Das Zeichen der Erzkönigin. Serena J. Harper
betrachtete den Getöteten nachdenklich. In wenigen Tagen würde die Kälte Norfaegas nicht ausreichen, um die Geruchsbildung zu verhindern.
Doch es war nicht nur der Gestank der Verwesung, den Varcas fürchtete.
»Ihr müsst ihn bestatten oder verbrennen, sobald es euch möglich ist«, sagte er mit leiser Stimme. Doch der Zwiespalt, in dem die Dorfbewohner sich befanden, war offensichtlich.
Er war erleichtert, als sie ihn in einen anderen Raum führten, obwohl im großen Innenraum des Langhauses sicherlich sonst Gäste bewirtet wurden. Sie saßen in einer Nische des Kochraumes zusammen. Ein hübsches Erdalbenmädchen, dessen Gesicht und Arme über und über mit Sommersprossen bedeckt waren, deckte den Tisch. Varcas sah, wie die Köchin wieder und wieder Wasser in den Eintopf goss, um ein paar mehr Mägen zu füllen.
Doch er wusste, dass das warme Wasser, bei dem sich gerade die Kinder glücklich schätzen konnten, wenn sie ein oder zwei Kartoffelstücke oder ein paar Graupen finden konnten, nur die Illusion von Sättigung vermittelte. Bisher sahen die Dorfbewohner aber nicht unterernährt aus – vermutlich, schlussfolgerte Varcas, hatten sie nur an Lamias Soldaten einen Großteil ihrer Vorräte verloren.
Unter einer guten Königin – einer echten Königin – sollten kein Alb und kein Mensch sonst Hunger leiden müssen, und kein Lord, kein Eldermann, kein Anführer konnte diese Tatsache ausgleichen, wenn eine Königin fehlte.
Die Königinnen waren das Herz der Gesellschaft der Alben, schon seit Anbeginn der Zeit. Eine Frau, deren Rún zum Zeichen von Eynias Stern wurde, sobald sie ins Erwachsenenalter übertrat, würde stets eine Königin bleiben, ob sie einen eigenen Hof gründete oder nicht. Es war keine Magie – es war mehr als das. Königinnen hatten Anteil an dem Mythos der Himmelslichter. So wie Eynia, die Herrin der Gestirne, den Kosmos im Gleichgewicht hielt, hielten Königinnen das Land in der wahren Balance. Sie vereinigten oftmals Eigenschaften der anderen weiblichen Rúnir in sich – hatten Fähigkeiten, die sonst nur die Frauen besaßen, die Nyannas Träne oder Rhenas Blume trugen, sodass sie Magie anwenden konnten, die eigentlich jenen Zeichen vorbehalten war.
Selbst ohne das waren Königinnen der unverzichtbare Grundpfeiler der albischen Welt. Jeder Albenmann konnte es fühlen – und manchmal glaubte Varcas, je mächtiger ein Alb war, desto deutlich war es für ihn: Königinnen inspirierten Loyalität. Nicht jede gleichermaßen. Nicht jede bei jedem Mann. Der Sog, der von einer Königin ausging, hatte eine Kraft, der sich zu widersetzen unangenehm war, sobald man ihr einmal nachgegeben hatte.
Aber Königinnen waren selten, seltener als so gut wie jedes andere Zeichen. Es gab nichts, womit man die beeinflussen konnte, ob die diamantförmige Basis-Rún, die jeder Alb trug, sich zu Eynias Stern vervollständigen würde, wenn sie das Alter erreichte. Man konnte kein Mädchen der Welt dazu erziehen, eine Königin zu werden. Auch ihn hatte man nicht zum Seher ausbilden können; er hatte bei seiner Initiation Cathards Auge erhalten und hatte damit Talente, die anderen Alben verborgen blieben. Hingegen möglich – und zwingend notwendig – war das Schleifen und Stärken der Fähigkeiten.
Weder eine seltene Rún noch eine mächtige Farbe nützten etwas ohne das durch Theorie und Praxis angeeignete Wissen.
Zudem konnte keine Königin ein Reich – sei es auch noch so klein – allein regieren. Sie brauchte die Männer, die ihr folgten, den Kreis der Herolde, aus dem sie ihr Königinnen-Trigon wählte. Einer Königin zu dienen und einen Hof zu halten gab auch den einzelnen Herolden größere Macht. Es war ein komplexer Prozess, der wie die Existenz von Königinnen viele Regeln der Mahr überstieg.
Varcas fuhr sich nachdenklich über seine graue Rún. Einst, als er noch ein Herold gewesen war, hatte er diesen Effekt ebenfalls gespürt, hatte ihn sehen können … Aber das war lange her.
Er schlug das Angebot des Erdalbenmädchens, seine hölzerne Schüssel noch einmal zu füllen, aus. Eigentlich hatte er vorgehabt, den Dorfbewohnern von seiner Suche ein wenig zu erzählen – vielleicht würden sie ihm helfen können. Aber er glaubte nicht, dass sie viel mehr zu berichten gehabt hätten als das, was er sich selbst zusammengereimt hatte. Der Albenmann, den er etwas hatte retten sehen, war sicher ein Alb aus Amber Hall gewesen. Was konnte wichtiger sein, als zu versuchen, seine eigene Königin aus einer Flammenhölle zu befreien?
Nichts, dachte Varcas, nichts, wenn es ein Hof wie in den alten Tagen war. Aber möglicherweise eben doch. Es konnte nur ein mächtiges Relikt sein. Ein Gegenstand, den zu schützen die verstorbene Königin Marielle ihm aufgetragen hatte.
Schließlich zeigte Lenka Varcas seinen Schlafplatz für die Nacht, der sich nicht in dem Langhaus befand, sondern in einer der kleinen Wohnhütten. Obwohl man ihm ein echtes Daunenkissen gegeben hatte und er nicht auf Stroh ruhte wie viele andere der Dorfbewohner, fiel es ihm ausgesprochen schwer, in den Schlaf zu finden. Als es ihm schließlich doch gelang, träumte er so wirr wie selten von der Vergangenheit, dass er schon während des Traumes ahnte, dass ihm der Schlaf wenig Erholung bieten würde.
Aber ein Traumbild unterbrach die Fetzen der Erinnerungen wieder und wieder: Der Moment aus der Vision, als er sich selbst im Thronsaal des Kristallpalastes auf die Knie hatte sinken sehen.
Varcas versuchte, wacher zu träumen, wie er es als junger Mann gelernt hatte – den Blick zu heben zu der Frau, die vor ihm stand, doch es gelang ihm nicht.
Es war noch nicht Morgen, als Stimmen ihn aus dem leichten Dämmerschlaf rissen. Varcas war überrascht, wie schnell seine Sinne sich klärten. Er richtete sich auf seinem Lager auf.
Er war nicht in die Kaste der Krieger geboren worden, aber sein Albenblut ließ ihn die Eindringlinge spüren, noch bevor er in seine Schuhe gestiegen war. Jemand war gekommen.
Und als Varcas den Beutel öffnete, in dem er seinen Stab vor neugierigen Augen verborgen hatte, und seine Finger sich um das Seherzepter schlossen, fühlte er sich seiner Vision näher als all die Stunden zuvor.
Doch als Varcas aus dem Haus ins Freie trat, sah er nicht den Alb aus seiner Vision, sondern zwei Lichtalbenkrieger, die Königin Lamias Sonnenschärpe trugen. Varcas musste nicht lange überlegen, um die Situation zu durchschauen: Einer von ihnen hielt ihre beiden Pferde, der andere hatte sein Schwert gezogen und hielt die Heilerin am Oberarm fest. Auf dem Rücken trug er ein zweites Schwert.
Auch andere Dorfbewohner wagten sich aus ihren Häusern, ihre Kinder ängstlich hinter sich versteckend.
Himmelblau. Grün.
Kein Vergleich zu grau.
»Per Dekret der Königin muss jedes Dorf eine Milchkuh zur Versorgung der Armee abtreten. Sollte ein solches Tier nicht vorhanden sein, steht es dem Dorf frei, das Versäumnis durch eine Zahlung von zweihundert Goldmark auszugleichen.« Es sprach der, der bei den Pferden stand.
»Herr«, sagte Lenka, »wir haben Euch alles gegeben, was wir entbehren können. Vielleicht, wenn Ihr uns ein klein wenig mehr Zeit …«
»Siehst du das, Schlampe?« Der Alb packte Lenka am Nacken und zog sie zu sich heran, ihr Gesicht zu seiner Brust drückend. »Ich trage das Zeichen von Königin Lamia. Außerhalb der Kristallstadt ist mein Wort ihr Wort.«
Nein, das ist es nicht, schoss es Varcas durch den Kopf. Dieser Mann trug zwar die Schärpe, aber er war nie und nimmer ein Herold. Er war ein Fußsoldat, dessen Namen die Königin kaum kennen würde. Varcas verstärkte die Schleier seiner Tarnung, bevor ihn die Wut, die Heilerin so behandelt zu sehen, übermannen konnte.
»Hm«, machte der Zweite, die Pferde loslassend, die jedoch folgsam an ihrem Platz blieben, und sah sich um, »vielleicht können wir zu einem anderen Arrangement kommen?« Varcas folgte seinem Blick, sich immer noch bedeckt haltend. Die Augen des Kriegers hefteten sich auf das Mädchen, das ihm sein Abendessen serviert hatte.
Lenka versuchte, einen Protest zu stammeln, als der Mann, der sie festhielt, sie losließ, um nachzusehen, was – wen – sein Kumpan ins Auge gefasst hatte.
»Sie ist keine zweihundert Goldmark wert«, befand der Alb. »Aber wer weiß, Heilerin«, er bleckte die Zähne zu einem breiten Lächeln, »wenn sich das Mädchen nicht