Alter Adel - neues Land?. Ines Langelüddecke

Alter Adel - neues Land? - Ines Langelüddecke


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ein weiteres geführt, in dem ich auf ungeklärte Fragen zurückkam und eine biographische Erzählung, vor allem mit Schwerpunkt auf deren Leben in der Bundesrepublik, anregte. Besonders interessierte mich in diesen Gesprächen die innerfamiliäre Tradierung von Erinnerungen innerhalb der Adelsfamilien.[35] Für die beiden Dörfer Siebeneichen und Bandenow konnte ich zwei Generationen der ehemaligen Gutsfamilie interviewen. In Kuritz konnte ich nur den Enkel des letzten Gutsbesitzers befragen, der heute wieder in diesem Dorf lebt.

      Die in den Interviews greifbaren Erinnerungen sind ebenso konkretes Ergebnis des Interviewprozesses selbst wie der individuellen Erfahrungsaufschichtung innerhalb jeder Lebensgeschichte.[36] Biographisches Erzählen zielt zum einen auf die Vergegenwärtigung der Vergangenheit und zum anderen auf die Darstellung einer in sich kohärenten Lebensgeschichte. Jede subjektive Erinnerungserzählung ist zudem sozial gerahmt, das heißt, sie ist an die Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Gruppen gebunden, wie zum Beispiel Familie, soziale Schicht, Altersgruppe, Beruf, Religion oder Geschlecht. Ob Mann oder Frau, adlig oder nicht-adlig, jung oder alt, Pfarrer oder Bäuerin: In allen diesen Erzählungen gibt es Schichten, die auf die jeweilige soziale Gruppe verweisen, aber auch solche Aspekte, die die Individualität jedes einzelnen Gedächtnisses ausmachen.[37] Die eigene Biographie zu erzählen heißt also nicht nur, eine in sich selbst schlüssige Geschichte zu präsentieren. Mit jeder lebensgeschichtlichen Interviewerzählung wird die Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe bekräftigt.[38] Das Erzählen folgt immer einem spezifischen sozialen Drehbuch oder Skript.[39] Bei der Interviewanalyse stehen nicht nur die dominanten Erzählmuster innerhalb dieses Drehbuchs im Mittelpunkt, sondern auch die Brüche und Widersprüche, die aus dem Erzählkontext hervorscheinen und auf tiefere Schichten der Erfahrung verweisen können.[40]

       Die Erzählgemeinschaften von Adligen und Dorfbevölkerung

      Im Unterschied zu anderen Oral-History-Studien geht es in meinem Buch nicht um eine einzige Gruppe oder eine Generation, sondern um zwei unterschiedliche Erzählgemeinschaften.[41] Nach Albrecht Lehmann konstituiert sich eine Erzählgemeinschaft aus der Gemeinsamkeit des sozialen Erlebens in einer Familie oder in einem sozialen Milieu, in einem Dorf oder auch in einem städtischen Wohnmilieu.[42]

      Adlige und Menschen im Dorf stehen sich als zwei voneinander getrennte Erzählgemeinschaften gegenüber.[43] Für die interviewten Adligen ist die Enteignung von 1945 ein zentrales Ereignis ihrer Familiengeschichte im 20. Jahrhundert.[44] Die Erinnerung an diese Erfahrung konnten die adligen Familien innerhalb ihrer spezifischen Sozialformation in der Zeit der Bundesrepublik weitergeben und sich innerhalb ihrer sozialen Gruppe darüber solidarisieren.[45] Mit dem materiellen Verlust des Eigentums und mit dem verlorenen Zugang zum früheren Gutsdorf waren für diese Familien die zentralen Ressourcen für Macht und Herrschaft verlorengegangen. Vor allem die Schlösser und Gutshäuser, die Kirchen und die Friedhöfe sind die zentralen Räume des Gutes, mit denen sich auf einer symbolischen Ebene die Zugehörigkeit zu einem generationenübergreifenden Familienverband verknüpft. Der Pflege der Familienerinnerung kommt für den Adel eine besondere Bedeutung zu, weil auf diese Weise die herausgehobene gesellschaftliche Position auch in Niedergangsprozessen, wie nach dem Ende der Monarchie 1918 und der Enteignung 1945, zumindest symbolisch gehalten werden kann.[46] Die Selbstwahrnehmung der Erzählgemeinschaft der adligen Rückkehrer ist charakterisiert durch den Bezug auf die eigene Familiengeschichte mit der Gutsherrschaft vor 1945, den Erlebnissen von Enteignung, Flucht und Vertreibung, der Zeit in der Bundesrepublik und vor allem auf das Ereignis der Rückkehr nach Brandenburg.

      In den Deutungen der Leute aus dem Dorf und in ihrem Reden über die Adligen verbinden sich hingegen Anti-Junker-Ressentiments aus der Zeit der DDR mit Erwartungshaltungen an einen paternalistischen, fürsorglich agierenden Gutsherrn oder auch mit Kritik an westdeutschen Investoren in der Zeit der Wiedervereinigung. Zentrale Ereignisse in diesen Erzählungen sind die Enteignung, die Bodenreform, die Kollektivierung der Landwirtschaft und der Umbruch von 1989/90. Die Erzählgemeinschaft der Dorfbevölkerung ist in sich heterogener als die der Adelsfamilien. Unter ihren Angehörigen dominiert eine Selbstwahrnehmung, die vor allem auf die DDR und die Erfahrung des Umbruchs von 1989/90 konzentriert ist. Aus diesen konträren Grunderfahrungen in beiden Gemeinschaften resultieren unterschiedliche Wahrnehmungen und Interessen, die sich auf die Aushandlungsprozesse im Dorf auswirken.

       Forschungsperspektive

      In allen Interviewerzählungen überlagern sich verschiedene Schichten von individuellen Erfahrungen und Deutungen mit Bildern und Vorstellungen, die in sozialen Gruppen und Gemeinschaften überliefert werden. In einem multiperspektivischen Zugriff verknüpfe ich in meiner Untersuchung diese unterschiedlichen subjektiven Erzählungen mit dem vorhandenen Archivmaterial. In einigen Fällen bestätigen die schriftlichen Überlieferungen die mündlichen Äußerungen, in anderen nicht.[47] Dann stellt sich die Frage, warum einige historische Ereignisse, die sich aus der schriftlichen Überlieferung rekonstruieren lassen, nicht Bestandteil der Erzählungen sind. Daneben existieren zahlreiche Geschichten, die von verschiedenen Interviewpartnern weitergegeben werden, für die es aber keine Entsprechung in den schriftlichen Quellen gibt. In dieser Untersuchung geht es nicht darum, die Aussagen der mündlichen Quellen mit den schriftlichen Überlieferungen abzugleichen und eventuelle Inkonsistenzen herauszuarbeiten. Die rekonstruierbaren historischen Ereignisse bilden vielmehr die Grundlage für die Untersuchung der Deutungen, die innerhalb der beiden Erzählgemeinschaften formuliert werden. Diese Vergangenheitskonstruktionen, Sinnzuschreibungen und räumlichen Narrative, die mit Erwartungen und konkreten Interessen verknüpft sind und die zum Gegenstand der Auseinandersetzung zwischen beiden Akteursgruppen werden, stehen im Mittelpunkt dieses Buches.[48]

      Wie bereits erwähnt wähle ich in meinem Buch einen methodischen Zugang, der sich aus der Verbindung von Raum- und Erinnerungstheorie ergibt. Daneben verorte ich meine Untersuchung in so unterschiedlichen Feldern wie Adels-, DDR- und Transformationsforschung und folge damit einem kultur- und mentalitätsgeschichtlichen Ansatz.[49] An die Forschungen von Arnd Bauerkämper und Jens Schöne anknüpfend, untersuche ich die historische Entwicklung in drei ehemaligen Gutsdörfern nach 1945.[50] Ich betrachte die Gutsdörfer in der DDR und die Adelsfamilien in der Bundesrepublik dabei in einer beziehungsgeschichtlichen Perspektive.[51] Diese »asymmetrisch verflochtene Parallelgeschichte« über die Begegnung zweier unterschiedlicher Akteursgruppen in drei ehemaligen Gutsdörfern verfolge ich außerdem über die Zäsur von 1989/90 hinaus bis fast in die Gegenwart.[52] Der Untersuchungszeitraum der Arbeit erstreckt sich dabei vom Zeitpunkt der Interviews 2010/2011 rückblickend in eine Vergangenheit, die ungefähr 80 bis 100 Jahre zurückliegt. Der zeitliche Erfahrungsraum umfasst jeweils drei Generationen[53] und damit diejenigen Erinnerungen, die beispielsweise in einer Familie von der Elterngeneration an die Kinder und Enkelkinder weitergegeben werden.[54] Meine älteste Interviewpartnerin, Clara von Sierstedt aus Siebeneichen, ist 1922 geboren: Ihre Erzählungen und die einiger anderer Zeitzeugen reichen bis in die Zeit der Gutsherrschaft zurück.

      Meine Annäherung an die untersuchten Gutsdörfer in der Zeit der DDR und vor 1945 sowie an die Adelsfamilien in der Bundesrepublik erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Dennoch eröffnet sich durch die Auswahl der Beispiele, die mündlichen Erzählungen und die schriftlichen Quellen ein Mosaik, in dem die Konflikte, Kompromisse und Konsensbildungen in den ehemaligen Gutsdörfern nach 1989/90 und zugleich die damit verbundenen tieferen Zeitschichten aufgezeigt werden können. In den Auseinandersetzungen der Transformationsperiode beziehen sich die unterschiedlichen Akteure auf verschiedene Zeitschichten aus der Zeit der DDR, der Bundesrepublik und der vorangegangenen Gutsherrschaft, die in den Erzählungen gleichzeitig vorhanden und wirksam sind.[55]

      Der Umbruch von 1989/90 und der Systemwechsel nach dem Ende der DDR sollen hier nicht als eine eindeutige Zäsur, sondern – unter Einbeziehung seiner Vorgeschichte und seiner langfristigen Folgen – als eine längere Übergangsperiode betrachtet werden. Im ehemaligen Gutsdorf lässt sich der »Wandel nach der Wende«[56] nur im Zusammenhang mit dem Umbruch von 1945 und den jeweiligen politischen und sozialen Parallelentwicklungen in der DDR und in der Bundesrepublik verstehen. Mit dieser These schließe ich an neuere Studien zur historischen Transformationsforschung an, die ihren Untersuchungszeitraum über die Zäsur von 1989/90 hinweg ausdehnen und auch die


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