Tage der Wahrheit. Sabine Dittrich

Tage der Wahrheit - Sabine Dittrich


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Idee nur Freunde machen werden. Sie wissen doch, dass die Abneigung gegen Flüchtlinge in der Bevölkerung grundsätzlich wächst. Und unser Ort ist nicht multikulti. Ich will keinen Ärger hier.«

      »Aber es geht doch um Frauen und Kinder, um echte Flüchtlinge, hat der Pfarrer gesagt«, warf die Gemeinderätin ein, »ich finde, da könnten wir schon etwas tun. Die Blankenhausener haben doch auch gute Erfahrungen mit ihren Syrern gemacht.«

      In Blankenhausen lebte schon länger eine Gruppe Syrer in einem ehemaligen Gasthof. Als letzten Oktober starke Regenfälle den Fluss über die Ufer treten ließen, waren die Männer sofort zur Stelle, schippten und schleppten Sandsack um Sandsack an der Seite der Feuerwehrleute und die Frauen kochten Tee für die Helfer. Und das, obwohl ihre Unterkunft ungefährdet auf einem Hügel lag. Seitdem waren die syrischen Familien im Ort integriert. Martin wusste davon.

      »Das ist ein einziges gutes Beispiel, Erika. Ich kann dir mindestens zehn negative im Landkreis nennen«, konterte der Bürgermeister.

      »Aber keines mit Frauen und Kindern.« Die Dame ließ sich nicht so schnell unterkriegen.

      Martin fiel auf, dass sich die Kita-Leiterin meldete. Süß, wie ein Schulmädchen, dachte er.

      »Frau Lischka, Sie wollen etwas sagen?«

      »Ich würde gerne erst mit meinem Team darüber sprechen. Und irgendwo habe ich gelesen, dass es Geld vom Bund für Integrationsarbeit im Erziehungsbereich gibt. Ich muss nochmal genau nachschauen. Den Fall hatten wir bisher ja noch nicht. Bestimmt können wir etwas beitragen, ohne Herrn Lohmanns Kasse zu belasten. Ehrenamtlich.«

      »Wie oft soll ich es denn noch sagen, Frau Lischka: Das ist nicht meine Kasse, sondern die Kasse aller Eichberger!«, explodierte der Bürgermeister schon wieder.

      Sie wurde rot, presste die Lippen zusammen und senkte den Kopf. Als Martin ein paar Sekunden später noch einmal besorgt zu ihr hinsah, merkte er, dass sie sich nur das Lachen verkniff.

      »Ach, Lohmännchen, wir wissen doch alle, dass du unsere Gemeindekasse treu wie ein Drache bewachst. Und wir sind dir fraktionsübergreifend dankbar dafür. Lasst uns jetzt bitte konstruktiv über die Sache abstimmen.«

      »Erika hat recht«, ließ sich ein anderer Gemeinderat vernehmen, »wir haben bestimmt alle noch etwas anderes vor heute Nachmittag.«

      Zustimmendes Gemurmel erklang.

      »Also: Dann lesen Sie uns ihren Antrag bitte nochmal vor«, wandte sich Lohmann an Martin.

      »Genehmigung der Umbaumaßnahmen für den Zweck, Frauen und Kinder, anerkannte Flüchtlinge, hier aufzunehmen. Schriftlich hat es die Kirchengemeinde ja schon bei Ihnen eingereicht.«

      »Wer ist dagegen?«

      Martin hielt kurz die Luft an. Niemand hob den Arm.

      »Dafür?« Mehrere Hände gingen hoch.

      »Enthaltungen? Zwei.« Eine davon war Lohmann selber.

      »Also gut, Herr Pfarrer, Sie können loslegen. Schriftlich haben Sie es nächste Woche.«

      Alle standen auf. Willi Lischka bot an, durch die Räume zu führen, um die geplanten Renovierungen im Detail zu erklären.

      Die Kita-Leiterin kam auf Martin zu.

      »Pfarrer Martin von Stein«, lächelte er mit einer kleinen Verbeugung, »aber ›Martin‹ reicht vollkommen.«

      »Ich bin Anne – das Lischka können Sie auch weglassen. Entschuldigung, dass ich vorhin so spät dran war. Ich kam nicht rechtzeitig aus meinem Englischkurs weg. Und dann rote Welle in der Stadt.«

      Sie hielt ihm die Hand hin. Zögernd zog er seine Rechte hinter dem Rücken vor. Er sah das Erschrecken in ihrem Gesichtsausdruck, aber dann drückte sie ganz zart seine vernarbte Hand.

      »Keine Angst, es tut nicht weh.«

      Sie lächelte befreit und drückte noch einmal fester.

      »Wann sollen die Flüchtlinge denn hier einziehen?«

      »Ich denke, bis August sind wir so weit.«

      »Am Montag rede ich gleich mit meinem Team. Danach sollten wir beide uns zusammensetzen. Am besten im Blaubärschloss, kurz nach siebzehn Uhr. Ginge das bei Ihnen?«

      »Gerne, vielleicht am Mittwoch?«

      »Gut, dann bis Mittwoch. Machen Sie es gut, Martin.« Sie hielt ihm noch einmal ihre Hand hin. So ein ehrlicher Händedruck tat richtig gut. Jemand, der sich nicht von seinem Makel abschrecken ließ. Zumindest nicht von diesem. Von dem anderen hatte sie noch gar nichts gemerkt, der war nicht so offensichtlich.

      »Vielleicht sehen wir uns ja schon morgen? Im Gottesdienst? Würde mich freuen«, lud er sie ein.

      »Eher nicht, ich hab schon was vor.«

      Er begleitete sie noch auf den Flur und stieg dann langsam die Treppe hoch ins Dachgeschoss.

      »Danke, dass alles so gut gelaufen ist«, flüsterte er dabei.

      3

      Was für ein wunderbarer Morgen. Anne öffnete beide Flügel ihres Schlafzimmerfensters und sog die frische Luft ein. Ideale Bedingungen, um mit den guten Vorsätzen zu starten. Schnell schlüpfte sie in Sporthose, Sweatshirt und Laufschuhe. Die Haare noch mit dem dicken Zopfgummi aus dem Gesicht gebunden, dann die Treppe mit möglichst wenig Geknarze hinuntergeschlichen.

      Doch Opa Willi war schon auf und steckte den Kopf aus der Küche.

      »Guten Morgen, Mädel, herrlicher Sonnenaufgang heute. Ich bleib nach dem Gottesdienst gleich im Dorf. Beim Wirt gibt es Spanferkel mit Klößen. Magst du auch kommen oder kochst du dir selber etwas?«

      »Spanferkel ist nicht so mein Ding, Opa. Ich mach mir Gemüsenudeln.«

      »Na dann viel Spaß beim Laufen.«

      Sie winkte ihm fröhlich zu und trat vor das Haus. Am liebsten mochte sie die Wald-Runde vom Wanderparkplatz aus. Die konnte man spontan um den Teich herum verlängern, wenn man sich noch fit fühlte. Anne begann abwechselnd eine Minute zu laufen, dann eine zu gehen. Am nächsten Tag kam dann die Steigerung auf zwei Minuten laufen, eine gehen. Und so weiter. Spätestens in vier Wochen würde sie erfahrungsgemäß die ganzen fünf Kilometer am Stück durchhalten.

       Ist das schön hier. Dieser Tannenduft. Und das lustige Vogelgezwitscher überall. Bestimmt schwatzen sie miteinander. Ob Krähen und Meisen sich verstehen – oder ob jede Vogelart eine eigene Sprache hat?

      Was man sich für abgefahrene Gedanken machen konnte, während man durch den Wald schnaufte. Anne grinste vor sich hin. Lächeln beim Laufen war wichtig. Es erleichterte die Anstrengung.

      Trotzdem war sie froh, als sie bald darauf an ihrem Lieblingsplatz an den Felsen vorbeikam, denn hier wollte sie eine kleine Pause einlegen. Ein kleiner Trampelpfad bog von dem Waldweg ab und endete nur etwa zwanzig Meter entfernt an einer Gruppe Felsen, die direkt am Abhang standen. Hundert Meter tiefer, unten im Tal, glitzerte das bleigraue Wasser des großen Waldteiches.

      Der flache Felsen war schon ganz warm von den Sonnenstrahlen. Sie legte sich auf den Stein, schloss die Augen und lauschte. Wie friedlich es war; man hörte hier nur Naturgeräusche: Vogelgezwitscher, Hummeln, die durch die Heidekrautstauden torkelten, ein leises Knacken in den Bäumen oder ein Rauschen, wenn der Wind die Äste bewegte.

      Meistens wurden diese stillen Momente nach einer Weile durch Flugzeuge unterbrochen, die am Himmel ihre weißen Streifen hinterließen. Einmal hatte sie gleichzeitig drei Jets gesehen, die direkt über sie hinweg in unterschiedliche Richtungen davonflogen. Doch heute war es ruhig da oben. Nach einer Weile rappelte sie sich auf, lief zurück auf den Waldweg und nahm das letzte Stück in Angriff.

      An der Abzweigung, die zum Teich hinunterführte, zögerte sie. Sollte sie die Extrarunde laufen? Eigentlich hatte sie keine Lust auf den steilen Anstieg, der dann am Ende auf sie warten würde. Aber dort unten am Teich war es immer so idyllisch. Ob schon kleine Frösche


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