Courage. Im Schatten des Nanga Parbat 1934. Bettina Hoerlin
Gegenübern, und nach außen hin zwischen Unabhängigkeit und Zugeständnissen an die Nationalsozialisten. In ständigen Verhandlungen mit Bauer und dem Reichssportführer versuchte der Exekutivausschuss des Vereins einen gewissen Grad an Souveränität zu behalten und sich der Gleichschaltung zu widersetzen. In diesen Gesprächen stellte sich Hoerlin eisern gegen jede Form der Nazifizierung. Er war ein Dorn in Bauers Auge.
Während die Vereinspolitik einen großen Teil seiner Zeit beanspruchte, setzte der aufstrebende Doktorand seine Forschungen auf dem Gebiet der kosmischen Strahlung fort. Im Sommer 1933 reiste er nach Nordnorwegen, wo „… das Land der Mitternachtssonne und Eisberge die Eisfälle des Himalayas in den Schatten stellte“120, und anschließend in die Schweiz. Auf letzterer Etappe begleitete ihn der Sohn von Erich Regener, der 21-jährige Victor, der später ebenfalls ein Physiker werden sollte.121 Ihr Ziel war die internationale Forschungsstation auf der „Sphinx“ unterhalb der Jungfrau, einem der bekanntesten Alpengipfel. Mit einer Höhe von rund 3500 Metern war sie weit von der höchsten Messstation meines Vaters auf 6100 Metern in Peru entfernt. Seinen Bau verdankte das Laboratorium der Jungfraubahn, Europas höchster Zahnradbahn, mit der das schwere Baumaterial transportiert wurde. Dieses Wunder der Ingenieurskunst war 1912 eingeweiht worden und leitete genau jene Art von Tourismus ein, gegen die sich der Alpenverein aussprach. Achtzehn Jahre später sah man die Bahn in einem anderen Licht. Sie hatte jene Art von wissenschaftlichen Forschungen ermöglicht, die der Verein unterstützte: Forschungen in der Medizin, Meteorologie, Glaziologie, Astronomie, und – natürlich – zur kosmischen Strahlung.122 Diese Forschungsfelder umfassten auch die wissenschaftlichen Tätigkeiten der meisten Himalaya-Expeditionen dieser Zeit.
Auf dem Rückweg von einem seiner Forschungsaufenthalte im Höhenforschungszentrum machte Hoerlin in Zürich Halt und besuchte seinen alten „Bara Sahb“123, Günter Oskar Dyhrenfurth, den Leiter der Internationalen Himalaya-Expedition von 1930. Dieser organisierte gerade eine weitere internationale Expedition in das Karakorum-Gebirge, einer beeindruckenden Gruppe von Sieben- und Achttausendern im heutigen Pakistan.124 Dyhrenfurth hatte an Erwin Schneider geschrieben: „Wir setzen hier Himmel und Hölle in Bewegung, um unsere Karakorum-Expedition 1934 auf die Beine zu stellen. Wenn es zum Klappen kommt, wie ich dringend hoffe, so kann ich doch auf Deine und Pallas’ geschätzte Mitwirkung bestimmt rechnen? Hoffentlich kann auch Uli [Wieland] wieder mitmachen.“125 Vier Tage zuvor hatte Hoerlin einen Brief eines anderen ausgezeichneten Bergsteigers erhalten. Willy Merkl stellte ein Team deutscher Bergsteiger für eine Expedition zum Nanga Parbat (8125 m) zusammen, einem weiteren Achttausender, rund 150 Kilometer südwestlich des Karakorum, auf der anderen Seite des Industals.
Beide Großexpeditionen planten zum Frühlingsbeginn 1934 zu starten und suchten sowohl um die Unterstützung des Alpenvereins wie auch um die Teilnahme von Hoerlin, Wieland und Schneider an, die allesamt erstklassige Bergsteiger mit Himalaya-Erfahrung waren. Jede dieser Expeditionen wurde auf unterschiedliche Weise von der Politik der Nazizeit geprägt. Schneider war davon überzeugt, dass die Karakorum-Expedition eigentlich keine Chance auf deutsche Unterstützung besaß, weil sie einen internationalen und keinen nationalen Charakter hatte – und wegen Dyhrenfurth persönlich. Obwohl Dyhrenfurths Familie seit Generationen in Deutschland assimiliert war, galt Dyhrenfurth als „Judenstämmling“. Oder wie es Schneider formulierte: „Mit seinem Geburtsfehler wird er im Dritten Reich kaum mehr einen Blumentopf gewinnen können …“126 Zudem kam seine Frau Hettie aus einer angesehenen jüdischen Familie.
Sowohl Merkl als auch Dyhrenfurth übten unabhängig voneinander Druck auf Pallas, Schneider und Wieland – die „bösen Knaben aus dem Dritten Reich“, wie sie sich selbst nannten127 – aus, sich ihren jeweiligen Expeditionen anzuschließen. In seiner Einladung an Hoerlin128 warf Merkl den zusätzlichen Köder aus, Hoerlins zahlreiche Forschungsinstrumente mitzunehmen. Obwohl sie sich noch nie zuvor getroffen hatten, verfolgte Merkl diesen Weg hartnäckig: Ende Juli kam er nach Stuttgart, um Hoerlin und Professor Regener zu treffen,129 und im September besuchte er Hoerlins Forschungsprojekt auf dem Jungfraujoch.130 Er wusste, dass die wissenschaftlichen Aufgaben des Physikers der Expedition gegenüber dem Alpenverein zusätzliche Glaubwürdigkeit verleihen würden. Es war nicht eindeutig, ob Hoerlins Teilnahme an der Expedition für Merkl wegen dessen bergsteigerischem Können, seiner wissenschaftlichen Arbeit oder seiner Position im Alpenverein attraktiv war. Höchstwahrscheinlich wollte der politisch behände Merkl ihn aus allen drei Gründen.
Merkl versuchte, auch Schneider zu gewinnen, der aber für dessen Offerten nicht empfänglich war und sich dafür aussprach, bei Dyhrenfurth mitzumachen: „Wir kennen B.S. [Bara Sahb] genau, uns kann er nicht mehr viel vormachen, wir wissen auch, dass wir ihn sicher beeinflussen können und mit ihm gut auskommen werden. DAS WISSEN WIR ALLES VON MERKL NICHT! [Hervorhebung durch Schneider]“131 „Merkl ist, trotzdem er sicher ein netter Kerl ist, eitel und eingebildet und ein Dickschädel.“132 Dies schienen drei schwere Breitseiten gegen einen „netten Kerl“, aber im Verlauf der Expedition zeigte sich, dass Schneider Recht hatte. Schneider stellte auch Merkls Ruf in Frage. Seine Nanga-Parbat-Expedition 1932 war schlecht organisiert und von Unzufriedenheit der Träger geplagt gewesen. Das Zusammenspiel des Teams war aus dem Ruder gelaufen, was zu gegenseitigen Schuldzuweisungen und zum Zusammenbruch der Geschlossenheit geführt hatte. Würde sich diese Führungsschwäche 1934 wiederholen?
Ein wesentlicher Punkt für Schneider war, an welcher Expedition seine vertrautesten Partner Pallas und Wieland teilnehmen würden. Obwohl Letzterer ein weniger erfahrener Bergsteiger als Schneider oder mein Vater war, wären seine beständige Heiterkeit, Gelassenheit und Antrieb ein wertvoller Beitrag zur Expedition. Der ruhige Mann hielt sich mit einer Verpflichtung zurück und wusste nicht, wofür er sich entscheiden sollte.133 Im August neigte er dann aber zu Merkl, nachdem er mit ihm in der Schweiz geklettert war.134 Was aber bei Wielands Entscheidung letztendlich den Ausschlag gab, war ein Anruf des Reichssportführers von Tschammer und Osten, in dem er sich dafür aussprach, dass Wieland Merkls Gruppe beitreten solle.135 Es war schwierig, eine Bitte aus den höchsten Reihen der Regierung des eigenen Heimatlandes abzulehnen.
Hoerlin schwankte weiterhin. Er war nicht nur zwischen den beiden Expeditionen hin- und hergerissen, sondern wollte auch seine Doktorarbeit abschließen. Zudem bereitete ihm die Lage seiner Familie in Schwäbisch Hall Sorge. Sein Vater war im September erneut erkrankt und seine Schwester und Mutter mit der Verantwortung für den Familienbetrieb überfordert. Der stets ungeduldige Schneider bat Pallas in Brief um Brief darum, sich endlich zu entscheiden – wobei er mit poetischen Anreden wie „faules Schwein“, „Süßer“ oder „alte Rübe“ nicht sparte. „Lass Dir das alles durch Deinen Krautschädel gehen und schreibe mir möglichst bald Deine Ansicht, die mir immerhin wichtig erscheint.“136 Den eigenen würdevollen Vater auf so eine Weise angeredet zu lesen, amüsierte mich auch fast 80 Jahre später noch.
Im November fällte Hoerlin seine Entscheidung. Obwohl er Merkls vermeintliches Interesse an wissenschaftlichen Forschungen anerkannte, hinterfragte mein Vater dessen Führungsqualitäten und war über den zunehmenden nationalistischen Unterton der Nanga-Parbat-Expedition beunruhigt. Umgekehrt war er nervös, dass Dyhrenfurth seine Fehler bei der Organisation vom Kangchendzönga im Karakorum wiederholen würde. Doch endgültig entschieden wurde die Sache am 10. November, als sein Vater im Alter von 69 Jahren starb. Der Mann, der ihn wie kein anderer ermutigt hatte, unbekannte Horizonte zu suchen, war nicht mehr. Als mein Vater einmal schrieb, „Es ist ein alter Trieb […] der Trieb in die Ferne, die Sehnsucht in die weite Welt“,137 war dies ein Echo der Gefühle seines eigenen Vaters, der niemals die Möglichkeit hatte, selbst diesem Trieb zu folgen. Adolf Julius Hoerlin hatte die Gabe, sich über die Leistungen seines Sohnes als Entdecker, Bergsteiger und Wissenschaftler auf drei Kontinenten mitfreuen zu können. Doch nun war es Zeit für den Sohn, die Erinnerung an seinen Vater zu würdigen, indem er Verantwortung zuhause übernahm und seiner Mutter und Schwester im Laden aushalf sowie sein Studium abschloss. Vorerst zumindest war die Besteigung eines Achttausenders aus Pallas’ Plänen gestrichen.
KAPITEL 5: SCHICKSALSBERG
Nach dem