TRAPPED - GEFANGEN. Michael Hodges

TRAPPED - GEFANGEN - Michael Hodges


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Zeit verschlingen würde – ihn sich wieder einverleiben, denn immerhin war er es, dem man diese Felder überhaupt erst abgetrotzt hatte. Die Natur forderte zurück, was ihr gehörte; dies entsprach dem Lauf der Dinge. Vielleicht holt sie uns letzten Endes alle wieder zu sich, dachte Matt.

       Während er über das Grundstück wanderte, wärmte die Sonne sowohl seine Knochen als auch sein Gemüt. Ein leichter Wind wehte seufzend von den Hurons übers Tal, rüttelte an Erlen und Traubenkirschbäumen.

       Vom Eingang der Hütte schaute man auf eine mächtige, tote Eiche. Es handelte sich fürwahr um eines der Ungetüme der Northwoods, ganz silbern und verwittert. Die meisten Äste fehlten; geblieben waren 30 Fuß vom Stamm, der Zweigstümpfe von sich streckte wie ein Wahnsinniger, der seine Arme gen Himmel hob. Häufig arbeiteten sich klopfende Spechte auf der Suche nach Insekten über den Riesen. Hinter ihm fiel das Land steil in eine grasbewachsene Mulde ab. Dort hatte das ursprüngliche Bauernhaus gestanden, das einem Feuer anheimgefallen war; John hatte Matt erzählt, der vorige Besitzer wäre mit einer Zigarette im Bett eingeschlafen. In den Hang auf der anderen Seite hineingebaut stand eine verfallende Holzscheune, in der einmal Schweine und Hühner gehalten wurden. Daneben befand sich ebenfalls teils im Boden versenkt eine Schreinerwerkstatt, die auch als Eishaus benutzt werden konnte.

       Matt hatte sich stets gefragt, wie der alte Bauernhof überlebensfähig gewesen war. Hier lag schließlich kein Ackerland. Die Methoden, mit denen man dem Boden beikommen konnte, blieben allenthalben dürftig. Dies waren zehn mühevoll der Wildnis abgerungene Morgen, und um in die Stadt zu fahren, brauchte man eine Stunde. Das war für die Besitzer jedoch kaum nötig gewesen; sie hatten Hühner, Schweine und Äpfel gezüchtet und ihr Trinkwasser aus dem Black River gegenüber der Julip Road besorgt. Auf diese Weise konnten sie sich ihr Brot hier draußen mitten im Nirgendwo ehrlich verdienen.

       Aber was für ein unsicheres Dasein, dachte Matt.

       Durch die spukhaften Bauten – die verrottenden Hölzer, die halb im Garten vergraben in lockerem Sandboden standen – fühlte er sich in seiner Meinung bestätigt. Einmal war er in die begrünte Mulde hinuntergegangen und hatte sich biegendes Holz unter seinen Stiefeln gespürt: Überreste des alten Hofs.

       Er überlegte oft, wie es wäre, hier oben zu leben, und ob er es tun könnte. Das Hauptproblem bestand im Mangel an Jobangeboten. Den ehemaligen Bewohnern dieses Guts war das allerdings gleich gewesen. Matt gewann ihrer Fähigkeit, hier draußen zu überdauern, etwas Romantisches ab, ja bewunderte sie sogar.

       Die Hütte blieb als letztes intaktes Gebäude des alten Landwirtschaftsbetriebs. Abgesehen von ein wenig Schimmel war sie noch gut in Schuss. Der obere See bescherte diesem Bergland eine hohe Luftfeuchtigkeit, und manchmal, wenn er morgens aufwachte, hatte der Nebel das ganze Grundstück eingehüllt. Dies trug zweifellos zu dem dumpfigen Geruch bei.

       Ein paar Yards südöstlich der Hütte lag eine abschüssige Grasfläche, über welche die Spurrillen der Auffahrt verliefen. Matt kehrte darauf nach unten zur Julip Road zurück. Direkt gegenüber der Straße gehörte noch ein halber Morgen Land zum Gut, der von einem Dickicht aus Ahorn, Birken und Riesenwurmfarn – im wahrsten Sinn des Wortes – überwuchert wurde. Sich durch diesen Dschungel zu kämpfen, war stets eine Herausforderung. Unterhalb der Taille konnte man nichts sehen, weil die Farne den Boden verdeckten. Niemand, der durch diesen Wust watete, hatte eine Ahnung, ob ihn ein Tier anfallen würde. Nicht selten befürchtete Matt, einen schlafenden Bären im Gesträuch aufzuwecken, womöglich gar eine Mutter mit ihren Jungen. Warum also nicht draußen bleiben? Wegen des Wassers. Der Black war hier oben am Büdchen viel schmaler. Verfaulende Hölzer, Moos und Schnabelried bestimmten das Bild am Ufer. Hier und dort rieselten Rinnsale zwischen den Farnen hindurch, die teilweise in Erdtrichtern zu dickem, schwarzem Schlamm zusammenflossen. Das erinnerte Matt an Teergruben. Einige Jahre zuvor war sein Freund Trent in einen solchen Trichter gefallen, eine ziemlich haarige Angelegenheit. Als er ihn herausgezogen hatte, waren seine beiden Bergstiefel im Schlamm stecken geblieben. Daraufhin hatten sie den Trichter »Merril« getauft; das war der Markenname der Schuhe gewesen.

       Um Eimer mit Wasser zu füllen, musste man sich behutsam an der unsicheren Uferböschung hinunterlassen. Rutschte man aus und fiel, kam man in den Genuss eines Bades in fünf Fuß tiefem, eiskalten Wasser. Dieser Abschnitt des Flusses war zwar nicht breit, aber trügerisch tief; Felsblöcke lauerten knapp unter der Oberfläche wie neugierige Schildkröten. Das Wasser sickerte im Dunkeln durch unterhöhlte Bänke und vereinte sich schließlich mit sonnenbeschienenen Stromschnellen. Bachsaiblinge streiften die Oberfläche nach Fliegen ab, wohingegen die größeren Fische hörbare Klatschgeräusche verursachten, wenn sie ihre Kiefer in den Wellen zuschnappen ließen. Der obere Black River war berüchtigt dafür, dass an ihm regelmäßig Schwarzbärenmütter mit ihren Jungen im Schlepptau gesichtet wurden.

       Hatte der Strom die offiziellen Grenzen des Grundstücks passiert, schlängelte er sich durch den Wald. Matt hätte einen Stein nach Osten werfen können, und dieser wäre viermal über den Fluss geflogen. An manchen Stellen war das Ufer zwischen den Windungen nur wenige Fuß breit. In diesen zäher fließenden Abschnitten fanden sich Sandhaufen – bekannt als Stiefelschlucker – und dickere Algenteppiche, doch das Bett hier oben bestand weitgehend aus Kies und Schiefer. Eine halbe Meile stromaufwärts ergossen sich eine Reihe von Wasserfällen über gerillten Schiefer, umrahmt von Strauchkiefern und Hemlocktannen. Der Fluss stürzte mehrere Stufen und zuletzt ein 30 Fuß tiefes Gefälle hinunter, ehe er in einem breiten Becken auslief, das von kantigen Stücken aus grauem und schwarzem Schiefer begrenzt wurde. Dies waren das Schwimmbad und die Badewanne von Matt und seinem Vater gewesen. Fette Bachsaiblinge wanden sich im klaren Nass, obwohl Matt im Lauf der Jahre bemerkt hatte, dass ihre Zahl leicht schwand. Oft beobachtete er sie sechs Fuß tief, während sie sich unmittelbar gegen den Fuß der Felswand drängten, wo diese ins Kiesbett überging. Um einen dieser neckischen Brocken zu fangen, bedurfte es größeren Geschickes. Sie stoben auseinander, wenn man eine Fliegenschnur auswarf, egal wie sachte. Als Angler musste man sich mit der Strömung anpirschen, auf der Schieferplatte in 30 Fuß Höhe stehen bleiben und auswickeln, sodass der Fluss den Köder zum Rand des Bassins mitnahm.

       Verfolgte man den Black River von den Wasserfällen aus zurück, wurde er schmaler, eingezwängt in Rinnen zwischen fantastischen Schieferformationen. Wenn man noch weiter hinaufging, verschwand er in einem Gewimmel aus Erlen, darüber schlussendlich im Nebel versunken das Moor und die Hurons. Matt beharrte stets darauf, dass dieser Abschnitt die größten Fische bereithalte, doch niemand wagte es, so tief in den Dschungel einzudringen. Kriebelmücken waren aufgrund der hohen Feuchtigkeit durch den oberen See und all die stehenden Gewässer in diesen Gefilden der oberen Halbinsel eine Plage; Moskitos waren fast genauso schlimm. Diese Unannehmlichkeiten, wenn man sie mit den Spinnen in den Erlen in Betracht zog, machten die Erkundung des oberen Flusslaufs zu einer Tortur.

       So richtig gut ging es dem Black allerdings nicht. Matt waren Sedimente aufgefallen, die sich im Flussbett häuften, wo sich Jahre zuvor keine gesammelt hatten. Die größeren Fische waren heutzutage dünn gesät, und das Wasser fühlte sich mittlerweile auch wärmer an. In das Becken zu springen war saisonal unabhängig immer mit drohendem Herzstillstand verbunden gewesen, im Zuge jüngerer Jahreszeitenwechsel aber kein derart intensiver Kälteschock mehr wie früher. Unterwasserfelsen, die einst sauber gewesen waren, überzog nun eine dicke, schleimige Substanz. Matt hatte Berichte darüber gehört, dass der Klimawandel den Elchen auf der oberen Halbinsel zusetzte, und schlussfolgerte daraus, dass dies auch auf seinen geliebten Fluss zutraf. Touristen hatten ferner bemerkt, dass die Froschchöre abends leiser und unbeständiger wurden.

       Auf dem Rückweg zur Einfahrt nippte Matt an seiner Dose Sprite. Nachdem er den enormen Metallriegel vor der Hüttentür hochgestemmt hatte, lehnte er sich dagegen und lauschte ihrem Knarren. Einmal hatte er seinen Vater gefragt, warum die Tür so verflixt groß sei; John hatte ihm dann erklärt, das Büdchen sei nie als Wohnhaus vorgesehen gewesen, sondern als Lager für Werkzeug und andere Gerätschaften.

       Drinnen drang ihm Modergeruch in die Nase wie zum freundlichen Empfang in einem Feuchtlabor. Der breite Eingang nahm die halbe Südwand ein, wohingegen die andere Hälfte einem Fenster und einem hohen, schmalen Tisch mit Rollen vorbehalten war. Ein Ofen aus schwarzem Gusseisen nahm eine Ecke ein, und sein Abzugsrohr führte im Zickzack an den Rundhölzern hinauf. Auf dem Tischchen unter dem vorderen Fenster


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