Praktiken professioneller Lehrpersonen (E-Book). Urban Fraefel
zwanglose Gelegenheit ergibt.Trainingsvarianten kombinierenDie folgenden Trainingsvarianten können Sie in der Reihenfolge ändern oder auch kombinieren.Die Lernprozesse und die Menschen sehenDie Vorgänge, Schwierigkeiten und Erfolge rund um das Lernen sind das eine, aber sehen Sie auch die Menschen, d. h. Eigenheiten, Stärken und Schwächen dieser Person, die Motive, Frustrationen, ja vielleicht auch Krisen. Urteilen Sie nicht, sondern nehmen Sie einfach wahr und fühlen Sie sich in die Person hinein. Ein Satz, dabei hilft: «Wie ginge es mir an seiner bzw. ihrer Stelle?»1Nicht gemeint ist hier das sogenannte «Hospitieren», bei dem eine andere Lehrperson bei deren Arbeit beobachtet wird.
Gründliche Analysen schärfen Wahrnehmung und stimmige Intuition
Für die Schulung intuitiver und treffsicherer Diagnosen braucht es den analytischen Blick, mit dem die Dinge aus Distanz betrachtet werden, etwa in einer nachträglichen Videoanalyse oder einer Rückschau auf den Unterricht, allein oder mit weiteren Studierenden oder Lehrpersonen. In der Lehrpersonenbildung sind Begleitseminare zu Praktika der bevorzugte Ort für systematische Analysen und Verknüpfung mit Wissensbeständen. Die Analysen erfolgen zum Teil streng regelgeleitet, um Einseitigkeiten und blinde Flecken der Wahrnehmung aufzudecken und um gegebenenfalls zu gleichermassen unerwarteten wie erhellenden Einsichten zu gelangen.
Anders ausgedrückt: Um professionelle Praktiken der Lernunterstützung aufzubauen, braucht es auch
–das sorgfältige Analysieren von Spuren des Unterrichts – Videos, Texte, Schülerarbeiten, Berichte –, idealerweise zusammen mit anderen Lehrpersonen oder Studierenden, und
–den Rückgriff auf Einsichten Dritter – damit ist das gemeint, was Studierende gemeinhin als «Theorie» bezeichnen und in Wahrheit ein weitläufiger Wissens-, Erkenntnis- und Erfahrungsvorrat ist. Es wäre dumm, diesen nicht zu nutzen.
Dies alles dient der Fähigkeit, im Unterricht zeitnahe diagnostische Einschätzungen zu machen. Die Wahrnehmung muss geschärft und trainiert werden; man lernt, Informationen schnell und intuitiv zu deuten, zu priorisieren und zu verarbeiten, um dann angemessen reagieren zu können. Kurz: Dies alles trägt dazu bei, die professionellen Praktiken der Lernunterstützung aufzubauen, zu verbessern und wirkungsvoller zu gestalten.
Feedbacks einholen und annehmen!
Es liegt in der eigenen Verantwortung der Studierenden bzw. der Lehrpersonen, an Praktiken zu arbeiten, die professionell sind und die bei Schülerinnen und Schülern die erhofften Bildungswirkungen erzielen. Das vorliegende Arbeitsbuch will genau dies unterstützen: Selbst Verantwortung für die «Selbstprofessionalisierung» zu übernehmen.
Feedbacks von Dritten als Leitplanken der professionellen Entwicklung
Gut, wenn Lehrpersonen ihre eigenen Praktiken weiterentwickeln wollen. Aber man kann einen berechtigten Einwand vorbringen: Wie ist eigentlich sichergestellt, dass deren Praktiken am Ende auch professionell sind? Am Beispiel Diagnostizieren: Wird die Lehrperson die beruflichen Situationen angemessen interpretieren und die besten Schlüsse daraus ziehen? Zwar können Situationen ja immer unterschiedlich gedeutet werden – aber wie ist zu vermeiden, dass die Lehrperson offensichtlich falsche Schlüsse zieht, blinde Flecken hat oder kontraproduktiven Intuitionen folgt? Diese Bedenken sind ernst zu nehmen, zumal Lehrpersonen oft allein und ohne Rücksprachemöglichkeit handeln müssen.
Der entscheidende Punkt ist, dass Professionalisierung nie ohne Feedback von anderen möglich ist, insbesondere in diesem Beruf. Ohne Feedbacks riskieren Lehrpersonen, dass sie ihre Praktiken in problematische Richtungen entwickeln oder sich sogar deprofessionalisieren. Paradoxerweise werden immer Praktiken aufgebaut – Lehrpersonen können nicht ohne Praktiken sein, wenn sie den täglichen beruflichen Herausforderungen nachkommen wollen. Die Frage ist, wer oder was die Entwicklung dieser Praktiken in eine erwünschte professionelle Richtung lenkt.
Dieses Unterkapitel thematisiert nun die Steuerung des eigenen Lernens durch Feedbacks von Dritten, d. h. Feedback an die Lehrperson, bevor dann im nächsten Kapitel das Feedback von der Lehrperson für andere im Zentrum steht.
Implizite Feedbacks von Schülerinnen und Schülern
Mit impliziten Feedbacks sind nicht direkt ausgesprochene Feedbacks von Schülerinnen und Schülern gemeint. Auch solche Feedbacks können Wirkungen des eigenen Handelns spiegeln. Eine Schülerin, die verwirrt ist; eine Klasse, die apathisch erscheint; ein Kind, das nicht weiss, was es tun muss; ein Leistungstest, der verheerende Resultate liefert; Körperhaltungen, die die Befindlichkeit ausdrücken usw.
Von Lehrpersonen wird erwartet, dass sie diese Signale zur Kenntnis nehmen und sie einordnen. Nicht jedes