Das Wunder von Errikousa. Yvette Manessis Corporon

Das Wunder von Errikousa - Yvette Manessis Corporon


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nichts tun. Der Nazi stand da und schrie uns auf Deutsch an. Ich stand neben meiner Mutter, die beschützend den Arm um mich gelegt hatte. Er war in ihrem Schlafzimmer, nahm alles auseinander und schrie: ›Wo sind die Juden? Ich weiß, dass ihr sie versteckt! Wo sind die Juden?‹ Wir sagten nichts. Wir standen nur da und schauten zu, während er das ganze Haus auf den Kopf stellte. Wir konnten nichts tun. Ich dachte, er würde uns alle umbringen.«

      Während meinem Vater die Angst und Ungewissheit jener Zeit am stärksten in Erinnerung geblieben sind, erinnert sich seine Schwester, Agatha, besonders an die Liebe. »Meine Mutter hat diese Mädchen geliebt«, erinnert sich Agatha. »Nina mochte sie am allermeisten. Sie war wirklich sehr nett. Sie war so lieb und freundlich. Ich mochte Rosa am liebsten. Sie war meine Freundin.«

      Im Gegensatz zu meinem Vater war Agatha sehr oft zu Besuch auf Errikousa. Selbst heute mit ihren vielen gesundheitlichen Problemen verkündet Agatha vehement und lautstark ihre Meinung und lässt sich nicht davon abbringen. »Natürlich fahre ich wieder nach Errikousa«, beharrt sie. »Warum sollte ich das nicht tun?«, fügt sie hinzu, als verstehe sie nicht, wie ich eine solche Frage stellen konnte. »Das ist meine Heimat.«

      Alle auf Errikousa, auch meine Yiayia, wussten um die Gefahr. Sie wussten, dass die Nazis ihre Drohung, jeden, der Juden half, zusammen mit seiner ganzen Familie zu töten, wahr machen und als Strafe die ganze Insel niederbrennen würden. Selbst als deutsche Soldaten das Haus meiner Yiayia völlig durcheinanderbrachten, selbst als sie Haus für Haus und Familie für Familie auf der ganzen Insel durchsuchten, selbst dann verriet niemand auf Errikousa Savvas’ Geheimnis. Kein einziger Bewohner von Errikousa verriet den Nazis, dass sich eine jüdische Familie in ihrer Mitte versteckte. Kein einziger.

      Und Savvas, Julia, Spera, Nina und die kleine Rosa blieben am Leben.

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      Im Oktober 1944 erreichten britische Soldaten Korfu und befreiten die Insel von den deutschen Besatzern. Sie waren eine Erhörung der Gebete von Christen und Juden gleichermaßen. Aber selbst das Ende der deutschen Besatzung genügte nicht, um die Sicherheit der Juden zu garantieren, die nach Korfu zurückkehrten. Von der früher einmal lebendigen Gemeinde war nichts übrig geblieben. Diejenigen, die die Deportationen und die Todeslager der Nazis überlebten, kehrten ins jüdische Getto zurück und mussten feststellen, dass das Leben nach dem Krieg sehr schwer war. Zwei der drei Synagogen waren zerstört, unzählige Häuser waren in Schutt und Asche gelegt, und die Geschäfte und Wohnungen, die noch standen, waren von Plünderern leer geräumt worden.

      Als ihm bewusst wurde, wie schwer es sein würde, ihr Leben auf Korfu neu aufzubauen, beschloss Savvas, im Kreis der Freunde, die ihr Leben für ihn riskiert hatten, auf Errikousa zu bleiben. Savvas, Julia, Spera, Nini und Rosa konnten endlich aus der Dunkelheit herauskommen und im Licht leben. Sie konnten endlich die Türen und Fenster ihres Hauses öffnen und ihre Freunde an ihren Sabbattisch einladen, ohne befürchten zu müssen, dass sie ermordet würden, weil sie ihren Glauben praktizierten.

      Nach dem Ende des Krieges lebte Savvas nur noch lange genug, um zu sehen, dass seine Mädchen vor den Nazis in Sicherheit waren. Er wusste, dass die Bewohner von Errikousa trotz des Bösen, das er erlebt hatte, ein lebender Beweis dafür waren, dass es immer noch Menschlichkeit und Anstand gab.

      Savvas starb, bald nachdem Korfu von den Deutschen befreit worden war, eines natürlichen Todes auf Errikousa. Er wurde gleich außerhalb der christlichen Friedhofsmauer hinter der Kirche des heiligen Nikolas direkt am Ionischen Meer beerdigt. Die Menschen, die Savvas liebten, betonten, dass er einer von ihnen gewesen sei, ein Insulaner, und deshalb innerhalb der Friedhofsmauern beerdigt werden sollte. »Welche Rolle spielt es schon, ob er Christ oder Jude war?«, argumentierten seine Freunde. Für sie zählte nur, dass er einer von ihnen gewesen war, ein Mann, der ihre Insel und ihre Gemeinde von Herzen geliebt hatte. Mein Urgroßvater und Yiayia hörten sich diese Argumente an und bekundeten ebenfalls ihre Hochachtung vor dem jüdischen Schneider. Aber Savvas Israel hatte sein Leben und das Leben seiner Familie riskiert, um seinen Glauben und seine Überlieferungen zu bewahren. Es war, wie Nina gesagt hatte, als sie auf Errikousa angekommen waren: Savvas Israel wurde als Jude geboren und er starb als Jude. Und als solcher sollte er nicht innerhalb der Mauern eines christlichen Friedhofs beerdigt werden.

      Da kein Rabbi da war, beerdigten die Inselbewohner ihren Freund und respektierten seine Traditionen, so gut sie konnten. Nina, Julia, Spera und Rosa legten Steine auf das Grab, wie es in den jahrhundertealten jüdischen Überlieferungen steht, damit Savvas nicht vergessen wurde. Die Inselbewohner, die Erwachsenen und Kinder von Errikousa, brachten ihre Liebe und ihre Achtung auf ihre Art zum Ausdruck: Sie pflückten Blumen und legten sie auf das Grab von Savvas Israel, dem jüdischen Schneider und Freund der Bewohner von Errikousa.

      Nach dem Krieg standen Nina, Julia, Spera und Rosa genau wie unzählige Juden auf der ganzen Welt vor der herausfordernden Aufgabe, sich ein neues Leben aufbauen zu müssen, nachdem sie alles verloren hatten. Yiayia kämpfte ebenfalls darum, ihrer Familie ein neues Leben aufzubauen. Sie zog mit meinem Vater und Agatha nach Athen, wo sie ein paar Jahre wohnten, bis Papou endlich genug Geld gespart hatte, um sie zu sich nach Amerika zu holen. Yiayia hat ihre jüdischen Freunde nie vergessen, aber nachdem sie nach Athen gezogen war, sah sie sie nie wieder. Yiayia fragte sich oft, was wohl aus den Mädchen, die selbst in den dunkelsten und einsamsten Momenten während des Krieges Liebe und Lachen in ihr Haus gebracht hatten, geworden war.

      Viele Jahre nachdem sie nach Amerika gezogen war, hörte Yiayia, dass die Mädchen tatsächlich auf die Insel zurückgekehrt waren. Sie waren gekommen, um Savvas’ Gebeine aus seinem Grab in Errikousa zu holen und ihn in Israel zu beerdigen, wo der elegante Schneider aus Korfu seine endgültige letzte Ruhestätte finden sollte.

      Auf Errikousa freuten sich die Menschen, die Savvas und seine Mädchen geliebt hatten, dass sie der Familie hatten helfen können. Sie beteten dafür, dass Spera, Julia, Nina und Rosa ein erfülltes Leben finden und eigene Familien gründen würden. Die Insulaner sprachen manchmal über den jüdischen Schneider, aber nicht oft. Als wollten sie ihre Freunde noch immer beschützen, behielten die Inselbewohner die Geschichte von Savvas für sich. Über die Namen und Geschichten aus einer schweren und gefährlichen Zeit wurde zwar gelegentlich geflüstert, aber nach einer Weile wurden sie von den meisten vergessen.

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