Courage. Im Schatten des Nanga Parbat 1934. Bettina Hoerlin
er im stickig heißen, von den Dieselabgasen der Motoren durchdrungenen Frachtraum des Schiffs Messungen vor, wo seine Instrumente installiert waren.66 Als das Schiff die Hitze und Feuchtigkeit des Panamakanals durchfuhr, wurden die Bedingungen an Bord unerträglich.
Bei der Fahrt durch den 77 Kilometer langen Kanal richtete sich die Aufmerksamkeit von jedem an Bord auf diesen überwältigenden Triumph der Ingenieurskunst. Ein kompliziertes System aus drei massiven Schleusen, von denen jede einzelne ein Schiff um gut 25 Meter anhob, erlaubte die Passage zwischen den großen Ozeanen Atlantik und Pazifik. Der Frachter erreichte den Pazifik Ende April, wo er bei Vollmond und unter einem sternenklaren Himmel von einem Schwarm Delfine wie von einer Eskorte begrüßt wurde. Der Zauber dieser Begrüßung der Gruppe in Südamerika verstärkte sich noch, als sie bei Sonnenaufgang die schneebedeckte Kette der Cordillera im Sonnenlicht erglühen sah. Schneider war so inspiriert von dem Anblick, dass er es „Gottes eigenes Land“ nannte – eine Bezeichnung, die er noch 35 Jahre später benutzte.67
Die Täler der Cordillera Blanca in den Anden
Die Verbindung zwischen Deutschland und Südamerika ist historisch gewachsen. Der deutsche Kosmopolit und die Inspiration meines Vaters, der Wissenschaftler, Forscher und Naturalist Alexander von Humboldt (1769–1859), hatte viele Jahre in Südamerika zugebracht. Wie sein schriftstellerisches Gegenüber, der Dichter und Freund Johann Wolfgang von Goethe, reichte Humboldts Berühmtheit über die Grenzen seiner Heimat hinaus. Unter seinen Bekannten und Bewunderern waren Napoleon, der venezolanische Unabhängigkeitskämpfer Simon Bolivar und der amerikanische Founding Father Thomas Jefferson. Humboldt legte die Grundlagen für die moderne Geografie und Meteorologie und war darüber hinaus ein Pionier bei der Erforschung des Erdmagnetfelds. Außerdem war er ein Bergsteiger, der 1802 am Chimborazo in Ecuador einen damaligen Höhenrekord von rund 5900 m aufstellte, auch wenn er den Gipfel nicht erreichte.68 Humboldts kleines Buch mit dem passenden Titel Über einen Versuch, den Gipfel des Chimborazo zu ersteigen69 hatte mein Vater mit 12 Jahren von seinem Vater geschenkt bekommen. Es begleitete Pallas auf seiner Reise nach Peru. Heute steht es in meinem Bücherregal, abgegriffen vom vielen Lesen meines Vaters, während er zweifellos davon träumte, Humboldts Spuren zu folgen. Zeit seines Lebens bewunderte Hoerlin, wie Humboldt seine Unternehmungen mit Beiträgen zur Wissenschaft verbunden hatte.70 Der Gedanke machte ihm besondere Freude, dass die Untersuchung der Effekte des Magnetismus in großen Höhen zwei bedeutende Vermächtnisse Humboldts kombinierte.
Alpamayo, der perfekte Berg
Spanische Übersetzungen von Humboldts Schriften gab es seit 1822 und sie halfen, seinen Ruf dauerhaft zu festigen. Weitere Beziehungen zwischen Deutschland und Südamerika wurden mit Handelsabkommen untermauert, mit deutschen Siedlungen und – überraschenderweise – mit zwei Sektionen des Deutschen und Oesterreichischen Alpenvereins in Chile. Dank dieser starken Verbindungen erwarteten die Einheimischen mit Freude die Ankunft der Expedition von 1932 in Peru. Als die Gruppe am 2. Mai in der kleinen Hafenstadt Casma an Land ging, stellte die peruanische Regierung alle Zollformalitäten zurück und transportierte sie (samt Gepäck) zügig nach Huaraz, der Provinzhauptstadt. Ihre Ankunft wurde mit einem offiziellen Fest gefeiert, das bis zum frühen Morgen dauerte und an dem hohe Regierungsbeamte, der oberste Verwaltungsbeamte, der Bischof und Offiziere des Militärs teilnahmen. Auf das Fest folgte die ernüchternde Nachricht von Unruhen in Peru, die einen bevorstehenden anti-imperialistischen Aufstand ankündigten.71
Meinem Vater fiel auf, dass er bereits zum zweiten Mal in ein Land kam, das am Rand einer Revolution stand. Erst Indien, nun Peru. Während des folgenden Monats erkundete die Expedition die Cordillera Negra (eine der Cordillera Blanca vorgelagerte Bergkette) und das Land wirkte friedlich. Doch als sie Yungay ansteuerten, die Stadt, die als Ausgangsbasis für eine Besteigung des Nevado Huascarán dient, schallte immer wieder Gewehrfeuer durch die Vorberge. Am 13. Juli riegelte ein Aufstand von Reformisten Yungay ab, als die Expedition gerade dabei war, Träger, Pferde und Packesel für den Marsch zur Schneegrenze auszuwählen. Fast hätten sie ihre Pläne aufgeben müssen. Eine Order war ausgegeben worden, alle Lasttiere in der Region zu beschlagnahmen, was im Endeffekt die Expedition gelähmt hätte. Die Gruppe war sehr erleichtert, als ein Stellvertreter der Revolutionskräfte Borchers zuflüsterte, er könne die Order nicht ausführen, wenn die Tiere den Ort verließen. „Den Rat befolgten wir gerne“, meinte der Expeditionsleiter72 und machte sich geschwind mit seinen Bergsteigern, neun Trägern, sechs Pferden und sieben Packeseln auf den Weg.
Während der nächsten sechs Monate bestieg das Cordillera-Blanca-Team fünf Gipfel über 6000 Meter, 14 Gipfel zwischen 5000 und 6000 Metern, und erkundete viele weitere. Unter den erkundeten Gipfeln war auch der Alpamayo, das „Matterhorn der Anden“, eine beeindruckende Pyramide, die viele für den schönsten Berg der Welt halten.73
Die bedeutendste Besteigung war die des Nevado Huascarán, der nach einem Inkafürsten und rechtmäßigen Erben des Inkareichs benannt war. Der Berg weist zwei ausgeprägte Gipfel auf. Die umstrittene Besteigung des niedrigeren Nordgipfels durch die Amerikanerin Annie Peck 1908 führte zu einer bitteren Kontroverse um die Frage, ob sie oder ihre Rivalin, Fanny Bullock Workman, den Höhenrekord für Frauen hielt. Peck bestand auf den Titel, zumal sie behauptete, der Huascarán Norte sei höher als der von Bullock Workman 1906 bestiegene Pinnacle Peak (6930 m) im Himalaya.74 Der sehr öffentliche Disput war besonders unglücklich, da beide Frauen viele Gemeinsamkeiten hatten. Beide stammten aus wohlhabenden amerikanischen Familien, waren erfahrene Bergsteigerinnen und sprachen sich für das Wahlrecht von Frauen aus – was sie nicht selten zur Zielscheibe von Verachtung und Spott männlicher Bergsteiger machte.75 Um der Stichelei die Krone aufzusetzen, hatte sich Peck vor der Besteigung des Nevado Huascarán sogar einen Schnurrbart aufgemalt.
Kletterei durch absturzbereite Eis- und Schneeblöcke am Nevado Huascarán
Vor diesem Hintergrund und anhaltenden Gerüchten, Peck habe den niedrigeren Gipfel gar nicht erreicht, setzte sich die Expedition 1932 den höheren Südgipfel zum Ziel, den Peck nicht versucht hatte. Damit erkannten sie die Besteigung des Nordgipfels durch Peck an, die dieser im Alter von 58 Jahren im sechsten Anlauf gemeinsam mit zwei erfahrenen Schweizer Bergführern gelungen war. Der Nevado Huascarán weist enorme Spalten, brüchige Schneebrücken und fürchterliche Seracs (Eisabbrüche) auf, welche den Weg zur Garganta, dem Sattel zwischen Nord- und Südgipfel, blockieren.
Nachdem sie einen Weg durch das verschlungene Labyrinth gefunden hatte, hielt die Seilschaft von 1932, bestehend aus vier Deutschen und einem Österreicher76, auf den Südgipfel zu. Sie wateten durch Tiefschnee und versuchten sich von der monotonen Stapferei abzulenken, indem sie zunächst Schritte und dann auf Vorschlag des Expeditionsarztes ihren Pulsschlag zählten. Um 17 Uhr hatten alle den Gipfel erreicht. Schnell setzten sie einen 16 Meter hohen Fahnenmast, den sie in Segmenten hinaufgetragen hatten, zusammen und hissten die peruanische Flagge „… als Zeichen des Anstands“77 auf dem höchsten Berg des Landes. Wenige Tage später reichten sie in Yungay ein Teleskop unter den skeptischen Einheimischen herum, die noch immer Zweifel an Annie Pecks Besteigung hegten.78 So sahen sie mit eigenen Augen den Beweis, dass der Gipfel „ihres“ Huascarán erreicht werden konnte: Die Flagge war noch aus 19 Kilometern Entfernung sichtbar und blieb fünf Wochen lang stehen. Die Dorfbewohner schienen mehr darüber erfreut zu sein, ihre Landesflagge auf dem Gipfel wehen zu sehen, als über die erfolgreiche Gipfelbesteigung durch die „verrückten Gringos“. Traurigerweise stürzte durch ein Erdbeben 1970 ein gewaltiger Eis- und Felsblock vom Nevado Huascarán hinab und löste einen gigantischen Erdrutsch aus, der Yungay und einen Großteil seiner 19.000 Einwohner auslöschte.
Nevado Huascarán, der höchste Berg Perus