Die falsch gestellten Weichen. Von Kuehnelt-Leddihn Erik
auch Lothringen nicht, das kurz vor der Revolution französisch geworden war. (Die lothringischen Grafen waren noch bis 1789 im Mainzer Grafenkollegium vertreten.) Auch hier, beim Kongreß, begegnete man wieder einem „Wunder“: Der Vertreter des besiegten Landes, der Ex-Bischof von Autun, Prinz Talleyrand de Perigord, (napoleonischer) Fürst von Benevent, (neapolitanischer) Herzog von Dino, suspendiert, exkommuniziert, zivil vermählt mit der Madame Grand, spielte dank seiner Intelligenz, seines Wissens und Humors auf dem Wiener Kongreß eine führende Rolle.7) Frankreich war am Ende all seiner Aggressionskriege größer als vor der Revolution. Immerhin, ein weiterer Weltkrieg wurde für hundert Jahre auf der Grundlage des Wiener Kongresses vermieden.
Freilich darf man die Irrtümer, die damals begangen wurden, auch nicht übersehen. Nicht nur die Einwohner von Köln, Mainz, Trier und Münster, die alle unter dem Krummstab gelebt hatten, waren auf einmal „Preußen“ und trugen damit den Namen eines nichtdeutschen, baltischen Volksstamms. Auch die Freiburger, echte Vorderösterreicher, wurden „Badener“ und die Venezianer, stolze Kinder der Res Publica Christianissima, Königin der Meere, waren nun wiederum Österreicher. Vor allem hart war das Schicksal der Polen, die geteilt blieben und überdies ihr Herzland nun für ein Jahrhundert unter russischer Herrschaft sahen. Der berühmte Père Gratry hatte sehr richtig gesagt, daß Europa seit den Teilungen Polens in der Todsünde lebe,8) und dieses Übel wurde noch dadurch ärger gemacht, daß man die preußische und österreichische Beute aus der dritten Teilung den Russen gab, die nunmehr 295 Kilometer von Wien und 305 Kilometer von Berlin ihre Grenzposten stehen hatten. (Vor den drei Teilungen lag die Grenze Polens 450 Kilometer westlich von Moskau!)
Eine herzlich schlechte Lösung war auch die Errichtung des Deutschen Bundes anstelle des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation.9) Er war viel zu lose, um gegen fremde Eroberungspläne eine geeinte Front darzustellen. Auch waren nunmehr, da man die alten Reichsgrenzen berücksichtigen wollte, ein Teil des Königreiches Preußen (Ostpreußen, Westpreußen und Posen) und ein Großteil der Donaumonarchie (Galizien, die Bukowina, Ungarn mit Kroatien, Dalmatien, Venetien und die Lombardei) außerhalb des Bundes. Der König von Dänemark (als Herrscher von Holstein) gehörte genau so dem Bund an wie der König der Niederlande (als Souverän des nördlichen Limburg). Selbstverständlich waren auch Luxemburg und Liechtenstein in der evangelischen Paulskirche vertreten, die in Frankfurt am Main nicht unweit von der katholischen Kathedrale stand, in der früher die geheiligten (sacrae nicht sanctae) römisch-deutschen Kaiser gewählt wurden. Diese „Lösung“ war nicht rein national, denn es befanden sich innerhalb der Grenzen des Bundes Nichtdeutsche (Wenden, Tschechen, Mährer, Slowenen, Italiener), dafür aber auch Deutsche außerhalb des Bundes – in Schleswig, in Ost- und Westpreußen, in Posen, in Ungarn, im Elsaß und in Lothringen. Auch war der Bund leider so konstruiert, daß er den deutsch-preußischen Krieg des Jahres 1866 nicht verhindern konnte und natürlich ebensowenig die preußisch-italienische Allianz. Auch kam kein anderer deutscher Staat Österreich zur Hilfe, als es von Napoleon III. angegriffen wurde.
Keineswegs gelöst waren die Verhältnisse auf dem Balkan, wo die Griechen und die Serben sich besonders heftig gegen die türkische Herrschaft wehrten. Die Einverleibung des Königreichs Polen (Kongreßpolens) in Rußland, wie auch die russische Herrschaft über Finnland bargen genau so einen Sprengstoff in sich, wie die Personalunion zwischen Schweden und Norwegen. (Die norwegische Krone, die unter der jahrhundertelangen dänischen Herrschaft nichtexistent gewesen war, wurde nunmehr mit der schwedischen vereint.) Auch hier war es der russische Expansionsdrang, der Unheil gebracht hatte, denn Schweden erhielt die norwegische Krone als Entschädigung für Finnland. Und England hatte seine Position im Mittelmeer wieder ausgebaut: es behielt Malta (und gab es dem Orden nicht zurück), dazu kamen dann noch die Ionischen Inseln. Es dachte nicht daran, Gibraltar aufzugeben, und bekam im 19. Jahrhundert noch zusätzlich Zypern und Ägypten.
Die Französische Revolution schien liquidiert, doch der Schein trog. Der Jubelschrei des amerikanischen Staatsmannes, Gouverneur Morris: „Die Bourbonen sind wieder auf ihrem Thron: Europa ist frei!“,10) war nicht nur verfrüht, sondern auch auf lange Sicht gegenstandslos. Die Französische Revolution spielt in unserem Denken, Fühlen und in unseren Überzeugungen eine verhängnisvolle Rolle. Die niedrigen Leidenschaften, die damals entfacht wurden, glimmen weiter. Die beiden Niederlagen – die der Revolution und die ihres Produkts, Napoleons, – können mit einer Krebsoperation verglichen werden, die den Hauptherd entfernt, aber die schon in der Entwicklung befindlichen Metastasen außeracht läßt. Was dann nachfolgt, ist eine Zeit der Scheingesundheit, bis der Krebs sich wieder unheilvoll bemerkbar macht.
4. RECHTS UND LINKS IM 19. JAHRHUNDERT
Die Heilige Allianz – Österreich, Preußen, Rußland und auch Frankreich, während England bald abgesprungen war1) – versuchte, die „alte Ordnung“ aufrechtzuerhalten, doch die neue, unmittelbare Bedrohung dieser Ordnung kam zuerst einmal von der „Nationaldemokratie“. Später erst, als logische Weiterentwicklung der Demokratie, kam dann noch der Sozialismus dazu.2)
Die alte Ordnung, das ancien régime, das man mit gewissen Veränderungen wieder zu Ehren bringen wollte, hatte einen vertikalen Charakter. Von der alten Ordnung hatte Abel Bonnard gesagt, daß der König Vater in seinem Lande war, denn jeder Vater war ein König in seiner Familie.3) Nun aber mußte man sich mit dem Begriff der Gleichheit auseinandersetzen, der rein programmatisch-ideologisch war und mit der menschlichen Wirklichkeit nichts zu tun hat. Wie wir schon früher feststellten, hatten überdies die Völker den steigenden Wunsch, „sich selbst“ zu regieren, erreichten aber bestenfalls die Herrschaft der Mehrheit über die Minderheit, was im Frühstadium der Französischen Revolution vielleicht auch wirklich erreicht wurde. Hierbei soll aber gleich auch bemerkt werden, daß in der Aktualität und im Endeffekt es jedoch immer wieder eine Minderheit ist, die die große Menge befehligt, und zwar mit oder ohne ihre Einwilligung.
Nun, im Regiertwerden liegt aber ein Fatum der erbsündlichen Menschheit vor, und, wie wir schon andeuteten, ist die Demokratie mit der „Freikörperkultur“, der Technik, der Empfängnisverhütung, der schmerzlosen Geburt, dem Feminismus und der Einbalsamierung der verzweifelte und erfolglose Versuch, die Wirkung der großen Schwächung des ganzen Menschengeschlechtes aus der Welt zu schaffen.
Doch hat die Demokratie mit ihrem Gleichmachertum noch einen ganz anderen Aspekt. Im Menschen stecken zwei Urtriebe: der eine, der animalische, der unserer tierischen Natur entspringt, während der andere rein menschlich ist. Wir sprechen hier von den Trieben zur Nämlichkeit (Identität) und zur Vielfalt (Diversität). Ein Ein-Mark-Stück ist identisch und gleich jedem anderen Ein-Mark-Stück der gleichen Ausgabe. Zwei Fünfzig-Pfennig-Stücke aber sind einem Ein-Mark-Stück nur gleich, aber nicht identisch! Bewegungen, die Gleichheit fordern, sind denen, die Nämlichkeit fordern, zutiefst verwandt; sie fordern und inspirieren sich gegenseitig. Manchmal aber entzweit sie auch die Konkurrenz, die in Haß umschlagen kann.
Nun sind wir tatsächlich manchmal in der Stimmung, mit Menschen unseres Geschlechts, unserer Altersstufe, unserer Volkszugehörigkeit und Rasse, unserer Konfession, politischen Überzeugung, unseres Geschmacks, unserer Bildung und Umfangsformen zusammenzusein, also, einem Herdentrieb folgend, in einem „Wir“ eine angenehme, warme, spiegelhafte Selbstbestätigung zu finden. Doch dann wollen wir zuweilen, von einer romantischen Sehnsucht verlockt, mit Menschen zusammenkommen, die ganz anders sind als wir: Die Anziehungskraft des anderen Geschlechts liegt zum Teil auch jenseits von Eros und Sexus in diesem „konträren Magnetismus“. Dieser verleitet uns auch, auf Reisen zu gehen um fremde Menschen, andere Tiere und Pflanzen zu sehen, andere Bauten, ein anderes Klima kennenzulernen, Speisen zu essen, einer Musik zu lauschen, Sprachen zu hören, Sitten und Gebräuche zu beobachten, die uns „neu“ und ungewohnt sind. Das ist ein Trieb, der dem Tier fehlt. „Originalität“ ist nicht animalisch, das Wort in jedem Sinn genommen. Einem Hund kann man tagaus-tagein dasselbe Futter vorsetzen, der Mensch aber braucht Abwechslung. (Der Spießer, der Banause, der „Primitive“ braucht diese Abwechslung aber wahrscheinlich nicht oder in nur sehr geringem Ausmaß. Dem Ungewissen, dem Fremden steht er unsicher, wenn nicht gar feindlich gegenüber.) Die Worte Goethes: „Höchstes Glück der Erdenkinder ist doch