Der Günstling. Helmut Stalder
Brig verlustig erklärt. »Dies geschah aus mannigfachen Gründen, besonders aber weil die beiden aus lauter Eigennutz und unverschämter Weise sich dem Gemeinnutz widersetzten und versucht hatten, durch freche Lügen die erlauchten Herren Landsleute zu gewinnen, den Vertrag zu vernichten und sich des Eisenbergwerkes zu bemächtigen«, notiert Stockalper.55
Er wirft sich nun mit Verve in die Aufgabe als Montanunternehmer. Der Betrieb wird innerhalb der nächsten drei Jahre reorganisiert. Aber rentabel wird er nicht, sodass Stockalper allerhand Finanz- und Spesenakrobatik anwendet, um den Pachtzins leisten und die Schulden abtragen zu können.56 Grosse Sorgen plagen ihn mit seiner ersten Risikoinvestition. Eine horrende Summe von insgesamt 12000 Pfund bezahlt er der Burgerschaft in vier Jahren. Und er weiss, dass ihm niemand auch nur einen Batzen Entschädigung leisten würde, »wan ich schon mein ganz arm Müetlein dorin verschmelzte«.57 Doch dann kommt ihm höhere Gewalt zu Hilfe. Vom 10. bis 13. September 1640 sucht eine Überschwemmung das Wallis heim, »wie sie die Älteren in hundert Jahren nicht gesehen haben«.58 Das Hochwasser zerstört fast alle Brücken am Rhonelauf und verwüstet am Zusammenfluss des Ganter-, Tafer- und Nesselbachs auch die Produktionsanlagen des Bergwerks im Grund, vernichtet einen Teil der Kohle- und sämtliche Holzvorräte. Stockalper schätzt den Schaden allein bei sich auf 10000 Silberkronen.
Jetzt sieht er die Chance, das Geschäft finanziell und organisatorisch neu auszurichten und politisch abzusichern. Er fackelt nicht lange und kauft innert Wochenfrist den Burgern die gesamte überschuldete und stark beschädigte Eisenverhüttung für wenig Geld ab. »Im Jahre des Herrn 1640 den 22. Oktober »hab ich das Bergwerck von den Hern Burgeren, als Sex- und Zwelfern, auch Sekelmeistren [die Sechser sind der Gemeinderat und die Zwölfer die Vertreter des Zenden] kaufft gänzlich, wie es im Grundt ist an ligendt und farendem Gutt, alles und iedes, nix ausbeschlossen, fir mich und meine Erben um 1500 lib [Pfund] omnibus computatis [alles mitgezählt] laut dem Accord, so bey der Syz[ung] verschriben und versiglet, an welchen mit Erlegung von 1200 lib in 12 Jaren wür einander um alles Verloffenen solemnissime quittiren.«59 Die Burgerschaft ist froh, das ewige Sorgenkind los zu sein und in Stockalpers Händen zu wissen, gewährt günstige Landpreise für den Bau neuer Verhüttungsanlagen, vorteilhafte Holzschlagrechte und Bewilligungen für das Flössen des Holzes auf der Rhone. Zudem verspricht die Burgerschaft, »ihme alle migliche Hilff, Rhaat unndt Beystandt, nit allein mit Wortt, sondern mit der That«.60 Stockalper, Retter in der Not, ist zufrieden mit dem günstigen Kauf, mit dem er nun Bergwerksbesitzer und Montanunternehmer geworden ist und dem gefrässigen Konkurrenten Mageran »das Maul beschoben«61 hat.
Er hat aber auch erkannt, was das eigentliche Problem des Eisenwerks im Grund ist. Die Rationalisierung des Betriebs ist das eine, das andere jedoch sind die fixierten Verkaufspreise für das Eisen: Im Landrat schildert er kurz nach der Übernahme die betriebliche Situation des stark beschädigten, darniederliegenden Werks und verlangt die Erhöhung der Absatzpreise. Sonst werde das Unternehmen scheitern und das Land des Eisens verlustig gehen, denn wegen des Krieges werde kaum genug Eisen importiert werden können. Der Landrat hat ein Einsehen und stimmt einer Verdoppelung des Eisenpreises von einem auf zwei Batzen je Pfund zu. Nun wirft sich Stockalper mit aller Kraft in die Arbeit. Er befasst sich mit sämtlichen Einzelheiten des Betriebs, verbringt Tage auf den Baustellen, prüft die Eignung der Werkzeuge, begeht mit den Holzmeistern die Wälder, lässt bessere Wege zum Schmelzofen anlegen. Wieder aufgebaut mit neuen Wasserrädern, Blasebälgen, einem besseren Ofen, optimierten Betriebsabläufen und effizienterem Kohleverbrauch, ist das Werk bald rentabel und eine Stütze von Stockalpers wachsendem Montanunternehmen. Wie Mageran gewinnt er Gefallen am Bergbau. Noch im gleichen Jahr kommt eine Beteiligung an einem Bleibergwerk in Bell im Aletschgebiet hinzu, später wird er Teilhaber und nach und nach Alleinbesitzer an den Bleibergwerken in Mörel, in Goppenstein am Eingang zum Lötschental sowie an einer Kupfermine bei Evolène im Val d’Hérens und an der Goldmine in Zwischbergen.
Mit dem Eisenbergwerk in Gantergrund hat sich Stockalper nicht nur vom Transportunternehmer und Handelsmann zum Industriellen erweitert. Der schrittweise Übernahmeprozess hat ihn auch erstmals direkt mit der Politik in Kontakt gebracht. Bei den Entscheidungsträgern hat er sich offenbar als geschickter, durchsetzungsstarker Verhandler erwiesen und Vertrauen gewonnen. Das ebnet ihm den Weg für seine eigene politische Laufbahn. Er wird nun in rascher Folge in politische Ämter gewählt, zuerst in lokale, dann regionale und schliesslich in solche auf Landesebene. Mit jeder neuen politischen Tätigkeit stärkt er sukzessive seine Hausmacht. Eingedenk der Bedeutung listet er die Etappen auf, unter der nicht gerade bescheidenen Überschrift »Annotationes futuri saeculi necessarissimae« – »für künftige Jahrhunderte äusserst nützliche Anmerkungen«.62 So wird er zwischen 1636 und 1638 Säckelmeister der Burgerschaft Brig und Gemeindeabgeordneter im »Rat der Sechser«, 1637 Kastlan des Freigerichts von Wayra (Zwischbergen) und Fraxinodi (Alpjen bei Gondo) und wie viele aus seiner Sippschaft vor ihm Meier von Ganter.63 Und schliesslich wird er am 18. November 1638 auf Vorschlag der Gemeinde Mund zum Richter und wie einst sein Vater zum Grosskastlan des Zenden Brig gewählt. Die Wahl sei »unanimi voto et applausu« erfolgt, vermerkt Stockalper und vergisst nicht zu erwähnen, dass er erst 29 ½ Jahre alt ist, als ihm diese Ehre zuteil wird.64
Der Grosskastlan ist das wichtigste Amt im Zenden. Er beruft den Zendenrat ein und setzt dessen Beschlüsse um. Er steht der Verwaltung vor, führt die Kasse, verteilt die Pensionen aus dem Soldbündnis mit Frankreich, verwahrt die »insignia desenalia«, die Waage, das Zendensiegel und das Zendenschwert, das Stockalper nun an feierlichen Anlässen als Hoheitszeichen für die Unabhängigkeit des Zenden vom Fürstbischof trägt. Hauptamtlich ist er Zendenrichter, der die Gerichtsbarkeit verantwortet und erstinstanzlich Urteile fällt. Darüber hinaus vertritt der Grosskastlan nach aussen die Interessen des Zenden, pflegt Kontakte, führt die Korrespondenz und Verhandlungen, schliesst Abkommen mit andern Zenden und fremden Orten. Er beruft auch die Boten des Zenden zum Landrat in Sitten, an dem er meist selbst teilnimmt und damit auch auf Landesebene Einfluss und Respekt gewinnt.65
Damit bringt sich Kaspar Stockalper geografisch entlang der Simplonroute in Stellung und dehnt seinen Einfluss sowie seine Hausmacht rasch vom Lokalen ins Regionale aus. Das Kastlanat Zwischbergen-Gondo an der Landesgrenze auf der Südseite des Simplons, wo er schon drei Jahre zuvor vorausschauend sein Burgerrecht hat erneuern lassen, ist für ihn von besonderer Bedeutung, denn als Kastlan ist er auch dort Richter und hat in allen politischen, wirtschaftlichen und finanziellen Angelegenheiten das bestimmende Wort. Schon nach einem Jahr ist er so gefestigt, dass er das Amt abgeben, seinen Bruder Anton Stockalper als Nachfolger installieren und sich Brig zuwenden kann. Gewählt als Grosskastlan des Zenden Brig, steht er auch diesseits des Simplonpasses in der Schlüsselposition als Chef der Zendenregierung, der Legislative und der Judikative. Schon in dieser ersten Phase seines politischen Aufstiegs ist im Keimstadium erkennbar, was Stockalpers Erfolg in den kommenden Jahrzehnten wesentlich ausmachen wird: Es ist diese systematisch angestrebte und fortlaufend realisierte engste Verzahnung von wirtschaftlichen und politischen Aktivitäten, die sich gegenseitig bedingen und verstärken. Mit Stockalpers Wirtschaftskraft wächst sein politischer Einfluss, und seine politische Macht potenziert seinen wirtschaftlichen Erfolg.
Stockalpers Einstieg ins Bergbaugeschäft und in die Politik wird von einem traurigen Ereignis überschattet. Mitte März 1638 zwingt ein starkes Fieber seine junge Frau Magdalena Zum Brunnen ins Bett. Tagelang harrt Stockalper am Krankenlager aus. Dann schwindet die Hoffnung, die junge Mutter erhält die Sterbesakramente. Wie eine weisse, marmorne Madonna hält Stockalper sie in den Armen, als sie das apostolische Glaubensbekenntnis betet und ihren letzten Atemzug tut. »Am Mittwoch, den 28. März, um Mittag starb zu unser aller größten Trauer meine inniggeliebte Gattin Magdalena Zum Brunnen am 14. Tage ihrer Krankheit, nachdem sie von heftigem Fieber und Irrwahn befallen wurde und mit der hl. Eucharistie und letzten Ölung versehen worden war; sie zählte 18 Jahre und 8 Monate. Wie der sterbende Schwan sang sie vor ihrem Hinscheid mit heller Stimme die Worte ›die Lebenden wie die Toten‹ und gab in meinen und anderer Arme friedlich ihre Seele Gott zurück, während ihr Leichnam eine schimmernd weiße Gestalt annahm. – Nach zwei Tagen wurde sie unter großer Anteilnahme – da bereits das dritte Grab ihr die Aufnahme verweigerte – durch Zulassung Gottes endlich in jener prächtigen St. Anna-Kapelle zu Glis bestattet. Dies geschah ohne Zweifel, damit ich dieses nicht