Melancholie. László F. Földenyi
entwird er dir«,62 schreibt Angelus Silesius später. Der Grund des Seinsverständnisses der griechischen Melancholiker wird von diesem Erlebnis der Unfassbarkeit durchzogen: Wenn der Mensch zugleich mehr und weniger als er selbst ist, wenn das Sein die Bürde des Nichtseins trägt, die Gegenwart die der Zukunft, das Leben die des Todes, dann ist die Möglichkeit, über die Welt zu sprechen, nicht gegeben, weil es nichts gibt, worüber man sprechen könnte. Dies ist die größte Gefahr der Mysterien in Bezug auf den griechischen Alltag: Wer nicht bis zur Erkenntnis der Relativität von Leben und Tod gelangt, für wen die Sehnsucht nicht zur Ausschließlichkeit wird, dem muss das Schweigen befohlen werden; wer aber dahin gelangt, der bedarf des Befehls nicht; der ist im ewigen Schweigen versunken, der erkennt im Entstehen die Vergänglichkeit, im Ganzen den Mangel. Für die übrigen Menschen ist er rettungslos verloren.
Der griechische Arzt Aretaios betrachtete die Furcht vor den Göttern und Dämonen als ein Zeichen der Melancholie. Das Leben der melancholischen Helden und Philosophen aber beweist, dass der den Göttern zuteilwerdende Hass noch stärker als die Furcht vor den Göttern ist. »Der Notwendigkeit […] sträuben sich auch Götter nicht«,63 sagte im 7. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung Pittakos, und vielleicht ist das der bezeichnendste Zug in dem halbherzigen Verhältnis der griechischen Melancholiker zu ihren Göttern. Der Mensch ist einerseits das unvollkommene Abbild des Gottes, andererseits aber, dank seines Geistes, selbst ein göttliches Wesen. So formuliert, scheint dieser Gedanke christlich inspiriert zu sein, jedoch war der Gedanke des irdischen Jammertals auch den Griechen nicht fremd. Nach Empedokles entstammt alles dem der Welt halber erlittenen Leiden, der der menschlichen Ungerechtigkeit halber empfundenen Traurigkeit. Die alten Traker empfingen ihre Neugeborenen weinend und veranstalteten zu Ehren ihrer Verstorbenen ein Freudenfest – die Lebensanschauung der Melancholiker war ihnen wohl kaum fremd. Angesichts der Menschheit überkam den melancholischen Heraklit das Weinen, den ebenfalls melancholischen Demokrit aber das Lachen. Doch war es für den griechischen Geist, Sokrates verweist darauf am Ende des Symposions, selbstverständlich, Tragödie und Komödie in einer engen Beziehung zueinander aufzufassen. Weinen und Lachen haben ihre auf alles sich erstreckende Ursache in der Verzweiflung. Der Mensch ist sterblich, obgleich er weiß, was die Unsterblichkeit bedeutet – doch trotz der inneren Verwandtschaft von Sterblichkeit und Unsterblichkeit lassen sich beide nicht verwechseln. Dem griechischen Denken nach lassen sich Tod und Unsterblichkeit nur innerhalb der Grenzen dieser geschlossenen Welt vorstellen, und es gibt nichts Neues in dieser Welt.31 Darin wurzelt die Melancholie der Heroen und Philosophen: Ihr Geist richtet sich auf die Unendlichkeit, auf die Auflösung jedweder Gebundenheit und Begrenzung, auf die im weitesten Sinne des Wortes zu verstehende Unordnung, doch macht die Abgeschlossenheit der Welt, die letztendliche Begrenzung des Seins und seine Ordnung dies nicht möglich.32 »Die Notwendigkeit verknüpft unser Sein zwar, aber weder mit irgendeinem anderen noch mit uns selbst«, sagt Sokrates in Platons Dialog Theätet:64 Während sich alles kreisförmig zu einem verbindet, erfährt der Mensch seine eigene Einmaligkeit ebenso als Ausschließlichkeit wie als Ausgeliefertsein. Seine innere Grenzenlosigkeit erweckt sein Empfinden nicht nur für die Eingrenzung seines Lebens, sondern auch für die damit einhergehende Bürde: dafür, dass die Willkür einer unbekannten Macht ihn dem Sein ausgeliefert hat. Diese Willkür, das notwendig als Zwang empfundene Schicksal, vor dem er sich – Leben von ihm empfangend – nur auf Kosten seines Lebens erretten kann, wacht furiengleich über seinem Leben. Der orphischen Vorstellung zufolge verhält sich die Göttin der Notwendigkeit und des Zwanges, Ananke, wie eine Furie. »Als Dasselbe und in Demselben verharrend ruht es für sich und so verharrt es standhaft an Ort und Stelle. Denn die machtvolle Notwendigkeit (Ananke) hält es in den Banden der Grenze, die es rings umzirkt […]. Es ist ja nichts und wird nichts anderes sein außerhalb des Seienden, da es ja die Moira daran gebunden hat, ein Ganzes und unbeweglich zu sein […], da eine letzte Grenze vorhanden ist, so ist es vollendet von (und nach) allen Seiten, einer wohlgerundeten Kugel Masse vergleichbar, von der Mitte her überall gleichgewichtig […]. Sich selbst […] ist es von allen Seiten her gleich, gleichmäßig begegnet es seinen Grenzen«.65 Doch wenn es außerhalb dieses Seins nichts gibt und auch nichts geben wird, ist es dann vorstellbar, dass die Bande der Grenze es umwickeln? Obwohl das, was jenseits der Grenzen ist, nicht ebenso zum Sein gehört? Und wenn sich jenseits der Grenzen einzig und allein Ananke aufhält, die das gesamte Sein in ihrer Macht hält, bedeutet es so nicht, dass das Ganze des Seins von Ananke durchdrungen ist? Für den Melancholiker verdichtet sich das Ganze zu Ananke; und dies ist der Augenblick, da ihn die Sehnsucht überkommt, ihrer Macht zu entfliehen, aus dem Sein herauszutreten, und dies ist auch der Augenblick jener Erkenntnis, dass eine Flucht vergeblich wäre, denn auch dort, in seinem Herzen, nistet Ananke. Dadurch, dass er dem Sein ausgeliefert ist, ist er auch sich selbst ausgeliefert.
Die Erkenntnis dessen hat die Melancholiker in die Verzweiflung gestürzt, sie aber auch zur Vollbringung atemberaubender Taten veranlasst. Bellerophontes wollte sich über alles hinweg erheben, doch seiner Hybris33 und seines Übermuts wegen musste er büßen. So schreibt Pindar über ihn: »Ein Gelüsten, das die Gebühr Übertritt, das endet bitter«,66 und fügt an anderer Stelle hinzu: »Gott zu sein verlange nicht, […] Menschen ziemt menschliches Teil«.67 Bellerophontes wollte aus den zirkelnden Bewegungen des maßhaltenden Seins hinaustreten, wahrscheinlich aus ähnlichen Überlegungen heraus, aufgrund derer der Sophist Antiphon das Leben für armselig hält: »Das ganze Leben ist leicht anzuklagen […], denn es enthält nichts Überschwengliches (περιττός), nichts Großes und Erhabenes, sondern nur Kleines, Schwaches, Kurzdauerndes und mit großen Schmerzen Verbundenes«.68 Bellerophontes wollte an das Nichtsein der Götter glauben – und nachdem diese ihn auf die Erde zurückversetzt hatten, lebte dieser Glaube als die Empfindung eines Mangels in ihm fort: Nicht der Mangel eines so oder so geratenen Seins war es, den er empfand, sondern das irdische Sein als solches wurde zu einem Mangel. Man kann nicht wissen, um was für einen Mangel es geht; die geschlossene Welt, die alles umgreift, ist in der Lage, auch den Mangel erfolgreich zu verdecken. Für Bellerophontes aber wird dieser Mangel zur ausschließlichen Lebenssituation – ohne ihn aber auch nur andeutungsweise zu beruhigen; im Gegenteil, sie macht ihn, wenn man so will, noch unglücklicher. Unendlich ist die Tiefe der Schlucht, in die er hineinstürzt. Die Erklärung für sein Empfinden eines Mangels können wir, die Kinder einer späteren, aber nicht minder bedrückenden Epoche, ähnlich wie für die Empfindungen der übrigen Melancholiker, nur erahnen: Es war die Abgeschlossenheit ihrer Welt, die sie bedrückte und handlungsunfähig machte. (Der spartanische Lysander wurde zum Melancholiker, weil er, nachdem er alle Macht an sich gerissen hatte, nicht mehr wusste, was anzufangen.) Antiphon vermisste im Leben zu Recht, was überschwänglich ist (περιττός); der melancholische Empedokles schrieb auch: »Und nichts vom All ist leer noch übervoll (περισσός)«.69 Die Melancholiker sind gerade deshalb herausragend, weil das Leben in ihnen den Zustand der Überfüllung erreicht: Das Sein quillt durch sie über sich hinaus. Dies erklärt auch ihr nicht zu linderndes Empfinden eines Mangels: Ist die Welt des Maßes einmal verlassen, ist ein Überquellen ohne Entleerung nicht vorstellbar. Solcherart erleidet das All in ihrer Persönlichkeit einen Bruch. Daher stammt das Gefühl des Auserwähltseins der Melancholiker, aber auch der bis zur Selbstvernichtung sich steigernde Hass. Darin sind sie stark, hervorragend, aber auch am hinfälligsten. Ihre Kraft ist unendlich, da sie das Ende kennengelernt haben, doch sind sie unglücklich, zumal sie, die Vergänglichkeit des Menschen erfahrend, ihr Vertrauen in das Sein verloren haben. Ihre Kraft und ihre Hinfälligkeit, ihr Unglücklichsein und ihr Heldenmut lassen sich nicht voneinander trennen. Dies führt uns wieder an den Anfang unseres Gedankengangs, nämlich zu der aristotelischen Frage nach der Melancholie der herausragenden Persönlichkeiten zurück: »Warum erweisen sich alle außergewöhnlichen Männer in Philosophie oder Politik oder Dichtung oder in den Künsten als Melancholiker?«
1So sehr, dass zum Beispiel nach Hippokrates die Melancholie, wenn sie mit einer Entzündung des Zwerchfells einhergeht, den Heilungsprozess von