TRAPPED - GEFANGEN. Michael Hodges

TRAPPED - GEFANGEN - Michael Hodges


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»Freut mich, Sie kennenzulernen«, erwiderte Matt und stellte seine Fliegenrute ab, um die grazile Hand der Frau zu schütteln.

       »Komm rein«, sagte Sanders und winkte freudig. »Kannst auch 'n Happen essen, wir haben Erdnussbutter und Cracker. Du bist doch sicher hungrig, nich' wahr? Mensch, kannst so lang bleiben, wie du willst. Ist 'n echter Fresstempel hier: Trockenfleisch vom Bär und Spritzkäse, den Melinda aber Flitzkäse nennt, weil ich davon übel Durchfall krieg.«

       Sanders bot Matt eine Hand an, und der schüttelte sie. Der Alte drückte so fest zu, dass man glauben konnte, er wollte zeigen, wie stark er war.

       Tote Tiere schmückten die Wohnung – vorausgesetzt, man erachtete Kadaver als Dekoration. Ausgestopfte Hirschköpfe glotzten mit glasigen Puppenaugen von den Wänden herab. Schwarzbärenfelle hingen aufgespannt an der Südwand; eine ganze Familie, wie es aussah – charmant. In einer Ecke stand ein Plattenspieler neben einem Stapel Vinyl; ein Gewirr aus verknickten Kabeln führte zu zwei nicht mehr ganz funktionsfähig wirkenden Boxen. An der Ostwand lehnte an der Seite zweier nebeneinandergestellter Futons Sanders Kompositbogen. Die Einrichtung machte insgesamt einen zusammengewürfelten Eindruck, mutete aber irgendwie gemütlich an. Vielleicht lag es an der guten Luft; den Northwoods war etwas zu eigen, das materiellen Dingen die ideelle Bedeutung nahm. Ein kleines, unvollkommenes Eigenheim wie dieses war in einem Wust aus Wald und Hügeln annehmbar, genauer gesagt sogar erstrebenswert. Wer brauchte ein großes Haus, wenn das Paradies gleich vor der Tür lag? Hier verbrachte man nicht viel Zeit drinnen, aber die Vorstädter in Chicago blieben in ihren Wohnungen eingeschlossen wie in Mausoleen.

       »Setz dich, eh?«, bot Sanders an und zeigte mit einer Dose Spritzkäse auf einen der Futons, während er eine Packung Cracker in der anderen Hand hielt.

       Als sich Matt niederließ, beugte sich Melinda zu ihm, wobei ihre blonden Haare über eine Hälfte ihres nordischen Gesichts fielen. »Ich bring Ihnen was Kühles zum Trinken, okay?«

       »Ich kann mich auch gerne selbst bedienen«, entgegnete er mit Blick in ihre Augen.

       »Ich bin keine Kampfemanze«, erwiderte sie lächelnd. »Miller Lite oder Genuine Draft?«

       Er kam sich vor wie ein Idiot, musste aber zugeben, dass sie es mit ihren himmelblauen Augen spielend leicht schaffte, ihm den Kopf zu verdrehen. »Genuine Draft«, antwortete er und hoffte dabei, dass sie seine verlegene Pause nicht bemerkt hatte.

       Sanders nahm mit einer Rolle Cracker und breitem Grinsen, das seine Rotzbremse in die Länge zog, auf dem Futon neben Matt Platz. »Was zum Knabbern?«

       »Danke, aber ich habe erst gegessen.« Matt hatte einen toten Fischmarder ins Auge gefasst und fragte sich, warum Bob so ein Tier aufhängte, da man es eigentlich nicht jagen durfte. »Woher hast du den?«, fragte er und bereute die Worte sofort, er sie geäußert hatte.

       Sanders schaute ihn argwöhnisch an und biss ein krümeliges Stück Cracker ab. »Man braucht doch keinen Jagdschein, um einen Fischmarder zu erschießen, eh? Das Vieh muss nur in deinem Garten auftauchen!« Er brach in schallendes Gelächter aus.

       »Du führst Dauerkrieg gegen die Tiere, hm?«, meinte Melinda. »Was haben sie dir getan?« Sie strich die Brust ihres gelben Sommerkleides glatt.

       Sanders hörte auf zu lächeln und bekam ein rotes Gesicht. »Ich sag dir, was sie mir getan haben, wenn du schon so dummdreist fragst: Sie sind auf mein Grundstück gekommen! Das ganze verfluchte Viehzeug hält sich besser fern, eh? Stachelschwein, Karnickel, Reh, Beutelratte, Waschbär, Wolf, Kojote und Grizzly – sie alle! Ich bin es leid, dass sie alles wegfressen. Die verkackten Hasen haben in diesem Sommer den halben Garten verputzt; die Rehe kommen her, futtern mein Gemüse und scheißen alles zu. Selbst der Zaum ums Gelände hält sie nicht ab!«

       Melinda gab Matt ein kaltes Bier, wobei ihr die reizenden Stirnfransen in die Augen hingen, als sie sich nach vorne neigte. »Bitte, mein Freund.«

       Er öffnete die Dose und schlürfte den austretenden Schaum. Köstlich. In den Northwoods schmeckte kaltes Bier stets am besten. Als Melinda an ihm vorbeiging, roch es nach Orange.

       Sanders klopfte ihm aufs Knie, stand dann auf und winkte, damit Matt ihm folgte. Im Raum nebenan trat er ans Fenster und zeigte nach draußen. »Siehst du das? Es ist mein Garten; erkennst du das dort hinten?«

       Matt schaute durch die Scheibe aufs Gelände. Dort lagen v-förmig aufgeschichtet Holzscheite, und in dem spitzen Winkel dazwischen waren Äpfel mit Druckstellen angehäuft.

       »Was ich hier tue, nenne ich Gleichrichten, okay?«, meinte Sanders mit einem Kichern. »Kreuzen Rehe oder Bären in meinem Garten auf, um diese Äpfel zu fressen, werde ich sie gleich richten.« Er verwies auf einen zweiten Kompositbogen in einer Ecke; daneben stand eine .308er-Winchester, und am Boden lag ein Colt Python .357.

       »Ich zieh dieses Fenster hier nur ein klein bisschen auf und mach sie kalt. Die sollen mal versuchen, mit einem Pfeil im Leib geradeaus zu laufen. In dem Moment zahlt sich der Holzhaufen aus, verstehst du? Sie rennen geradewegs hinein, woraufhin ich genug Zeit hab, um ihnen noch einen Pfeil in den Arsch zu jagen.«

       Matt ballte seine Hände zu Fäusten. Er wusste, dass Sanders Schwierigkeiten hatte, wäre aber nie darauf gekommen, dass er ein Wilderer war. Dies nun allerdings war keine passende Gelegenheit, um etwas dagegen zu sagen oder zu unternehmen. Bob redete sich augenscheinlich in Rage, und mit einer Person wie ihm auf Konfrontationskurs zu gehen, war nicht die gescheiteste Idee – vor allem nicht in Anbetracht all der Waffen ringsum.

       »Die armen Rehe«, bemerkte Melinda von der Küche her.

       »Gibt sowieso zu viele davon, eh? Drauf geschissen.«

       Sanders stolzierte mit langen, forschen Schritten zurück und nahm sich auch ein Bier aus dem Kühlschrank. Nachdem er die Dose geöffnet hatte, trank er mehrere Schlucke und stieß auf. »Das Viehzeug hier oben, Matt – dem musst du zeigen, wer das Sagen hat, klar? Früher oder später nimmt es überhand, falls man es zulässt; kleiner Finger, ganze Hand, du weißt schon. Die Racker kommen mit ihrer Bagage zurück wie Teenager, die eine Bierparty stürmen, allen voran die Dreckskarnickel.«

       Matt räusperte sich. »Gut, du hast nichts für Hasen übrig, aber warum willst du dann Fischmarder und Kojoten töten?« Auch diese Worte hätte er lieber sofort zurückgenommen, nachdem sie über seine bierfeuchten Lippen gekommen waren. »Sie fressen Hasen.«

       Sanders kehrte sich ihm mit vor Wut schwelenden Augen zu. Sie galt jedoch nicht Matt, sondern den Tieren – wie immer.

       »Weil Fischmarder und Kojoten auch Kitze fressen. Ich will mir meine Rehe nicht nehmen lassen. Das ganze Jahr über esse ich Wild; warum sollte ich es kaufen, wo ich doch einen Supermarkt hier habe?«

       Matts Bier wurde allmählich schal, oder vielleicht verdarb ihm Bobs Gehabe die Lust daran. Melinda kam mit nichts außer einem pfirsichfarbenen Handtuch am Körper aus dem Bad; die Haare hatte sie sich nass zurückgekämmt.

       »Wollt ihr in die Sauna?«, fragte sie.

       Matt wurde bewusst, dass Melinda ein Händchen dafür hatte, Spannungen mit ihrem Liebreiz aufzuheben.

       Sanders Stimmung schwenkte sofort um. »Aber hallo, darauf darfst du deinen Schwedenhintern verwetten«, erwiderte er. »Komm mit, Matty, lass uns den neuen Schwitzkasten ausprobieren; hab ihn im Frühjahr gezimmert.«

       Matt wollte fischen und sich Sanders im Grunde entziehen, doch der Mann war ein guter Handwerker, und er selbst hatte sich seit je eine Sauna gewünscht. Er fühlte sich besser, wenn er aus einem Dampfbad kam – irgendwie sauberer. »Aber nur ganz kurz«, schränkte er ein.

       Sie gingen nach draußen und folgten einem urigen Pfad aus Schieferplatten hinters Haus. Tief im Wald huschten Vögel herum; der Silver River, dessen Steilufer das Wasser an Balsamtannen und Zuckerahorn vorbei leitete, funkelte keine 20 Yards rechts neben dem Gebäude. Die Wipfel hüllten alles in sanfte Schatten.

       Wie erwartet hatte Bob mit der Sauna ganze Arbeit geleistet. Über der Tür aus weichem, edlem Kirschholz war ein Mond mit zwei Sternen eingeschnitzt. Aufbau und Anstrich gaben im Großen und Ganzen ein beeindruckendes Bild ab.

       »Rein in die gute Stube«,


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