Die falsch gestellten Weichen. Von Kuehnelt-Leddihn Erik

Die falsch gestellten Weichen - Von Kuehnelt-Leddihn Erik


Скачать книгу
sogenannten Individualisten (wie überhaupt jeden Andersgearteten) blickt er scheel an, wobei wir hier gleich bemerken wollen, daß wir die Ausdrücke „Individualist“ und „Individuum“ aus sprachlichen Gründen meiden wollen: Der Gegensatz zum Herdenmenschen ist nicht etwa der Herrenmensch, sondern der Personalist. Das Wort „Individuum“ bezieht sich auf den letzten „unzerteilbaren“ Teil eines Ganzen: Das Sandkorn im Sandhaufen ist ein „individuelles“ Sandkorn. Das Wort „Person“ hingegen kommt ursprünglich aus dem Etruskischen. Phersú, lateinisch Persona, war die Maske des Schauspielers auf der Bühne und deutete auf eine ganz bestimmte Rolle hin: dramatis personae waren die Personen des Dramas. Hier auf Erden, in dem großartigen „Spiel Gottes“5) sind auch wir dramatis personae mit eigenem, unauswechselbarem, einmaligem und auch unersetzlichem Schicksal und ebensolchen Aufgaben. Anders geht es natürlich (soweit wir dies sehen können) im Ameisen-oder Termitenhaufen zu. Freilich, auch dort gibt es Ungleichheiten, aber auch wiederum unabänderliche Gleichheiten und Auswechselbarkeiten innerhalb der Kategorien. Und setzen wir hier gleich hinzu, daß erst mit dem Christentum der Personalismus in unsere Kultur voll eintritt. Er war im Alten Testament vorgezeichnet, aber noch nicht zur Vollblüte gelangt. Erst mit dem Begriff des „himmlischen Vaterlandes“ und des „Ewigen Lebens“, das sich der Mensch hier in einer Prüfungszeit „baut“ und „einrichtet“, wird ein vollendeter Personalismus möglich, wenn ihn auch deterministische Theologien und Philosophien zu zerstören suchen.

      Wie wir aber gesehen haben, kommen in der Französischen Revolution „horizontale“ anstelle von „vertikalen“ politischen und gesellschaftlichen Bindungen auf, die sich in dynamischen, von „Intellektuellen“ angeheizten Volksbewegungen explosiv steigern. Diese hysterisch-sadistischen Ausbrüche geschahen zum Teil im Namen der „Tugend“, der vertus républicaines, und der (strafenden) Gerechtigkeit, die sich vornehmlich gegen einen den „Aberglauben“ verbreitenden, unaufgeklärten Klerus und einen amoralischen, frivolen Adel richteten. Das drückte sich während der Revolution besonders in den fessades aus: Damen wurden auf der Straße von Banden aufgegriffen, festgehalten, ihnen die Röcke hochgezogen und sie dann mit Ruten geprügelt…,6) angeblich alles aus sittlicher Entrüstung. Wie man sieht, beteiligte sich auch das liebe Volk an den Gemütsverirrungen des Göttlichen Marquis.

      Doch die psychologische Hauptcharakteristik der Französischen Revolution sind der Gleichheitswahn, der der Freiheit diametral entgegengesetzt ist, und der ethnische Nationalismus, der alles „Unfranzösische“ auszurotten suchte. Im Unterlinden-Museum in Colmar kann man einen zweisprachigen Aufruf an die Frauen des Elsaß bewundern, sich nach der „fränkischen“ und nicht nach der deutschen Mode zu kleiden. Mit anderen Worten: Das Identitäre, das Nämlichkeitsmoment, feierte nach langer Unterbrechung seine bösen Urstände; die Taboriten hatten schon vor 370 Jahren mordend ihr Unwesen getrieben,7) die englischen egalitären Sekten, die Levellers, Diggers, Fünftmonarchianer erst 140 Jahre später.8) Der schauerlichste Nachzügler der Französischen Revolution vor unserem Jahrhundert war allerdings Gracchus Babeuf mit seinen (von Mussolini besungenen) colonnes infernales.9) Was war sein Programm? Das hörte sich so an:

      „Alle Schriften über die Offenbarung verbieten; die Kinder werden alle gemeinsam erzogen; kein Kind wird den Namen seines Vaters tragen; kein Franzose wird Frankreich verlassen dürfen; die Städte werden zerstört werden, die Schlösser dem Erdboden gleichgemacht und die Bücher verboten. Die Franzosen werden eine Einheitskleidung tragen; die Armeen werden von Zivilbehörden befehligt, die Toten aber gerichtlich abgeurteilt und nur im Falle einer begünstigten Beurteilung durch die Tribunale ordentlich begraben; keine Schrift darf ohne ausdrückliche Erlaubnis der Regierung veröffentlicht werden.“10)

      Allerdings hatte Babeuf nicht nur in der Französischen Revolution, sondern auch in dem mysteriösen Morelly einen ideologischen Vorgänger, der einen Idealstaat nicht unähnlich dem Babeufs beschrieben hatte.11) Auch aus diesem Programm sieht man mit erschreckender Deutlichkeit, daß Freiheit und Gleichheit-Nämlichkeit im Ende unvereinbar sind. Die Natur kennt keine Gleichheiten-Nämlichkeiten: selbst eineiige Zwillinge sind nicht „identisch“. Geographische Gleichheit verlangt das gewaltsame Abtragen der Berge, um die Täler zu füllen, gleichmäßige Hecken brauchen die schmerzhafte Gartenschere, „nationale Einheit“ brutale Denationalisierungen, Vermögensgleichheit Enteignungen und so weiter. Wir stehen immer vor der Entscheidung „Freiheit oder Gleichheit?“ Daher ist die Synthese der (egalitären-identitären) Demokratie mit dem Nationalismus (oder auch Rassismus) wohl möglich, nicht aber – auf die Dauer – mit dem freiheitlichen Liberalismus. Hier steht man nur zu oft einer Täuschung gegenüber. Wie in der christlich-demokratischen Synthese die Demokratie das Christentum verschlingt (was Alexandre Vinet sehr deutlich erkannte), so kommt es schließlich in der liberalen Demokratie zum Erlöschen der Freiheit (wenn andererseits nicht zum Chaos). Auch Goethe sah dies als er in seinen Maximen (No. 953) schrieb: „Gesetzgeber oder Revolutionäre, die Gleichheit und Freiheit zugleich versprechen, sind Phantasten oder Charlatans.“ Diese phantastische Scharlatanerie beherrscht allerdings die politische Szene der gesamten freien Welt.

      In der Reaktion gegen die napoleonischen Eroberungskriege sahen wir aber nicht nur eine christlich-romantische Erneuerung und eine Systemisierung konservativen12) Denkens und Handelns, sondern auch eine vielleicht unerwartete Verschmelzung egalitärer und nationaler Ideen. Dies sollte eigentlich niemanden überrascht haben, denn es handelte sich um die Synthese von zwei Kollektivismen. Hier muß man gleich auch einmal auf die Doppelsinnigkeit des Wortes ‚Volk‘ in so vielen Sprachen hinweisen. Der Terminus ‘Volk‘ kann als (ethnisch-sprachliche) Nation, aber auch als Niedervolk ausgelegt werden. Also sind gerade heute, dank der kommunistischen Sprachregelung, die Ausdrücke für Volksdemokratie und Nationaldemokratie in den slawischen Sprachen identisch.13) Der Ausdruck ‚Volk‘ kann also eine Kampfbereitschaft gegen Monarchie, Adel und Klerus ausdrücken, die bei uns nicht einen nationalen, sondern einen übernationalen Charakter hatten. Anders natürlich als in Japan oder im alten China.14) Im Jahre 1910 waren von den souveränen europäischen Dynastien nur jene von Montenegro (Petrović-Njegoš) und Serbien (Karađorđević) echt einheimisch.15) Der Duke of Edinburgh, Prinzgemahl der jetzigen britischen Königin, war ursprünglich ein „griechischer“ Prinz, aber ohne einen Tropfen griechischen Bluts, denn sein Vater, Prinz Andreas von Griechenland, stammte aus dem dänischen, in Wirklichkeit aber deutschen Haus Sonderburg–Glücksburg–Augustenburg.16) Mit dem Hochadel stand es oft wie mit den Dynastien; viele Familien stammten aus dem Ausland, und Heiraten mit Ausländerinnen waren häufig. So hatte zum Beispiel Churchill eine amerikanische Mutter, teilweise indianischer Abstammung,17) die großen französischen Liberalen de Tocqueville und Montalembert waren englisch verschwägert; im deutschen und österreichischen Adel, wie auch im preußischen Offizierskorps waren sehr viele Familien französischer, italienischer oder slawischer Abstammung.18)

      Die nationaldemokratischen Bewegungen, die nun allenthalben ins Kraut schossen, waren deshalb nicht nur egalitär, sondern auch xenophob. „Herrschaft“ hieß oft Fremdherrschaft, die für „das Volk“ schwer erträglich war. Man erinnere sich hier auch daran, daß fast alle republikanischen Bewegungen mit einer Haßkampagne vielleicht psychoanalytischer Natur gegen die „Ausländerin“, die „fremde“ Frau des Monarchen begannen. (Kollektiveifersucht der Frauen? Verdacht, daß der Monarch vielleicht unter dem Pantoffel der „Zugereisten“ stand?) Denken wir da nur an Henrietta-Maria, die katholische Gemahlin Karls I. von England, an Marie-Antoinette (l’Autrichienne), Gemahlin Ludwigs XVI., Kaiserin Alexandra von Russland (aus dem Hause Hessen), Kaiserin Zita von Österreich (Bourbon–Parma), Königin Ena von Spanien (Battenberg). In diese Kategorie gehört auch die Animosität gegen die Princesse de Réthy, Gemahlin Leopolds III., die als Flämin den Wallonen und als Bürgerliche den Kommunisten nicht zu Gesicht stand.19) (Ob die „Fremdheit“ des Herrschers oder Herrscherhauses negativ zu werten ist? Keineswegs. Hier ist größere Objektivität durch Distanz zu erwarten.)20)

      Schon zwei Jahre nach der Beendigung des Wiener Kongresses fand auf der Wartburg das Burschenschaftsfest anläßlich des dreihundertsten Jahrestages der Reformation und des vierten Jahrestages der Völkerschlacht (bezeichnender Ausdruck) von Leipzig statt.


Скачать книгу