Die falsch gestellten Weichen. Von Kuehnelt-Leddihn Erik
bei Aristoteles,17) der nach einem neuen Ausbruch der Demokratie von Athen nach Chalkis floh, um nicht (in seinen Worten) das Schicksal des Sokrates zu erleiden.
Die Wirkung dieses sokratischen Traumas hielt auch durch das ganze Mittelalter bis in die Neuzeit an. Die Scholastiker, in die Fußstapfen des Aristoteles tretend, unterschieden drei gute Formen der Regierung in steigender Reihenfolge: die Republik als die schwächste, die Aristokratie als bessere und die Monarchie als die beste. Umgekehrt sahen sie in der Tyrannis als Karikatur der Monarchie (corruptio optimi pessima!) die schlechteste, in der Oligarchie eine weniger schlechte, in der Demokratie aber von den schlechten Staatsformen noch die erträglichste – was aber den Spätscholastiker Bellarmin nicht davon abhielt, vom deterrimum regimen democratiae zu schreiben.18) Es gab zwar während des Mittelalters Republiken, aber diese wurden in der Mehrzahl oligarchisch oder aristokratisch verwaltet. (In der Schweiz fungierten diese Kantonaloligarchien noch bis ins 20. Jahrhundert hinein.) Tatsächlich aber war es auch so, daß nicht die Monarchie einem nach Macht strebenden Adel die größten Chancen gab, sondern die Republik (oder die Scheinmonarchie), denn in der Monarchie kann der Adel nur eine zweite Geige spielen. In antimonarchischen Linksbewegungen haben deshalb Adelige stets verhängnisvoll mitgewirkt. Wie dem auch immer sei, von Europas Geistesgrößen allerersten Ranges hat kaum jemals einer im reiferen Alter an die Überlegenheit der Demokratie geglaubt.
Die geistigen Väter der Französischen Revolution, die zur Wiederbelebung der Demokratie nach fast zweitausendjährigem Schlummer führte, waren vor allem zwei Männer: Jean-Jacques Rousseau und der Marquis de Sade, wobei auch einige andere Geister mithalfen, so Morelly, Diderot, die übrigen Enzyklopädisten, aber auch Voltaire, obwohl letzterer wahrlich für die Demokratie als solche nichts übrig hatte. Allerdings muß man sich auch daran erinnern, daß der „Demokratist“ Rousseau diese Staatsform nur für sehr kleine Einheiten, die nicht über die Größe eines Schweizer Kantons hinausgingen, verwirklichen wollte.19) Er sah für mittlere Länder in der Oligarchie und für große in der Monarchie die geeignete politische Form. Doch war sein Prinzip des Contrat Social, also des Gesellschaftsvertrages, deutlich totalitär, noch mehr aber seine These von der Volonté Générale, die er aber nicht in Gegensatz zur Freiheit stellen wollte. Schließlich konnte man auch durch den „Allgemeinwillen“ zur Freiheit gezwungen werden.20)
Sicherlich war Rousseau ein seltsamer Vogel, ein schwerer masochistischer Neurotiker, der gerne die Rolle eines pädagogischen Fachmanns spielte, aber seine eigenen Kinder in Waisenhäuser abschob. Noch bedeutend exzentrischer war jedoch Aldonse Donatien Marquis de Sade, der nicht nur dem Sadismus seinen Namen gegeben hat, sondern auch ein bedeutender Vertreter des materialistischen Determinismus war. In aller Wahrscheinlichkeit hat er den Sturm auf die Bastille verursacht. Schließlich befehligte er als Jakobiner die Section des Picques21) – bis er Robespierre verdächtig wurde und im Gefängnis landete. Der „Göttliche Marquis“, muß man wissen, wurde auf Bitten seiner Schwiegermutter von Ludwig XVI. durch ein Lettre de Cachet in der fast verödeten Bastille eingekerkert, wo er ein recht fideles Leben führte.22) Seine Mithäftlinge waren vier Wechselfälscher, zwei verkommene Standesgenossen des Marquis und ein Irrer, der dort zur Beobachtung eingeliefert worden war. Diese sieben Gefangenen wurden von 80 Invaliden und 40 Schweizern bewacht. Der Gouverneur de Launay verhandelte mit einem wütenden Mob, der diese Zwingburg königlicher Tyrannei erstürmen wollte und schließlich ihm wie auch seiner Besatzung freien Abzug versprach. Als aber der Gouverneur mit der Mannschaft, um weiteres Blutvergießen zu vermeiden, die Festung verließ, wurden sie von der wortbrüchigen Meute überwältigt und mindestens die Hälfte mitsamt dem Gouverneur auf die viehischeste Weise umgebracht. Man versuchte, de Launay den Kopf abzuschneiden, was den fortschrittlichen Verbrechern nicht gelang, worauf ein Fleischergeselle gerufen wurde, qui savait faire les viandes, der sich also auf eine Zubereitung von Fleischwaren verstand. Aber auch dieser war in seinen Operationen nicht sehr geschickt. Selbst das Messer war zu stumpf. Auf jeden Fall aber dient dieses widerliche Massaker seit 1880 als Basis des Nationalfeiertags der zahlreichen französischen Republiken – bis heute fünf, wenn nicht bald sechs.
Die Schuld an diesem ungeheuerlichen Ereignis trägt Sade zu großem Teil, denn er war in der Bastille bis zum 4. Juli – also zehn Tage vor dem Sturm – eingesperrt und versuchte mit der Hilfe eines Trichters, die Menschen in diesem Stadtviertel aufzuputschen. Das Märchen, daß „zahlreiche politische Gefangene“ dort schmachteten, wurde allgemein geglaubt. Der Gouverneur traute sich nicht, seinen Gefangenen zu fesseln, in den Keller zu relegieren oder gar in eine Zwangsjacke zu stecken. Er bat den König, den Marquis zu „versetzen“, und da man seine grausamen Perversionen kannte, wurde er schließlich in das Spital für geisteskranke Kriminelle nach Charenton überführt. Als später die Revolution im vollen Gang war, wurde er dort entlassen und beteiligte sich dann hochpolitisch auf der äußersten Linken. Unter Napoleon wanderte er später wieder nach Charenton, wo er unter wahnsinnigen Verbrechern „linke“ Theaterstücke inszenierte. Er starb während der Hundert Tage Napoleons, und wird heute wieder von der Neulinken gefeiert.23) Als Pornograph zeigte er eine unerschöpfliche Phantasie. Der Gleichheitswahn, Perversitäten, systematischer Materialismus, fanatischer Haß auf Altar und Thron machten aus diesem völlig aus der Art geschlagenenen, aber strikt logisch bis zu den letzten Konsequenzen denkenden Philosophen eine Schlüsselfigur unserer jetzigen Zeit.
Doch was waren abgesehen von einer kleineren Schar von Denkern die geschichtlichen und sozialen Voraussetzungen der Französischen Revolution? Gerne erwähnt man die „Ansteckung“ adeliger französischer Offiziere, die im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg an der Seite der Aufständischen gekämpft hatten, mit freiheitlichen Ideen.24)
Es gab auch solche, die den Charakter des Unabhängigkeitskrieges, der beileibe keine Revolution war und als solche auch gar nicht verstanden wurde, völlig verkannt hatten.25) Da war dieser eitle Ehrgeizling Lafayette, der in der Französischen Revolution eine nicht unbedeutende Rolle spielte, aber auch Charles–Armand Tuffin, Marquis de la Rouërie, der ein Freund Washingtons war, dann aber als Hauptorganisator der Chouannerie in der Bretagne starb.26) Hier also haben wir es zum Teil mit dem ersten großen Mißverständnis zwischen Europa und Amerika zu tun, denn die Founding Fathers, die Gründerväter, haßten – in den Worten Charles Beards – die Demokratie mehr als die Erbsünde.27) Dazu kam die in französischen Intellektuellenkreisen fast abgöttische Verehrung des britischen Erbfeinds und seiner Einrichtungen, von der besonders Voltaire ergriffen war. Auch die Rolle Benjamin Franklins, des amerikanischen Gesandten in Paris, ist nicht zu unterschätzen.28)
Soziale und echte wirtschaftliche Ursachen gab es kaum. In dieser Beziehung kam die Revolution, wie Pierre Gaxotte uns zeigte, als Blitz aus heiterem Himmel.29) Die Leibeigenschaft, mit der Ausnahme einiger verstecker Winkel im Osten des Landes, war längst ausgestorben, doch gab es zwischen dem großen und dem kleinen Grundbesitz oft endlose juridische Streitigkeiten. Die Kette von Prozessen riß nie ab. Das zänkische Temperament des Franzosen, das rouspeter, wirkte sich hier besonders übel aus.30) Der Neid blühte hier wie auch anderswo am europäischen Kontinent. Doch drohte und kam auch der Staatsbankrott, weil das Steuersystem völlig veraltet war und ohne Einberufung der Stände auch nicht reformiert werden konnte.
Hier allerdings lag eine echte Wunde vor. Frankreich (wie auch die meisten anderen Länder Europas) hatte ursprünglich das klassische Regimen Mixtum, die Mischregierung aus monarchischen, adeligen und populistischen Elementen, die auch von Thomas von Aquin gepriesen wurde.31) Doch Ludwig XIV. hatte nie seine Schwierigkeiten mit der Fronde der Aristokraten vergessen, die ihn zweimal in der Zeit seiner Minderjährigkeit fast um Thron und Krone gebracht hätte. Auch das Pariser Parlement hatte für den Hochadel Partei ergriffen. Darum wurden dann die Drei Stände von Ludwig XIV. nicht mehr einberufen, und so blieb es auch bei seinen beiden Nachfolgern. Aus der verfassungsmäßigen war eine absolute Monarchie geworden. Es muß aber auch vermerkt werden, daß die corps intermédiaires, die vielen vermittelnden Körperschaften, wie die lokalen Parlamente, Gerichtshöfe, Kirche, Standesorganisationen, den königlichen Absolutismus doch wiederum sehr relativ gestalteten. Ein Ludwig XVI. konnte weder willkürlich Einkommensteuern vorschreiben, noch friedliche Bürger zum Wehrdienst