Ich muss fast nichts und darf fast alles!. Richard Kaan

Ich muss fast nichts und darf fast alles! - Richard Kaan


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unvorbereitet, denn ich wollte bloß einen kurzen Blick auf diese Art von Möbeln werfen. Möbel, in denen ich aufgewachsen war. „Ja“, sagte ich, „gerne.“ Und dann führte mich Franz durch sein unvorstellbar großes Lager. Vorbei an Hunderten bereits restaurierten Einrichtungsgegenständen; manche davon groß, klein, poliert oder roh, andere bemalt oder blank. Auf über 1 000 m2 verteilt, in einem Vierkanthof, der offensichtlich über mehrere Jahrhunderte sozusagen gewachsen war. Stück um Stück erweitert, jeweils dem herrschenden Baustil folgend. „Der Tisch stammt von 1804“, wusste Franz, „und dieser Bauernkasten aus dem Weinviertel, spätes 19. Jahrhundert“. Seine Kenntnisse waren unglaublich. Zwischendurch erzählte ich ihm, warum ich in seiner Gegend war, auch, dass ich gerade an einem Buch arbeitete. Dann, ja dann legte Franz erst richtig los. Nein, nicht mit seinem Wissen über altes Holz und dessen Bearbeitung, das ich ins Buch einbauen könnte, sondern mit riesigem Stolz über seinen Enkel erzählend, der gerade mehrere Praktika bei großen deutschen Medien absolvierte. Es war toll, ihm, dem so stolzen Opa, bei den Erzählungen ob der schriftstellerischen Großtaten des Sprösslings zuzuhören. Und so verging wunderbar die Zeit; viel Zeit, die ich ursprünglich vorhatte, ganz anders zu verwenden. Doch es war gut so.

      Für die einen von uns möge das Schreiben, eventuell sogar das Buchschreiben ein Beruf sein, manchmal sogar eine Berufung, oft ist es aber nur ein Zeitvertreib. Andere von uns frönen hingegen ganz unterschiedlichen Hobbys. Vorteilhaft ist immer, wenn die Beschäftigung schon in jüngeren Jahren begonnen wurde, allerdings ist es auch nicht wirklich ein Hindernis, damit erst später anzufangen.

      Wer ein Hobby hat, macht aus Freizeit Freuzeit3

      Als Beispiel fällt mir Angeln ein, das allerdings für mich persönlich wenig Anreiz hat. Denn entweder muss ich den gefangenen Fisch töten, oder, sofern ich ihn wieder ins Wasser werfe, habe ich ihn – meiner Meinung nach – davor sicherlich gequält. Dessen ungeachtet kann ich durchaus verstehen, dass zum Beispiel Fliegenfischen eine besondere Herausforderung bedeutet. Auch das Jagen ist vermutlich eine Quelle der Freude, wenngleich Treibjagden mit weiß Gott wie vielen erlegten Tieren für mich eher abstoßend denn animierend sind. Dass aber das Wild gefüttert, im Winter gehegt und dessen Bestand reguliert gehört, ist wohl in Ordnung. Selbst wenn Jagen im fortgeschrittenen Alter noch gut möglich wäre, so sehe ich dennoch Limits, was die körperlichen – und geistigen – Voraussetzungen betrifft.

      Unzählige harmlose(re) Möglichkeiten für Hobbys kommen mir in den Sinn, wenn ich über freudvolle Tätigkeiten nachdenke: Papierfalten (Origami), Zügen nachsehen, Landkarten lesen, Gedichte reimen, Streiken gehen, Gerichtsverhandlungen vor Ort verfolgen, Briefmarken oder Autoquartetts – vielleicht sogar ganze Oldtimer – sammeln, Schnitzen, Karten spielen, Wolken beobachten, Stadtführungen mitmachen, Baumhäuser für Enkel bauen, Theater spielen, Töpfern, Tanzen, einem Chor beitreten und vieles andere mehr. Wichtig ist bei allen Tätigkeiten aber nicht nur die Beschäftigung an sich, sondern ebenso, dass wir dabei oft unseren Körper und unser Hirn miteinbeziehen müssen. Gelegentlich sogar beide Hirnhälften auf einmal, so beim Tanzen oder Musik machen. Musizieren stellt überhaupt ein Feld dar, bei dem ein gemeinsames Erleben, sowohl was Aufführungen betrifft als auch das Üben, gleichzeitig Herausforderung und Freude sein können.

      Und selbst wenn man es allein betreibt, kann es große Zufriedenheit auslösen. Lassen wir Michael berichten: „Ich erinnere mich ganz genau an den Tag, an dem es ‚ZOOOM‘ machte. Zartes Noch-Jungenalter, im Sommer 1969. Familienurlaub am Kärntner Badesee, in der Pension beim Bauern Allesch. Der Frühstücksraum erfüllt vom Duft frischer Semmeln, Kaffee, Butter, Marmelade. Ich hatte gerade diese lange, legendäre Fernsehnacht der ersten Mondlandung hinter mich gebracht. Trotz bleierner Gliedmaßen gestattete mir das aufgewühlte Gehirn keine Ruhepause, ich zog mich daher in das kleine Extrazimmer zurück; und da stand sie: die Musicbox. So ein Wurlitzer mit vielen kleinen schwarzen Scheiben. (Für unsere Digi-Generation: Das waren sogenannte Schallplatten, Singles mit einer A- und einer B-Seite.) Beim eingehenden Betrachten der Musiktitel fielen mir einige englischsprachige auf, die ich nicht kannte. Ich investierte ein paar eingesteckte Schillinge (für Millennials: damalige österreichische Landeswährung), nicht ahnend, dass genau diese Münzen die weitere Entwicklung meiner musikalischen Geschmacksnerven nachhaltig beeinflussen sollten. Mit drei Songs.

      Dann nämlich kam der ‚ZOOOM‘. Ein sägendes Gitarren-Riff drang über die Gehörgänge Richtung Cerebral-Lappen, meine möglicherweise vorhandene „Rock’n’Roll-Sicherung“ brannte durch. Von den Haar- bis zu den Zehenspitzen spürte ich: das ist neu, rau, das ist schmutzig, und ja, es fährt dir in die Knochen! Emotion pur.

      Über Jahrzehnte hinweg durchlebte ich die verschiedensten Genres, von Folk über Mainstream, Blues, Jazziges bis hin zu klassisch Orientiertem. Zum Glück hat es die Opern-Hochkultur kaum in meine Rock’n’Roll-Seele geschafft. Wie auch, wenn man im Jahr des Woodstock-Festivals (das ich erst später retrospektiv nacherlebte) seine grundsätzliche Prägung erfährt.

      Viel Erlebtes, Freudiges, Trauriges, persönliche Highlights plus Katastrophen liegen zwischen diesem Tag damals und heute. Eines steht unverrückbar fest: Rock’n’Roll will never die.“

      Klassische Konzertabende eignen sich ebenfalls hervorragend dazu, sie allein zu genießen, wenngleich ich meine, dass das Vergnügen zu zweit oder in Gesellschaft größer ist. Gerne gehen meine Frau Herta und ich zu diesen Abenden, was aber nicht heißt, dass wir alles gemeinsam tun.

      Alle zusammen, jeder für sich4

      „Vergiss nicht, wir haben für heute Abend Konzertkarten“, erinnert mich meine viel bessere Hälfte beim gemeinsamen Frühstück, „und morgen gehe ich mit Verena zu einer Ausstellung, magst du mitkommen?“ „Okay, wir treffen uns vor dem Stefaniensaal um sieben. Aber morgen, nein danke. Viel Spaß!“ Hier habe ich nun gleich drei Botschaften eingepackt, nämlich einerseits, dass meine Frau und ich gemeinsam frühstücken, wann immer es machbar ist. Das haben wir bereits zu Zeiten getan, als unsere Kinder in die Schule mussten, denn das gab uns die einzige Möglichkeit, den kommenden oder den Vor-Tag zu besprechen und alles Organisatorische zu klären. Außerdem stellten wir damit sicher, dass unsere Kinderlein nicht mit leerem Magen zur Schule gingen. Mehr noch, dass sie rechtzeitig aus den Federn kamen. Die zweite Botschaft ist: Wir machen Dinge gemeinsam. Die dritte stellt klar, dass wir zudem ebenfalls getrennte Wege gehen. Alle drei Vorgehensweisen sind uns wichtig. Aber vielleicht sind wir gerade auch deshalb seit mehr als 35 Jahren verheiratet, miteinander wohlgemerkt, weil jeder seinen Freiraum hat. Übrigens: Das Frühstück bereite ich zu. Meine liebe Frau kommt nämlich, normalerweise – es gibt manchmal Ausnahmen – so gar nicht aus dem Bett. Bis mein Ruf „Frühstück ist fertig“ sie vorfreudig aufstehen lässt. Da ich ohnedies ein Frühaufsteher bin, ist das schon in Ordnung.

      Etwas aber, das zu zweit oder in Gruppen definitiv mehr Freude bereitet als allein, ist das Reisen. Ob Sie nun eine Single- oder eine Gruppenreise andenken, Angebote gibt es zuhauf. Auch wenn mir persönlich Reisen ins Unbekannte besser gefallen, haben Senioren-Busreisen auch ihre Vorzüge – aber nur dann, wenn im Bus keine Heizdecken verkauft werden …

      Die große weite Welt ganz nah

      „Guten Tag, ich bin Ros“, sagte die Dame, die uns flotten Schrittes entgegenkam. Kurzes, dunkles Haar, businessmäßig gekleidet, nur ein Hauch von Make-up. Wir waren erleichtert, mit der Hafen-Fähre zeitgerecht angekommen zu sein, da wir wussten, dass Ros sich extra frei genommen hatte, um uns abzuholen. Ungefähr zehn Schritte hinter ihr sahen wir einen kleineren, dunkelhäutigen Mann. „Wird vermutlich ihr Chauffeur sein“, dachte ich, nachdem Ros uns nicht vorgestellt hatte, und kümmerte mich nach nur einer formlosen Begrüßung nicht weiter um ihn.

      Der erste Kontakt mit Ros ergab sich fast ein Jahr zuvor, als sie uns auf einer Haustausch-Plattform gefunden hatte. Wir verständigten uns später mit diversen Mails und Skype-Videotelefonaten darüber, dass wir unsere Häuser für mehrere Wochen tauschen würden. Ros aus Sydney, wir aus Graz. „Graz, in the middle of nowhere?“, wie ich anfangs gedacht hatte, als mir das Haustauschen erstmals empfohlen worden war. Doch die steirische Kulturhauptstadt liegt im Herzen


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