Das Wunder von Errikousa. Yvette Manessis Corporon

Das Wunder von Errikousa - Yvette Manessis Corporon


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war ein Freitag, an dessen Abend der Sabbat begann. Aber als die Sonne über den Hügeln im Westen von Korfu unterging, konnte niemand nach Hause gehen, um den Tisch für den Sabbat zu decken, Kerzen anzuzünden, zu beten oder jahrhundertealte Traditionen zu pflegen. Vielmehr standen die Juden der Insel zusammengepfercht auf der Platia und wurden mit entsicherten Schusswaffen bedroht, während die Sonne am Vorabend des Sabbats unterging – ein schmerzliches Bild für das, was dieser jahrhundertealten Gemeinde auf der schönen Insel Korfu bevorstand.

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      »Du heißt ab sofort Nikos.«

      »Aber ich bin Daniel.«

      Errikos kniete sich vor dem Jungen hin, um mit ihm auf Augenhöhe zu sein. Seine Stimme war sanft, aber bestimmt. Er musste Ruhe bewahren und seine Gefühle beherrschen. Er durfte dem kleinen Daniel nicht noch mehr Angst einjagen, als der Junge ohnehin schon hatte. Sie alle hatten Angst.

      »Hör zu.« Errikos nahm Daniels Hände und zog ihn an sich heran. »Ab jetzt heißt du Nikos. Verstehst du? Wenn die Soldaten den Namen Daniel hören, wissen sie, dass du Jude bist, und nehmen dich uns weg. Und sie nehmen dich deiner Familie weg. Das ist sehr wichtig. Verstehst du?« Er musste sichergehen, dass der Junge begriff, wie ernst die Lage war.

      Daniel war erst drei Jahre alt. Aber auch in diesem zarten Alter verstand er ganz genau, worum es ging. Daniel wusste, dass das kein Spiel war. Errikos war der Freund seines Vaters, ein griechisch-orthodoxer Christ. Errikos hatte die Gerüchte von jüdischen Massendeportationen gehört und wusste, dass er nicht tatenlos dabei zusehen konnte. Im Laufe mehrerer Tage hatte Errikos immer wieder das jüdische Viertel aufgesucht und Freunden und ihren Familien geholfen zu entkommen. Diese Besuche hatte er so gelegt, dass er keine Aufmerksamkeit erregte. Errikos hatte Daniel und seine Schwester Roza zu seiner eigenen Familie geholt, in ihren schönen Küstenort, nur fünf Kilometer entfernt von Korfu-Stadt.

      Der Plan war, dass Errikos und seine Familie die Kinder vor aller Augen versteckten. Sie würden Nachbarn und Freunden erzählen, dass die Kinder Verwandte waren, orthodoxe Christen wie sie selbst, die aus einem Nachbardorf zu Besuch bei ihnen waren. Einige Tage später wollte Errikos in die Stadt zurückkehren, um Daniels Mutter und seine kleine Schwester zu holen und sie ebenfalls in der Villa zu verstecken. Der Tag und die Uhrzeit waren im Voraus vereinbart worden. Sie brauchten nur noch einige Tage zu warten.

      Nur noch ein paar Tage.

      Die Villa war der ideale Ort, um ihre jüdischen Freunde zu verstecken. Sie war groß, hatte viele Zimmer, in denen kleine Kinder ungehindert spielen oder sich, wenn nötig, verstecken konnten. In der Mitte befand sich ein großes Zimmer mit einem großen Tisch aus einem Eisengestell und einer schönen, glatten Marmorplatte, die selbst an den heißen Sommernachmittagen auf Korfu kühl war. Die Küche, in der Errikos’ Mutter die Mahlzeiten zubereitete und es immer irgendwie schaffte, für Daniel besondere Leckereien wie süße Kumquat-Marmelade aus dem Ärmel zu zaubern, befand sich auf der einen Seite des Hauses. Auf der anderen Seite waren mehrere Schlafzimmer, ein Abstellraum und ein großes, schönes Esszimmer. Die Villa war rundherum von üppigen, atemberaubenden Gärten umgeben. Unzählige Maulbeer-, Oliven- und Obstbäume wuchsen auf dem Grundstück. Dort, in den Gärten, konnte Daniel ungestört herumlaufen. Im Schatten dieser schönen Bäume war er vor der Mittagssonne geschützt, während er die Tage zählte, bis er seiner Mutter wieder in die Arme fallen konnte.

      Daniel war gerade vor dem Haus und spielte in der Nähe des Gartens, als er jemanden kommen hörte und sich umdrehte. Als er den fremden Mann entdeckte, erstarrte er. Der Soldat war stämmig und kräftig gebaut. Er marschierte von den Gärten aus auf das Haus zu. Dann erblickte er den Jungen und rief ihn.

      »Nikos!«, rief der Soldat und winkte ihn zu sich. »Nikos. Komm her.«

      Daniel und Errikos hatten das viele Male eingeübt. Daniel wusste, was er tun musste. Er wusste, dass er auf den Namen Nikos reagieren und lächeln und so tun musste, als sei er einfach ein kleiner, sorgloser Junge, der nichts zu verbergen hatte. Aber das konnte er nicht. Daniel erstarrte. Er wollte nicht zu diesem Mann gehen. Er war nur ein kleiner Junge, und er hatte Angst.

      In diesem Moment trat Errikos’ Mutter aus dem Haus. Sie ging zu Daniel, beugte sich zu ihm hinunter und drückte ihn an sich. »Bitte geh zu ihm«, flüsterte sie Daniel ins Ohr, während sie ihm über die Haare strich und das zitternde Kind tröstete. »Bitte geh! Wenn du das nicht tust, kann es sein, dass sie uns alle töten.«

      Daniel tat, was sie sagte. Langsam ging er auf den deutschen Soldaten zu.

      »Nikos«, lächelte der Mann und sagte seinen Namen noch einmal. Dann zog er ein Stück Schokolade aus der Tasche und hielt es Daniel hin. Er streichelte dem Jungen über den Kopf und ging weiter.

      Er hatte es getan! Mama wäre so stolz auf ihn. Daniel konnte es nicht erwarten, ihr zu erzählen, wie tapfer er gewesen war. Es würde nicht mehr lang dauern, dann würde sie bei ihnen sein.

      Nach einer Zeit, die Daniel wie eine Ewigkeit erschien, kam endlich der vereinbarte Tag und die vereinbarte Uhrzeit. Errikos brach früh am Morgen auf, um Daniels Mutter, Evthimia, und seine kleine Schwester in Sicherheit zu bringen. Doch als er sich der Wohnung näherte und die breiten Straßen der Stadt von den schmalen Gassen des Gettos abgelöst wurden, konnte Errikos den Lärm hören, noch bevor er um die Ecke bog.

      »Was ist hier los?«, fragte er und schob sich durch die Menge. Überall waren Leute.

      »Sie treiben die Juden zusammen«, antwortete jemand.

      Errikos blieb abrupt stehen. Er wusste, dass er nicht weitergehen konnte, ohne sie alle in Gefahr zu bringen. An diesem Tag konnte er Daniels Mutter unmöglich aus dem jüdischen Viertel wegbringen. Er drehte sich um und trat den Heimweg an, nahm sich aber fest vor, in einigen Tagen, wenn es sicherer war, wiederzukommen. Er wusste, dass der Eingang zur Wohnung der Familie mit Brettern zugenagelt und so getarnt war, dass es aussah, als sei die Wohnung unbewohnt. Das tröstete Errikos und er betete, dass sich die Deutschen von den Brettern täuschen ließen und Evthimia und ihr Baby noch ein paar Tage länger unentdeckt blieben.

      Während Errikos wieder nach Hause ging, marschierten die Nazis Straße für Straße durch das jüdische Viertel. Mit Fäusten hämmerten sie an die Türen und forderten Einlass. Die Türen, die ihnen nicht sofort geöffnet wurden, brachen sie gewaltsam auf. Sie waren fest entschlossen, die Insel von jedem einzelnen Juden, den sie finden konnten, zu säubern. Sie wollten keinen einzigen Juden entkommen lassen.

      Evthimia kauerte mit ihrer kleinen Tochter in ihrer Wohnung. Die Soldaten hämmerten an die verrammelte Tür, aber sie verhielt sich ganz still. Die Nazis zogen weiter. Sie war verschont geblieben.

      Als die Soldaten auf der Straße ihren Weg fortsetzten, steckte eine griechische Christin den Kopf aus dem Fenster ihrer Wohnung. »Was ist hier los?«, fragte sie.

      »Wir suchen nach Juden«, antworteten die Nazis, die schon ein Stück weitergegangen waren.

      »Haben Sie welche gefunden?«

      »Nein.«

      »Was soll das heißen? Dort drüben versteckt sich eine Jüdin, gleich auf der anderen Straßenseite.«

      Daraufhin kehrten die Soldaten zur Wohnung von Daniels Familie zurück. Dieses Mal brachen sie die zugenagelte Tür auf, stürmten hinein und zerrten seine Mutter und seine kleine Schwester auf die Straße.

      Daniel sollte seine Mutter und seine kleine Schwester nie wiedersehen.

      Genau wie die übrigen fast 1800 korfiotischen Juden wurden sie an diesem Tag mit entsicherten Schusswaffen auf der Platia festgehalten, wo sie stundenlang in der heißen Sonne warteten und immer noch nicht genau wussten, was hier geschah. Viele hatten am Morgen nichts mitgenommen, da sie damit gerechnet hatten, zum Mittagessen wieder zu Hause zu sein. Aber der Vormittag ging in den Nachmittag über und sie mussten viele Stunden ohne Essen und Trinken aushalten. Viele dachten immer noch, dass den Deutschen diese neue Stufe der Demütigung und Entwürdigung bis zum Abend genügen würde und sie dann nach Hause zurückkehren


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