TRAPPED - GEFANGEN. Michael Hodges
früher nicht heimisch gewesen, doch Matt hatte gelesen, dass der Klimawandel sie nach Norden drängte. Er warf einen Blick auf die Gegenfahrbahn; kein Verkehr. Seine Mutter rügte ihn ständig, dass er sich zu dicht am Mittelstreifen halten würde. »Halt Abstand von der linken Spur«, pflegte sie mit flehentlichem Blick zu sagen. Es war ja nicht so, dass einem etwas anderes übrig geblieben wäre; die meisten Straßen in den Northwoods hatten zwei Spuren, also musste man direkt neben dem Gegenverkehr fahren. Die Temperatur fiel, und dichter Nebel legte sich über den Asphalt. Matt atmete kalte Luft ein, während er hinunter in den vierten, dann den dritten und zweiten Gang schaltete. Er starrte in die diesige Nacht, um die Julip Road nicht zu verpassen. Der üppige Nadelwald machte es nicht leicht, doch nach weiteren 500 Fuß an Farnen und Espen vorbei schälte sich die Abzweigung aus dem Nebel. Kies war auf den Asphalt gerutscht, vom Regen heruntergespült aus dem Mittelgebirge. Matts zuverlässiger Allradpanzer überrollte die Steinchen mühelos und schleuderte sie hinter sich hoch. Das Gefälle war so steil, dass er geradeaus in den vernebelten Himmel blickte. Die Julip Road würde ihn in die höheren Lagen führen, fort aus dem Tiefland am Rande des oberen Sees. Je weiter er hinauffuhr, desto näher rückten die Espen und Fichten zu beiden Seiten. Durch den Nebel strahlten die Scheinwerfer schwach wie Taschenlampen unter einer Decke. Die Bäume standen wie alte Würdenträger im Dunkeln, und ihre Äste ragten über die zerklüftete Böschung wie zu einem heidnischen Gruß. Frösche sprangen aus Pfützen auf der Straße, um rasch vor dem Licht und den Reifen zu flüchten. Wühlmäuse huschten über den Belag wie Zeichentricktiere, warfen ihre Pfoten hinter sich hoch. Matt bremste. Wieder ließ er die Scheibe hinunter und streckte seine Nase in den Wind, der den süßen Duft von Schwertlilien und intensiven Erdgeruch herantrug. Nach acht Meilen immer schmaler werdender, holpriger Straße blieb Matt stehen und bog rechts ab. Diese Auffahrt war unbefestigt und bestand aus zwei Spurrillen, die unter goldenem Gras verborgen lagen. Bald fiel das Licht der Scheinwerfer auf eine kleine Lichtung und eine heruntergekommene Holzhütte. Von einer riesigen Espe daneben stürzte ein großer Virginia-Uhu herab und verschwand im Nebel. Als Matt sicher war, dass der Pick-up auf einigermaßen ebenem Grund stand – die Handbremse musste repariert werden –, stellte er den Motor ab und legte den ersten Gang ein. Beim Aussteigen in die frische Nachtluft hörte er den Uhu hinter der Nebelwand am Rand der Apfelfelder rufen. Der Wind war durchsetzt mit dem honigsüßen Aroma von Schafgarbe. Matt nahm seinen blauen Rucksack hinter der Sitzbank des Autos hervor und wankte auf die Tür der Hütte zu. Einschlafprobleme habe ich heute Nacht bestimmt nicht, dachte er.
Iron Daily Nachrichten, 21. Februar 2014
Was tötet die Elche?
Sandy Jones, Außenkorrespondentin
Ironville, Michigan: Aktuelle Daten aus einer neuen Erhebung des Amtes für Bodenkultur zeigen, dass die Zahl der Elche in Michigan weiter abnimmt.
Die Luftbildauswertung offenbart einen starken Rückgang in diesem Jahr, genau genommen einen Gesamtbestand von 1.000 Elchen gegenüber 2.000 im letzten Jahr. Offizielle Stellen haben noch keine genaue Ursache bestimmt, obwohl der Klimawandel und eine Zeckenplage als mögliche Gründe untersucht werden.
Forscher behaupten, noch keinen so drastischen Schwund erlebt zu haben. Die Behörden leiten das Nötige in die Wege, um die Elchjagdsaison zu unterbrechen, bis man einen Auslöser erkennen kann. In den Rathäusern mehrerer Städte der Region wird man Sitzungen halten, um eine Erklärung für das Verschwinden des Elchs zu finden und über ein mögliches Ende der Jagdsaison abzustimmen.
Die Regierung betont, zur Panik bestehe kein Anlass, und die Schätzung von Tierbeständen sei keine exakte Wissenschaft. Michael Eggerts, Feldbiologe des Amtes für Bodenkultur in Michigan, hat während der letzten 20 Jahre in diesem Bereich gearbeitet und war seinerzeit einer der Wegbereiter für die Wiedereinführung des Elchs im Bundesstaat. »Jawohl, die Elchbestände gehen zurück«, bestätigt Eggerts, »und ja, wir haben deswegen ernsthafte Bedenken, doch das bedeutet nicht, dass wir den Kopf verlieren dürfen.«
Michigan liegt an der südlichen Grenze der natürlichen Lebensräume des Elchs und könnte aufgrund der Erderwärmung unbewohnbar für ihn werden. Diese Tiere sind wärmeempfindlich, und die Temperaturkurve für die letzten 20 Jahre verläuft leicht nach oben …
Transkription des Beitrags »Der Elch« auf KBIL Ironville, 660 AM
Ort: Ironville, Michigan
KBIL »Der Elch«, 660 AM
20:30 Uhr bis 21:30 Uhr
Sendung: Talk mit Jim Gibbons
Programminformation: heißer Draht und coole Oldies
Radiomoderator Jim Gibbons, Ironville: Willkommen zurück, meine Damen und Herren. Heute können Sie wieder anrufen. Bitte drehen Sie Ihr Radio dabei leiser, damit wir kein Echo-Echo-Echo hören. Also gut, erster Anrufer, Sie sind live auf Sendung bei Talk mit Jim Gibbons. Bitte sagen Sie uns, woher Sie kommen und wie Sie heißen.
Anruferin: Hallo, Jim.
Jim: Würden Sie Ihr Radio bitte leiser drehen, gute Frau? Bei mir piept's im Ohr. Bitte geben Sie Ihren Standort und Namen an.
Anruferin: Ach je … Verzeihung vielmals … ist es jetzt besser? Hier spricht … ich heiße Betsy und wohne in Ironville.
Jim: Ja. Ja, das ist viel besser, Betsy. Danke, dass Sie heute an unserem Talk teilnehmen. Worüber möchten Sie reden?«
Betsy: Also, ich wollte wissen, ob Sie morgen bei der Versammlung im Rathaus sprechen werden. Es geht um Baugenehmigungen; mein Ehemann und ich, wir wollen einen dritten Lagerschuppen auf unserem Grundstück, hinten am Waldrand, und die vom County meinen, dass die Erlaubnis dazu 100 Dollar kostet. Ich glaube nicht, dass das richtig ist, und möchte, dass Sie dort auftreten, um in unserem Namen zu sprechen.
Jim: Danke, Betsy, aber ich hatte nicht vor, mich bei dieser Versammlung einzubringen. Dennoch, erlauben Sie mir die Frage: Warum so viele Lagerschuppen?
Betsy: Mein Mann und ich, wir werfen nie irgendetwas weg. Er bewahrt all unsere alten Rollläden und Türen auf. Wenn er das Dach unseres Hauses repariert, behalten wir die alten Ziegel und legen sie dort ab. Außerdem brauchen wir mehr Platz für die Schneemobile und Motorskier unserer Enkel.
Jim: Aber was tun Sie denn mit den alten Ziegeln?
Betsy: Wir behalten sie.
Jim: Klar, doch benutzen Sie sie auch?
Betsy: Nein, wir legen sie beiseite für den Fall, dass wir sie einmal brauchen. Ich wette, Sie tun das Gleiche.
Jim: Äh, das tue ich nicht, Betsy, nein. Ich würde Ihnen raten, Ihr Gerümpel wegzuwerfen und keinen dritten Lagerschuppen zu bauen. Ist Ihnen das mal in den Sinn gekommen?
Betsy: Für wen halten Sie sich bitteschön, dass Sie uns vorschreiben wollen, was–
Jim: Alles klar, der Nächste bitte, Sie sind live im Talk auf Sendung.
Anrufer: Hallo Jim, hier spricht Erickson von der Huron Road im Norden.
Jim: Aber hallo, das ist ganz schön weit weg vom Schlag, Erickson, was? Ich wusste gar nicht, dass Sie uns dort oben empfangen können. Was liegt heute Abend bei Ihnen an?
Erickson: Ich wüsste gern, ob Ihnen die Sache mit den Elchen geläufig ist.
Jim. Ja, klar, ist sie. Soweit ich weiß, sterben sie wie die Fliegen. Die Presse gießt gerade Öl ins Feuer. Die Jäger reagieren gereizt, wohingegen Tierrechtler die Jagd unterbinden wollen.
Erickson: Genau. Hier oben hatten wir auch ein paar Elche; wir haben sie jeden Morgen an Harrys Weiher gesehen, aber jetzt lassen sie sich nur noch selten blicken. Sie benutzen die Straßen in dieser Gegend doch auch; haben Sie mal welche gesehen?
Jim: Nein, schon eine ganze Weile nicht mehr. Das ist mir auch recht; wer will schon einen Elch durch die Windschutzscheibe knutschen? Ich ganz bestimmt nicht. (Pause) Unser werter Produzent teilt mir gerade mit, dass der Biologe Eggerts am Dienstagnachmittag ein Interview auf 660 AM gibt. Schalten Sie dann ein?
Erickson: Auf jeden Fall, aber nur, weil ich hören will, ob der Kerl weiter lügt. (schweres Atmen)
Jim: (kichernd) Was meinen Sie mit lügen, Erickson?