TRAPPED - GEFANGEN. Michael Hodges

TRAPPED - GEFANGEN - Michael Hodges


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losgezogen, wenn es das Gros der Jugend an sonnige Strände trieb. In den Parks traf man weniger Mensch, ob bei Schnee oder trockenem Wetter. In den Wäldern und Bergen konnte sich Matt selbst denken hören, die Arme ausbreiten und entspannen. Mich ausgeglichen fühlen. Die Natur draußen in Montana war noch unberührt. 20.000 Morgen Wildnis waren dort nichts; man fand ein Geflecht aus zwei Millionen Morgen vor und konnte Jahre damit verbringen, es zu erkunden. In den Northwoods beziehungsweise dem Ottawa National Forest stieß man immer wieder auf Forststraßen; weniger als ein Prozent Primärwald war übrig geblieben, und die meisten Tiere, die in den Northwoods gelebt hatten, sah man so gut wie gar nicht mehr. Aus unerfindlichem Grund aber vermittelte dieser Ort Matt immer noch ein starkes Gefühl von Heimat. Er mochte – nein, liebte ihn: all die kleinen Bäche, die zwischen den Bäumen glitzerten; Stachelschweine, die flapsig im Geäst herummachten, und Weißkopfadler im Flug von einem verborgenen See zum nächsten. Ein Vorteil der Northwoods war die nur achtstündige Fahrt vom Stadtrand Chicagos aus; die Reise zum Yellowstone hingegen dauerte 22 Stunden. Für jemanden mit geregelter Arbeit machte dies den entscheidenden Unterschied aus. Im Sommer schuftete Matt sechs Tage die Woche im Bauunternehmen Stinston. Der Job war mitunter zwar anstrengend, tat ihm aber wohl. Matt hielt sich unter allen Umständen lieber draußen auf, als bei stickiger Luft in einem Büro zu sitzen. »Du musst flügge werden«, hatte ihm sein Vater oft vorgehalten. In irgendeiner kleinen Arbeitswabe ging das nicht: kein Platz. Für die Highschool beziehungsweise deren computerorientierte Alternative hatte das Gleiche gegolten; beide Anstalten waren ihm immerzu wie Gefängnisse vorgekommen. Als noch schlimmer hatte er ihren Mangel an Fenstern empfunden. Das einzige natürliche Licht war an den Enden der langen Flure eingefallen, zaghaft fast, wie um zu sagen: »Da will ich nicht rein.« Folglich hatte das Licht im Freien auf ihn gewartet, genauso wie die Northwoods. Trat er hinaus, fühlte er sich wie neugeboren. Bei aller Abneigung hatte er sich trotzdem auf der Highschool bewährt, im Footballteam gespielt, gute Noten bekommen und mit hübschen Mädchen angebandelt … bis zu dem Zwischenfall. Darüber redete er weder gerne, noch wollte er überhaupt daran zurückdenken. Am deutlichsten erinnerte er sich in diesem Zusammenhang daran, wie ihn sein Vater angeschaut hatte, als er an jenem schicksalhaften Tag nach Hause gekommen war. John hatte das Haus daraufhin überstürzt verlassen. Seine Frau – jederzeit diejenige, die Löcher kittete und Risse übermalte – hatte Matt in den Arm genommen, nachdem ihr Mann hinausgestürmt war. »Ist besser so, Matthew«, hatte sie gesagt. »Er kommt schon wieder zurück; die Zeit heilt auch diese Wunde.« Sie sollte recht behalten, wie so oft: Die Zeit heilte diese Wunde tatsächlich, auch wenn sie nichts gegen den Krebs seines Vaters ausrichten konnte. Big John hatten sie ihn genannt … Big John war Raucher gewesen, Raucher aus Leidenschaft – und Big John hatte es nicht bei Lights belassen, sondern gleich zu Marlboro Red gegriffen, zwei Päckchen täglich. Big Johns Hände waren breit gewesen, ›big‹ wie auch alles andere an ihm. Er hatte viel von sich selbst gehalten, aber falls nötig, auch aufbauende Worte gefunden. Er war derjenige gewesen, der Matt die Natur nahegelegt, ihn zu Kurzreisen in den Norden bewogen hatte. Die Bonsai-Trips, wie sie sie genannt hatten, waren spontane, dreitägige Abstecher hinauf zum Büdchen. Sein Vater hatte für gewöhnlich am vorausgegangenen Abend gepackt: Kühlboxen und Taschen voller Rauchwurst, Konserven, Kartoffelpuffer, Camping- und Angelausrüstung. Die alten Flanellschlafsäcke waren so dick gewesen, dass sie die Hälfte der Ladefläche des Pick-ups eingenommen hatten. Da schon alles einen Tag zuvor erledigt gewesen war, hatten sie gleich um 15 Uhr aufbrechen können, wenn Big Johns Schicht bei der Telefongesellschaft zu Ende war. Im Kommunikationswesen hatte sich der Mann ziemlich gut ausgekannt; er war von der Army ausgebildet worden, sogar eine Weile in der Türkei stationiert gewesen und hatte unter Schweigepflicht an mehreren streng geheimen Funkstörprojekten gearbeitet. »Du brauchst nur zu wissen, dass Leute nicht wollen, dass du weißt, was ich weiß«, hatte er, darauf angesprochen, stets entgegnet. Ab und an hatte Matt bemerkt, dass sein Vater unaufrichtig gewesen war, nämlich an seiner hochgezogenen Oberlippe und den weit aufgerissenen Augen. So hatte er sich aber nie verhalten, wenn sein Sohn auf die Armee zu sprechen gekommen war. Darüber hatte er sich immer ausgeschwiegen, sogar auf seinem Sterbebett. Die Bonsai-Trips waren auf die Arbeitswoche zugeschnitten gewesen. Da sie sich freitagnachmittags um drei auf den Weg gemacht hatten, waren sie nach acht Stunden Fahrt zur Hütte noch zu einer ordentlichen Mütze Schlaf gekommen. In der Regel waren sie den ganzen Samstag geblieben und sonntagabends gegen 19 Uhr abgereist. Bis drei Uhr morgens hatten sie es nach Hause geschafft – zeitig genug für drei, vier Stunden Schlaf, bevor John wieder zur Arbeit aufgestanden war. Matts Freunde hatten sich oft darum gestritten, mit in den Norden kommen zu dürfen, und gelegentlich hatte sein Vater auch wirklich einigen erlaubt, sie zu begleiten. Dann hatte er ihnen hinten auf dem Pick-up Feldbetten zurechtgemacht, ermöglicht dank eines Wohnmobilaufsatzes für die Ladefläche. Matt und seine Freunde hatten dann durch die Heckscheibe beobachtet, wie die Welt zu ihren Füßen vorbeigezogen war. Während Matt die östliche Baumgrenze mit der Taschenlampe absuchte, fielen ihn nur die langen Äste der Fichten und vereinzelte Spinnennetze ins Auge, doch der Hirsch war verschwunden. Wird schon nichts passiert sein, dachte er. Er war nicht zum ersten Mal glimpflich davongekommen, hatte sogar schon einen Paarhufer angefahren, in der Nähe von Big Timber in Montana. Die Gegend war als »Wildstraße« bekannt, da dort am Fuße der Crazy Mountains viele Maultierhirsche lebten. Auch damals war das Tier verschwunden, doch er hatte angenommen, es würde sterben, als er die demolierte Vorderseite des Wagens gesehen hatte. Das war jedoch in einer anderen Gegend gewesen, weit weg vom Ottawa und den Hurons – einem Land, das nicht von Straßen zerfurcht wurde. Er kehrte zum Pick-up zurück und stieg ein. Die Kiste hatte zwar schon fast 200.000 Meilen auf dem Buckel, startete aber noch klaglos. Der alte Toyota 4x4 hatte ihn durch die Highschoolzeit begleitet, viele seiner Freundinnen mitgenommen, ihn zur Arbeit auf den Bau gebracht und zahllose Campingtrips bestritten. Die Karosserie setzte Rost an, und der Auspuff lärmte trotz Dämpfer, egal wie oft er daran herumschraubte. Auch in Sachen Beschleunigung ließ die Mühle zu wünschen übrig. Matt ging davon aus, dass sie bald den Geist aufgeben würde; gut möglich, dass dies ihre letzte Reise war. Der kleine Vierzylindermotor schnurrte im Einklang mit dem wirren Quaken von Sumpffröschen. Matt lächelte erneut. Endlich wieder in den Northwoods mit seinem getreuen Schlachtross. Er rieb mehrmals über das graue Plastik des Armaturenbretts, wobei nur noch ein »braver Junge« fehlte, um den Eindruck zu bestätigen, es sei ein Pferd. Matt fühlte sich zwar leicht schrullig deswegen, aber das war ihm egal. Der Pick-up rollte weiter über den leeren Highway durch die Nacht. Die Hütte war noch eine Fahrtstunde entfernt, doch er würde sie erreichen; das hatte er noch immer getan. Die frische Waldluft machte Matt jedes Mal heißhungrig. Er schnappte sich die Packung Kekse mit Oblaten und Schokoladenguss, die er von seiner Mutter mitgenommen hatte. Hin und wieder schaute er vor seinen Ausflügen bei ihr vorbei. Er mochte den Geschmack ihres Essens und wie es bei ihr in der Küche roch. Selbst wenn er Besorgungen machte und exakt die gleichen Kekse kaufte, schmeckten diese einfach nicht so. Dahinter musste irgendeine Form von Hexerei stecken, die nur Mütter beherrschten. Seine Mutter war nach Johns Tod in eine Eigentumswohnung außerhalb der Stadt gezogen. Matt durfte vorerst im Familienhaus bleiben, während es für den Verkauf vorbereitet wurde. Allerdings ließ sich immer etwas vorschieben, um die Makler hinzuhalten … Für ihn war seine Mutter zu allen Zeiten jene große, hübsche Frau mit den dunklen Haaren. Seine Trainer, als er noch in einer Baseballnachwuchsmannschaft gewesen war, hatten sie ständig angehimmelt. Oft war er gefragt worden, ob sie wirklich seine Mutter sei. Das hatte er bei den ersten 50 Malen noch witzig gefunden, es war aber so oft geschehen, dass er irgendwann nicht mehr darauf geantwortet, sondern die Fragenden bewusst stirnrunzelnd angeschaut hatte. Nähen war das Lieblingshobby seiner Mutter, und dem hatte sie sogar ein ganzes Zimmer gewidmet. Sie gewann zuweilen Kostümwettbewerbe zu Halloween, wonach sie die Preise an Matt und seine Schwester Andrea abtrat. In einem Jahr war es eine Playstation gewesen, und er erinnerte sich noch daran, bis ein Uhr nachts aufgeblieben zu sein, um mit Andrea Resident Evil zu spielen, während aufbrausender Oktoberwind Laub gegen die Glastür der Veranda geweht hatte. Matt besuchte seine Mutter aber nicht nur unter kulinarischen Gesichtspunkten. Elmo, das Haustier seiner Kinderjahre, hatte seit dem Tod seines Vaters dort gelebt. Er war Matt sehr ans Herz gewachsen, weshalb er ihn zu langen Spaziergängen mitgenommen und mit vielen Leckereien verwöhnt hatte. Zuletzt war jedoch kein Elmo mehr in der Wohnung seiner Mutter gewesen. Seine Asche stand nun bei Matt zu Hause auf der Ecke der Kleiderkommode, eine Urne aus rotem Aluminium mit Blumenmuster. Meile um Meile
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