Die falsch gestellten Weichen. Von Kuehnelt-Leddihn Erik

Die falsch gestellten Weichen - Von Kuehnelt-Leddihn Erik


Скачать книгу
Bicêtre- und Salpetrière–Gefängnissen. Diese Blutbäder waren besonders schauerlich. Ähnliches hatten die Spanischen Republikaner mit den Prostituierten hinter der katalonischen Front und die SS-Einheiten in Ostpolen während des Zweiten Weltkriegs verübt. Diese Weiber infizierten die Soldaten und wurden somit dem hohen Ideal der Hygiene geopfert…, also nicht im Namen der Keuschheit.

      Der Fanatismus der Revolution, von Haß und Neid angeheizt, kannte bald keine Grenzen. Tatsächlich wurde um die Guillotinen in den Blutlachen getanzt, gejohlt und gesoffen. Die fürchterlichsten Exzesse fanden aber im Süden (Lyon) und, wie wir schon früher sagten, im Westen statt. General Westermann schrieb in einer Botschaft an das Comité du Salut (das „Heilskomitee“) in Paris nach der Niederlage der royalistischen Chouans bei Savenay:

      „Die Vendée, meine republikanischen Genossen, existiert nicht mehr. Sie ist unter unseren Säbelhieben gestorben, zusammen mit den Frauen und Kindern. Wir haben sie gerade in den Sümpfen und Wäldern von Savenay begraben. Die Kinder haben wir unter den Pferdehufen zusammengetrampelt. Wir haben die Weiber massakriert, sodaß sie keine neuen Briganten gebären können. Ich bin nicht schuldig, einen einzigen Gefangenen in Gewahrsam zu haben. Ich habe sie alle umgebracht.… Die Straßen sind mit Leichen übersät. An manchen Stellen sind sie so zahlreich, daß wir ganze Pyramiden aus ihnen gemacht haben. Die Pelotons arbeiten bei Savenay ohne auszusetzen, da jeden Augenblick Briganten ankommen, die sich als Gefangene ergeben haben…, aber wir lassen keinen am Leben. Man würde sie mit dem Brot der Freiheit ernähren müssen, aber das Mitleid ist keine Tugend der Revolution.“41)

      Dieses Scheusal, der alle Briganten (d. h. Royalisten) ausrotten wollte und Danton sehr nahestand, wurde wie sein Freund eingesperrt und am 5. April 1794 geköpft. Doch sein Ungeist lebte weiter. Ein offizieller Bericht, der aus Avranche in der Normandie kam, besagte: „Das Spital hier war voller Verwundeter und diese verfielen der Rache der Nation. Sie wurden umgebracht, darunter auch eine Frau, die vorgab, krank zu sein.“ Doktor Gainou, ein Freund Robespierres, schrieb ihm von Fougères, daß die Soldaten alle Verwundeten und Kranken im Spital getötet hatten. Auch „Frauen der Briganten“ waren dort. Sie wurden alle geschändet und ihre Kehlen durchschnitten. Marceau–Desgraviers, ein echter Soldat, der am Krieg gegen die Chouans teilnahm, war von den Eindrücken und Erlebnissen des Kriegs im Westen bis zu seinem Tod gequält. (Er fiel 1796 im Koalitionskrieg.) Die Schrecken der wiedergeborenen Demokratie hatten ihn fast um seinen Verstand gebracht. In Le Mans hatte er ein königstreues Mädchen gerettet und war daraufhin fast hingerichtet worden. Damals schrieb der Regierungskommissär von Angers triumphierend dem Bürgermeister von Paris: „Unsere heilige Mutter, die Guillotine, ist vollauf beschäftigt.“ Es war auch Angers, wo die Republikaner den Befehl gaben, daß man die Köpfe der „Briganten“ skalpiere und entstellt auf kurzen Stangen ausstelle. Die Ärzte, die diesen appetitlichen Auftrag auszuführen hatten, arbeiteten jedoch zu langsam. Da aber die braven Republikaner schnell ein Zeugnis ihrer demokratischen Gesinnung brauchten, köpften sie geschwind alle Gefangenen, die sich noch in ihrer Obhut befanden, darunter die 82 Jahre alte Äbtissin von Fontevault. Sie war blind, aber, wie uns berichtet wird: „voller Tugend und Menschenliebe.“42)

      Man muß sich vor Augen halten, daß die Berichte von getreuen Regierungsanhängern nicht immer die volle Wahrheit brachten. Es gab auch weniger begeisterte Augenzeugen. So sahen Bourbotte und Prieux nicht nur die Schändung von nackten Frauen und Mädchen, denen man die Hälse durchschnitt, sondern auch die Schändung von Leichen, also nekrophile Orgien von kaum glaublicher Niedertracht. Beauvais schrieb über die Ereignisse nach dem Rückzug aus Fougères: „Alle Verwundeten in den Spitälern wurden auf die gräßlichste Weise zu Tode gemartert. Man schnitt in ihre Fußsohlen hinein, alle Männer wurden stückweise kastriert, die Frauen wurden genau so behandelt, man steckte in ihre Scheiden Patronen, die man dann entzündete, um ihre Leiden zu beenden.“ Das sind Torturen, die dann später von den prachtvollen „Loyalisten“ im spanischen Bürgerkrieg wiederholt wurden, nur suchten sie sich für diesen Zweck lieber Kirchen als Spitäler aus. Wenn dann später die Nationalsozialisten mit ihren Ausrottungsfeldzügen mehr Opfer zur Strecke brachten, so ist dies lediglich einer fortschrittlichen Technologie zu verdanken.43) Die Jakobiner aber (getreu ihrem Vorbild, den Husiten) strengten sich jedoch ehrlich in dieser Richtung an. Nur hatten sie dafür nicht so viel Zeit und wollten ihr reinigendes Werk mit persönlichem Vergnügen verbinden. Da waren die Noyades in der Loire: Man brachte die gefesselten, politischen Gefangenen auf Flöße, die dann mit Kanonen vom Land aus versenkt wurden. Ein fabelhaftes Training für Artilleristen auf bewegliche Ziele. In Lyon wütete der Nationalkonvent gegen Girondisten, Royalisten und Bauwerke. Die Stadt wollte man buchstäblich dem Erdboden gleichmachen, und die Gefangenen (es gab nicht genug Guillotinen) wurden mit Kartätschen und Schrotgewehren hingerichtet – zwischen 6000 und 10 000 an der Zahl.

      Auch die Naturwissenschaften wurden eingesetzt. Ein Chemiker namens Fourcroy, von Robespierre, Collot d’Herbois, Barère und Fouché beauftragt, produzierte ein Giftgas, das sich aber nicht als sehr praktisch erwies. (Da sind die Nationalsozialisten schon weiter gekommen.) Ein Mann, der Carrier hieß, machte den Vorschlag, die Flüsse mit Arsenik zu vergiften. Wie man sieht, wurden schon damals Kriege geplant, die an Renans guerres zoologiques gemahnten.44)

      Dieses demokratische Wüten verschonte niemanden, auch im eigenen Lager nicht, was alsbald die Girondisten zu spüren begannen. Als Antoine de Lavoisier, der berühmte Mathematiker, Physiker und Chemiker, als „Verschwörer“ zu Tode verurteilt wurde, rief sein Verteidiger aus, daß er ein ganz großer Wissenschafter war. Coffinhal, der Vorsitzende des Tribunals, aber schrie zurück: „Die Republik braucht keine Gelehrten!“ Stimmt auch: „Ein Mann – eine Stimme“, Wissen und Dummheit werden gleichgestellt. Trotz des Kultes der raison, der Vernunft und des Verstands, war es nur eine Frage kurzer Zeit, bis nicht nur Geburt und Besitz, sondern auch der Geist ein Objekt des Neides wurden. (Doch der Prozentsatz der Adeligen unter den Hingerichteten war nur acht Prozent, der der Bauern 22 Prozent!)

      Vordergründig aber waren es materielle Güter, wie auch bei den radikalen demokratischen Sekten in England während des 17. Jahrhunderts, die den Neid hervorriefen. Die Enragés, der linke Flügel der Montagne, Männer wie Roux, Varlet und Leclerc, donnerten gegen die Reichen. Auch Hébert und der ci-devant adelige Saint–Just betonten, daß die staatsbürgerliche Gleichheit ohne die Besitzgleichheit sinnlos und wertlos wäre. Und da war es wieder Joseph Lebon, der Schlächter von Arras, der die methodische Verfolgung der Reichen im Norden vornahm; 392 von diesen wurden in Arras, 149 im Cambrai guillotiniert. In einer berühmten Rede verlangte Jacques Roux vor dem Nationalkonvent, daß die Gleichheit des Einkommens zum Gesetz erhoben werden müßte. Sicherlich haben auch nur der Fall von Robespierre im Juli 1794 und die Niederlage von Gracchus Babeuf 1797 den totalen Sieg des Kommunismus verhindert.

      Doch auch gegen die Heiligen und die Toten wurde eifrigst zu Felde gezogen. Die Schändung jüdischer Friedhöfe, ein Beispiel des nekrophoben Totalitarismus, der unsere Nationalisten–Rassisten auszuzeichnen scheint, hatte seine urdemokratischen Vorläufer. In St. Denis wurden die Königsgräber gründlich geschändet, die Leiche des hl. Germanus wurde in Burgund ausgegraben, Heiligen und Königsstatuen in den Kirchen und Kathedralen die Köpfe abgeschlagen, herrliche bunte Kirchenfenster zerbrochen, Grabsteine zerstört, Altäre umgestürzt. Die alten Kirchen und Kathedralen Frankreichs bleiben ein stetes Mahnmal des Sieges von Unverstand und unreinen Leidenschaften über edle Gefühle. Glücklich ist Albi zu nennen, wo ein hochgesinnter Bürger den Mob davon abhalten konnte, die herrliche Kathedrale zu verwüsten!

      In dieser grauenhaften, doch sehr allgemeinen Verwirrung, in der die „Guten“ feige im Hintergrund blieben, spielten die Männer der Kirche keineswegs immer eine sehr ehrenwerte Rolle. Die Worte Spenglers vom Priesterpöbel bewahrheiteten sich schon damals.45) Eine ganze Reihe von Priestern und sogar Bischöfen leistete den Eid auf die Verfassung, wobei innerhalb der katholischen Kirche die Jansenisten eine besonders jämmerliche Rolle spielten.46) Der Exkapuziner Chabot unterstützte Marat in seinen blutrünstigen Aufrufen, und auch andere frühere Seelenhirten taten sich in der fürchterlichsten Weise hervor. Der evangelische Pastor Claude Royer von Chalons-sur-Saône und Mitglied des Jakobinerklubs in der Rue St. Honoré brüllte: „Hören wir zu reden auf und lassen wir unser Schweigen furchtbar


Скачать книгу