TRAPPED - GEFANGEN. Michael Hodges
das Gut für Ron seinen Reiz verloren zu haben. Matt besaß keine Flinte, und in der Hütte gab es keine, zumal er ohnehin schlicht kein Freund von Waffen war. Selbst wenn er es gewesen wäre: An einem Ort wie diesem hinterlegte man besser keine wertvollen Gegenstände. Diebe konnten einbrechen und in Arkansas oder noch weiter sein, bis irgendjemand den Raub bemerkte. Der nächste Nachbar – Bob Sanders – wohnte vier Meilen entfernt am Silver River. Matt sah ihn selten, wenn er nicht gerade einen Ausflug zum Angeln an den Fluss machte. Sanders besaß auch ein Haus in der Stadt, die eine Stunde Autofahrt südwestlich lag. Matt hätte gern gewusst, warum er gleich zwei Häuser besaß, die auch noch so weit voneinander entfernt waren, aber hey: Stand es ihm zu, darüber zu urteilen?
Bald würde er wieder zum Silver River fahren und versuchen, dem schwer fangbaren Silberlachs beizukommen; Herausforderungen hatten stets ihr Gutes, hielten einen geistig auf Trab. Der Fluss war doppelt so breit wie der Black und besaß erheblich mehr Bassins. Matt musste auf dem Weg zum Wasser an Sanders Grundstück vorbei, da es an eines seiner bevorzugten Becken grenzte.
Matt stand auf, stellte die leere Sprite-Dose auf den Kirschholztisch und ging zur Tür. Seine Wanderstiefel verursachten dumpfe Trittgeräusche auf dem modrigen Boden, der unter seinem Gewicht leicht einsackte.
Der Riegel war gigantisch und bestand aus Eisen, um vorwitzige Schwarzbären fernzuhalten. Matt stemmte die Metallstange hoch und drückte die Tür auf. Die Sonne badete sein Gesicht, Vogelgezwitscher und Geraschel im Gras grüßten ihn.
Die Reisende
Der Kojote, ein Weibchen, ließ den schmalen Streifen Laubwald in der Vorstadt hinter sich. Das Tier überquerte geruhsam die Hemson Road, wobei es einen rostenden Ford Taurus umgehen musste, und schlug sich dann durchs Dickicht am schlammigen Worthington River entlang. So folgte es dem Flusslauf mehrere Meilen, während es darauf achtete, sich im Schutz der Dunkelheit fortzubewegen. Menschen hätten das Tier nicht ohne Weiteres im Unterholz erkannt, und das wusste es.
Als der Kojote über ein Maisfeld zuckelte, lag der strenge Geruch von Nagern in der Luft. Er hielt inne, woraufhin seine Ohren zuckten, als der Wind an einer Stelle durch die Kolben fuhr. Dann neigte er den Kopf zur Seite, denn er hörte eine Maus, wo der feuchte Erdboden ins baumreiche Einzugsgebiet des Flusses überging. Die Ohren richteten sich auf, und er stürzte los. In einer fließenden Bewegung knickte er den Kopf nach hinten ab, um eine Feldmaus hinunterzuwürgen. Danach kehrte er seine Lefzen leckend ins Unterholz zurück.
Als die Sonne unterging, schlug das Tier einen schnelleren Schritt an, rannte an gefällten Schwarzbirken und taunassen Spinnweben vorbei. Es mochte Spinnen nicht sonderlich und kläffte, wenn es spürte, dass sie über ihr Fell krabbelten.
Irgendetwas trieb sie nach Norden. Es war weder die Aussicht auf einen Partner – sie hatte schon einen, besten Dank auch – noch der Drang, ihr Revier auszuweiten. Ein starkes Verlangen scheuchte sie, obwohl sie wusste, dass die Menschen das nicht unbedingt guthießen. Sie stellten ihr nach – Männer mit Feldstechern und Gewehren. Viele davon wollten sie erschießen; warum, das konnte sie nicht nachvollziehen. Sie hatte Geschwister an die Metallwespen und Fallen verloren, ihnen zu helfen versucht, als sie darauf verfallen waren, ihre eigenen Pfoten durchzubeißen oder sich mit zertrümmerten Hüftgelenken in den Wald geschleppt hatten. Einmal hatte sie einen dieser Verletzten zum Fluss geschleift und ertränkt. Zwei Monde lang war sie am Heulen gewesen; sie hatte nicht gewusst, was sie sonst tun sollte.
Hechelnd rollte sie sich unter einer umgestürzten Gelbbirke zusammen und kratzte sich mit einer Hinterpfote an den Ohren. Dann trippelte sie zum Ufer hinunter und streckte ihren bauschigen Schwanz in die Luft, als sie sich nach vorne beugte, um Wasser zu schlecken. Sie dachte nicht daran, dass es verseucht sein könnte.
***
Die Sonne ging über Baraboo in Wisconsin auf und ließ den Hof in einem Licht erstrahlen, um das sich jeder Fotograf gerissen hätte. Reif – und Pflanzenschutzmittel – glitzerten auf den ebenmäßigen Feldern wie eine dünne Eisschicht.
Eric Gnomes wachte vom Gegacker seiner Hühner auf. Er zog seinen Overall über und das .22er-Gewehr aus dem Schrank.
Gottverdammte Kojoten schon wieder, dachte er, während er das Magazin in die Halterung rammte. Er mochte es, wie die Waffe in seinen Händen lag; sie vermittelte ihm ein Gefühl von Macht in einer Welt, in der er sich häufig ohnmächtig fühlte.
Die Hühner gackerten wieder aufgeregt, woraufhin er durch die Hintertür nach draußen eilte und sie zuknallen ließ, dass weiße Farbe auf die Veranda abblätterte. Während er schnaufend zum Hühnerpferch lief, flatterten die wenigen Haarsträhnen, die noch auf seinem Scheitel verblieben waren, im Wind. Unterwegs suchte er den Zaun nach Schäden ab. Er sah die Hühner zwar nicht, wusste aber, dass sie im Stall hockten und panisch flatterten. Nachdem er das Eingangsgatter aus Draht entriegelt hatte, schwang er es auf. Die Jagd konnte beginnen. Gnomes rannte zum Stall hinüber, legte auf die dunkle Türöffnung an und spähte hinein. Langsam gewöhnten sich seine Augen an den düsteren Bereich vor der hinteren Wand. Zwischen seinem edlen Geflügel saß ein Kojotenweibchen, als wolle es nichts Böses, als sei alles ganz normal. Für Gnome war dieses Tier ein Narrenbote der Natur, geschickt, um ihn zu verspotten, zu verärgern.
»Hey, Rattengesicht!«, rief er.
Als die Kojotin ihren Kopf drehte, sah er ein totes Huhn, das an seinem gebrochenen Hals zwischen ihren Kiefern klemmte. Sie huschte an einer Hühnerstange nach oben auf die Käfige zur Eiablage, während das tote Huhn in ihrem Maul schlackerte. Gnomes eröffnete das Feuer, streute Schüsse in den Stall, ein jeder wie ein knallender Peitschenhieb. Weiße Federn stoben in die Luft, während sich die Hühner aufplusterten und gegeneinanderstießen, als sei eine Kissenschlacht zugange. Einige seiner geschätzten Tiere zockelten an ihm vorbei, während er mit dem Schießen fortfuhr. Kugeln zerfetzen Fleisch, Knochen brachen. Gnomes biss bei Mündungsblitz und Rückstoß auf die Zähne, unerschrocken, trotz des Chaos. Sein Gewehr war kein gewöhnliches vom Kaliber .22, weiß Gott, nein; er hatte es von Terry Garr, einem Mitglied der örtlichen Bürgerwehr, modifizieren lassen. »Jetzt haste kein .22er-Standardpusterohr mehr«, so die Worte des Mannes.
Als er genug hatte vom Sperrfeuer und streng riechenden Pulverqualm, ließ Gnomes den Abzug los; zwei Patronen steckten noch im Magazin. Nachdem die Federn zu Boden gesunken waren, zählte er vier tote Hühner und eine Menge Blut, das an die hintere Wand gespritzt war.
Von dem Kojoten sah er nichts.
Er duckte sich, um einen besseren Blick zu den oberen Nistplattformen zu erhalten, streckte seinen Kopf in den Stall und schaute in die dunklen Ecken. Eine einzelne weiße Feder driftete herab. Sie zitterte, während sie zu Boden sank, beruhigte Gnomes wie eine Mutter, die ihrem weinenden Säugling ein Lied singt. Während er ihrer einlullenden Abwärtsbewegung folgte, blitzten zwei Lichter wie Goldmünzen in einem finsteren Winkel auf; eine Sekunde später verengten sie sich zu bernsteinfarbenen Schlitzen. Er bekam einen Adrenalinschub und stieß sich den Kopf am Überbau, weil er zurückschreckte, sodass ihm schwarz vor Augen wurde. Die Kojotin knurrte und sprang aus der dunklen Ecke auf den mit Kot bedeckten Boden. Gnomes hob seine Waffe, versuchte den stechenden Schmerz an seinem Hinterkopf zu verdrängen, und machte sich bereit zum Schuss. Der Gewehrlauf schwankte. Beim ersten Mal zielte er zu hoch, und die Kugel schlug in die Wand; als er wieder abdrückte, hatte er zu niedrig gezielt, weshalb er nur den verdreckten Boden traf. Die Kojotin stürzte auf die Stalltür zu. Gnomes holte mit der Waffe nach der Kojotin aus und schlug den Lauf genau gegen ihren Beckenknochen. Sie kläffte auf und lief vorbei. Er fuhr herum – wohl wissend, dass das Tier nicht klug genug war, um das offene Gatter zu finden. Mit diesem Hintergedanken packte er das Gewehr am Kolben, damit er ihm den Griff wie einen Hammer überbraten konnte. Der alte Narrenbote sollte lernen, was es bedeutete, sich mit Eric Gnomes anzulegen.
Die Kojotin streifte am Zaun hin und her, um einen Ausweg zu finden.
»Dumme Ratte«, schimpfte er, während er schweren Schrittes auf sie zuging und ein Rinnsal Blut in sein Genick tropfte. »Findest nicht raus, was?«
Die Kojotin streckte sich mit ihren Vorderläufen bis auf halbe Höhe des Zauns auf und ließ sich dann wieder auf alle viere nieder. Sie bewegte sich gezielt, allerdings auch verzweifelt. Mehrere aufgescheuchte Hühner zappelten und gackerten am Rand