänner, die, blumengeschmückt und vaterländische Lieder singend, ausmarschierten. Die Hoffnungen und die heißen Wünsche des ganzen deutschen Volkes begleiteten sie. Der Abschiedsschmerz und die Sorge um das Wiedersehen gingen unter in der Hingabe an das bedrohte Vaterland. Alles schien klein geworden, was bisher das Leben ausgefüllt hatte; es gab nur noch eines: die Verteidigung des deutschen Bodens und der deutschen Volksgemeinschaft. In diesem Gedanken fand sich ganz Deutschland in erhebender Einheit zusammen, alle Stämme, alle Klassen, alle Parteien. Und diese Einheit, aus der höchsten Not des Vaterlandes geboren, erschien als Gewähr des Sieges.
Die militärische Gestaltung des Krieges
Die Mobilmachung und der Aufmarsch unserer Truppen vollzogen sich mit der größten Ordnung und Präzision. Der Kriegsminister hat mir gegen Abschluss der Mobilisationsperiode erzählt, dass nicht