TRAPPED - GEFANGEN. Michael Hodges

TRAPPED - GEFANGEN - Michael Hodges


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das von Mike Armstrong handelte, konnte Matt nicht sagen. Der Sportler wandte sich von ihm ab, um sich von dem Kojoten zu befreien, brach aber zusammen, als er sein Gewicht auf den Fuß mit der gerissenen Sehne verlagerte. Während er am Boden brüllte, blieb das blutige Gelenk erschlafft liegen. Als sich Mike an die Wunde fassen wollte, schnappte das Tier nach seiner Hand. Als er sie zurückzog, hatte er nur noch drei Finger. Unverständlich fluchend kroch Ben Jacobsen zu dem Kojoten und schlug ihm seinen Schläger einhändig auf den Schädel. Der Vierbeiner wich heulend zurück und schüttelte seinen blutüberströmten Kopf, sodass die Gesichter der Zuschauer dunkelrote Spritzer abbekamen. Dann glotzte er Matt an, hob seine Schnauze und nieste zweimal. Schließlich humpelte er zu der Baumreihe am Rand des Sportplatzes. Die Schüler hinter Matt wurden still, bis man nur noch Mike Armstrongs wehleidiges Wimmern und Ben Jacobsens tränenersticktes Schluchzen hörte. Als Matt den Lacrosseschläger losließ, polterte das Holz auf den Boden wie ein Knochen beim Ausbeinen eines Walkadavers. Mike schaute düster zu ihm auf, die Lippen angeschwollen und schmierig. »Arschloch!« Dann rückte ihm Betsy Armstrong auf die Pelle und wackelte mit einem Zeigefinger vor seinem Gesicht. Sie roch nach Wäschestärke und Schminke. »Ich rufe die Polizei«, drohte sie. »Du hast kein Recht, Sportler anzugreifen.« Sie lief zu Mike hinüber, besah seine Fingerstümpfe und schrie: »Dafür wirst du büßen! Sieh dir seine Hand an! Er wird nicht mehr spielen können! Sieh sie dir an!« Matt blendete Betsy aus und schaute zur Südseite des Platzes hinunter. Dort saß der Kojote vor den Bäumen und beobachtete Matt mit heraushängender Zunge. Dann schlich er ins Grün, wo sein buschiger Schwanz über den Gräsern pendelte, bis er verschwunden war. Matt ging davon aus, dass das Tier keine bleibenden Schäden davongetragen hatte, sondern nur die eine oder andere Beule am Kopf. Während er sich selbst humpelnd von der perplexen Menge entfernte, blendete die Welt langsam wieder von Schwarz-Weiß auf Farbe über. Verkehrsgeräusche strömten auf ihn ein, wie kühle Wellen.

      ***

      Wie sich herausstellte, hatte sich Ben Jacobsen ein Bein gebrochen und ein Knie verstaucht. Seine Karriere als Highschoolsportler stand auf der Kippe. Mike Armstrongs Finger wurden nie gefunden. Matt nahm an, dass der Kojote sie gefressen, sie wie Chicken McNuggets aus dem Rasensalat des Sportplatzes gepickt hatte. Mike musste sich wegen der Sehne operieren lassen und auf eine langwierige Heilung einstellen.

       Als Matt das alles erfuhr, wurde er dennoch nicht reumütig. Sie hatten Unrecht getan, und er war eingeschritten, um das Richtige zu tun. Sein Vater hatte ihm oft gesagt, dass Letzteres viel schwieriger sei.

       Und sein Vater sollte recht behalten.

       Matt machte sich eher Gedanken wegen eines Trappers, den die Stadt angeheuert hatte. Der Kojote sollte eingeschläfert werden – eine feige Beschönigung von umgebracht, vermutlich per Kopfschuss mit einem Kleinkaliber. Er fragte sich, woher man wissen wollte, welcher Kojote es war. Am Ende würden sie mehrere töten, um den einen zu finden.

       Die Polizei hatte ihn zu Hause aufgesucht und verhört, aber niemand erstattete Strafanzeige. Laut Aussage einiger Schüler war Matt zuerst angegriffen worden, was ihn jeglicher Schuldigkeit enthob. Auf Walnut Grove High sah man das anders; Matts Eltern wurden vom Schulrat zu einer außerordentlichen Anhörung einberufen.

       Rektor Anderson war ein kleiner Mann mit einer Vorliebe für Dreiteiler. Er hatte eine Glatze und trug deshalb ein Toupet. Seine dicken Wangen erinnerten an jene von Streifenhörnchen, wenn sie Körner sammelten. »Du bist immer ein guter Schüler gewesen, Matt – kein Einserkandidat, aber dennoch gut. Wir haben alle Aussichten für dich hier auf Walnut Grove in Betracht gezogen, gelangen aber zu dem Schluss, dass es am besten für dich ist, die Schule zu wechseln.« Nachdem er dies gesagt hatte, leckte er an seinem Daumen und Zeigefinger, um die Seiten der Schülerakte umzublättern.

       Matt lehnte sich in seinem Stuhl zurück, während er seine Wanderstiefel, die Absätze und Spitzen, aneinander rieb.

       »Und ein vorübergehender Ausschluss vom Unterricht?«, flehte Mrs. Kearns, die ein zerknülltes, von Tränen feuchtes Papiertaschentuch in ihrer kleinen Faust hielt. »Unser Sohn wurde angegriffen.« Sie war eine Frau von zurückhaltender Schönheit, und ihre Bitte ließ Rektor Anderson nicht unberührt.

       Allerdings war er nicht in der Stimmung, sich überreden zu lassen. »Uns wurde mitgeteilt, Ben Anderson und Mike Armstrong würden gemeinsam Klage einreichen, sollte Matt nicht der Schule verwiesen werden«, erklärte er.

       Mrs. Kearns runzelte ihre Stirn. »Na und? Das können sie nicht tun, nicht wahr, John?«, fragte sie, indem sie ihren Mann mit feuchten Augen anschaute.

       Matts Vater nickte. Big John, so nannten sie ihn. In dieser Situation war er aber nicht ›big‹ genug, um irgendetwas zu unternehmen. »Doch, können sie, aber wir können Einspruch dagegen erheben«, erwiderte er. »Die Sache ist noch nicht vorbei.«

       Rektor Anderson seufzte. »Ich fürchte, das ist sie wohl, Mr. Kearns. Wir haben alle denkbaren Optionen ausgeschöpft.«

       Matt verfolgte das alles mit, ohne den Mund zuzubekommen, enttäuscht angesichts der Tatsache, dass Rechtschaffenheit zu einem Verweis führte. Er bedachte den Rektor mit einem stechenden Blick und zeigte mit einem Finger auf den Tisch. »Sie wollen mir weismachen, ich muss die Schule verlassen, weil ich mich selbst und ein hilfloses Tier verteidigt habe? Ich war in Gefahr, Mr. Anderson – und habe die Würde der Schule bewahrt, indem ich etwas gegen geistesgestörtes Verhalten unternahm. Bitte, ich tue alles, um das wiedergutzumachen.«

       »Tut mir leid«, entgegnete Rektor Anderson und richtete seine aufgeweckten Augen von Matt zu dessen Vater. »Ihnen ist doch bewusst, dass Bens Eltern beide in der Strafverteidigung tätig sind, oder? Die Schule möchte einen langwierigen Rechtsstreit vermeiden, und Sie, glaube ich, ebenso.« Er richtete sich in seinem Ledersessel auf, zufrieden mit der Spitze, die er gerade abgefeuert hatte.

       Nachdem es totenstill im Raum geworden war, standen die Kearns auf. Matts Mutter legte ihrem Sohn sanft eine Hand auf die Schulter und flüsterte: »Komm jetzt, Matthew, es ist Zeit zu gehen.«

       Dies war das Ende von Matt Kearns Laufbahn auf der Walnut Grove High. Er suchte sich eine Schule mit Schwerpunkt Computertechnik, um sein viertes Highschooljahr hinter sich zu bringen. Die Kurse absolvierte er mit links und erhielt sein Abschlussdiplom im Juni.

       Zwei Wochen später berichteten ein paar Ortsansässige, gesehen zu haben, wie der Trapper aus der Gegend verschwunden sei, und auf der Ladefläche seines Pick-ups hätten leere Käfige gerappelt.

      Reise

      Matt Kearns starrte durch die Windschutzscheibe hinaus, wo die Scheinwerfer des Wagens der Dunkelheit Michigans trotzten. Motten und Fliegen schwirrten an der schrägen Böschung entlang in den Lichtkegeln. Er öffnete das Türfenster einen Spaltbreit und atmete tief ein. Ströme frischer Luft kräuselten die Ecken dreier Fotos, die mit Klebeband an seinem Armaturenbrett befestigt waren. Die grün glimmenden Anzeigen beleuchteten die Bilder, als seien es Museumsstücke. Das erste zeigte seinen Vater und ihn jeweils beim Einholen eines gerade gefangenen Bachsaiblings, das zweite seine frühere Freundin Stacey und das dritte seinen Hund von damals, als er noch ein kleiner Junge gewesen war: Elmo.

       Keiner von ihnen lebte mehr.

       Sein Vater war an Lungenkrebs gestorben, seine Ex einem Säufer namens Ed Higgins zum Opfer gefallen; dieser hatte sie im trunkenen Zustand überfahren, als sie durch den Ruger Park gejoggt war. Sie hatte Musik gehört und den besoffenen Tölpel nicht bemerkt. Elmo – der gute alte Elmo – hatte auch unter Krebs gelitten, doch er war nicht so leise aus dem Leben geschieden wie Matts Vater. Dies hatte zum Wesen des Shih-Tzu gepasst, seinem übertriebenen, ja nahezu verrückten Beschützerinstinkt.

       Matt seufzte und sog die Luft der Northwoods ein, die ihm seit je dabei half, klare Gedanken zu fassen. Er packte das Lenkrad fest und seufzte noch einmal.

       Kleinlastwagen konnten einen fertigmachen. Jedenfalls war es seinerzeit so gewesen, bevor sie sich zu Luxussofas auf Rädern gemausert hatten. Matt mochte hingegen solche althergebrachten Modelle, die einem auf dem Highway den Allerwertesten massierten und Forstwege wie nichts bewältigten, genauso wie der Pick-up, den er gerade fuhr, einen verlässlichen, betagten Toyota mit Allradantrieb, den sein Vater ihm vermacht hatte. Matt schüttelte seinen Kopf und musste zur Abwechslung unweigerlich


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