Die falsch gestellten Weichen. Von Kuehnelt-Leddihn Erik
– dem allgemeinen Wohlstand, einer phänomenalen Verlängerung aller Lebenserwartungen – eine ganz Reihe von Verfallserscheinungen die entsetzlichsten Katastrophen ankündigen.
Was also ist falsch gewesen? Wo hatte man die Weichen falsch gestellt? Wohin hatte der kolossale Optimismus des späten 18. und des ausgehenden 19. Jahrhunderts geführt?
Heute versprechen die utopischen Romane nicht mehr wie zur Zeit Bellamys14) ein Paradies auf Erden. Selbst im ”tiefsten Frieden“ (der aber nur da oder dort zu finden ist) nistet schrankenloses Unglück: Drogensucht, Verbrechertum, Selbstmorde, Terrorismus, der allgegenwärtige Straßentod,15) lähmende Einsamkeit, Familienzusammenbrüche, Fötalmord in ungeahntem Ausmaß, sexuelle Verirrungen, wachsende Neurosen mit steigendem Irrsinn. Über all dem aber schwebt der Neid, der inzwischen zur größten politischen Kraft angewachsen ist, gemischt und angeheizt von einer gewaltigen Intoleranz, die nur zeitweilig von einer tödlichen Indifferenz abgelöst wird. Diese Unduldsamkeit16) erträgt es nicht nur keineswegs, daß es andere besser haben als man selbst, sondern auch, daß andere es überhaupt wagen, anders zu sein, anders zu denken, zu fühlen, äußerlich anders zu erscheinen. Der Herdentrieb lebt sich orgiastisch aus: am liebsten würde man alle Andersgearteten einsperren, exilieren oder umbringen. Und da die Toleranz so groß auf die Fahnen geschrieben wird, kann man überzeugt sein, daß sie weniger denn je vorhanden ist. Was immer ein Land, ein Stand, ein Volk als seine Kapitaltugend anführt, ist doch imfner entweder nicht vorhanden oder schwer bedroht. Darum reden Hungrige stets vom Essen, Arme vom Geld, Überarbeitete vom Urlaub, Deutsche von der Treue, Amerikaner von der Gleichheit, Wiener vom „Goldenen Herzen“, Ostdeutsche Tyrannen von der Demokratie und Russen vom Gemeinschaftsgeist.17)
Was wir hier also zu tun gedenken ist, es dem Leser drastisch vor Augen zu führen, warum wir es so „herrlich weit gebracht“ haben. Um dies zu tun, geben wir hier einen Abriß der Neuesten Geschichte, der einen (vielleicht vergeblichen) Versuch darstellt, ihm manche schamvoll verschwiegenen Tatsachen mitzuteilen und das allgemeingängige Bild der letzten 200 Jahre durch Korrekturen zurechtzurücken. Was da in dieser langen „Zwischenzeit“ zusammengelogen wurde, geht auf keine Kuhhaut, und wir können hier nur mit einigen wenigen Angaben dienen, die auf die Ursachen unseres Elends hinweisen. Denn, wenn auch die Existenz der Menschheit vor 1789 nicht rosig war, so war sie nicht so verzweifelt. Wir reden hier nicht vom Lebensstandard, der natürlich für unsere jetzigen Begriffe in der fernen Vergangenheit unerträglich war. Ein Ludwig XIV., der in Versailles hauste, hatte – zumindestens materiell gesehen – eine viel niedrigere „Lebensqualität“ als heute ein deutscher Facharbeiter: Man erinnere sich daran, daß Versailles im Sommer so stank, daß Spaziergänger um den Bau einen weiten Bogen machten, daß der roi soleil seine Läuse in der Perücke nie los wurde, daß ein deutscher Kleinbürger heute auf einen Knopf drücken kann, um kalte oder heiße Luft zu bekommen, auf einem anderen Knopf ein färbiges Filmtheater, ein Konzert mit klassischer oder deklassierter Musik. Er kann die Segnungen eines modernen Zahnarztes, einer Operation mit Anästhesie oder bequeme Luftreisen in fremde Länder genießen – und dies, anstatt mit einer Kutsche, einem wahren Marterkasten, auf holprigen Landstraßen mühsam weiterzukommen.
Wir haben seitdem in ungeahntem Maße den „Fortschritt“, der uns alle aber nicht sonderlich glücklich macht. Wird er uns weggenommen, so entsteht brüllendes Unglück. In Österreich allein gibt es über hundert Selbstmorde im Jahr von jungen Menschen, denen man den Führerschein entzogen hat. Ohne die sausende Stahlschachtel sind diese Burschen restlos Niemande und fühlen sich wie ausgelöscht. Die Utopien aber trösten nicht mehr. Der Aufstand gegen die Technik hat längst begonnen, denn sie entzückt und enttäuscht zur selben Zeit und zeigt zunehmend ihr wahres Gesicht: Sie produziert viel Langweile, unmenschliche Frondienste und verlangt herrisch eine eiserne Disziplin. Die moderne Fron hat aber auch einen wirtschaftlichen Charakter: Einst hatte in einigen Teilen – aber auch nur in Teilen! – Europas der Leibeigene an einem, höchstens aber an zwei Tagen in der Woche für den Grundbesitzer Robotdienste zu leisten. Heute schuftet der Arbeiter und der Bürger nicht selten am Montag und am halben Dienstag für den Landlord, den Hausbesitzer, die andere Hälfte des Dienstags und den ganzen Mittwoch für den „Vater Staat“. (Da gibt es vor den Schergen des Grundherrn nicht mehr die Flucht in die ferne Stadt, wo man nach Jahr und Tag ein freier Bürger werden konnte. „Stadtluft macht frei!“ ist eine Feststellung, die heute wie ein übler Scherz klingt.) Ja, selbst die Freizeit, einmal in der fernen Vergangenheit unter dem Namen ‚Muße‘ reichlich vorhanden, dann zusammengeschrumpft, um heute wieder aufgebläht zu werden, ist problematisch geworden, denn diese zu bewältigen ist viel schwieriger als die Arbeit. Ins Geschirr gespannt kann schließlich jedes Tier arbeiten, aber zur positiven Bewältigung der Muße bedarf es hoher Qualitäten, sorgfältiger Vorbereitungen, Intelligenz, Selbstzucht und anderer Tugenden mehr. Die modernen Circenses in der relativ noch harmlosen, leicht verblödenden Form des Fernsehens, des geistlosen Herumreisens und in der viel gefährlicheren Form des Zusehersports, der Sex-Shops, Diskotheken, Porno-Filme für Spätpubertäre, des Alkohols und der Drogen bringen keinen inneren Gewinn.
Doch die ganz große Bedrohung kommt von der Weltgeschichte, die „politisch“ gestaltet wird. Und die Politik steht in Wechselwirkungen mit der Gesellschaft, der Religion, der Philosophie und der Wirtschaft. Auch Technik und Militärwesen stehen in diesem Koordinatengeflecht. Ideologien, größtenteils von Philosophien und auch Theologien abgeleitet, haben die Religion als politischen Faktor weitgehend, aber nicht völlig ersetzt. Doch der Hebel unserer Existenzgestaltung liegt besonders im politisch-geschichtlichen Werden, wobei aber bemerkt werden muß, daß auch der Krieg immer noch zum Teil der Vater der Dinge ist,18) wenn er auch leicht zum Ende aller Dinge in der Zukunft führen könnte.
Woher kommt dann aber der politische Abstieg, der zum rein materiellen, wissenschaftlich-technischen Fortschritt in so krassem Widerspruch steht? Die Dekadenz äußerte sich natürlicherweise auf der politischen Ebene am allermeisten, weil hier schon von allem Anfang an eine Achillesferse der Menschheit bestand. Die moralische Dekadenz hatte religiöse Ursachen im engeren Sinn, ging aber mit dem politischen Abstieg Hand in Hand. (Zwischen den beiden Verfallserscheinungen gibt es selbstverständlich zahllose Wechselbeziehungen.) Doch die politische Krise kommt nicht von ungefähr und sie ist eher intellektueller als ethischer Art. Das Böse gab es zu allen Zeiten. Es wirkt immer. Wahrscheinlich ist die Zahl echter Bösewichte heute nicht größer als vor tausend Jahren. Sie haben aber größere Chancen, weil das Böse dank der gefallenen Natur des Menschen eine größere Faszination besitzt als das Gute. Hitler und Stalin waren populärer als Ludwig der Heilige oder Heinrich der Heilige. (Darum ist auch ein Kriminalroman in der Regel fesselnder als eine Hagiographie.)
Doch die Dummheit, wahrscheinlich in der Endsumme auch nicht größer als früher, hat heute einen führenden Platz bekommen. Der Kampf gegen Vernunft, Verstand, Wissen, Weisheit und Erfahrung – fünf verschiedene Elemente – tobt seit 200 Jahren, und eigentümlicherweise hat dieser Verfall bei uns mit der Anbetung der „Göttin der Vernunft“ richtig begonnen. Diese wurde tatsächlich in der Person einer Dirne sehr treffend und anschaulich in der säkularisierten Notre Dame Kathedrale während der Französischen Revolution „verehrt“. So falsch und so ungeheuerlich war dieses staatliche Ritual der ersten modernen Demokratie allerdings auch nicht, denn im Menschen ist die Vernunft nur dann achtenswert, wenn ihr Träger nicht nur klug und gebildet, sondern auch charakterfest ist. Sonst hätte Luther recht, als er sagte, die Ratio wäre eine Hure19) oder auch ein Esel, den man mit dem Stock bald hierher und bald dorthin treiben kann. Es ist also auch schon daher kein Wunder, daß das Elend der letzten 200 Jahre nicht etwa von einem Minimum an Weisheit, sondern von einer geradezu gigantischen und zugleich auch aggressiven Dummheit gezeichnet wird. Die Geringschätzung der geistigen (und auch der moralischen) Tugenden20) hat jedoch weltanschaulich-ideologische Ursachen. Und damit kommen wir zur ersten der drei Revolutionen, die unsere Zeit geformt haben, zur Französischen, die auch die beiden folgenden am Gewissen hat.
2. DIE FRANZÖSISCHE REVOLUTION
Die Französische Revolution war ein Aufstand von Mauleseln und Pferden, geführt von Affen, mit den Kehlen von Papagaien.