Courage. Im Schatten des Nanga Parbat 1934. Bettina Hoerlin

Courage. Im Schatten des Nanga Parbat 1934 - Bettina Hoerlin


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Institut mit seinem relativ hohen Anteil an Juden deutlich gespannt. Im Frühjahr 1933 erließ Hitler eine Vielzahl von Gesetzen, die über das Ermächtigungsgesetz hinausgingen und den Schraubstock seiner Macht anzogen. Das erste, welches im April genehmigt wurde, war das einzige offene Antisemitismus-Gesetz, das in Deutschland nach 1871 zur Anwendung kam. Das „Berufsbeamtengesetz“ ermöglichte es rechtlich, Bürger bzw. Beamte rein auf Basis ihrer Rassenzugehörigkeit aus dem Dienst zu suspendieren. Dazu genügte ein einziger jüdischer Großelternteil.94 Da das Universitätswesen verstaatlicht war, galten alle Angestellten als Staatsbeamte und mussten einen Beleg für ihre arische Herkunft vorlegen. Schlussendlich diente das Gesetz dazu, die Universitäten von Juden zu „säubern“. Hitler verachtete Universitäten, die Bastionen des intellektuellen Diskurses. Diese leisteten nur geringen Widerstand, und es wird geschätzt, dass allein 1933 an die 1200 Juden aus universitären Posten entlassen wurden.95

      Nachdem Hoerlin ausgedehnte Dokumentationen seines Familienhintergrunds vorgelegt hatte, wurde er am 29. Mai 1933 als vollblütiger Deutscher und Christ beglaubigt.96 Dies bereitete ihm allerdings wenig Freude. Die Karrieren so einiger Arbeitskollegen und enger Freunde wurden durch das neue Gesetz abrupt beendet. Der höchste Beamte der Universität, der Physiker Peter Paul Ewald,97 hatte eine jüdische Mutter und einen halbjüdischen Vater. Ewald, einer von Hoerlins meistgeachteten Professoren, hatte das Physikalische Institut gegründet und war 1932 zum Rektor der Universität ernannt worden. Mit der Einführung des Berufsbeamtengesetzes konnte er diesen Posten nicht länger innehaben.

      Das Gesetz vom April, welches zunächst auf Juden angewandt wurde, wurde im Juni auf Arier ausgeweitet, die mit Juden verheiratet waren. Ein Doktorandenkollege Hoerlins wurde als „politisch inkorrekt“ gebrandmarkt, da er mit einer Jüdin liiert war und zur politischen Linken tendierte. Er hatte die Pflegetochter Regeners, des Doktorvaters von Hoerlin, geheiratet. Auch Regener selbst war betroffen, da seine Frau Jüdin war. Naiv hoffte er, dass das Schlimmste vorbei war und konnte sich nicht vorstellen, dass die Judenverfolgung und die Zerstörung des akademischen Lebens in Deutschland gerade erst begonnen hatten.

      Die meisten Universitätsstudenten waren enthusiastisch über den Regierungswechsel und begrüßten den Nationalsozialismus trotz seiner Bedrohung für den vortrefflichen Ruf der deutschen Wissenschaft. Mit der strategischen Brillanz, die nicht selten den Ausbau ihrer politischen Macht auszeichnete, hatten die Nationalsozialisten seit 1926 eifrig den Aufbau einer schlagkräftigen Studentendivision vorangetrieben. Die Mitglieder des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbunds trugen braune Hemden mit Hakenkreuzen und leiteten turbulente pro-nationalsozialistische Versammlungen. In unausweichlicher Folge wurden diese Versammlungen durch antisemitische Schlachtrufe aufgeheizt und endeten meistens in wahllosen Demütigungen und Verprügelungen von Juden.

      Im Frühjahr 1933 organisierte der Studentenbund eine Kampagne zur Bücherverbrennung, um Deutschland von jüdischer und anderer ausländischer oder verräterischer Literatur zu „reinigen“. Die Kampagne startete im April mit der Ankündigung einer „Aktion wider den undeutschen Geist“. Der Plan für die Maifeierlichkeiten sah Fackelzüge, Marschmusik, Nazilieder, Reden von Naziführern und, am dramatischsten von allem, riesige Freudenfeuer vor, in die als undeutsch bezeichnete Bücher geworfen wurden. Darunter waren Bücher jüdischer Autoren wie Sigmund Freud, Albert Einstein und Leon Trotzki, aber auch nicht-jüdischer Autoren wie Helen Keller, Ernest Hemingway und Jack London. Auf der Berliner Bücherverbrennung vom 10. Mai 1933 verkündete der Reichspropagandaminister Joseph Goebbels:

       „Deutsche Männer und Frauen! Das Zeitalter eines überspitzten jüdischen Intellektualismus ist nun zu Ende […] Und deshalb tut ihr gut daran, um diese mitternächtliche Stunde den Ungeist der Vergangenheit den Flammen anzuvertrauen. Das ist eine starke, große und […] symbolische Handlung – eine Handlung, die vor aller Welt dokumentieren soll: Hier sinkt die geistige Grundlage der November-Republik zu Boden, aber aus diesen Trümmern wird sich siegreich erheben der Phönix eines neuen Geistes.“ 98

      Goebbels hatte Recht, was den neuen Geist betraf. Über 25.000 Bücher wurden verbrannt und die Bewegung breitete sich von den Universitätsstädten auf Städte in ganz Deutschland aus. Es war eine beängstigende Vorschau auf jene Zensur, welche die nationalsozialistische Regierung in der Zukunft praktizieren würde. Über hundert Jahre zuvor hatte der deutsch-jüdische Dichter Heinrich Heine auf schaurige Weise prophezeit: „Wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“99

      In Stuttgart wurden plündernde Gruppen von Studenten im letzten Moment davon überzeugt, den jüdischen Bibliothekar, den sie als des Teufels Assistenten ansahen, weil er aus ihrer Sicht fragwürdige Bücher erwarb, nicht zu belästigen. Gerüchten zufolge war der „politisch inkorrekte“ Regener ebenfalls ein Ziel. Als Hoerlin dies hörte, ernannte er sich sofort zum Wächter der Familie Regeners. Bewaffnet mit seinem Eispickel zog der unerschrockene Bergsteiger in ihr Appartement über dem Hörsaal des Physikalischen Instituts und schlief auf dem Boden hinter der Eingangstür, bereit gegen aggressive junge Schläger Widerstand zu leisten. Mit seiner Größe von über 1,85 Metern und auf der ganzen Universität für seine bergsteigerischen Taten bekannt, war Hoerlin eine furchterregende Abschreckung für jeden Aufwiegler. Das Haus der Regeners war sicher. Fünfzig Jahre später sollte Regeners Sohn die Güte meines Vaters zurückzahlen.

      Kurz nach seiner Rückkehr aus Peru war Hoerlin wieder bei seiner Familie in Schwäbisch Hall, die erleichtert war, ihn wieder bei sich zu haben. Sein Vater, der großes Vertrauen in die bergsteigerischen Fähigkeiten seines Sohnes besaß, hatte sich mehr über die Gefahren der blutigen Revolution in Peru gesorgt als über die einer Besteigung der höchsten Gipfel.100 Seine Schwester, bei der kurz zuvor Tuberkulose diagnostiziert worden war, freute sich besonders, ihn wiederzusehen. Auch sie hatte sich Sorgen gemacht. In ihrer ausgedehnten Korrespondenz mit dem Bruder in Peru hatte sie ihm mitgeteilt, dass der für den 15. August geplante Südamerika-Flug des deutschen Zeppelins – des Stolzes der Nation – aufgrund von politischen „Wirren“ gestrichen worden war. Seine Mutter, für die gutes Essen Medizin gegen die meisten Ängste war, bereitete seine Leibspeise zu: Bärlauchsuppe, Spätzle, Rotkraut und Würste mit viel Senf. Die Gespräche während des Abendessens machten meinem Vater aufs Schärfste bewusst, wie sehr das neue nationalsozialistische Regime Schwäbisch Hall bereits erreicht hatte und alle Gefahren in den Schatten stellte, denen er in Südamerika begegnet war. Das typisch schwäbische Essen war zwar köstlich, bot aber nur kurzzeitig eine Atempause von den verstörenden politischen Entwicklungen.

      Im Hause Hoerlin herrschte eine liberale Haltung. Am Tag von Hitlers Boykott jüdischer Läden und Geschäfte im April demonstrierte Adolf Hoerlin sein Missfallen, indem er seinen besten Sonntagsanzug anzog und resolut über den historischen Marktplatz von Schwäbisch Hall schritt, um sich an seine jüdischen Geschäftspartner zu wenden. Der politisch aktive Händler und Charakterkopf war zwischen 1920 und 1930 zum Stadtrat gewählt worden und war zudem ein bekanntes Mitglied der örtlichen Geschäftswelt. Seine Unterstützung der jüdischen Händler war eine unmissverständliche Nachricht an die Einwohner von Schwäbisch Hall. Zu dieser Zeit wurde selbst ein öffentlicher Händedruck zwischen Ariern und Juden schief angesehen. Bedauerlicherweise zählte mein Großvater zu einer Minderheit unter den 10.000 Einwohnern, von denen viele gejubelt hatten, als im Mai Bücher in einem gewaltigen Feuer auf dem Rathausplatz verbrannt wurden und einen schwarzen Brandfleck zurückließen. Heute erinnert ein Davidstern im Kopfsteinpflaster an den zerstörerischen Akt.

      Nach der Wahl Hitlers zum Reichskanzler wurde es üblich, Nazi-Uniformen in den Gassen von Schwäbisch Hall, Hakenkreuzfahnen an den Häusern über dem idyllischen Fluss und geometrische nationalsozialistische Graffiti an den alten Steinmauern zu sehen.101

      Unentrinnbar griff der Antisemitismus um sich; die Gifte von Feindseligkeit und Abscheu begannen die Atmosphäre bis zu dem Punkt zu sättigen, an dem Juden als „Parasiten des Volks“ gebrandmarkt wurden.102 Nazi-Funktionäre, die sich darauf konzentriert hatten, Nichtjuden einzuschüchtern, die sich mit Juden solidarisierten, begannen Sanktionen und Gesetze durchzusetzen, die religiösen Hass legitimierten. Mit erschreckender Geschwindigkeit breitete sich der Nationalsozialismus in allen Bereichen der Gesellschaft aus. Obwohl Hoerlin selbst kein Ziel von Gewalt, Intoleranz


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