Ich muss fast nichts und darf fast alles!. Richard Kaan
Jahre? Warum vergeht für die einen die Zeit soo langsam, für andere wiederum soo schnell? Ein paar Beiträge von Menschen unterschiedlichen Alters können uns möglicherweise Antwort geben.
Nehmen wir einmal meine Enkelin: süß, blond, schlimm, manchmal sehr schlimm, aber immer überaus süß. Fast fünf Jahre alt. Sie freut sich wie eine Schneekönigin auf ihren fünften Geburtstag. „Sophie, was bedeutet denn dein fünfter Geburtstag?“, frage ich und versuche arglos zu erscheinen, denn sonst wäre der Roller oder das Puppenhaus viel wichtiger als dieses „ernste“ Gespräch. Spontan sagt sie: „Dann kriege ich braune Haare!“ „Aha, und warum?“ „Meine Mami hat braune Haare, genauso wie der Papi und ich habe jetzt noch blonde.“ „Okay, noch was?“ „Dann kriege ich auch dicke Arme!“ „Wofür?“ „Dann kann ich endlich Mamis Uhr tragen“, was bedeutet, dass sie dann ebenso auf ihr Handgelenk passen wird. „Und noch etwas?“ „Ja, dann kriege ich Schulzähne!“ „Was bitte sind Schulzähne?“ „Das weißt du nicht, dummer Opapa? Das sind die Zähne, die dann kommen, wenn ich endlich in die Schule gehen darf!“ Sophie ist also in dem Alter, in dem alles unendlich weit weg ist und kaum zu erwarten.
Ähnlich sah es auch Marianne, als sie selbst noch Schülerin war: Maturanten waren für sie „die Götter in Weiß, denn diese haben es geschafft, sind erwachsen und dürfen nun alles“. Ihre Eltern schienen ihr damals „ur-alt“. Jetzt mit 30+ sieht für sie alles ganz anders aus: Heute sind ihre Altvorderen „richtig jung“, die 18-Jährigen hingegen „Gemüse“.
Und wie fühlt man sich als 50-Jähriger, eventuell sogar mit einem Kleinkind? Florian weiß es: „Ich bin 50 Jahre alt.“ „Na und? – Das sind viele.“ „Ich bin 50 und Unternehmer.“ „Ok, deren gibt es ebenfalls viele.“ „Ich bin 50, Unternehmer und seit Kurzem Vater.“ „Gewonnen, das sind nicht viele. Wie fühlt es sich an, in dem Alter Jungpapa zu sein?“ „Anders, ganz anders. Ich habe schon eine erwachsene Tochter, und nun ein weiteres Kind, das ihre Tochter sein könnte. Plötzlich sehe ich mein Elterndasein ganz anders als damals. Heute habe ich, nein, nehme ich mir die Zeit. Will der Kleinen beim Wachsen zusehen – weil ich jetzt weiß, was ich damals versäumt habe.“ „Hast Du Zukunftsängste?“ „Ängste, nein, nicht wirklich. Aber ganz andere Überlegungen. Als ich zum ersten Mal Vater wurde, war mir die Zukunft eher egal. Der Moment hat gezählt, der Rest würde sich ergeben. Heute? Da denke ich an Verantwortung, habe zum ersten Mal in meinem Leben Gedanken wie: Kann ich lange genug verdienen, damit wir unserer Kleinen eine ordentliche Erziehung und Ausbildung finanzieren können? Wie alt bin ich, wenn die Kleine Abitur macht? Darf ich weiterhin rasante Hobbys ausüben – wenn mir da etwas zustößt? Meine Zeit wird knapp. Ich muss plötzlich vorsorgen, sorgfältig planen und unvermutet spielt mein Alter eine Rolle.“
Lassen wir es schließlich Dru, eine wunderbare Dame aus Sydney in ihren 70ern, die alle Höhen und Tiefen des Lebens erfahren hat, selbst ausdrücken, was alt sein für sie bedeutet: „Jedes Alter, das man gerade hat, ist das Beste, 60 Jahre, 70 oder gar 80? – für jeden von uns hat das Altsein eine andere Bedeutung. Vermutlich gemeint ist aber die Zeit ab 65, weil dann eine Reihe von Änderungen passiert: Du bekommst eine Seniorenkarte, eine Rente und Rabatte auf Reisen oder Versicherungen. Mit 75 sind dann ärztliche Untersuchungen erforderlich, wenn du deinen Führerschein behalten willst. Und mit 85 musst du [in Australien] zusätzlich nachweisen, dass du das Fahren körperlich noch schaffst.
Heute bin ich fast 75 Jahre alt und darf sagen, dass ich mein Leben jetzt mehr denn je genieße. Ich bin glücklich mit der Person, die ich bin, ich fühle mich von Familie und Freunden geliebt und betreut. Um dies zu erreichen, gab es jedoch in meinen jüngeren Jahren viele Erfahrungen, die ich niemandem wünsche. Ich habe jetzt ein Gefühl großer Zufriedenheit, zumal meine drei Jungen zu Männern herangewachsen sind, auf die ich besonders stolz bin. Obwohl ohne Vater groß geworden, sind sie jetzt, in ihren 40ern wunderbare Menschen, die nicht nur meine Söhne, sondern auch meine Freunde geworden sind. Glücklicherweise habe ich zudem einen Partner, der mich liebt, der sein Bestes tut, um mein Leben angenehm, lustig und voller Lachen zu gestalten. Ich merke erst jetzt, dass es Wichtigeres im Leben gibt als materielle Besitztümer.
Also, kurz gesagt, ich liebe das ‚ältere Alter‘ – es ist fantastisch! Ich kann meistens tun, was ich will (innerhalb von Grenzen), ich habe eine tolle Familie und viele Freunde – das Leben meint es richtig gut mit mir!“
Das gefühlte Alter
Wir sehen, Alter bedeutet für fast jeden von uns etwas anderes. Es hängt von den Lebensumständen ab, aber ebenso von der jeweiligen Umgebung. Wie sehr sich das unterscheiden kann und was es zur Folge hat, berichtet Cornelia Werner im Hamburger Abendblatt1:
„Den Anfang machte eine ungewöhnliche Studie: Die amerikanische Sozialpsychologin Ellen J. Langer startete 1979 ein Experiment mit älteren Menschen in einem abgeschiedenen Kloster. Das Experiment sollte ihre Sicht auf das Altern entscheidend beeinflussen. Männer im Alter zwischen Ende 70 und Anfang 80 wurden in zwei Gruppen zu je acht Teilnehmern aufgeteilt. Beide Gruppen hielten sich für eine Woche in einer Umgebung auf, wie sie 1959 existierte, mit Schwarz-Weiß-Fernsehen, Musik von Nat King Cole und Filmen wie ‚Ben Hur‘. Gleichzeitig wurde die experimentelle Gruppe aufgefordert, sich vorzustellen, es sei tatsächlich das Jahr 1959. Alles, was in ihrem Leben nach dieser Zeit geschah, sollte in dieser Woche tabu sein. Die Kontrollgruppe erhielt eine andere Aufgabe, nämlich sich rückblickend mit all dem auseinanderzusetzen, was sie seit 1959 erlebt hatte.
Das Ergebnis des Experiments: Beide Gruppen waren ‚jünger‘ geworden, aber bei denen, die sich 20 Jahre zurückversetzt hatten und dort ‚quasi lebten‘, waren deutlicher Veränderungen messbar: So hatte sich unter anderem die Beweglichkeit ihrer Gelenke verbessert, und in Intelligenztests waren stärkere Verbesserungen festzustellen. Und auf Fotos wurden alle Teilnehmer der experimentellen Gruppe von neutralen Betrachtern nach dem Versuch als deutlich jünger bewertet.“
Der Satz „Wir sind so jung, wie wir uns fühlen“ gewinnt damit neue Aktualität. Wie wir alt werden, wird stark von unseren Vorstellungen vom Altern beeinflusst, davon, welche Bilder wir vor Augen haben, wenn wir an alte Menschen denken, behauptet Langer. Ihre Ergebnisse der jahrzehntelangen Arbeit hat die Harvard-Professorin in ihrem Buch „Counterclockwise“2 (Gegen den Uhrzeigersinn) zusammengefasst.
Alter ist folglich eine Einstellungsfrage. Ebenso, ob wir damit aktiv umgehen – oder als Couch-Potato enden. „Ach, mir ist heute nicht nach spazieren gehen zumute“ oder „Es zwickt hinten schon wieder“, vielleicht auch „Nein, ich bleibe lieber zu Hause, da passiert mir nichts“ – gerade dann wird sich das alte Hüftgelenk bald verabschieden! Was immer wir uns vorstellen, es wird passieren!
Es liegt also an uns, das Alter positiv zu er-leben. Je nach Fähigkeiten, Geldbeutel und Gesundheit, wobei aber all dies von uns selbst maßgeblich beeinflusst werden kann! Mehr dazu im Kapitel „laufen“, das sich neben der Gesundheit auch mit dem Arbeiten oder Tätigsein beschäftigt. Eines ist fast immer mit fortgeschrittenem Alter verbunden: Wir verfügen über mehr Zeit. Und die können wir nützen, um alle möglichen Tätigkeiten auszuüben, derer ich hier nur einen ganz kleinen Teil aufzählen kann. Eventuell findet sich darunter aber etwas Inspirierendes oder gar Nachahmenswertes für Sie!
Zeit haben, Zeit nehmen
Um mich zum Schreiben dieses Buches zurückzuziehen, siedelte ich aufs Land. Genauer gesagt in ein entzückendes kleines Bauernhaus mit dem Vulgo-Namen: „Simmerl am Berg“. Das liegt in der Oststeiermark, nahe Birkfeld. Eines Tages fuhr ich in den Ort, um Mittag zu essen, und auf der Heimfahrt wollte ich noch die mir wenig bekannte Umgebung erkunden. Unversehens landete ich im Hof einer Tischlerei, in welcher offensichtlich alte Bauernmöbel restauriert wurden. In der Werkstatt diskutierte ein Tischler gerade mit einer älteren Dame, während aus dem Radio lauthals Elvis plärrte. Ich wurde trotzdem verstanden und bekam Erlaubnis mich umzuschauen. Und „man würde mir jemanden schicken, der mir alles zeigen könne“, sagte die Frau, welche damit klarstellte, dass sie die Chefin sei. Ich sah mir also Unmengen von halbfertig restaurierten Kästen, Kommoden, Stühlen und Tischen an, alle von beeindruckender Qualität. Dann kam Franz,