Courage. Im Schatten des Nanga Parbat 1934. Bettina Hoerlin

Courage. Im Schatten des Nanga Parbat 1934 - Bettina Hoerlin


Скачать книгу
Vater schrieb später: „Es ist schwer, die Gefühle zu beschreiben, die uns beim Betreten des Gipfels erfüllten. Vorherrschend war zunächst sicher die Freude über den errungenen Sieg; bald überwog aber die Bewunderung der erhabensten Aussicht, die wir je gesehen haben. […] Nirgends waren wir dem Glauben der Bergvölker – ähnlich dem der alten Griechen und Römer – näher als hier: Auf den höchsten Bergen der Erde ist der Sitz der Gottheit.“42 Die beiden „Jungs aus Hall“ – mein 27 Jahre alter Vater aus Schwäbisch Hall und der 24-jährige Erwin Schneider aus Hall in Tirol – hissten die Flaggen ihrer jeweiligen Bundesländer auf dem Gipfel. Fünf Tage später begrüßten die Flaggen sechs weitere Expeditionsmitglieder, die ebenfalls den Gipfel bestiegen.43 Fünf Jahre später schrieb ein erfahrener Bergsteiger, der Nationalsozialist war, einen giftigen Brief, in dem er meinen Vater verunglimpfte, er habe nicht den „Mut“ gehabt, auf diesem Gipfel des Sieges die deutsche Flagge zu hissen.44 Die spaßige und freundschaftliche Geste von meinem Vater und Schneider war offenbar 1935 ein Schlag ins Gesicht des in Deutschland überhandnehmenden Nationalismus gewesen.

image

       Schneider und Hoerlin müde nach ihrer Besteigung des Jongsong Peak

      Im Basislager wurde Pallas’ und Erwins Erfolg mit einigen Runden Rum gefeiert. Die überglückliche Seilschaft plante sofort die Besteigung eines weiteren Gipfels, des Dodang Nyima (7150 m), der zwar etwas niedriger als der Jongsong Peak war, dafür aber technisch schwieriger.45 Nach zwei Tagen Erholung von der Besteigung des Jongsong Peak brachen sie zum Dodang auf und untermauerten damit ihren Ruf als „unersättliches“46 Paar mit „unerschöpflicher Energie“.47 Abermals kamen ihnen ihre ergänzenden Fähigkeiten zugute und ihre unterschiedlichen Stile hielten sich die Waage: Erwins Impulsivität und Beweglichkeit mit Hoerlins Bedächtigkeit und Beständigkeit. An einem kritischen Punkt, der Überkletterung eines schwierigen Überhangs, bemerkte Erwin „zu [des] Freundes seelischer Beruhigung“: „Pass auf, Pallas, gleich werde ich fliegen!“48 Der Moment der Anspannung ging vorüber, mein Vater hielt fest das Seil, mit dem er seinen Partner sicherte. Schneider „flog“ nicht, doch sowohl beim Auf- wie auch beim Abstieg wurden beide nur knapp von etlichen Lawinen verfehlt. Mit typischer Bescheidenheit, die niemandem etwas vormachte, spielte die erschöpfte Seilschaft nach der Rückkehr ins Basislager die Gefahr herunter und berichtete der versammelten Mannschaft von ihrem Erfolg. Mit Tee und Keksen wurden die beiden Bergsteiger gefeiert.

      Es war Zeit für die Expedition, zusammenzupacken. Weil sie unbedingt noch ein weiteres Königreich besichtigen wollten, führte ihr Rückweg nach Darjeeling durch Sikkim. Als die Gruppe sich der Hauptstadt Gangtok näherte, wurden sie auf einem Aussichtspunkt von den Dienern des Maharadschas empfangen. Im Schlepptau hatten sie Rennpferde aus dem Reitstall des Herrschers, welche die Bergsteiger auf direktem und schnellem Weg in die Stadt hinabtrugen – ein Abenteuer, welches ihnen mehr Angst einjagte als das Abseilen von jeder Felswand. Am selben Abend bewirtete sie der Maharadscha mit einem üppigen Festmahl in seinem Palast. Es gab viel zu feiern: Pallas und Schneider hatten einen neuen Gipfelrekord aufgestellt. Hettie hatte den Höhenrekord für Frauen gebrochen. Und von den sieben Siebentausendern, die bis zu diesem Zeitpunkt bestiegen worden waren,49 waren allein drei auf das Konto der IHE gegangen. Die Expedition hatte einen bislang unkartierten Gletscher entdeckt und weitere interessante wissenschaftliche Entdeckungen gemacht. Ein weiteres Novum war die Fertigstellung des Films, „Himatschal – Thron der Götter“, der heute als historisch wichtige alpine und kulturelle Dokumentation gilt. Niemals zuvor war eine Kamera im Himalaya den Bergsteigern bis auf einen Gipfel gefolgt und hatte jeden ihrer Atemzüge und Schritte verfolgt.50 Zur damaligen Zeit wurde er ein Klassiker. Gleichzeitig hatte die Expedition auch negative Seiten: Es hatte ein Todesopfer gegeben, Fehler wurden gemacht und nicht alles war reibungslos verlaufen. Vor allem aber blieb der Kangchendzönga unbestiegen.

      Smythe blickte mit besonders schlechten Gefühlen auf den Berg zurück: „Der Kangchendzönga ist mehr als unfreundlich; er ist durchdrungen von einem blinden, vernunftlosen Hass gegen Bergsteiger … er unterliegt keinem Gesetz … und zählt zu den gefährlichsten, verzweifeltesten Bergflanken der Welt.“ Seine Schwierigkeiten nahmen mit der Zeit nicht ab. Als der Leiter der erfolgreichen Everest-Erstbesteigung 1953, Sir John Hunt, gefragt wurde, „Was kommt als Nächstes?“, antwortete dieser: „Kangchendzönga … die technischen Probleme der Kletterei und die objektiven Gefahren sind nochmals eine Stufe höher als jene, denen wir am Everest begegneten.“ Zwei Jahre später und 25 Jahre nach dem Versuch der IHE wurde der Kantsch von einer britischen Expedition bestiegen. Aus Respekt vor dem Glauben der Einheimischen hielten die Bergsteiger einige Meter unterhalb des Gipfels an. Für diesen Moment waren die Götter besänftigt.

       KAPITEL 3: IN DEN FUSSSTAPFEN VON HUMBOLDT

      Als die Bergsteiger aus dem Himalaya zurückkehrten, wurden sie von Presse, Regierungsbeamten, den Freunden und Familien mit Lob und Auszeichnungen für ihre Erfolge überschüttet. Die Deutschen waren gebannt von der Gefahr und dem Glanz des Bergsteigens, ähnlich wie Amerikas Faszination für die Raumfahrt in den 1960er-Jahren. Mitten in wirtschaftlich harten Zeiten und den nachklingenden Folgen des Ersten Weltkriegs war das Land hungrig nach Helden. Nun hatte Deutschland sie gefunden. Über die Bergsteiger brach ein Wirbelwind von Interviews, öffentlichen Vorträgen und Auftritten herein. Gespannt wollten ihre Fans hören, wie es auf dem Gipfel der Welt (oder knapp darunter) gewesen war. Der Film „Himatschal“, der im März 1931 uraufgeführt wurde, war eine hochgepriesene Sensation und trug zum Rummel bei, als er in Deutschland, der Schweiz und Österreich die Kinosäle füllte. Der Film bot dem Publikum völlig neue Bilder von exotischen Kulturen, unfassbaren Höhen und monströsen Schnee- und Eisformationen. Die gefesselten Zuschauer fühlten sich, als hätten auch sie auf Himalayagipfeln gestanden. Der Deutsche und Oesterreichische Alpenverein war stolz auf seine drei Mitglieder – Hoerlin und Schneider, denen die Erstbesteigung des Jongsong Peak gelungen war, und Uli Wieland, dem die Zweitbesteigung glückte – und ehrte sie mit eigens angefertigten Ringen, auf deren Innenseite Jongsong, 1930 eingraviert war. Ich erinnere mich nicht, dass mein Vater jemals diesen oder einen anderen Ring getragen hat. Aber ich weiß, dass er die Auszeichnung in Ehren hielt. Jahre später, als mein erster Sohn heiratete, gab ich ihm die bescheidene Trophäe, die mit einem graugrünen Opal verziert war – eine Farbe, die an die Augen seines Großvaters erinnerte.

      Auf der Rückreise hatten Hoerlin und Schneider einen Abstecher nach Ägypten unternommen, wo sie eine andere Art der Kletterei durchführten: Sie bestiegen die Pyramiden, die Tausende Jahre lang die höchsten Gebäude der Erde gewesen waren. Von dort reisten sie weiter nach Palästina und besuchten das Tote Meer, 394 Meter unter dem Meeresspiegel. Und nachdem sie in Venedig wieder europäischen Boden betreten hatten, machten sie auf dem Rückweg nach Deutschland noch einen Umweg und bestiegen als Zugabe noch den höchsten Berg der Schweiz, Monte Rosa, über seine gewaltige Ostwand. Mit 2400 Metern Höhe ist sie die höchste Bergflanke der Alpen, weshalb ihre Dimensionen bisweilen mit dem Himalaya verglichen werden.51 Pallas und Schneider, die zuvor auf einem der höchsten Punkte der Erde und einige Wochen später an einem der tiefsten gestanden hatten, fügten nun eine der höchsten Wände der Welt zu ihrer Liste herausragender Unternehmungen hinzu.

      Nach all diesen Abenteuern war es Zeit für Hoerlin, sich anderen Aufgaben zu widmen. Er war gereift, sicherlich durch seine Reisen, aber auch durch den Mantel des Rekordhalters. In seinen Vorträgen über die Expedition, die bisweilen bis auf den letzten Platz ausverkauft waren, betonte er mehr die Schönheit der Berge als ihre bergsteigerische Leistung, und die Großartigkeit der Naturgewalten mehr als individuelle Heldentaten.52 Gleichzeitig sprach er über die Eigenschaften eines guten Bergsteigers – Verantwortungsbewusstsein, das Suchen von Herausforderungen und das Erreichen von Zielen. Diese Qualitäten wandte er nun auf eine ernsthafte Karriere als Physiker an und nahm sein Studium an der Technischen Universität Stuttgart wieder auf. Das sorglose Studentenleben wich der stetigen Arbeit an einem höheren akademischen Grad. Nun ja […] vielleicht blieb noch etwas Zeit für Kletter- und Skitouren mit alten Freunden.

      Hoerlin


Скачать книгу