Alter Adel - neues Land?. Ines Langelüddecke
guten, attraktiven Infrastruktur. Es gibt Einkaufsläden, ein Restaurant im Gutshaus-Hotel, einen Kindergarten, jedoch keine Schule. Der Sportverein des Dorfes hat eine eigene Sporthalle und einen Sportplatz. Außerdem besteht es eine Freiwillige Feuerwehr.
Interviewen konnte ich in Bandenow den Ortsbürgermeister Manfred Lössner (*1946), die Rentnerin Barbara Schönpflug (*1946), die in den 1970er und 1980er Jahren die Gräber der Adelsfamilie pflegte, Susanne Beierlein (*1958), eine Mitarbeiterin im Saatzuchtbetrieb, sowie Hartmut Bauer (*1935), einen Halbbruder von Leopold von Hohenstein sr., sowie dessen Frau Hanna (*1937). Über ihr Leben und den Neuanfang in Bandenow sprachen mit mir außerdem Leopold von Hohenstein jr. (*1969), sein Vater Leopold von Hohenstein sr. (*1940) und seine Mutter Dorothea (*1944).[73] Die Erzählungen der Adelsfamilie reichen von der Gegenwart aus gesehen ungefähr 130 Jahre zurück. Ergänzend dazu sind im Familienarchiv Unterlagen zur Familiengeschichte, wie Chroniken und Briefe, überliefert. Bei den Menschen aus dem Dorf reichen die Erzählungen von Hartmut Bauer am weitesten zurück, ungefähr bis ins Jahr 1900. Sie umfassen damit einen fast ebenso langen Zeitraum wie die Erzählungen der Adelsfamilie. Als unehelicher Sohn spricht er ähnlich ausführlich wie die Adelsfamilie über die eigene Familiengeschichte, allerdings mit einer doppelten Zugehörigkeit zu den Handwerkstraditionen seiner Familie mütterlicherseits und zum Adel väterlicherseits. Die Erzählungen der anderen Dorfbewohner umfassen neben der eigenen Lebensgeschichte auch die Dorfgeschichte der vergangenen rund 100 Jahre. Alle Bandenower identifizieren sich mit der landwirtschaftlich geprägten lokalen Tradition des Dorfes, denn der adlige Gutsbetrieb wurde in der DDR als volkseigenes Gut (VEG) weitergeführt, und es wurde auch offiziell an die Adelsgeschichte angeknüpft. Darum soll es in den folgenden Kapiteln, in denen das Dorf im Mittelpunkt steht, ausführlicher gehen. Die Überlieferungslage für Bandenow ist ausgesprochen gut. Im Unterschied zu Siebeneichen gibt es ein Gemeindearchiv mit einem umfangreichen Aktenbestand zum Dorf und zum VEG Saatzucht in der DDR, das im Kreisarchiv II überliefert ist.[74]
Es war unproblematisch, Zeitzeugen aus dem Dorf zu finden. Bandenow ist eine große Ortschaft: Im Unterschied zu Siebeneichen ist die Adelsfamilie heute nicht der einzige Arbeitgeber. Alle Befragten redeten aus einer Position der Unabhängigkeit über die Familie von Hohenstein.
Kuritz
Kuritz ist ein Dorf im westlichen Brandenburg mit etwa 380 Einwohnern. Durch den Ort führt eine Bundesstraße, von der die kleinere Dorfstraße zum Schloss hin abzweigt. Im Zentrum des Dorfes gibt es das Schloss mit einem Restaurant, die Kirche sowie einige Wohnhäuser und Cafés. Gegenüber vom Schloss steht ein neugebautes Haus, in dem Gerold von Watenburg, der zurückgekehrte Angehörige der lokalen adligen Familie, lebt. Ganz in der Nähe dieses Hauses, an einer Seite der Wiese hinter dem Schloss, befinden sich die Familiengräber der Adelsfamilie. Kuritz ist ein kleines Dorf, in dem es eine Freiwillige Feuerwehr, einen Heimatverein, einen Kleintierzüchterverein und einige Cafés gibt, aber darüber hinaus weder eine Schule, einen Kindergarten noch eine Einkaufsmöglichkeit. Interviewpartner waren Gustav Meier (*1928), dessen Vater Kutscher auf dem Gut war, die Tochter des Oberförsters auf dem Gut, Ilse Mahler (*1927), und der ehemalige Bauer Harald Meister (*1933). Die Erzählungen der Kinder der ehemaligen Gutsangestellten beziehen sich auf die Zeit der Gutsherrschaft in den 1930er Jahren, die Enteignung, die Zeit der DDR und die Transformationszeit nach 1990. Noch länger reichen die Erzählungen von Harald Meister zurück, dessen Familienerinnerungen eng mit dem kleinbäuerlichen Landbesitz seines Vaters und Großvaters verknüpft sind und bis zur Jahrhundertwende um 1900 zurückgehen. Außerdem wurden von den Dorfbewohnern der Pfarrer im Ruhestand Ansgar Rauschenbach (*1947), der ehrenamtliche Dorfbürgermeister Martin Köhler (*1958) und die Architektin Julia Sarhausen (*1970) interviewt.[75] Der ehemalige Pfarrer und der Bürgermeister sprachen aus einer professionellen Perspektive über die dörflichen Angelegenheiten und nicht nur über ihr eigenes Leben. Aus der Adelsfamilie wurde der 1939 geborene Gerold von Watenburg interviewt. Seine Erzählungen reichen etwa 130 Jahre zurück und beginnen 1880 mit der Geburt seines Großvaters, dem letzten Gutsbesitzer.
In Kuritz gibt es ein umfangreiches Gemeindearchiv, das im Kreisarchiv III überliefert ist.[76] Auch die Adelsfamilie verfügt über ein kleines Familienarchiv, das sich im Brandenburgischen Landeshauptarchiv in Potsdam befindet. Hier war es unkompliziert, Interviewpartner zu finden, die über die Rückkehr des Adels und über ihr Leben in Kuritz sprechen wollten. Gerold von Watenburg betreibt ein kleines wirtschaftliches Unternehmen im Dorf, aber er ist im Unterschied zu den Adelsfamilien in Siebeneichen und Bandenow kein Landwirt. Auch im Schloss lebt er nicht. Er hat nach seiner Rückkehr keine kommunalen Ämter im Dorf übernommen. Die befragten Menschen aus dem Dorf sprachen mit einer Haltung der Unabhängigkeit und Distanz über ihn. In den beiden anderen früheren Gutsdörfern konnten jeweils mehrere Generationen der Adelsfamilie interviewt werden, nicht so in Kuritz. Zeitweise hat Gerold von Watenburgs Sohn auch im Ort gewohnt, inzwischen ist er aber wieder nach Süddeutschland gezogen.
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