TRAPPED - GEFANGEN. Michael Hodges
Unter der Schublade standen zwei Plastikschüsseln für den Abwasch.
Matt lief zur Ostseite des Raums und setzte sich auf die Couch, falls man das Ding so nennen durfte; es war ein schmuddeliges, kariertes Etwas von anno dazumal. Durch das Ostfenster über dem Möbel sah man die Mega-Espe und im Hintergrund eine schiefe Außentoilette aus grauen Brettern. John hatte oft den Spruch fallen lassen, dem Donnerbalken fehle nur ein zünftiger Darmwind, um Feuerholz zu werden.
Ein durchhängendes Regal über dem Fenster barg alle möglichen Gegenstände: Messer und Messerschleifer, Streichhölzer, einem Kompass, eine alte Bärenfalle und Dutzende ausgeblichene Ausgaben von National Geographic, nicht zu vergessen Laternenschirme und Lampenöl, Teekästchen sowie zwei Ersthilfesets und ein paar Feuerzeuge, die John aus Kneipen in der Umgebung hatte mitgehen lassen.
Der nach vorne gewölbte Kamin an der Nordseite war mit mindestens acht Fuß fast so breit wie die ganze Wand. Die unterschiedlich gefärbten Steine seines Mauerwerks stammten aus dem Black River. Klobige Wacker, die sich durchgehend an der Vorderseite reihten, ließen sich als Ablage nutzen. Wer gerne rauchte, deponierte Zigarettenpäckchen und Anzünder darauf, und auf einen hervortretenden Stein passte sogar eine Whiskeyflasche. In der Brennkammer fand ein erwachsener Mensch Platz – im Schneidersitz wie ein Indianer, versteht sich.
Ein Schaubild für Angler zur Identifikation der Lachse und Forellen der großen Seen hing mit Klebeband befestigt am Stein der Brennkammer; ein alter Kalender mit Motiven verschiedener draller Frauen, die mit Kettensägen posierten, prangte neben dem Fischposter. Matt hatte die Fotos lange als geschmacklos empfunden, seine Meinung jedoch nach ein paar Tagen allein in den Wäldern von »geschmacklos« zu »affengeil« geändert. Klar, all die frische Luft regte seinen Appetit an, aber eben auch andere Bedürfnisse. Abgase und Pestizide im Zusammenhang mit aggressiver Bebauung und Agrikultur stumpften die Sinne in erheblicherem Maße ab, als die Menschen ahnten. In den Norden zu kommen, war, als streife man einen schweren Mantel ab.
An der Westwand ragte ein dreistöckiges Etagenbett auf, was dank des Schrägdachs ohne Speicherraum möglich war. Von außen sah die Hütte winzig aus, wirkte jedoch aufgrund ihrer offenen Bauweise gemütlich und relativ geräumig, sobald man eintrat.
Das Dreierhochbett war in allen Belangen geschichtsträchtig: Lag man ganz oben, war man den Vögeln am nächsten, die gerne am Dach pickten. Außerdem diente das obere Wandrundholz Mäusen als Übergang, weshalb man ihr Nagen und Trippeln die ganze Nacht lang hören konnte. Davon abgesehen machte die abfallende Dachkonstruktion den oberen Liegeplatz klaustrophobisch eng. Drehte sich der Schlafende nach links um, lag er in dem Winkel, wo die Sparren auf den oberen Wandabschluss trafen; und wenn er sich nach rechts wälzte? Tja, dann durfte er sich auf einen tiefen Fall gefasst machen.
Matt und seine Freunde hatten ihre Spiele darauf angelegt, dass der Verlierer ganz oben liegen musste. Eines hatte »Sauf oder rauf« geheißen; dazu waren abhängig von der Zahl seiner Begleiter drei oder vier Schnapsgläser erforderlich gewesen. Nachdem sie sich 7Up eingeschenkt hatten – sein Vater hatte ihnen zu der Zeit nicht erlaubt, Whiskey zu trinken –, war von drei an rückwärts gezählt worden. Die Teilnehmer hatten den Inhalt hinunterstürzen und das leere Glas auf den Tisch knallen müssen. Der Langsamste war mit der obersten Matratze »belohnt« worden. Wer bei »Sauf oder rauf« gescheitert war, hatte es aber häufig vorgezogen, auf der abgewetzten roten Couch zu schlafen.
Als sie während einer der vorigen Urlaubszeiten hier gewesen waren, hatte Matts Freund Trent das Spiel verloren und auf der Couch geschlafen. Um zwei Uhr nachts war er aufgewacht – schreiend. Matt hatte dann im Schein seiner Taschenlampe eine fette Maus auf Trents Brust hocken sehen, die ihn direkt mit ihren Knopfaugen und zuckenden Schnurrhaaren angestarrt hatte.
»Das Vieh guckt mir voll in die Augen!«, hatte er gerufen. »Seht ihr das, Jungs?«
Wer die Hütte gut kannte, dem machten die Nager nichts aus, doch sie sorgten für Spaß mit unbedarften Gästen.
Zu anderen Zeiten waren Besucher aus dem obersten Bett gerollt und auf den Boden gekracht oder hatten sich in einem akrobatischen Akt der Verzweiflung auf einen der beiden unteren Liegeplätze geschwungen.
In Matts Kindheit hatte das dreistöckige Bett für Furzschlachten und Rülpswettbewerbe hergehalten. Er entsann sich eines Jugendfreundes, der besonders gut darin gewesen war, die dünnen Sperrholzbretter mit seinen Blähungen zum Beben zu bringen, auf denen die Matratzen lagen. Eric Holmes war ein kräftiger Junge gewesen. Sie hatten die Theorie aufgestellt, bei ihm begünstige eine Kombination aus schweren Knochen, elastischen Pobacken und Darmbrachialgewalt die Entstehung derart sagenhafter Flatulenz.
Am lustigsten waren Gäste gewesen, die sich vor kleinen Krabbeltieren fürchteten. Bei ihnen kratzte Matt mit einem Fingernagel an der Wand, während sie eindösten, woraufhin sie aufschreckten und »Was war das?« oder »Habt ihr das auch gehört?« riefen. Er hatte dann immer in sich hinein gelacht. Sein Vater hatte sich früher den gleichen Scherz mit ihm erlaubt, und was sprach schon dagegen, eine Familientradition weiterzuführen? John war wiederum von Ron gepiesackt worden – seinem besten Freund, der das Anwesen nach dem Brand des Bauernhauses gekauft hatte. 2.500 Dollar waren ihm das Land und die Überreste des Hofs wert gewesen. Ron hatte, wie man es eben unter engen Freunden tat, mit John geteilt, und dieser war nach Belieben mit eigenem Schlüssel ein- und ausgegangen. Sonderbedingungen hatte es nicht gegeben; das Grundstück war praktisch sein eigenes gewesen … und einer der wenigen abgelegenen Orte, an die Matt mit Erlaubnis seiner Eltern nach bestandener Führerscheinprüfung hatte fahren dürfen.
Während er nun seine Limonade trank, betrachtete er versonnen den Plunder auf den Regalen und die verblassenden Hölzer. So viele Erinnerungen … Links neben dem Dreierbett an der Westwand befand sich ein Geschirrschrank. Dessen oberer Teil war eine Vitrine voller Porzellan, wenn auch keinem edlen. Der Hütte insgesamt haftete nichts Extravagantes an, wenn man vom Kamin absah. Auf der Holzablage unter der Vitrine stand eine wuchtige Lampe mit grünem Schirm, darunter reihten sich abgestoßene Schubladen, in denen Messer, Seilstücke und Isolierbandrollen lagen. Das Holz, aus dem das Möbel gefertigt war, hatte einen Rotstich und fühlte sich glatt an. Die Scheiben der Vitrinen kamen Matt vor wie dünnes Eis, von dem man glauben könnte, es würde jeden Augenblick zerbrechen. Zwischen dem Etagenbett und dem Schrank waren drei dicke Nägel in die Wand geschlagen worden; Haken für eine Bratpfanne, ein Waffeleisen und einen flachen, viereckigen Topf. Am Boden darunter stand ein weißer Baustelleneimer, auf dessen Rändern ein geradegebogener Kleiderbügel lag. Daran festgemacht war eine mit Erdnussbutter beschmierte Mehrwegflasche, und den Boden bedeckte eine dünne Schicht Frostschutzmittel. Dabei handelte es sich um die Mausefalle des Büdchens, eine unappetitliche Vorrichtung, die man, wenn man eintraf, sauber machen musste. Es kam vor, dass Matt ein halbes Dutzend Kadaver darin fand. Dahinter steckte die Absicht, die Mäuse auf den Drahtbügel zu locken, damit sie an der Erdnussbutter leckten, von der Flasche in die zähe, grüne Chemikalie rutschten und starben.
Das verhieß keinen schnellen Tod.
Matt vertrat die Meinung, dass der Mensch eine möglichst schmerzfreie Lösung finden sollte, wenn es um etwas Unumkehrbares wie die Beendigung von Leben ging. Das Frostschutzmittel konnte auch andere Tiere töten. Ron aber kippte den grausigen Inhalt des Eimers – die ganze Chemiebrühe mitsamt den kleinen Kadavern – in ein Loch auf dem Grundstück. Falls ein anderes Tier kam und die verseuchten Mäuse fraß, war es ebenfalls vergiftet. Obendrein galt es eigentlich zu verhindern, dass das Mittel den Hügel hinunter in den Black River floss. So damit zu verfahren fand Matt von vorne bis hinten beschissen.
An den Kochutensilien, die zwischen Bett und Schrank hingen, fanden mitunter auch Strumpfbandnattern Gefallen. Eines Morgens hatte es sich, während John und Ron mit der Zubereitung einer Kartoffelpfanne mit Corned Beef zugange gewesen waren, ein durchaus stattliches Exemplar an der Wand bequem gemacht und seinen silbrigen Bauch um die Nägel geschlungen. Matts Vater war hinübergegangen, hatte die Schlange am Schwanz gepackt, nach draußen gebracht und ins hohe Gras geworfen.
Unter dem Bett standen eine Wurfmaschine zum Tontaubenschießen und eine Kiste mit passenden, gleichwohl bröckelnden Scheiben. Sich an der Balustrade daran zu versuchen, war ein beliebter Zeitvertreib. Zu solchen Zielübungen gehörten Biertrinken, Rauchen und käsige Typen mit freiem Oberkörper, die sich einen