Die falsch gestellten Weichen. Von Kuehnelt-Leddihn Erik

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geldsparend!) Nun wird man vielleicht einwenden, daß zumindestens die Gleichheit vor dem Gesetz gerecht sei, aber auch das ist eine fausse idée claire, eine klare, aber falsche Idee. Denn der Volljährige und der Minderjährige, der Gebildete und der Ungebildete, der Betrunkene und der seiner Sinne Mächtige, der Hungernde, der seine Familie nicht ernähren kann,31) und der Playboy, der stiehlt, um Spielschulden zu begleichen, können natürlich nicht mit den gleichen Maßstäben gemessen werden…, ebensowenig wie der Totschläger und der raffiniert planende Mörder.

      Es ist also natürlich, daß der Linke ein Nationalist oder ein Rassist, der Rechte aber ein Patriot ist. Der Linke ist ein Materialist und Determinist, der im Menschen ein immanentes Wesen sieht, für den Mann der Rechten ist der Mensch transzendent, sein eigener Schwerpunkt ist anderswo. Für ihn ist die Beziehung „hinauf“ zu Gott etwas Primäres, Staat und Gesellschaft gehört er keineswegs unmittelbar an; die Familie – Ahnen, Frau, Eltern, die Verwandten seiner Frau, Geschwister, Kinder und Enkel – hat den Vortritt. Für den Linken ist das ganze Dasein voller Zwänge, sodaß der Raum des freien Willens kaum vorhanden ist – weder ideell, noch faktisch. Wie wir später sehen werden, ist der Mann der Rechten ein Liberaler, denn die Persönlichkeit braucht Freiheit für ihr Wachstum und ihre Vollendung.32) Der Mann der Rechten neigt dazu, in der Einzahl zu sprechen – ich, du, er und sie zu sagen. Der Mann der Linken ist ein Mann der Plurale, aber beileibe kein Pluralist: seine Rede – zumindestens im Politischen – ist stets in Pluralen. Wir, ihr und sie sind seine Schlüsselworte. Wir – die Proletarier, die Deutschen, die Arier, die Aufgeklärten, die Frauen, die Anhänger der Regierungspartei oder ihr, die Bourgeois, die Romanen, die Unterdrücker, die Männer der Oppositionspartei.33) Da allerdings darf man nicht vergessen, daß das moderne politische Leben ohne diese Plurale kaum denkbar ist, zumindestens aber nicht das parlamentarische Parteienleben, dessen Essenz die Auseinandersetzung nicht so sehr zwischen den Parteiführern wie zwischen den Wählermassen ist, die wiederum völkisch, klassenmässig, religiös, sozial umrissen sein können. Geleitet von Einzelpersönlichkeiten besteht das Parlamentgetriebe aus Gruppenkämpfen, die dann besonders fanatisch geführt werden, wenn weltliche Religionen, also Weltanschauungen und Ideologien, das treibende Element sind. Deren Existenz ist allerdings unausweichlich. Das Übel besteht eben darin, daß sie – ein so explosives Material! – politisch gegeneinander ausgespielt werden.

      Der Zenit des Übels wird erreicht, wenn dann fanatische Mehrheiten sich der Regierung bemächtigen. Dazu haben sie im parlamentarischen Rahmen eine prachtvolle Gelegenheit, nicht aber noch in der konstitutionellen im Unterschied zur parlamentarischen Monarchie oder zur demokratischen Republik. „Teddy“ Roosevelt kam nach seiner Amtszeit auf einer Weltreise nach Wien und besuchte Kaiser Franz Joseph. Damals konnte Roosevelt noch nicht die bodenlose Dummheit und Niedertracht unseres so herrlichen Jahrhunderts voraussehen und stellte Franz Joseph die Frage: „Was, Majestät, glauben Sie, ist in diesem so fortschrittlichen Zeitalter noch die Rolle eines Monarchen?“ „Mr. Roosevelt,“ war die Antwort, „ich halte es für meine Aufgabe, meine Völker vor ihren Regierungen zu schützen.“ Heute sind aber nichteinmal mehr die Kinder im Mutterleib vor ihrer Legislative mit ihren verehrten Politikern sicher.

      5. DIE INDUSTRIELLE REVOLUTION UND DIE ROMANTISCHEN SOZIALISTEN

      In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts traten neue Faktoren in das politisch-gesellschaftliche Getriebe Europas ein, drei Faktoren, die nicht zufällig gemeinsame Sache machten: der Materialismus, der Sozialismus-Kommunismus, das Entstehen eines industriellen Proletariats. Diese neue Klasse, manchmal nicht sehr genau als Vierter Stand bezeichnet, war der Arbeiterstand, der sich größtenteils aus Bauernsöhnen ohne Land, aus brotlosen Handwerkern, Bettlern oder verarmten Kleinbürgern zusammensetzte. Man soll aber ja nicht glauben, daß diese Entwicklung einer Verarmunsgswelle gleichkam. Es ist vielmehr richtig, daß im Mittelalter,1) selbst im 16. und zuweilen auch im 17. Jahrhundert, der Lebensstandard der untersten Schichten keineswegs sehr niedrig war, doch senkte er sich danach, sodaß schon im 18. und selbst am Anfang des 19. Jahrhunderts das Bettlerwesen auch im Herzen Europas bedrohlich zugenommen hatte. Entgegen einer verbreiteten Meinung brachte die Industrialisierung einen geringen, wenn auch keineswegs zufriedenstellenden Wohlstand.2) „Familienlöhne“ gab es allerdings keineswegs, die Frauen, die Jugendlichen und in manchen Fällen selbst die Kinder mußten in das Erwerbsleben einbezogen werden. Die Gewinne aus den industriellen Unternehmen waren anfänglich auch ziemlich hoch, doch lebte die neue Unternehmerklasse nach heutigen Begriffen recht bescheiden. Aktiengesellschaften waren die Ausnahme, nicht die Regel: Wir haben es hier zumeist mit Familienbetrieben zu tun. Der Fabrikant hatte in der Regel Köchin, Stubenmädchen und Kutscher (was kein Luxus, sondern eine Berufsnotwendigkeit war). Er praßte in keinem Luxushotel, sein Sohn durfte oft gar nicht studieren und mußte nach seiner Sekundarausbildung nur zu oft als Stift hinter einem Schreibpult stehen. In Deutschland war dieser neue Unternehmerstand ganz vorwiegend evangelisch und sehr oft – wie die reichen Engels im Wuppertal – reformiert. Das war eine asketische Rasse, die ihre Gewinne in der Regel gleich wieder in den Betrieb steckte. Ihr Spar- und Unternehmergeist erreichte es, daß man bei uns die lange Durststrecke heil überqueren konnte, um dann nach der Mitte des 20. Jahrhunderts trotz zweier verlorener Kriege für die Arbeiterschaft einen beispiellosen Lebensstandard zu erreichen. Doch jede industrielle Gesellschaft muß eine lange Vorbereitungsperiode, ein Fegefeuer durchleiden, bis sie nach den Investitionen mit stets teurer werdenden Maschinen endlich das Hochplateau erreicht, auf dem echte Familienlöhne gezahlt werden können. Das sind sehr langwierige, für alle Betroffenen oft auch schmerzliche Phasen.3) Wir sprachen schon eingangs vom Lebensstandard eines Ludwigs XIV., der im großen und ganzen niedriger war als der eines deutschen Arbeiters. (Die „Lebensqualität“ ist allerdings etwas anderes als der rein materielle Lebensstandard, der in Pfennig und Mark ausgedrückt werden kann.) Man muß sich aber überdies vor Augen halten, daß nach neuesten Forschungen die Menschheit anderthalb Millionen Jahre alt ist und – falls wir diese 1,500.000 Jahre mit zwölf Stunden gleichsetzen – erst zwei Minuten vor zwölf (also in den letzten 5000 Jahren) an einigen ganz wenigen Plätzen der Erde einige ganz wenige Menschen ein Leben führen konnten, das wir nach heutigen Maßtäben als „menschenwürdig“ bezeichnen dürfen. Man stelle sich nur vor, welch „unmenschliche“ Existenz die Menschen führen mußten: als animalia insecura,4) also als recht instinktlose, primär auf Verstand und Vernunft angewiesene Wesen, viel schutzloser als die Tiere. In Höhlen oder unter Bäumen lebend, von Insekten zerbissen, von wilden Bestien bedroht, oft hungernd, frierend, die Säuglinge in Massen sterbend, von Kannibalen angefallen, durch schwere Geburten hinweggerafft – welch entsetzliches Dasein! So wissen wir heute, daß im Neolithikum Mitteleuropas von den Menschen, die das Säuglingsalter überlebt hatten, die Männer im Durchschnitt mit 28 und die Frauen mit 22 Jahren starben.5) Nun aber war die Neusteinzeit schon eine relativ ortgeschrittene Epoche und keineswegs die niedrigste Stufe der Menschheit! Neuzeitliches Elend und auch das Elend der sogenannten Dritten Welt muß man in diesen Perspektiven sehen und den Ausdruck ‚menschenunwürdig’ sehr, sehr vorsichtig gebrauchen. Umgekehrt müssen wir uns aber auch fragen, ob Charakteristiken, Gebräuche, Verhaltensweisen aus diesen anderthalb Millionen Jahren, die in unserer ‚hohen’ Kultur und Zivilisation wirklich „gegenstandslos“ geworden sind, vielleicht auch heute noch psychologisch kaum mehr erkannte Forderungen und Hinweise stellen. Der Krieg, nur um ein Beispiel zu nennen (und damit gewissermaßen auch die ihm verwandte Jagd), kam stets dem Agressionstrieb der Männer entgegen. In diesem konnten sie ihn stillen. Man muß sich da fragen, ob zwischen den Terrorbewegungen und den Jugendrevolten einerseits und dem Frieden des atomaren Gleichgewichts andererseits nicht etwa ein keineswegs so geheimnisvoller Zusammenhang besteht.6)

      Doch kehren wir nun zum nicht wegzuleugnenden Elend der Arbeiterklasse am Anfang des industriellen Zeitalters zurück. Es ist keineswegs sicher, daß es zu einer echten Arbeiterbewegung (abgesehen von den Maschinenstürmern) und zur Geburt des Sozialismus auch ohne die Leitung und Anleitung von Intellektuellen gekommen wäre. Als Schlüsselfigur in dieser Bewegung muß man primär den britischen Fabrikanten Robert Owen erwähnen (der auch das Wort Communism erfunden hatte),7) weiters den französischen Kaufmann Fourier, den Grafen Saint-Simon, den deutsch-jüdischen Advokatensohn Dr.


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