Das Wunder von Errikousa. Yvette Manessis Corporon
am frühen Morgen draußen das ganze Tier auf den Spieß gesteckt, den sie seitdem abwechselnd langsam drehten. Dabei rauchten sie Zigaretten und tranken dunklen, starken griechischen Kaffee, der am Nachmittag von Whiskey abgelöst wurde. Ungefähr jede Viertelstunde tauchten sie ein Büschel Rosmarinzweige in eine Marinade aus Zitronen, Olivenöl und Knoblauch und bestrichen das ganze Lamm immer wieder mit der köstlichen Mischung.
Inzwischen war die Luft in der gesamten Nachbarschaft von dem himmlischen Duft des mit Knoblauch und Zitrone bestrichenen gegrillten Lamms erfüllt. Freunde und Nachbarn in der ganzen Straße wussten schon beim Aufwachen, dass es wieder so weit war: Die Griechen feierten Ostern.
Als das Lamm endlich fertig war, setzte sich unsere ganze Familie um den Esstisch. Auf unserem Ostertisch gab es keine Hasen, Küken oder Eier in Pastellfarben. Jahr für Jahr stand immer das Gleiche in der Mitte: eine Schüssel mit kräftig gefärbten, tiefroten Eiern. Nach dem Färben und Abkühlen wurden die Eier mit einem Küchenpapier, das mit Olivenöl getränkt war, abgerieben, um schön zu glänzen. Die Eier waren immer rot, als Symbol für das Blut, das Jesus vergossen hatte. Neben der Schale mit den roten Eiern standen die angezündeten Kerzen, die wir vom Auferstehungsgottesdienst um Mitternacht mit nach Hause gebracht hatten. Wenn der Duft des gebratenen Lamms den Nachbarn nicht verkündete, dass die Griechen Ostern feierten, dann verriet es ihnen hundertprozentig die Karawane von Griechen, die um ein Uhr nachts versuchten, mit brennenden Kerzen im Auto von der Kirche nach Hause zu fahren.
Wir drängten uns dicht an dicht um den Tisch, nachdem wir jeden verfügbaren Stuhl im Haus angeschleppt hatten. Der Tisch war vollkommen mit Servierplatten und Tellern bedeckt. Was nicht auf den Tisch passte, wurde in der Küche gestapelt. Es gab genug Essen, um ein kleines Dorf oder die ganze Insel Errikousa satt zu bekommen. Trotzdem fragte ich mich, was ich essen sollte, während ich meinen Blick über den Tisch wandern ließ. Das Essensangebot war reichlich, mit vielen Gewürzen und Soßen, aber meinen amerikanischen Gaumen reizte kaum etwas. Ich zog der traditionellen griechischen Küche inzwischen Erdnussbutterbrote vor. Selbst wenn es in Zitrone und Knoblauch getränkt war, roch Lamm für mich immer noch modrig und schmeckte nach alten Socken. Fetakäse, einen unverzichtbaren Bestandteil jeder griechischen Mahlzeit, fand ich wegen seines unangenehmen Geruchs und der milchigen Salzlake abstoßend.
»Bist du sicher, dass du nicht adoptiert wurdest?«, zogen mich meine Cousins immer auf.
Als ersten Gang gab es immer das Gleiche: Magiritsa, die traditionelle Ostersuppe. Ich nannte sie Eingeweide-Suppe. Es war tatsächlich eine Suppe aus den Eingeweiden und inneren Organen des Lamms. Jedes Jahr lag ein paar Tage vor Ostern, wenn ich aufwachte, der unverkennbare Geruch von Innereien, die gesäubert und gekocht wurden, in der Luft. Yiayia schien immer am glücklichsten zu sein, wenn sie an der Spüle stand und Dinge putzte, die meiner Meinung nach eher als Dünger für den Garten als für den Kochtopf geeignet waren. Aber diese Innereien, die mit Zitrone, Frühlingszwiebeln und Dill in einer Brühe köchelten, waren Tradition und für den Rest der Familie der Höhepunkt des Festmahls. Und wie immer wurde mir am Ostersonntag eine große Schüssel Magiritsa vorgesetzt, während alle am Tisch in lautes Gelächter ausbrachen.
»Komm schon, Yvette«, lachte mein Bruder. »Du weißt, dass es dir schmeckt.«
»Nein, danke.« Ich schüttelte nur den Kopf.
Während alle das Festessen genossen, wurde erzählt und diskutiert. Kein Thema wurde ausgelassen; aktuelle Ereignisse, Nachrichten und Politik wurden mit derselben Begeisterung behandelt wie der neueste Tratsch von der Insel, von dem es immer reichlich gab. Und wie immer kehrten die Gespräche unweigerlich dorthin zurück, wo die Geschichte unserer Familie begonnen hatte. Zu der winzigen Insel Errikousa. Und wie immer gehörte die Schwester meines Vaters, Agatha, zu den Lebhaftesten am Tisch.
»Ich sage euch, sie waren böse und gemein«, verkündete Agatha. »Schreckliche Menschen. Die Italiener waren nett zu uns, aber die Deutschen nicht. Einmal ging ich an einem vorbei und schaute ihn an. Er war groß und trug eine Uniform. Er sah mich an, hob den Arm und sagte: ›Heil Hitler!‹«
»Was hast du dann getan?«, fragte ein Cousin.
»Was ich getan habe?« Agathas Stimme wurde lauter, während sie einen weiteren Zug von ihrer Zigarette, Virginia Slim light, nahm und Spuren von ihrem roten Lippenstift darauf hinterließ. Sie klopfte die Asche in einen Aschenbecher, der auf dem Tisch neben der Platte mit dem gebratenen Lamm stand, und erzählte ihre Geschichte weiter.
»Was ich getan habe?«, wiederholte sie. »Nichts. Ich wusste nicht, was ich sagen oder tun sollte. Der Deutsche wollte, dass ich ›Heil Hitler!‹ sage, aber das wusste ich nicht. Ich war erst sieben. Also hat er mich geschlagen. Er stieß mich zu Boden und trat mich. Dieser gemeine Bastard! Und dann geschah etwas, das ich nie vergessen werde: Ein italienischer Soldat kam zu mir, kniete sich neben mich hin und sagte: ›Bambina, bambina.‹ Das ist das italienische Wort für ›kleines Mädchen‹, wisst ihr. Dann ging er mit mir ins Café und kaufte mir eine Scheibe Brot mit Marmelade. Ich erinnere mich immer noch, wie köstlich dieses Brot und diese Marmelade schmeckten. So etwas Gutes habe ich seitdem nie wieder gegessen.«
»Wie viele Juden waren auf der Insel versteckt?«, fragte ein anderer Cousin.
»Lass mich zählen. Rosa, Nini, Julia, Spera und Savvas«, antwortete meine Tante.
»Rosa war die Kleinste«, ergänzte meine Yiayia. »Sie war die Enkelin.«
»Ja. Rosa war nicht viel älter als ich«, sprach Agatha weiter. »Sie war meine Freundin. Wir legten uns immer in Mamas Bett. Die Erwachsenen waren nebenan. Wir konnten sie flüstern hören. Nicht wahr, Tassi?«
»Ja«, antwortete mein Vater. »Das weiß ich noch ganz genau. Wir versuchten, uns ruhig zu verhalten. Wenn wir nicht still waren, wurden wir geschlagen.«
»Wir mussten leise sein«, erklärte Yiayia. »Wir wussten nie, wer uns hörte und wer es den Deutschen verraten würde.«
Während meine Yiayia, mein Vater und meine Tante von ihrem Leben unter der Nazi-Besatzung erzählten, ging das Osteressen am Tisch ungehindert weiter. Und das Thema wurde genauso schnell, wie es angesprochen worden war, wieder abgehakt. Man lud sich eine zweite Portion auf den Teller, die Weingläser wurden wieder aufgefüllt, Zigaretten wurden angezündet und das Leben und das Essen gingen einfach weiter. So als wäre die Geschichte von den Juden, die auf Errikousa versteckt worden waren, nicht wichtiger als das Gerücht, wessen Tochter als Teenager verrücktspielte und einen Nichtgriechen als Freund hatte oder welche Familie sich um Grundbesitz auf Errikousa stritt.
»Wer will eine Nachspeise?«, fragte Agatha, während sie und die anderen Frauen aufstanden und anfingen, das Geschirr abzuräumen.
SAVVAS, DER JÜDISCHE SCHNEIDER
Savvas Israel war ein begabter Künstler, ein geachteter Geschäftsmann und vor allem ein eleganter Mann. Mit seinen durchdringenden Augen, seinem eindrucksvollen Schnurrbart und seinen makellos geschneiderten Anzügen wurde er von Juden und Christen gleichermaßen geachtet. In seiner Schneiderei, die sich im Herzen des jüdischen Gettos in Korfu befand, war immer etwas los. Hier traf man sich, um Geschäfte zu machen, um die neuesten Nachrichten auszutauschen und um sich mit Freunden, sowohl orthodoxen Christen als auch Juden, zu unterhalten.
Die Menschen gaben ihm den Spitznamen Papa Savvas, der Priester. Anfangs war das nur ein nett gemeinter Scherz unter seinen christlichen Freunden. Der Name war aber auch ein augenzwinkernder Hinweis auf seinen Charakter: Savvas war ein weiser Mann, er war freundlich und gütig. Doch das, was als Scherz unter Freunden begann, setzte sich fest und verbreitete sich, bis ihn schließlich jeder so nannte: Papa Savvas, der jüdische Schneider aus Korfu. Aber der ironische Unterton von Savvas’ Spitznamen war nicht das einzige Paradoxon in Savvas Israels Leben. Zwar war im Grunde jedes Kleidungsstück, das Savvas schneiderte, perfekt und fehlerlos genäht, aber die Spezialität des jüdischen Schneiders waren die geistlichen Gewänder für den griechisch-orthodoxen Klerus auf Korfu.
Savvas Israel war in seiner Schneiderei nicht allein. Seine vier Töchter, Nina, Julia, Vittoria und Spera,