Courage. Im Schatten des Nanga Parbat 1934. Bettina Hoerlin

Courage. Im Schatten des Nanga Parbat 1934 - Bettina Hoerlin


Скачать книгу
Reserviertheit und Förmlichkeit deutscher Professoren der damaligen Zeit war Regener zugänglich und freundlich. Er und seine Frau luden Studenten in ihr Haus zum Abendessen oder zu sonntäglichen Wanderungen in den Hügeln der Umgebung ein, gemeinsam mit ihrem Sohn und ihrer Pflegetochter. Mein Vater wurde ein enger Freund dieser reizenden Familie.

      Regener war einer der führenden deutschen Experten53 in einem besonders aufregenden Forschungsgebiet: kosmische Strahlung. Wissenschaftler in Amerika, der Schweiz, Holland, Österreich, Schweden und Deutschland wetteiferten darum, die Herkunft und Eigenschaften dieser hochenergetischen Teilchen zu erklären, die beim Durchdringen der Erdatmosphäre beobachtet wurden. Wo kamen sie her und wie wurden sie gebildet? Es war seit Jahrzehnten bekannt, dass Strahlung in der Luft existierte, Nach der Entdeckung der Radioaktivität 1895 glaubten die meisten Physiker, dass eine ähnliche Art Strahlung aus der Erde die vermutliche Quelle der kosmischen Strahlung sei – eine Hypothese, die bald widerlegt wurde. 1912 zeigte ein wissenschaftlicher Instrumentenballon, dass die Strahlung in 5000 Metern Höhe viermal stärker war als auf Meereshöhe, was eindeutig bewies, dass die Erde nicht die Quelle dieser Strahlung war. Ebenso wenig war es die Sonne – eine Schlussfolgerung, zu der man durch die Beobachtung gelangt war, dass die Strahlungsintensität während einer Sonnenfinsternis nicht nachließ.54

image

      Erich Regener beaufsichtigt Höhenexperimente, ca. 1927.

      ©Wikipedia Creative Commons

      Nach einer Flaute in der Forschung während des Ersten Weltkriegs wurde die Theorie von der Herkunft der Strahlung aus der Atmosphäre ebenfalls verworfen. Der amerikanische Physiker Robert A. Millikan,55 der den Begriff „kosmische Strahlung“ prägte, postulierte 1922, dass sie aus Teilchen aus dem Weltall bestünde. Darüber hinaus schloss er, dass sie die Erde mit genügend hoher Energie bombardierte, um Atome zu zertrümmern. Diese dramatische Erkenntnis erhöhte die Dringlichkeit eingehenderer Forschungsarbeiten und brachte weitere berühmte Physiker an den gemeinsamen Tisch. Zusammen mit Rutherfords Entdeckung des Atomkerns 1911 und dem Geheimnis, was ihn zusammenhielt, machte das Wesen der kosmischen Strahlung zunehmend deutlich, das es bislang ungeahnte Energiequellen gab. Obwohl es etliche Jahre dauerte, führten diese Erkenntnisse schließlich zum Atomzeitalter – einem Zeitalter, das sowohl durch nie dagewesene Schrecken und Zerstörung wie auch unangefochtene Fortschritte in Medizin und Technik gekennzeichnet war.

      Die Zeit zwischen den Jahren 1927 und 1937 war eine Periode intensiver weltweiter Forschung, mit dem Ziel, das Wesen des Bombardements mit kosmischer Strahlung und seine Herkunft zu ergründen. Die Tatsache, dass die Strahlung aus dem Weltall kam und von der Erdatmosphäre absorbiert wurde, machte ihre Erforschung in großen Höhen unumgänglich – ein weiterer Anreiz für meinen Vater. Wie er es einmal ausdrückte: „Es war nutzlos, kosmische Strahlung im Labor zu studieren, also begannen Physiker die gesamte Welt zu bereisen. Ihre Ergebnisse waren widersprüchlich – eine goldene Gelegenheit für Physiker, noch mehr zu reisen.“56 In einem Forschungsfeld mit zahlreichen Nobelpreisträgern, das stark von Konkurrenz geprägt war, wurde über Regener und seine Arbeitsgruppe gesagt, sie hätten die Entwicklung und Konstruktion von Instrumenten zur Messung der Strahlungsintensität in verschiedenen Höhenlagen „… zu einem bislang nie dagewesenen Perfektionsgrad gebracht“57, und sie wurden für ihre „weitreichenden Experimente“58 weithin bewundert.

      Kurz nachdem er 1931 sein Diplom erhalten hatte59, wurde mein Vater von Philipp Borchers60 kontaktiert. Er war einer jener Akademiker, welche ihre Forschungsinteressen mit der Liebe zum Bergsteigen verbanden. Als aktives Mitglied des Deutschen und Oesterreichischen Alpenvereins war Borchers ein starker Befürworter der beiden Ziele des Vereins, den Alpinismus wie auch die Wissenschaft zu fördern und Expeditionen, die auf beiden Gebieten tätig waren, zu sponsern.61 Für Borchers war eine Expedition in die Anden, im Speziellen in die Cordillera Blanca in Nord-Peru, eine perfekte Gelegenheit, beides zu kombinieren.62 Ihre knapp südlich des Äquators gelegenen Gipfel formen die höchste und mit über 3400 Kilometern längste tropische Bergkette der Welt. Der höchste Berg der Kette und von ganz Peru ist der Huascarán, mit 6768 m knapp unter der Siebentausend-Meter-Marke. Von seinen beiden Gipfeln war der höhere noch niemals bestiegen worden. Borchers reichte einen überzeugenden Antrag beim Alpenverein ein, der im Einzelnen die Durchführung geologischer und glaziologischer Forschungen sowie die Vermessung und Kartierung der Region als Expeditionsziele aufführte. Und, wie Borchers ergänzte, „darüber hinaus stellt sich die Frage nach der Messung kosmischer Strahlung“.63

      Anfangs war mein Vater noch vorsichtig, Borchers’ Einladung zur Expedition 1932 anzunehmen. Aber es wurde deutlich, dass sich die jeweiligen Pläne von Borchers, Regener und Hoerlin zum gegenseitigen Vorteil kombinieren ließen. Borchers suchte herausragende Bergsteiger für sein Team und wollte gleichzeitig wissenschaftliche Untersuchungen fördern. Regener hing an seinem emsigen Assistenten und sah eine Gelegenheit, die Erforschung der kosmischen Strahlung durch Beobachtungen in großen Höhen nahe dem Äquator vorwärtszubringen. Mein Vater stand gerade am Beginn seiner ernsthaften Karriere, die er nicht aufgeben wollte – und doch war da der Ruf der Berge. Südamerika war aus einem weiteren Grund besonders faszinierend für ihn: Einer der Helden seiner Kindheit, Alexander von Humboldt, war berühmt für seine Forschungsreisen auf diesem Kontinent. War dies eine Chance, in Humboldts wissenschaftliche und bergsteigerische Fußstapfen zu treten?

      Die Zeit und die Umstände waren perfekt. Rund um die Welt wurde eine hitzige wissenschaftliche Debatte um das Wesen der kosmischen Strahlung geführt – bestand sie aus Photonen oder Protonen? Protonen, die Kerne der Wasserstoffatome, sind Teilchen mit positiver elektrischer Ladung und Grundbestandteile größerer Atomkerne. Im Gegensatz dazu sind Photonen im Wesentlichen Teilchen elektromagnetischer Strahlung, d. h. Licht, und tragen keine elektrische Ladung. Einer der führenden Physiker auf diesem Gebiet, Millikan, war ein tiefreligiöser Mann und argumentierte, kosmische Strahlen seien Photonen. Er beschrieb sie populär als „Geburtsschrei“ von Atomen und behauptete, sie wären von Gott ausgesandt, um der Zunahme der Entropie („Unordnung“) im Universum entgegenzuwirken. Diese Sicht wurde von anderen Wissenschaftlern in Frage gestellt, vor allem durch Millikans Landsmann Arthur Compton, ebenfalls ein Nobelpreisträger.64 Es war ein Kampf zwischen den Nobel-Giganten, der überdeutlich anhaltende Spannungen zwischen Religion und Wissenschaft illustrierte – Spannungen, die sich bis heute fortsetzen.

      Die Antwort auf das Rätsel der kosmischen Strahlung lag im Verstehen der Auswirkungen des Erdmagnetfelds auf die Strahlung. Ein entscheidender Unterschied zwischen Photonen und Protonen ist, dass Letztere aufgrund ihrer elektrischen Ladung den Einfluss des Erdmagnetfelds spüren, während die ungeladenen Photonen dies nicht tun. Die wechselnde Stärke des Erdmagnetfelds in Abhängigkeit von der geografischen Breite bedeutet, dass sich in einem Fall die kosmische Strahlung auf den Äquator hinbewegen würde, im anderen Fall nicht. Zusammengefasst: Kosmische Strahlung würde sich nicht nur mit der Höhe unterschiedlich verhalten, wie zum Beispiel zwischen den Alpen und dem Bodensee (wo Regener Experimente durchführte), sondern auch mit der geografischen Breite – wie zwischen Stuttgart und Lima. 1932 waren drei unterschiedliche Forschungsgruppen auf der Suche nach dem Breiteneffekt: Compton mit seinem Team verteilte sich auf fünf Kontinente, Millikan bereiste den Polarkreis und schickte einen seiner Doktoranden nach Südamerika, und Regener schickte Hoerlin nach Peru.

      Die fünfzehn Monate vor der Abreise der Expedition am 31. März 1932 mühte sich mein Vater mit der Anfertigung und Verbesserung der Ausrüstung ab. Er versuchte, sie widerstandsfähig genug gegenüber der langen Reise, der Hitze und Feuchtigkeit der Tropen, dem Transport auf Maultieren und Trägern und schließlich den verheerenden Höhenstürmen zu machen. Obwohl Borchers seine Forschungen ohne Einschränkungen unterstützte, ließ ihn die Ankunft des „Reisegepäcks“ meines Vaters am Bremer Hafen nach Luft schnappen: 550 Kilo an Ausrüstung, zwei Kubikmeter im Volumen. „Du hast wohl die Kaaba aus Mekka geraubt!“, rief Borchers aus.65

      Während der fünfwöchigen Reise vertrieben sich die Bergsteiger – unter ihnen Pallas’ Kletterpartner Erwin Schneider – die Zeit, indem sie tagsüber Shuffleboard spielten (eine Art Curling


Скачать книгу