Von Liebe und Widerstand. Hanna Schott
Zimmer übernommen. In ihrem neuen Zimmer, einem kleinen, dunklen Raum am Ende des Flures, der zum Hof hin führte, stand Magda noch größere Ängste aus als die, unter denen sie ohnehin von klein an gelitten hatte.
»Die Angst nahm zu. Nachts lag ich lange Stunden mit weit geöffneten Augen auf dem Rücken, weil ich sowohl die rechte als auch die linke Seite meines Bettes überwachen musste. Ich wünschte mir so, das Bett würde wenigstens mit einer Seite an der Wand stehen, dann hätte ich mich auf die Seite legen und etwas entspannen können, weil ich nur noch eine Seite zu überwachen gehabt hätte. Aber nein, das ginge wegen des Putzens nicht, sagte man mir, und überhaupt sei das alles Blödsinn.
Ich hatte zwei elektrische Drähte am Bett festgemacht, einen, der zum Licht führte, und einen, der zur Klingel führte, mit der man damals ›la Bonne‹ herbeirief. Im Dunkeln machte ich mir Sorgen: Waren die beiden Drähte noch an ihrem Platz? Ich musste noch einmal nachgucken, und beim Nachgucken lösten sich die Drähte, also musste ich sie wiederfinden, nehmen und neu festmachen.
Als ich klein gewesen war, hatte ich mir gesagt: ›Ich habe Angst, aber jetzt schläft die Gouvernante neben mir, und später wird mein Ehemann neben mir schlafen.‹ Doch wie viele unruhige, schreckliche Nächte lagen zwischen der Gouvernante und dem Ehemann!
In manchen Nächten, den schlimmsten, stand ich auf und ging, den Rücken immer an der Wand, bis zur Toilette. Dabei musste ich das Stück Wand rechts und links und den Raum vor mir beobachten. Was gab es da zu beobachten? Genau das war das Problem, diese Angst vor allem und vor nichts, die Angst vor dem Unerklärlichen.«
Ob ein Wechsel zum katholischen Glauben diese Ängste aus der Welt schaffen konnte? Magda hoffte es. Grand-Maman sagte angesichts all der Konflikte, die es in der Familie ohnehin schon gab, lieber nichts dazu. Und Papa Oscar hielt es, wenn er es genau bedachte, eigentlich für eine gute Idee: Eine katholische Tochter war sicher leichter zu verheiraten.
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Dazugehören
FLORENZ 1911–1918
Wann beginnt der spirituelle Weg eines Menschen, seine »geistliche Biografie«? Und wodurch wird sie bestimmt? Durch den Ort der Geburt, durch Familie, Erziehung, Begegnungen, Zufälle – oder vielleicht sogar durch das göttliche Eingreifen selbst?
Dass eine Zehn- oder Zwölfjährige ein ausgeprägtes Gespür für Spirituelles hat, hält auch ein moderner Leser für gut möglich. Dass sie ihren Weg in Sachen Glaube und Kirche selbst bestimmt, war vor hundert Jahren genauso erstaunlich, wie es uns heute erscheint. Vielleicht war Magda ein besonders intelligentes Kind, ein vielseitig interessiertes, auch sensibles. Vor allem aber war sie ein verlassenes und verzweifeltes Kind.
Nun also wollte und sollte sie von der »Irrlehre« zur »Wahrheit« vordringen, wie Padre Magri es ausdrückte. Der Pater, der mit der Führung der jungen Seele betraut wurde, war nicht irgendein Priester aus der Nachbarschaft, er war ein angesehener Theologe und zugleich berühmter Kommentator von Dantes Göttlicher Komödie. Ausgerechnet der Pastor der Waldensergemeinde, zu der Grand-Maman gehörte, hatte Padre Magri für diese Aufgabe vorgeschlagen. Er, der selbst ein intellektueller Kopf und Theologieprofessor war, wollte wohl auf keinen Fall konfessionell beschränkt wirken. Magdas Wunsch sollte, so befand der für die damaligen Verhältnisse ungemein tolerante evangelische Pastor, mit einer soliden theologischen Bildung durch die »Gegenseite« beantwortet werden. Was dieses Kind wirklich umtrieb, seine Sehnsucht und seine Ängste, sah er ebenso wenig wie alle anderen.
Nicht nur der Lehrer, auch der Ort der Lehre war nicht irgendeiner, sondern ein ganz besonderer. Or San Michele ist vermutlich die ungewöhnlichste Kirche von Florenz. Wo Römer in antiker Zeit die Göttin Isis anbeteten, traf man sich Jahrhunderte später zum Getreidemarkt. Als die Pest das mittelalterliche Florenz bedrohte, flehten die Menschen hier zum heiligen Michael, dessen Statue auf dem Platz stand. Wenn sie dann wirklich verschont worden waren, spendeten sie seinen Vertretern auf Erden, den Michaelbrüdern, so reichlich, dass diese aus dem bis dahin lediglich überdachten Markt eine mit großer Kunst ausgestattete Kirche machten. Auch wer heute mitten in der Stadt vor dem rechteckigen Gebäude ohne Turm steht, erkennt erst beim genauen Hinsehen, dass es sich um eine Kirche handelt.
An diesem Ort voller Historie, umgeben von prächtigen Kunstschätzen, sollte Magda also ihre religiöse Umschulung erleben. Grand-Maman bat darum, dabei sein zu dürfen. Padre Magri lehnte ab. Katholische Lehre unter russisch-orthodox-waldensischer Aufsicht schien ihm das Ganze dann doch zu kompliziert zu machen.
Statt im hellen Kirchenraum fand der Unterricht in einer düsteren, kleinen Sakristei statt. Der feuchte Raum roch muffig, etwas säuerlich, und Padre Magri ergänzte dieses Aroma abwechselnd durch den Duft von Schnupftabak und Pfefferminzbonbons. Der große, gut aussehende Pater sprach freundlich und höflich mit seiner Schülerin, unterbrochen nur von heftigen Niesattacken, wenn der Tabak wirkte. Dann nahm der Pater das große Taschentuch in seine großen Hände und putzte lautstark seine große Nase. Magda machte das alles Angst. Noch mehr Angst.
In diesem düsteren Ort fand auch Magdas erste Beichte statt, eine sogenannte Ohrenbeichte, also ein Sündenbekenntnis im Beichtstuhl, bei dem man den anderen nur hört und nicht sieht. »Und damit begann die Zeit meiner Skrupel«, schrieb sie im Rückblick. »Wie macht man alles richtig und gut? Wirklich gut? Wo ist die Grenze zwischen dem Guten und dem Bösen? Unglaublich, wie viele Sünden es gab! Welche davon hatte ich tatsächlich begangen?«
Die Familie bereitete schon das Fest zur Erstkommunion vor, als ein unerwartetes Hindernis auftauchte. Magda sollte »nicht mit dem gemeinen Volk«, sondern in einer vom Florentiner Erzbischof selbst zelebrierten Messe das heilige Sakrament empfangen. Sowohl Padre Magri als auch der Erzbischof hielten Magda für gut präpariert – da kamen einem einfachen Priester, der an der Vorbereitung der Messe mitwirkte, Zweifel: War dieses Mädchen überhaupt gültig getauft? Grundsätzlich galt die evangelische Taufe als gültig, aber wer konnte denn belegen, dass Magda auch mit reinem Wasser getauft worden war und – nur zum Beispiel – nicht mit Rosenwasser? Das konnte tatsächlich niemand nachweisen. Und so wurde Magda am Vorabend ihrer Erstkommunion noch einmal getauft, diesmal »sub conditione«, sozusagen für alle Fälle. Und tatsächlich sagte der Priester (natürlich auf Latein): »Für den Fall, dass du nicht getauft bist, taufe ich dich im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.« Und damit diese Taufe nicht auch irgendwann für ungültig erklärt werden konnte, musste Magda zuvor und ebenfalls auf Latein ihrem alten Glauben abschwören: »Renuntio!« Wem oder was genau schwor sie da ab? Sie hätte es nicht sagen können, aber der Klang dieses feierlichen und irgendwie unheimlichen Wortes blieb ihr ein Leben lang im Ohr. »Renuntio!«
Am nächsten Morgen empfing Magda ihre erste heilige Kommunion. Jedoch nicht in Or San Michele, sondern an einem noch exklusiveren, intimeren Ort: in der Privatkapelle des erzbischöflichen Palastes. Eine Nacht voller Ängste war der Feier vorausgegangen. Immer wieder hatte Magda Sünden bekannt, alle Sünden, die sie im Unterricht gelernt hatte, lässliche und Todsünden. »Wenn man mehr als fünf Lire stiehlt, ist das eine Todsünde!«, hatte ein Kind ihr erzählt. Sie hatte zwar noch nie etwas gestohlen, aber es gab ja auch Sünden, die man selber gar nicht bemerkt hatte! Kindersünden und Erwachsenensünden ging sie durch, auch wenn sie bei Letzteren nicht immer wusste, was die Worte bedeuteten, die sie beschrieben. Und dann stellte sie sich noch einmal den Moment vor, in dem der Bischof ihr die Hostie auf die Zunge legen würde. Sie durfte sie auf keinen Fall mit den Zähnen berühren und zerbeißen. Die Hostie war doch Jesus selbst, und sie durfte Jesus nicht in Stücke teilen! Mit einer ungeweihten Hostie hatten sie es geübt. Aber was, wenn es ihr jetzt doch passierte?
Der Morgen kam, die Messe begann, und auch der gefürchtete Moment rückte näher. Jetzt legte der Bischof Magda die Hostie auf die Zunge; ein Tuch unter ihrem Kinn sollte für den unwahrscheinlichen Fall, dass sich ein Krümel löste, verhindern, dass er zu Boden fiel. Es ging alles gut, die geweihte Hostie war leicht unzerkaut zu schlucken. »Aber … ich spürte nichts. Gar nichts. Der Himmel öffnete sich nicht. Kein Schauer durchfuhr meinen Körper. Mein Geist blieb, wie er war, unruhig, voller Erwartung … enttäuscht. Und jetzt? – Jetzt? Nichts.«
Ein