Das Wunder von Errikousa. Yvette Manessis Corporon
Priester auf der Insel gab, Pater Achilas Kangas. Pater Kangas war verwitwet und ein freundlicher und großzügiger Mann, der für seine selbstlose Hilfsbereitschaft bekannt war. Obwohl sich alle bemühten, die Einzelheiten dessen, was in jenen ersten Stunden und Tagen geschah, zu einem vollständigen Bild zusammenzusetzen, gelang das nur teilweise, denn die Erinnerungen sind im Laufe der Zeit verblasst. Die Inselbewohner erinnern sich zwar ganz deutlich, dass Pater Andronikos das Heft in die Hand nahm und alles tat, um der jüdischen Familie zu helfen, aber Pater Kangas spielte eindeutig auch eine Rolle bei ihrer Rettung.
Das Keli war ein winziges Haus, das sich hinter der alten Getreidemühle unweit des Hafens befand. Es stand auf einem kleinen Hügel und hatte sowohl einen ausgezeichneten Blick auf die nahe gelegene Kirche und das Schulhaus als auch eine atemberaubende Aussicht auf das Meer und Korfu in der Ferne. Ohne zu zögern, bot Pater Andronikos an, für diese Familie zu beten, und versprach, ihnen auf jede erdenkliche Weise zu helfen. Immer wieder bot Savvas dem Priester Geld an und bestand darauf, wenigstens eine kleine Miete für die Unannehmlichkeiten, die er ihm bereitete, zu bezahlen. Aber Pater Andronikos wollte davon nichts wissen. Der Priester lehnte jede Art von Bezahlung ab und wiederholte immer wieder, dass es ihm eine Ehre sei, der Familie zu helfen. Pater Andronikos freute sich, dass er Savvas und den Mädchen einen Ort bieten konnte, an dem sie sich verstecken und geschützt vor neugierigen Augen und den Gefahren des Inseltratsches ihren Glauben und ihre Traditionen praktizieren konnten.
Das, was Pater Andronikos und Pater Kangas auf Errikousa taten, war mutig und tapfer, doch sie waren nicht die Einzigen. Der Heldenmut und die Selbstlosigkeit dieser beiden einfachen Priester war ein Beispiel für die große Hilfsbereitschaft in ganz Griechenland. Bischof Damaskinos von Athen war den griechisch-orthodoxen Geistlichen im ganzen Land ein Vorbild. Als er von den Judendeportationen der Nazis in Griechenland hörte, verkündete Bischof Damaskinos: »Ich nehme mein Kreuz auf mich. Ich habe mit dem Herrn gesprochen und mich entschieden, so viele Juden wie möglich zu retten.«
Damaskinos nutzte seine Kanzel, um den Feldzug der Deutschen gegen Griechenlands jüdische Bevölkerung öffentlich anzuprangern. Er forderte die Geistlichen in ganz Griechenland auf, ihren jüdischen Brüdern und Schwestern zu helfen und Juden in ihren eigenen Häusern zu verstecken. Der Bischof stellte Tausende gefälschte Taufurkunden aus und fertigte zusammen mit dem Athener Polizeichef falsche Ausweise an, die Tausenden Juden das Leben retteten.
Als sie von Damaskinos’ Aufmüpfigkeit erfuhren, schrieb der deutsche Befehlshaber dem Bischof einen Brief, in dem er ihm mitteilte, dass man genau wisse, was er tue, und dass er erschossen werde, wenn er nicht sofort damit aufhöre. Bischof Damaskinos antwortete kühn: »In unserer Kirche werden die Geistlichen erhängt und nicht erschossen. Bitte respektieren Sie die Traditionen unserer Kirche.«
Die Deutschen waren von der Antwort des Bischofs angeblich so überrascht, dass sie ihre Drohung nicht wahr machten. Bischof Damaskinos und auch die vielen Tausend Juden, die dank ihm gerettet wurden, überlebten den Krieg. Von allen hochrangigen christlichen Geistlichen im von den Nazis besetzten Europa war Bischof Damaskinos aus Griechenland der einzige, der öffentlich aufstand, um die Deportation der Juden anzuprangern. Mit dem gleichen Mut setzten sich Geistliche in ganz Griechenland dafür ein, ihre jüdischen Brüder zu verstecken und zu retten. Genauso geschah es auch auf der winzigen Insel Errikousa.
Errikousa wurde zwar nie von den Deutschen besetzt, aber die Soldaten kamen regelmäßig und durchsuchten die Häuser nach Wertsachen und Juden. Nicht einmal Errikousas abgeschiedene Lage und die Tatsache, dass die Insel nur ein winziger Fleck am Horizont und auf kaum einer Landkarte zu finden war, konnte die Nazisoldaten von ihrer Mission abhalten. Sie hatten einen klaren Befehl: jeden Juden von Korfu und jeden Christen, der es wagte, Juden zu helfen, zur Strecke zu bringen und zu töten.
Im Gegensatz zu den Italienern, die die Inselbewohner freundlich behandelten, waren die Nazis alles andere als freundlich. Sobald sie in Errikousa an Land gingen, raubten die Deutschen alle Wertgegenstände, die sie finden konnten, genau wie sie es in ganz Europa machten. Aber das Leben auf einer abgelegenen Insel hatte seine Vorteile: Die Inselbewohner konnten die Nazis kommen sehen. Errikousas viele Hügel und Klippen boten einen perfekten Blick aufs Meer, über das die deutschen Boote kamen.
Es gab nicht viele Telefone, und das Warnsystem war primitiv, aber effektiv. Wenn die deutschen Boote gesichtet wurden, schwärmten die Inselbewohner aus und warnten die anderen, dass sie alle Wertsachen schnell verstecken sollten. In der Hoffnung, die Inselbewohner überrumpeln zu können, versuchten die Deutschen, sich der Insel im Schutz der Nacht zu nähern. Aber Fischer, die lange vor Tagesanbruch auf waren, entdeckten die anrückenden Boote und warnten ihre Freunde und Angehörigen.
Sobald sie die Warnung bekam, rüttelte meine Yiayia meinen Vater wach und forderte ihn auf, in der Dunkelheit über die Insel zu laufen und meinem Urgroßvater zu sagen, dass er seine Waffen verstecken solle. Mein damals zehnjähriger Vater rannte, nur mit seinem Nachthemd bekleidet, über die Insel. Er hatte nur das Mondlicht und sein Gedächtnis, um den richtigen Weg zu finden, und er zitterte vor Angst und betete bei jedem Schritt, dass Gott ihn beschützen möge.
Aber die Deutschen waren auf Errikousa nicht nur hinter Wertsachen und Waffen her. Die Nazis hatten ihre Listen. Sie hatten die Juden jede Woche gezählt. Sie wussten, dass 200 Juden beim Abtransport gefehlt hatten, darunter Savvas, Julia, Spera, Nini und die kleine Rosa. Und es bestand kein Zweifel, dass die Nazisoldaten vor nichts zurückschrecken würden, um sie zu finden.
Es war für die Familie Israel zu gefährlich, im Keli zu bleiben, wenn die Deutschen auf die Insel kamen. Deshalb wurden jedes Mal, wenn sich Naziboote näherten, meine Yiayia, Agathe, Theodora, Amalia und eine kleine Gruppe weiterer Insulaner aktiv. Sie packten Decken, Essensvorräte und Wasser ein und schickten Savvas, Nini, Julia, Rosa und Spera auf die unbewohnte, unwirtliche Seite der Insel, die Sandartho genannt wurde. Dort versteckten sich Savvas und die Mädchen. Sie schliefen in einem alten Schuppen, wickelten sich in Decken, um nicht zu frieren, und kochten ihr Essen über einer Feuerstelle, die in die Erde gegraben war. Sie überlebten mithilfe der Fische, des Obsts und Gemüses und der Vorräte, die ihre Freunde ihnen jede Nacht in der Dunkelheit brachten. Sie benutzten keine Laternen oder Kerzen, um die Deutschen nicht auf sich aufmerksam zu machen. Savvas und die Mädchen blieben in ihrem Versteck im Sandartho, bis ihre Freunde kamen und ihnen mitteilten, dass die Soldaten fort waren und sie wieder ungefährdet zurückkehren konnten.
Aber auch wenn die Deutschen wieder mit leeren Händen abzogen, erlaubte sich Savvas nie ein falsches Gefühl von Sicherheit. Der Mann, der in seiner Arbeit so penibel war, war genauso umsichtig und gründlich, als es darum ging, nicht nur sein eigenes Leben, sondern auch das Leben seiner Mädchen und derjenigen, die alles für sie riskierten, zu schützen. Woche für Woche bestand Savvas darauf, dass er und die Mädchen im Haus blieben, solange es draußen hell war. Ihm war bewusst, dass trotz der Bemühungen und besten Absichten seiner Freunde einige Geheimnisse nicht für immer geheim blieben. Er wusste ganz genau, dass sein Leben und das Leben von allen auf der Insel an einem seidenen Faden hing. Alles Mögliche konnte dazu führen, dass sie verraten wurden: ein Not leidender Vater, der bereit war, Informationen für einen Laib Brot zu verkaufen, um seine Familie zu ernähren. Eine verzweifelte Mutter, die bereit war, das Kind eines anderen zu opfern, um ihr eigenes zu retten. Oder einfach die unschuldige Unachtsamkeit eines Kindes, das Savvas erwähnte, den netten Mann mit dem Schnurrbart, der an eine riesengroße Raupe erinnerte. Oder das von Nina, Spera, Julia oder Rosa erzählte, den lieben Mädchen, die so gern mit den Kindern auf der Insel spielten, wenn sie sich nicht verstecken mussten.
Jeden Freitag schlossen Savvas, Julia, Spera, Nini und Rosa bei Sonnenuntergang alle Fenster und Türen des Keli und feierten im engsten Kreis der Familie den Sabbat. Sie entzündeten Kerzen und sprachen leise, fast im Flüsterton, den Kiddusch. Sie taten alles, um unter sich zu bleiben und ihren Überlieferungen treu zu sein.
Jeden Sonntag strömten die orthodoxen Christen auf Errikousa in die winzige Kirche des heiligen Nikolas. Die melodischen Gesänge der alten Gebete wurden vom sanften Morgenwind durch die offenen Fenster ins Keli getragen. Die jüdische Familie konnte hören, wie ihre Freunde laut Gottesdienst feierten, und betete, dass sie das auch eines Tages wieder tun könnten.
»Warum konvertiert ihr nicht?«, fragten meine Yiayia