Was fehlt, wenn uns die Tiere fehlen?. Simone Horstmann
vor Darwin das Verhältnis der unterschiedlichen Spezies dieser Erde noch als eine hierarchische Kette bzw. Stufenabfolge – eine scala naturae – verstanden haben, so fällt eben dieser hierarchische Ordnungstypus zur Erklärung der Naturprozesse und des Verhältnisses der verschiedenen Arten untereinander bei Darwin nahezu vollständig aus.
Die Ahnung einer urtümlichen Nähe
Die Verästelungen in seiner Skizze verlaufen sich hin zu vorläufigen Endpunkten, die Darwin mit Buchstaben markiert hat: Sie dürften konkrete Spezies bezeichnen, mit denen er sich zu dieser Zeit beschäftigte. Darwin selbst war offensichtlich klar, dass eine derartige Beschreibung des Lebens und des Zusammenhangs verschiedener Arten einen Paradigmenwechsel gegenüber dem bisherigen Denken der Biologie bedeutete – und durchaus einem regelrechten Schock für die überkommene Biologie gleichkam. Er beschreibt die Entwicklung des Lebens nicht mehr linear und zielgerichtet, d. h. nicht mehr teleologisch in dem Sinne, dass die – von nun an nur noch vorläufigen – Endpunkte der Verästelungen Spezies beschreiben, auf die hin der vorherige Verlauf der Entwicklung zwangsläufig angelegt wäre, so wie man zuvor insbesondere vom Menschen als einer unveränderlichen, immer schon gottgewollten und daher auch unveränderlichen Spezies gedacht hatte. Darwins Verständnis der Evolution des Lebens stellt uns den Ausschnitt eines riesigen Netzes vor Augen, das die unterschiedlichen Arten miteinander verbindet und in dem keine Spezies in grundlegender, essentieller Art und Weise von den anderen getrennt ist.
Neben dem ‚Baum des Lebens‘, der in dieser knappen Skizze der später umfassend ausgearbeiteten Evolutionstheorie vorausgreift, ist aber eine weitere Eigenheit dieser Notizbuchseite bemerkenswert. Und anders als die Skizze vom ‚Baum des Lebens‘ übersieht man diese Eigenheit womöglich – zumindest hat selbst die Wissenschaftsgeschichte ihr bislang wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Denn Darwin leitet seine Notiz zunächst ganz unauffällig mit den Worten „I think“ – „Ich denke“ ein; unmittelbar danach jedoch bricht sein Nachdenken scheinbar unvermittelt ab. Der Satz endet, noch bevor er wirklich begonnen hat, weil das, was dann folgt, derart unerhört und neu ist: Es gibt im Reich des Lebendigen keine substantiellen Unterschiede zwischen den einzelnen Wesen. Sie unterscheiden sich, aber lediglich graduell. Das Leben, das sie miteinander teilen, gleicht jenem verzweigten Netz, das Darwin 1837 zeichnet.
Jenseits der Sprache
Der abgebrochene Satz bezeugt, dass diese Einsicht selbst für den jungen Darwin kaum fasslich schien. Keine Worte erklären hier das Gemeinte, lediglich ein Bild, eine kleine Strichzeichnung. Unser gewohntes Wahrheitsmedium, die Sprache mit ihrer eigenen menschlichen Logik, versagt hier zunächst – Darwin muss allem Anschein nach das Ausdrucksmedium wechseln, um sich – zunächst wohl auch sich selbst gegenüber – noch irgendwie verständlich machen zu können. Seine Sprache weicht dem bildhaften Eindruck von der Nähe und Verwandtschaft aller lebendigen Wesen. Und Darwins Erschrecken, das sich im Abbruch des gerade begonnenen Satzes ausdrückt, ist möglicherweise auch das Erschrecken eines Theologen: Bevor Darwin sich auf seine biologische Laufbahn eingelassen hat, studierte er einige Zeit auch Theologie in Cambridge. Und obwohl er rasch mit der Theologie brach, mag man darüber spekulieren, ob sein Staunen, das sich in der Skizze von 1837 ausdrückt, nicht auch theologische Wurzeln hat.
Wer heute – mehr als 180 Jahre nach Darwins Notizbucheintrag – nach dem Verhältnis des Menschen zu den anderen Tieren fragt und auf dieses Netz der vielfältigen Verwandtschaften blickt, erfährt das Artensterben, den Verlust der Lebensräume von Tieren, ihr leises und oft nahezu unmerkliches Sterben, als einen familiären Verlust, zumindest als eine eigentümliche Erschütterung, für die uns heute die Worte ebenso fehlen, wie sie Darwin 1837 bereits zu fehlen schienen. Was genau also drückt sich aus in unseren Klagen über das Sterben und Aussterben jener unzähligen Tiere und Tierarten? Seit es die Menschen gibt, haben sie sich stets in einer Umgebung wiedergefunden, die von anderen Tieren bevölkert war. Die Hand, die wir heute über den Kopf eines Hundes gleiten lassen, wiederholt wohl eine der ältesten Erfahrungen des Menschen. Lange bevor es den Menschen als solchen gab, gab es immer schon andere Tierspezies.
Seit dem sich in den letzten Jahren ein Bewusstsein dafür durchgesetzt hat, dass mit der ökologischen Katastrophe die Möglichkeit der völligen und unwiederbringlichen Vernichtung vieler tausender Tierarten in greifbare Nähe rückt und vielfach bereits eingetreten ist, fragen viele Menschen danach, wie unser Umgang mit Tieren sein soll. Was bedeutet uns das Aussterben einer Art? Warum schmerzt es uns so sehr, jede Minute einen neuen, unwiederbringlichen Verlust beklagen zu müssen?
Menschen als „Inter Spezies“-Wesen
Viele neuere Lebensentwürfe und soziale Bewegungen verstehen sich als dringend nötige Antworten auf die Folgen des Anthropozän. Neue Allianzen von Tier und Mensch werden sichtbar. Sie alle fürchten aus gutem Grund das, was noch nie war: die entsetzliche Möglichkeit einer zukünftigen Menschheitsgeschichte ohne die anderen Tiere.
Wir dürfen wohl annehmen, dass die Tiere dem Menschen nicht nur ein Apriori, die Bedingung aller Erfahrung, sondern zugleich die prima experientia, die erste und vielleicht fundamentalste Erfahrung waren. So betrachtet gab es den Menschen immer nur als Interspezies-Wesen: Er existierte und existiert bis heute nur als Wesen „inter-spezies“, also „zwischen den (anderen) Spezies“, ganz so, wie Darwins Skizze es erahnen lässt: umgeben und in der erlebten Nähe zu anderen lebendigen Tieren. Damit ist nicht der Versuch gemeint, ein weiteres Mal ein Alleinstellungsmerkmal des Menschen formulieren zu wollen. Vielmehr geht es um die Erfahrung, dass etwas in den (anderen) Tieren in uns älteste Resonanzen auslöst und uns an eine urtümliche Nähe erinnert. Lange bevor die Rede von den Interspezies-Beziehungen zu einer normativen Forderung der neueren ökologischen Ethiken im Angesicht des drohenden Verschwindens unzähliger Arten und Individuen wurde, war sie eine angemessene Umschreibung für das menschliche Dasein zwischen den anderen Lebewesen. Dieses Buch ist daher auch eine Spurensuche: Es fragt in sechs unabhängig voneinander lesbaren Essays nach den vielfältigen Beziehungen zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Tieren, nach der Dimension, der Wirklichkeit und Fassbarkeit des „Inter“ der Interspezies-Beziehungen.
Die Litanei von der insektenfreien Windschutzscheibe
Aus dieser Perspektive heraus fällt zugleich auf, dass die heute üblichen Klagen gerade dieses Moment der Verbundenheit außen vor lassen: Zwar kommt heute kaum ein Gärtner ohne den materialgewordenen Entschuldigungsgestus eines „Insektenhotels“ aus – ein letztes, beschauliches (und meist vollkommen fehlkonstruiertes) Refugium für jene Wildtiere, deren Namen wir längst vergessen haben, bildet nicht selten einen Ausdruck für die dem Menschen offenbar eigene Synthese aus Tatendrang und Hilflosigkeit. Und welche Großstädterin weiß heute nicht die „Litanei von der insektenfreien Windschutzscheibe“ zu rezitieren? Heute, so besagt diese omnipräsente Klage, kleben kaum noch tote Insekten an den Windschutzscheiben der Autos, mit denen wir zuvor unseren kilometerweiten Weg zur Arbeit und zurück hinter uns gebracht haben. Diese Klage übersieht einerseits nur allzu oft, dass sie mit dem beklagten Symptom auch zumindest eine Ursache für selbiges andeutet; andererseits liefert sie mit der „Windschutzscheibe“ eine grundehrliche Metapher, die Auskunft über das vorherrschende Verhältnis zwischen uns und den anderen Tieren gibt: Wir stehen ihnen demnach wie von einer gläsernen Scheibe getrennt gegenüber; von Verbundenheit kann hier keine Rede sein, obwohl die Metapher genau dies ja zugleich als einen Mangel beklagt. Wogegen richten sich also Versuche wie diese? Was genau fehlt, wenn uns die Tiere fehlen? Die „Litanei von der insektenfreien Windschutzscheibe“ scheint jedenfalls darauf hinzudeuten, dass dieses Fehlen bereits real und greifbar geworden ist, und uns aber zugleich auch – fatalerweise – jene Mittel abhandengekommen sind, mit denen wir dieses Fehlen angemessen beschreiben können.
Aus diesem Grund ist es ein zentrales Anliegen dieses Buches, das „Fehlen“ der Tiere so zur Sprache zu bringen, dass es sich von den vorherrschenden Problembeschreibungen abhebt: Weder geht es hier um eine rein ökologische