Der Günstling. Helmut Stalder
1623 wählt der Landrat Johannes von Roten (1575–1659) zum Landeshauptmann. Als Landschreiber steht ihm bald Michael Mageran (1575–1638) zur Seite, ein reicher Kaufmann aus Leuk, Inhaber des Monopols auf den Salzimport und den Warentransport über den Simplon, zudem Anführer der »französischen Partei« sowie der »Patrioten«, der in der Funktion des Staatskanzlers nun eine zentrale Machtposition erreicht. So überzeugt Landeshauptmann Johannes von Roten zum katholischen Glauben steht, so sehr ist er ein Feind der weltlichen Herrschaftsansprüche des Sittener Klerus und des Bischofs. 1626 flammt der Zwist zwischen den »Patrioten« und dem Bischof wieder auf, als Michael Mageran das bischöfliche Wappen, das Hildebrand Jost am Landesschulhaus in Sitten angebracht hat, mit Gewalt entfernen lässt. Der Bischof, ermutigt durch die Erfolge der kaiserlichen Heere auf den Schauplätzen des Dreissigjährigen Kriegs in Deutschland, verficht nun forscher seine Hoheitsrechte, während die Zenden in Landschreiber Mageran einen Anführer haben, der keine Gelegenheit auslässt, den Bischof in die Schranken zu weisen.
Bischof Hildebrand Jost hatte sich die Karolinischen Schenkungen insgeheim in Wien durch Kaiser Ferdinand II. bestätigen lassen. Besonders erbost die Walliser, dass der Bischof nun droht, das Bistum zugunsten eines Ortsfremden aufzugeben. Jetzt hat Landeshauptmann von Roten einen Grund, gegen Hildebrand vorzugehen. Den ersten Schlag führt er allerdings nicht gegen den Bischof selbst, sondern gegen die Jesuiten, die als Vasallen des Papstes und heimliche Ratgeber des Bischofs gelten. Der Obere der Jesuiten greift bei einer Predigt in Raron auf die mittelalterliche Zwei-Schwerter-Lehre zum Verhältnis zwischen kaiserlicher und päpstlicher Macht zurück und predigt vom »geistlichen und weltlichen Schwert des heiligen Theodul«, beide Schwerter habe dieser einst direkt von Karl dem Grossen erhalten. So bringt der Jesuit in Anwesenheit des Landeshauptmanns erneut die Karolinischen Schenkungen als Legitimation für die Landesherrschaft des Bischofs in Anschlag. Damit liefert er den »Patrioten« den willkommenen Anlass zum Losschlagen.
Landeshauptmann Johannes von Roten handelt rasch und entschlossen. Er beruft im Februar 1627 den Landtag nach Leuk. Unter dem Druck insbesondere von Landschreiber Michael Mageran beschliesst dieser an einer stürmischen Versammlung kurzerhand, die Jesuiten wegen ihrer Verstrickung in den Machtkampf aufseiten des Bischofs und wegen ihrer Spanienfreundlichkeit aus dem Wallis auszuweisen. Von den Jesuiten, deren Gründer Ignatius von Loyola 1622 gerade heilig gesprochen wurde, heisst es, sie seien dem Papst hörig, würden im Geheimen Intrigen spinnen, konspirativ arbeiten und als Berater und Beichtväter der Herrschenden die Politik beeinflussen. Sie gelten als Einflüsterer der Bischöfe und Agenten des kirchlichen Absolutismus, als arglistig, habgierig und machtlüstern. All diese Ressentiments entladen sich jetzt. Die Jesuitenschulen im Wallis werden geschlossen, die Schüler müssen gehen.22 So auch Kaspar Stockalper. Er verlässt das Wallis Mitte September 1627 und schreibt sich am 30. September an der Jesuitenuniversität in Freiburg im Breisgau ein. Indem er sich ins Ausland absetzt, bringt er sich auch in Sicherheit, denn just in diesen Tagen erschüttert ein Umsturzversuch das Wallis, in den die Stockalpersippe verwickelt ist.
Den Sommer über haben sich die Fronten zwischen Landesregierung und Bischof weiter verhärtet. Nun nimmt einer die Sache selbst in die Hand: Anton Stockalper. Er ist ein Enkel des ehemaligen Landeshauptmanns Peter I. Stockalper, Sohn des früheren Zendenhauptmanns und Kastlans von Brig Anton I. Stockalper und Onkel zweiten Grades von Kaspar Stockalper. Er war Meier des Freigerichts Ganter, diente als Hauptmann für Savoyen im Piemont und für Frankreich im Veltlin, amtete als Landvogt von Saint-Maurice und ist päpstlicher Ritter vom Goldenen Sporn.23 Politisch verficht er die Seite von Spanien-Mailand. Im Streit um die Landesherrschaft hat er sich gegen die »Patrioten« gestellt, Partei für Bischof Hildebrand Jost ergriffen, die Beschlüsse vom Februar in Leuk zur Vertreibung der Jesuiten öffentlich heftig kritisiert und resolut deren Rückkehr verlangt. Anton Stockalper ist kein Politiker der feinen Diplomatie, sondern ein Heisssporn und Haudegen. Um seine Sache zu beschleunigen, schmiedet er ein Komplott und schart Parteigänger und Veltliner Söldner um sich. Er will Landeshauptmann Johannes von Roten und Landschreiber Michael Mageran töten und damit der Zendenrepublik ein Ende setzen. Doch die Verschwörung fliegt auf. Am 15. September wird Anton Stockalper bei der Sust von Leuk festgenommen und in Sitten eingekerkert.
Für Landeshauptmann Johannes von Roten ist dies die Gelegenheit, den zweiten Schlag zu führen. Dreimal wird Anton Stockalper gefoltert und gesteht jedes Mal schwerere Verbrechen. Gemäss den Prozessakten bezeichnet er sich als »Spanier« und gibt zu, dass er auf der Seite Mailands und des spanischen Königs steht und alle Papstgegner als seine Feinde betrachtet. Die Anklage lautet auf Verrat, Mord, Aufruhr, Widerspenstigkeit und weitere Delikte. So habe er auch Banditen beherbergt, ihnen zur Flucht verholfen und das gemeine Volk gegen die Obrigkeit aufgewiegelt.24 Am 6. Oktober beginnt im Bischofsschloss von Leuk gegen den Verräter und Verschwörer ein hochpolitischer, von zahlreichen Unregelmässigkeiten begleiteter Prozess, dessen Ausgang zum Vornherein feststeht. In der Gerichtskommission, die über Anton Stockalper urteilt, sitzen seine Todfeinde der »französischen Partei« und der »Patrioten«, Landeshauptmann Johannes von Roten und Landschreiber Michael Mageran. Mit ihrem Schuldspruch räumen sie den gefährlichen Oppositionellen beiseite und nutzen die Gelegenheit, ein Exempel zu statuieren – gegen den Bischof und seine Herrschaftsansprüche, gegen die Bischoftreuen der »spanischen Partei« in den oberen Zenden, gegen die Vormachtstellung der Briger am Simplonpass und gegen die in Brig einflussreiche Stockalperfamilie. Am 22. November 1627 fällt das Todesurteil.
Ein Zeitgenosse, der Geistliche Caspar Berodi von Saint-Maurice, der Anton Stockalper kannte und dem Klerus günstig gesinnt war, schilderte die Hinrichtung in seinem Tagebuch so: »Am Samstag, 4. Dezember, bei heiterem und warmem Wetter, wurden beim Leuker Galgen auf dreifache Art hingerichtet Herr Anton Stockalper, früherer Landvogt von St. Maurice, Ritter des Goldenen Sporns und Hauptmann im Piemont und im Veltlin, samt seinem italienischen Diener, und zwar ob des geplanten Verrates gegen das Vaterland. Vorerst wurden sie geköpft, weil sie die vornehmsten Herren umbringen wollten. Zweitens wurden ihre Leiber gevierteilt als Landesverräter. Drittens wurden ihre Glieder verbrannt, weil sie Sitten und Leuk mit künstlichem Feuer einäschern wollten, und jene, die löschen wollten, sollten mit dem Schwert umgebracht werden. Diese geplante Untat wurde 5 oder 6 Tage vor dem Verrat ruchbar; ihre Kerkerhaft aber dauerte vom 15. September bis zum Tage der Hinrichtung.«25 Die Mobilien von Anton Stockalper sollen an den Landeshauptmann fallen, die Landgüter an die Zenden; sie werden erst später den Nachkommen zurückgegeben. Zudem ergeht der Erlass: Wer das Todesurteil gegen Anton Stockalper als ungerecht beklage, den solle die gleiche Strafe treffen. Eine Bestimmung, die Kaspar Stockalper nach Jahrzehnten einholen und ihm zum Verhängnis werden wird.
»Kurtze und mhere Sicherheit der Strassen«
Ob die Hinrichtung des Onkels und der Schlag gegen die Familie den jungen Kaspar Stockalper bewog, nicht in den Jesuitenorden einzutreten, stattdessen nach Brig zurückzukehren und sich in die Politik einzumischen, ist nicht geklärt.26 In den erhaltenen Zeugnissen äusserte er sich jedenfalls nie zu seinen Gründen und auch nicht zum Prozess gegen seinen Onkel. Offen bleiben muss auch, ob er damals tatsächlich ein Gelöbnis ablegte, sich nie mit den Widersachern in Sitten, Siders und Leuk einzulassen, Rache zu nehmen und die Ehre des Hauses Stockalper wieder aufzurichten, wie vermutet wurde.27
Zurück im Wallis versieht er sein Amt als Kommissar der Pestwache und beurkundet in den folgenden Jahren als öffentlicher Notar Verträge. Er hält sich aber von den laufenden Auseinandersetzungen fern, insbesondere vom Streit zwischen den »Patrioten« und dem Fürstbischof. »Brig war trostlos niedergeschlagen wegen der traurigen Lage des Bischofs, der Jesuiten und unseres Hauses. Gott bewahrte mich vor der Pest, und auch in diese Ereignisse hineingezogen zu werden. Gross war die Verwirrung der Feinde des Bischofs, der Jesuiten und unseres Hauses«, notiert er in der Rückschau.28
Die prägende Persönlichkeit in diesen Jahren ist Michael Mageran, der Anführer der »französischen Partei« und der bischoffeindlichen »Patrioten«, der die Jesuiten vertrieben und Anton Stockalper abgeurteilt hat.29 Der starke Mann von Leuk ist vor allem Kaufmann und Unternehmer. Schon früh hatte er begonnen, im Wallis mit Getreide zu handeln, das er im Burgund einkaufte. 1607