Er ging voraus nach Lhasa. Nicholas Mailänder

Er ging voraus nach Lhasa - Nicholas Mailänder


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hatte genau gewusst, dass Schneider und Aschenbrenner hervorragende Chancen gehabt hätten, den Gipfel des Nanga Parbat zu erreichen und damit als erste Menschen auf einem Achttausender zu stehen. Paul Bauer plante für das Jahr 1935 einen weiteren Versuch am Kangchenjunga mit dem Ziel, das Rennen um den ersten Achttausender für sich zu entscheiden.32 Dies lässt den Schluss zu, dass Bauers folgenschwere Denunziation darauf abzielte, seine aussichtsreichsten Konkurrenten schachmatt zu setzen.

      Parallel zum Alpenverein bereitete auch Paul Bauer in Abstimmung mit dem Reichssportführer und gemeinsam mit Fritz Bechtold eine Expedition zum Nanga Parbat vor und veröffentlichte diese Absicht in der Augustausgabe der Mitteilungen des Fachamtes. Als Leiter der Expedition, die im Jahr 1937 stattfinden sollte, war derselbe Karl Wien vorgesehen, der als Hauptausschuss-Mitglied für eine Alpenvereinsexpedition zum selben Ziel gestimmt hatte.

      Nach Ausschaltung des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins als Veranstalter von Expeditionen zu den Achttausendern machte sich Paul Bauer stringent daran, die unter seiner Ägide vollzogene weitgehende Gleichschaltung des deutschen Auslandsbergsteigens institutionell abzusichern. Und zwar durch die Einrichtung der sogenannten Deutschen Himalaja-Stiftung im Jahre 1936. Mit der Geschäftsführung bedachte Paul Bauer seinen bewährten Kameraden Peter Aufschnaiter. Einen besseren Chefadministrator hätte er sich kaum wünschen können. Denn Aufschnaiter war umfassend gebildet, beherrschte eine Vielzahl von Sprachen schriftlich und mündlich fast wie ein Muttersprachler, verfügte über hervorragende Kontakte im In- und Ausland, war bienenfleißig, sehr gut organisiert, wegen seiner bescheidenen, freundlichen Art allgemein beliebt – und seinem Freund und Vorgesetzten Paul Bauer bedingungslos ergeben. Diese Loyalität kennzeichnet auch die von Peter Aufschnaiter im Jahr 1939 verfasste Darstellung des Gründungsprozesses der Himalaja-Stiftung:

      Als Fritz Bechtold die Nanga-Parbat-Kundfahrt 1934 nach ihrem tragischen Ende in die Heimat zurückgebracht hatte, tat er sich mit Paul Bauer zusammen, und beide setzten einen Gedanken in die Tat um, der bei den Teilnehmern der beiden Kantschfahrten schon lange im Keim vorhanden gewesen war: Sie schufen einen Mittelpunkt für die deutschen Himalaja-Unternehmungen, der in den Wechselfällen des Schicksals mehr Beständigkeit hat als das Leben eines einzelnen. Bechtold und Bauer gründeten im Verein mit dem Reichssportführer die Deutsche Himalaja-Stiftung. Der Reichssportführer stattete sie mit RM 5000.– aus, Fritz Bechtold stiftete RM 5000.– aus den Erträgnissen des ersten Nanga-Parbat-Films, Paul Bauer stiftete gleichfalls RM 5000. – aus den Honoraren für Bücher, Veröffentlichungen und Vorträgen über die beiden Kantschfahrten, die er verwaltete. […]

      Im Mai 1936 wurde die Stiftung von der Regierung genehmigt mit dem Zweck, bergsteigerische Kundfahrten in den Himalaja und andere entlegene Gebirge durchzuführen und zu fördern und Mittel für diesen Zweck zu werben. […]

      Abgesehen davon, dass diese Schilderung ein Musterbeispiel ist für die Umdeutung einer feindlichen Übernahme in eine der Förderung des Bergsteigens verpflichtete Mission, enthält sie auch eine aufschlussreiche sachliche Ungenauigkeit. Denn tatsächlich begannen die Vorbereitungen für die Kundfahrt zum Siniolchu nicht erst 1936, sondern sie waren bereits Ende November 1935 in vollem Gang. Dies geht aus einem in englischer Sprache verfassten Brief an den Privatsekretär Seiner Hoheit des nepalesischen Maharaja in Kathmandu hervor, den Paul Bauer am 27. November 1935 unterzeichnete:

      „[…] eine kleine Gruppe von drei oder vier deutschen Bergsteigern unter meinem Kommando beabsichtigt zwischen den Monaten August und Oktober nächsten Jahres, 1936, die Besteigung einer Reihe von hohen Bergen durchzuführen, die an der Grenze zwischen Sikkim und Nepal, liegen – nicht jedoch des Gipfels des Kangchenjunga selbst. […] Wir […] bitten demütig darum, sollte dies notwendig sein um Leben zu retten, mit Erlaubnis Seiner Hoheit nepalesischen Boden betreten zu dürfen, wobei wir versprechen, das Territorium Nepals so schnell wie möglich zu verlassen und nach Sikkim zurückzukehren über die Pässe Lhonak La, Jonsong La oder Kambachen, Tseram, Talung La oder Kann La. […] Ich vertraue darauf, dass Ihre Hoheit geneigt sein dürfte, unsere Anfrage zustimmend zu beantworten.

      Ich habe die Ehre, sehr geehrter Herr, als Euer allergehorsamster Diener zu verbleiben.

      Paul Bauer

      Führer der Deutschen Himalaja

      Höchstwahrscheinlich dürfte der Unterzeichnende diese ehrerbietigen Zeilen nicht selbst verfasst haben, sondern sein Freund Peter Aufschnaiter.

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      Die Rakhiotflanke des Nanga Parbat, von der Gegend um die Märchenwiese aus gesehen.


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