Die falsch gestellten Weichen. Von Kuehnelt-Leddihn Erik
und damit den Anfang der Neuesten Zeit, in der wir uns trotz der atomaren Entwicklung immer noch befinden.
Zuerst muß allerdings die Frage beantwortet werden, was die Demokratie eigentlich darstellt. Sie heißt wörtlich übersetzt (kraftvolle) Herrschaft des Volkes, denn krátos heißt auch ‚Gewalt‘. Eine mildere Form wäre die ‚Demarchie‘, während die Monokratie die unbeschränkte Herrschaft eines Einzelnen ist. Diese wiederum käme der Diktatur, nicht aber automatisch der Tyrannis gleich.
Die Demokratie gibt die Antwort auf die Frage, wer regieren soll, die damit beantwortet wird, daß es die Mehrheit der politisch gleichgestellten Bürger sein soll – entweder in Person oder durch Stellvertreter, Abgeordnete. Sie ruht also auf zwei Prinzipien: der Mehrheitsherrschaft und der politischen Gleichheit. Sie hat mit der Freiheit nichts zu tun, die eine Forderung des Liberalismus ist. Der echte Liberalismus – heute gibt es einen Schwindelliberalismus wie es Schwindeldemokratien gibt1) – beantwortet lediglich die Frage, wie regiert werden muß und erklärt: „Gleichgiltig, wer regiert, es muß so regiert werden, daß der Bürger die größtmögliche Freiheit genießt, die größtmögliche Freiheit, die mit dem Gemeingut (bonum commune) vereinbar ist.“ Der echte Liberalismus (es gibt deren vier Spielarten, siehe S. 154 ff) befürwortet also die Freiheitlichkeit. So versteht es sich, daß es eine liberale Diktatur oder eine liberale absolute Monarchie, nicht aber eine liberale Tyrannis geben kann und natürlich auch nicht eine demokratische absolute Monarchie.
Hier aber gehört erwähnt, daß Demokratie nicht mit Demophilie verwechselt werden soll, der Liebe zum ‚einfachen‘ Volk.2) Eine Diktatur oder eine absolute Monarchie kann demophil, aber nicht demokratisch sein! Und zu bemerken sei auch gleich, daß die Demokratie seilst mit dem Liberalismus eine Synthese eingehen kann, doch wird dann immer latent oder auch offen, zumindestens aber auf lange Sicht hin, zwischen den beiden Prinzipien der Gleichheit und der Freiheit ein innerer Gegensatz aufbrechen, der früher oder später zu schweren Krisen führt. Alexis de Tocqueville sah voraus, daß die Demokratie entweder im Chaos oder in einer kollektiv-totalitär-bürokratischen Zwangsherrschaft enden müsse.3) Doch war es auch schon Plato offenbar, daß die Demokratie normalerweise in die Tyrannis mündet.4) Es besteht auch kein Zweifel, daß die beiden Prinzipien der Demokratie, die der Gleichheit und der Mehrheitsherrschaft, keine wissenschaftlichen und schon gar keine theologischen Grundlagen besitzen und daher, wie zwei führende amerikanische Gelehrte hervorgehoben haben, die Demokratie in unserem so wissenschaftlichen Zeitalter ein gar wunderliches und erstaunenswertes Phänomen darstellt, das eigentlich nur als mystische Säkularreligion weiterleben kann.5)
Die wahren Wurzeln der Demokratie sind individualpsychologisch und massenpsychologisch. Schon Bertrand Russell, dem niemand extremkonservative Gefühle nachsagen kann, bestand darauf, daß die Demokratie primär vom Neid genährt wird.6) Auch dürfen wir hier die identitär-animalischen Urtriebe des Menschen nicht vergessen.7) Sie sind neben der technischen Entwicklung der wichtigste Faktor in der grimmigen Landschaft der Neuesten Zeit. Kein Wunder, denn die technologische Massenproduktion ist durch ihre Massengüter massenformend und massenfördernd. So natürlich auch die zum Teil elektronisch „vielfältigenden“ Massenmedien.
Auch darf man in diesem Zusammenhang nicht vergessen, daß die Demokratie auch gar nicht „Volksherrschaft“ ist, sondern ein Dominium der Mehrheit über die Minderheit, wobei nichteinmal immer und überall die Minderheiten eine Möglichkeit haben, zu Mehrheiten zu werden. Wann hatte die (katholische) Zentrumspartei im Zweiten Reich die Möglichkeit, eine Mehrheit zu erringen? Oder die katholische Social Democratic Labour Party in Nord-Irland? Oder irgendeine Bauernpartei in einem hochindustrialisierten Land? Solche Möglichkeiten für alle Parteien gab und gibt es dort, wo sie bloße Ins und Outs sind, also in entintellektualisierten und ideologisch uniformen Ländern wie Neuseeland oder den Vereinigten Staaten.
Vergessen aber darf man auch nicht, daß die Demokratie bei den Primitiven sehr wohl vorhanden ist; sicherlich ist sie eine der ursprünglichsten gesellschaftlich-politischen Formen. Zwar gibt es die Familie von allem Anfang an (reicht sie ja auch ins Tierreich hinunter),8) aber doch herrscht bei den Allerprimitivsten – zumindest unter Gleichaltrigen – ein Gefühl der ungefähren Gleichheit. In der Gruppe gibt es noch keine richtige Führung: die Entscheidung kommt von Mehrheiten, die sich herauskristallisieren. Erst mit der Zeit stellt es sich heraus, wer klüger, wissender, erfahrener, ja auch physisch stärker ist, und wem man deshalb besser folgen sollte. Später erst wird diese Führung kollektiv oder echt personal, schließlich sogar erblich. Von Freiheit ist auf diesem Niveau allerdings noch nie die Rede. Man darf nicht vergessen, daß gerade Primitive nur ein Minimum an Freiheit genießen und der Begriff der Persönlichkeit eigentlich erst durch das Christentum mit seiner jüdischen Vorgeschichte in die Welt gekommen ist.9) Die Urdemokratie wird von einer Reihe von Ethnologen und Anthropologen bestätigt.10)
Herrschaft ist allerdings immer schwer zu ertragen. Der Freiheitsdrang ist mehr oder weniger immer da. Herrschaft aber ist Folge der Erbsünde oder, wenn man will, der angeborenen Schwächen und Unvollkommenheiten der Menschen. In der Heiligen Schrift wird Herrschaft zum erstenmal als Teil des Fluches erwähnt, den Jahwe auf Eva herunterdonnerte: „Nach dem Mann wird dein Verlangen sein, und er wird über dich herrschen.11)“ Theologen haben in der Vergangenheit oft darüber gestritten, ob es ohne Erbsünde (menschliche Unvollkommenheit) den Staat gegeben hätte. Der Konsensus der meisten (aber nicht aller) geht in die Richtung der Unbedingtheit des Staates, wir aber schließen uns der Überzeugung einer Minderheit an.12) Eine Gesellschaft hätte es unter allen Umständen gegeben, nicht aber den Staat. Verkehrspolizisten? Wie schon José Ortega y Gasset hervorgehoben hat, ist das Automobil Symbol unserer Sterblichkeit. Wenn man unsterblich ist, hat man Zeit, von Paris nach Saigon zu Fuß hinüberzuwandern. Vielleicht macht ein Sportwagen Vergnügen, um mit ungeheurer Geschwindigkeit dahinzuflitzen, aber den Unsterblichen stört auch der Frontalzusammenstoß mit einem anderen Wagen nicht. Reparatur des Autos? Sicherlich nicht im „Schweiß der Nasenlöcher“, wie es in der Bibel heißt. Arbeit macht Spaß!13)
Wenn aber das Beherrschtwerden ein Fluch oder Teil eines Fluches ist, dann will man ihm entgehen – so wie der Krankheit, dem Tod, der schmerzhaften Geburt, der schweren Arbeit, dem Patriarchat, der Scham und dergleichen mehr. Man will die Fremdbeherrschung durch die Eigenbeherrschung ersetzen. „Wir werden nicht regiert; wir regieren uns selbst“, ist die begeisterte Formel. Die übliche Lösung des Problems ist aber lediglich die Herrschaft der Mehrheit über die Minderheit – oder auch die Einstimmigkeit, wie sie in Polen (mit dem Liberum Veto als Sanktion) praktiziert wurde und schließlich zum Niedergang und den Teilungen Polens führte.14) Sie war selbstmörderisch, aber logisch. Denn wer nicht vom Nachbarn oder vom Vertreter der Nachbarn beherrscht werden will, muß auf die Einstimmigkeit bestehen, die es auch heute noch im Geschworenensystem der amerikanischen Gerichte gibt.15) Darüber hinaus gäbe es aber noch eine andere „Lösung“: das Los. Mehrheitsherrschaft und das Los kennzeichneten die athenische Demokratie, die sich zuerst allerdings Isonomia, „Gleichrechtlichkeit“, nannte.
Hier also, auf griechischem Boden, erlebten wir eine modernere, kultiviertere Erneuerung der Primitivdemokratie unter Volksführern (demagogoi), wobei zu bemerken ist, daß auch der griechische Begriff des Demos (analog dem deutschen „Volk“) zwiespältig ist. (Ochlos ist allerdings die Hefe.) Die athenische Demokratie hatte Staatsmänner wie Perikles, aber auch eine ganze Reihe von Pöbelanführern. Die antielitäre Grundeinstellung eines guten Teils der Athener kann kaum in Zweifel gestellt werden. Der Ostrazismus war ein purer Ausdruck des Massenneids.
Der dunkelste Augenblick in der Geschichte der Demokratie Athens war jedoch die Verurteilung des Sokrates aus politischen Gründen mit politischen Argumenten. Im Gymnasium bekamen wir den Justizmord an Sokrates verfälscht dargestellt. Die „Verführung der Jugend“ stellten wir uns nur zu oft sexuell vor, aber tatsächlich war sie ideologisch: Sokrates kritisierte die Demokratie, die ihm als völlig vernunftwidrig erschien. Er zitierte Homer und Hesiod gegen die Volksherrschaft, die Richter aber gehörten dem demokratischen Lager an, das nach dem Fall der Dreißig Tyrannen wieder zur Macht gekommen