Die falsch gestellten Weichen. Von Kuehnelt-Leddihn Erik
Liberalkonservatismus, der vor dem Ausbruch der Revolution viel in Frankreich herumgereist war, gab uns ein sehr anschauliches Bild von den Ständen und ihrem gegenseitigen Verhältnis. Er notierte, daß der Adel einen viel familiäreren Kontakt mit den unteren Volksständen hatte als in England. Er setzte (mit Erstaunen) hinzu, daß der Adel in den Städten keinen und am Lande nur wenig Einfluß ausübte. Doch kritisierte er den Adel für seine krankhafte Anglomanie, die politisch sicher zu seinem Untergang führen würde. Moralisch war seiner Ansicht nach der Adel eher lax und zeigte keine große Bereitschaft, die Neureichen gesellschaftlich einzubeziehen. „All dieses Geschrei“, bemerkte er, „halte ich für gekünstelt und gewollt.“32) Über die katholische Hierarchie meinte er, sie sei „offen und nicht eng, Leute mit dem Herzen von Gentlemen, Männer mit Humor, die weder arrogant noch auch servil sind. Sie schienen mir Männer von Qualität zu sein.“33)
Doch muß man auch sagen, daß schon lange vor der Revolution eine liberalistische Welle über das Land gezogen war. Diese war größtenteils durch die „Aufklärung“ ausgelöst worden. Ludwig XVI. war zwar ein schwacher Herrscher, aber ganz und gar kein Finsterling; er behauptete sogar, daß er ohne die Encyclopédie (die er komplett besaß) nicht leben konnte. 1788 wurden die Reformierten emanzipiert (sieben Jahre nachdem Josef II. für die österreichischen Erblande das Toleranzpatent erlassen hatte); auch die Emanzipation der Juden hatte große Fortschritte gemacht. Zwar war der Dritte Stand34) noch von der Offizierslaufbahn ausgeschlossen, aber dieses Gesetz wurde umgangen, indem man verdiente Unteroffiziere schnell adelte.35) Dennoch strebte der Bürgerstand nach Gleichberechtigung, vor allem in gesellschaftlicher Beziehung, und dies, obwohl (oder gerade weil) Adel und Bürgertum sich gesellschaftlich trafen. Außerdem war es dem reichen Bürgertum in Frankreich möglich, sich durch Landkäufe in den Adel hineinzuschleichen. Bei Ausbruch der Französischen Revolution war schon ein beträchtlicher Sektor der Adelstitel erschwindelt. (Heute rechnet man, daß vom französischen Adel zwei Drittel bis drei Viertel „unecht“ sind, was in Mitteleuropa der Katalogisierungen halber unmöglich wäre.)36) Sehr zahlreich war der Verdienstadel und der Beamtenadel – die Noblesse de la Robe. Man denke da nur an Männer wie Lavoisier und Malesherbes.
Doch gerade die Liberalisierungen gaben der kommenden Revolution den Antrieb. Dasselbe sah man im 20. Jahrhundert in Rußland. Es ist ein Ammenmärchen, daß „Reformen“ revolutionäre Ausbrüche hintanhalten oder bremsen. In „Reformzeiten“ gibt es viele, die durch Veränderungen Vorteile erlangen, aber es sind eben nicht alle: daraus entsteht eine ganze Anzahl von „Erniedrigten und Beleidigten“. Zu diesen muß man dann psychologisch auch jene zählen, die nun nicht mehr „Privilegierte“, sondern nur „Gleiche“ sind. Sie verlieren das eine „Privileg“ und wollen dafür ein anderes.37) L’appetit vient en mangeant. Daher brechen sehr wohl Revolutionen auch in Zeiten des allgemeinen Wohlstands aus, und der Glaube, daß revolutionäre Bewegungen sich in der Regel gegen einen „unmenschlichen Druck“ wenden und nur dann kommen, wenn „das Faß überläuft“, ist ein Produkt jener nur allzumenschlichen Tendenz, in der Geschichte nur logische und lehrhafte Prozesse sehen zu wollen, die man Gymnasiasten verständlich machen kann.
Es war also der Staatsbankrott, der zur Einberufung der Stände führte, die allerdings schon früher vom Adel verlangt worden war. 1788 wurde der früher erwähnte Marquis de la Rouërie mit einer Reihe von Standesgenossen, die von Ludwig XVI. demonstrativ die Einberufung der Stände verlangt hatten, kurz eingesperrt. Überflüssig zu sagen, daß dies die Loyalität dieser Männer zu ihrem König keineswegs beeinträchtigte. Im Mai 1789 kamen die drei Stände zusammen und es wurde ihnen zugestanden, nach Köpfen abstimmen zu dürfen. (600 des Dritten Standes und je 300 für Adel und Klerus.) Im Juni wurde beschlossen, nicht mehr auseinanderzugehen, bis nicht eine neue Verfassung angenommen war. Der Wortführer für den Dritten Stand war der Abbé Siéyès, dessen Flugschrift: „Was ist der Dritte Stand?“ einen Riesenerfolg erzielte. (Doch die Geschichte hat auch humorvolle Seiten: Dieser Priester, der sich so vehement für die Bürger einsetzte und später für die Hinrichtung Ludwigs XVI. gestimmt hatte, wurde von Napoleon in den Grafenstand erhoben.) Durch diese radikalen Veränderungen wurde jedoch das Gebäude der Monarchie psychologisch schwer erschüttert. Es wurde alles in Frage gestellt. Einen Monat später wurde die Bastille gestürmt. Noch schien es, daß die verfassungsmäßige Monarchie – das große Verbrüderungsfest zwischen König und Volk auf dem Champ de Mars! – sich konsolidieren würde, doch der organische Übergang gelang nicht.
Was 1792–1794 geschah war ein vulkanischer Ausbruch von Volksleidenschaften, in dem ein verrotteter Adel, verkommene Priester und ein rachsüchtiges Bürgertum die Anführer der Massen wurden. Die Septembermorde (1792), für die auch Danton verantwortlich war, leiteten diesen Zerfallprozeß ein. Die auch äußerst aktive Hefe des Volkes hatte aber noch keineswegs den Charakter eines Industrieproletariats, doch auch die Bauernschaft – mit Ausnahme des Westens – war in Bewegung geraten. Das Land war vor Schrecken wie gelähmt. Nur die Vendée und die Bretagne erhoben sich gegen die Regierung in Paris. Dort, im fernen Westen, war noch ein patriarchales Verhältnis zwischen dem großen Besitz und der Bauernschaft vorhanden.
Die Unterdrückung dieser Aufstände wurde mit bestialischer Brutalität durchgeführt. Metternich, über diese Greueltaten unterrichtet, sagte im Hinblick auf den Wahlspruch der Revolution, daß er, hätte er einen Bruder, diesen lieber Vetter nennen würde. Anatole France hat einen Teil dieser Blutorgien in seinem berühmten Roman Les dieux ont soif geschildert. Kein Zweifel, „Pack schlägt sich, Pack verträgt sich“, was man auch in der Sowjetunion mit ihren widerlichen Schauprozessen beobachten konnte: „Die Revolution frißt ihre eigenen Kinder.“ Die Mischung von emotionsgeladenem Idealismus und kalter Schurkerei war immer eine explosive gewesen, und so richtete sich der Neid, zeitweilig gestillt durch die Abschlachtung und Ausraubung Andersdenkender, schließlich gegen die eigenen Parteigenossen, die man des Verrats oder der „Abweichung“ bezichtigte. Allerdings unterschied sich die Französische in dieser Hinsicht von der Russischen und der Deutschen Revolution, denn in Frankreich beteiligte sich das liebe Volk in höchst eigener Person an diesen viehischen Untaten, während in Rußland und in den deutschen Ländern der Vernichtungsprozeß hinter verschlossenen Türen oder fernen „Lagern“ sich vollzog. So wurde die Princesse de Lamballe von einer wütenden Volksmenge umgebracht und dann regelrecht ausgeweidet und zerfleischt. Aus ihrem abgehackten Kopf, ihren Schamlippen und dem Venusberg wurde eine surrealistische Kombination zusammengeheftet und dann im „Triumph“ auf einer Stange durch die Straßen von Paris getragen.38) Die Tinte auf der „Deklaration der Rechte des Menschen und Bürgers“ war kaum noch trocken. Anscheinend bereitete die berühmte Atlantic Charter auch das „Klima“ für Dresden, Hiroshima und Nagasaki vor.
Wahrscheinlich aber fanden die ärgsten Schandtaten in der Vendée und in der Bretagne statt. Dort hausten die republikanischen Höllenbrigaden des Generals Turreau. Der Präsident Cholet dieser Region schrieb Turreau, daß seine Soldaten Schrecken verübt hätten, deren selbst Kannibalen nicht fähig wären.39) Einige der entsetzlichsten Untaten wurden von den Republikanern verübt, nachdem die Stadt Le Mans in ihre Hände gefallen war. Alle verwundeten „Gegenrevolutionäre“ wurden in den Militärspitälern ermordet. Die Frauen und Mädchen wurden dort ausgezogen, geschändet, wie Schweine abgestochen und schließlich mit nackten männlichen Leichen in obszöne Stellungen gebracht. Diese reizvollen Expeditionen (promenades genannt) wurden auch durchgeführt, um die grande armée des bouches inutiles, die „Riesenarmee der überflüssigen Mäuler“, zu reduzieren. Nicht minder grauenhafte Szenen spielten sich in Arras ab, wo der Revolutionsheld Lebon und seine edle Gattin sich von einem Balkon aus an den viehischen Greueltaten der Henker ergötzten. Man ahmte hier die batteries nationales von Le Mans nach, indem man männliche und weibliche Kadaver nackt zusammensetzte. Einmal fesselte der Scharfrichter einen „Ex-Marquis“ an das Brett der Guillotine und las ihm fast eine Viertelstunde eine Liste der republikanischen Siege vor, damit dieser sie im Jenseits seinen Standesgenossen mitteilen konnte. Erst dann fiel das „nationale Rasiermesser“ auf den Nacken des Gequälten herab.40) Für alle diese Unmenschlickeiten war aber dieser Abschaum schon wohl trainiert. Während der September–Massaker 1792 bekamen die Schlächter täglich sechs Franken und dazu Wein soviel sie wollten. Doch wurden diese Schandtaten nur