Das Wunder von Errikousa. Yvette Manessis Corporon

Das Wunder von Errikousa - Yvette Manessis Corporon


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Meinung am vehementesten. Sie antwortete immer als Erste und weigerte sich, ihren Glauben zu verleugnen.

      »Hier.« Eine der Frauen nahm das Kreuz von ihrem Hals ab und reichte es Nini. »Häng es dir um.«

      Nini schüttelte lächelnd den Kopf. »Nein«, sagte sie wieder. »Danke, meine Freundin. Aber ich wurde als Jüdin geboren und ich werde als Jüdin sterben.«

      Es spielte keine Rolle, dass die leisen Gebete am Freitagabend und die melodischen Gesänge am Sonntagmorgen in verschiedenen Sprachen vorgetragen wurden und unterschiedliche Überlieferungen und Religionen repräsentierten. Ob christlich-orthodox oder jüdisch, griechisch oder hebräisch, letztendlich beteten alle das Gleiche. Alle auf dieser winzigen Insel trugen Gott dieselbe Bitte vor: Sie beteten um Frieden und Schutz, darum, dass die Deutschen bald besiegt würden und dass Savvas’ Geheimnis nicht ans Licht käme.

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      NÄCHTLICHER BESUCH

      Errikousa

      Sommer 1944

      »Das schmeckt nicht nach Fisch.« Es war ein lautes Stimmengewirr. Jedes Kind am Tisch wollte die anderen übertönen. Aber alle sagten dasselbe.

      »Das ist Fisch«, beharrten Yiayia und Agathe. »Esst jetzt!«

      »Aber es schmeckt nicht nach Fisch.« Die Proteste gingen weiter. Das Essen war köstlich, aber es verwirrte die Kinder.

      Die schallende Ohrfeige war wie immer laut und kräftig. Agathe schlug eines der Kinder auf den Kopf. Es war eigentlich egal, welches Kind sie traf. Sie hatte kein bestimmtes im Visier. Sie nahm das nächstbeste Kind, das in Reichweite war. Eine einzige Ohrfeige im richtigen Moment genügte, um allen Kindern eine klare Botschaft zu vermitteln. Die Proteste verstummten und das Essen begann.

      Die Kinder hatten recht: Das, was sie aßen, war kein Fisch, aber das würden Yiayia und Agathe nie zugeben. Die Deutschen verbrachten jetzt immer mehr Zeit auf Errikousa, und die Nahrungsmittel wurden immer knapper. Die Soldaten gingen von Haus zu Haus und bedienten sich am Essen und allem anderen, was von Wert war. Hühnerställe und Speisekammern wurden geplündert. Oft reichte der Geruch des Essens, das im Hof gekocht wurde, um die Soldaten herbeizurufen. Es kam oft vor, dass es an der Tür klopfte, wenn die Familie sich gerade zum Essen an den Tisch setzen wollte, und die Mahlzeit von den Nazis konfisziert wurde. Die Familien versteckten alles, so gut es ging. Sie vergruben Essen, das in Gläser und Dosen eingemacht war, Gewehre, Silber und Schmuck in der Erde, oder sie versteckten die Sachen im Brunnenschacht.

      Die Kinder hatten Hunger und beschwerten sich immer lauter. Natürlich gab es immer noch Fisch. Sie würden nie Hunger leiden wie Hunderttausende Griechen auf dem Festland, die keinen Zugang zum Meer hatten. Aber das Jammern eines hungrigen Kindes, das frustriert ist, weil es zu jeder Mahlzeit immer nur Fisch gibt, bringt eine Mutter dazu, Dinge zu tun, die sie sich nie zugetraut hätte.

      Yiayia und Agathe hatten die Köpfe zusammengesteckt und einen Plan geschmiedet. Eine Familie, die in der Nähe wohnte, züchtete hinter dem Haus Wachteln. Sie beschlossen, ein paar davon zu nehmen, nur so viele, dass die Kinder satt wurden. Ein wenig Eiweiß würde ihnen guttun. Falls sich irgendjemand über die verschwundenen Vögel beschwerte, wäre es leicht, die Schuld den Deutschen in die Schuhe zu schieben.

      Nach dem Essen wurde das Geschirr mit Wasser aus dem Brunnen gespült. Die Terrasse wurde mit einem Reisigbesen gefegt, der mit einem alten Zwirn zusammengebunden war. Schließlich gingen Yiayia und Agathe in ihre jeweiligen Häuser und die Kinder wurden ins Bett geschickt.

      Kurz nach Einbruch der Dunkelheit klopfte es leise an die Tür. Klopf, klopf, klopf.

      Yiayia sprang von ihrem Stuhl auf. Agatha und mein Vater hörten das Geräusch auch und kamen angelaufen. Sie wussten, was dieses leise Klopfen bedeutete.

      Yiayia öffnete die Tür. Es war das erste Mal an diesem Tag, dass Agatha und mein Vater sie lächeln sahen.

      »Kommt herein, kommt herein«, sagte Yiayia und ließ Spera, Nini, Julia und Rosa ins Haus. »Ich bin so froh, dass ihr hier seid. Ich hatte gehofft, dass ihr heute Abend kommt. Ich habe euch etwas aufgehoben.«

      Yiayia ging in die Küche und kam mit einem Teller zurück. »Es ist nicht viel, aber es ist alles, was wir haben.« Sie setzte den Mädchen einen Teller vor. Es gab Fisch mit knuspriger Haut, da er in Olivenöl gebraten war, einige geröstete Kartoffeln und einen kleinen Rest Wachtelfleisch. »Esst, esst!«, forderte sie die Mädchen auf. Die Mädchen teilten das Essen unter sich auf und gaben Rosa immer die größte Portion.

      Nachdem Agathe vom Haus nebenan geholt worden war, begann der Unterricht. Die Türen wurden abgesperrt und die Fensterläden geschlossen; sie machten nur wenig Licht und sprachen ganz leise. Als alle in Yiayias kleinem Wohnzimmer saßen, übernahm Nini die Leitung. Yiayia und Agathe waren lernbegierige Schülerinnen, wenn die jüdischen Mädchen ihre christlichen Freundinnen das Nähen lehrten. Während die Frauen in diesem schwach erhellten Raum eng zusammensaßen und plauderten, wurden Stichtechniken vervollkommnet, Kleider gesäumt, Socken geflickt und aus alten Bettlaken und Säcken Blusen, Schürzen und Röcke genäht. Aber die Frauen schufen in diesem spärlich beleuchteten Zimmer Abend für Abend nicht nur Kleidung. Während sie nähten und plauderten und einander flüsternd von ihren Träumen und Ängsten erzählten, wurden tiefe Freundschaften und lebenslange Beziehungen geschmiedet und gefestigt.

      Im Zimmer nebenan las mein Vater in Mythologiebüchern von griechischen Göttern und Helden, während sich Agatha und Rosa in Yiayias Bett kuschelten. Die Mädchen vertrauten sich ihre Geheimnisse, Träume und sogar ihre größten Ängste an. Rosa erzählte Agatha, dass sie Angst hatte, dass ihre Familie nicht mehr lebte. Agatha vertraute ihr an, dass sie Angst hatte, dass ihr Vater nie wieder nach Hause kommen würde. Die beiden Mädchen kuschelten sich eng aneinander, um sich zu wärmen und gegenseitig zu trösten. Durch die Freundin neben sich und die Stimmen der Frauen im Zimmer nebenan getröstet, schliefen sie schließlich ein.

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      Obwohl er heute 81 ist und seine Gesundheit und sein Gedächtnis nachlassen, erinnert sich mein Vater immer noch ganz deutlich an diese nächtlichen Besuche.

      »Manchmal war es das Einzige, was meiner Mutter ein Lächeln entlockte«, erinnert er sich. »Sie war manchmal den ganzen Tag bedrückt und schweigsam, besonders wenn wir länger keine Nachrichten von meinem Vater bekommen hatten. Dann hörte sie dieses leise Klopfen an der Tür und ihr Gesicht strahlte auf. Es strahlte einfach und dieses schöne, breite Lächeln trat in ihr Gesicht.«

      Aber Savvas’ Töchter waren nicht die Einzigen, die manchmal nach Einbruch der Dunkelheit kamen. Mehrmals standen die Nazis vor der Tür. Bis auf den heutigen Tag kann mein Vater immer noch körperlich die Gefahr spüren. Er weiß noch genau, wie beunruhigt und nervös er war, wenn Nazistiefel vor ihrem Fenster polterten und Fäuste an die Tür hämmerten. »Ich werde es nie vergessen: bum, bum, bum. Man konnte die Stiefel hören. Man konnte sie marschieren hören. Bum, bum, bum. Diese schweren, schweren Stiefel.«

      Manchmal kamen die Nazis ins Haus. An einen Abend erinnert er sich besonders gut.

      »Ich erinnere mich, dass meine Mutter einfach nur dastand. Wir konnten nichts tun.« Seine Stimme wird einen Moment leiser und sein Blick wandert in die Ferne. Dann schaut mich mein Vater an und erzählt, woran er sich erinnert. Und ich verstehe endlich, warum er nie nach Errikousa zurückkehren wollte. Ich hatte es nie ganz nachvollziehen können. Alle meine Cousins und Cousinen hatten Väter, die jeden Sommer mit ihnen nach Griechenland flogen und gemeinsam ihren Familienurlaub auf Errikousa verbrachten. Nicht so mein Vater. Jeden Sommer kaufte mir mein Vater ein Flugticket, fuhr mich zum Flughafen und ließ mich mit einer Liste, welche Verwandten ich unbedingt besuchen sollte, ins Flugzeug steigen. Er behauptete immer, er habe zu viel Arbeit, um mich zu begleiten, und er könne das Restaurant unmöglich für einen Sommerurlaub schließen. Heute


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